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Naturgebundenheit und seine metaphorische Sprache, durch die er versucht, abstrakte Konstrukte wie beispielsweise „Erinnerung“ zu beschreiben.
In „La lluvia amarilla“ bekommt der Leser durch das Mittel des Inneren Monologs eines alten, dem Tod geweihten Mannes, Einsichten in die Geschich- te eines Dorfes. Andrés aus der Casa Sosas, der sein Leben und das seines Dorfes Ainielle rekapituliert liegt während der ganzen Erzählung auf seinem Bett und hat die Gewissheit, dass der gelbe Regen, der an sein Fenster trommelt, seinen Tod symbolisiert.
Ainielle, ein kleines Bauerndorf in den Pyrenäen, repräsentiert das typische Phänomen der Landflucht. Über die Jahre sind alle Bewohner mit ihren Besitztümern in die umliegenden Städte abgewandert oder verstorben. Nach dem Selbstmord seiner Frau, und somit der letzen Bezugsperson, bleibt Andrés zehn Jahre lang alleine mit seinen Eri nnerungen und den Gespenstern seiner Vergangenheit zurück.
In der folgenden Seminararbeit, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das Mo-
tiv der Erinnerung anhand des Textes eingehender zu analysieren, wobei diese wie folgt definiert wird:
„Im Gegensatz zum nur kurzfristigen Behalten das absichtliche oder unabsichtliche Bewusstwerden erlebter oder ausdrücklich eingeprägter Bewusstseinsinhalte nach längerer Zeit, als Funktion des G edächtnisses. […] Erinnerungstäuschungen sind häufig, wo Lücken bestehen, die ungewollt durch Phantasiezutaten aufgefüllt werden; ebenso werden Erinnerungen durch Wünsche oder Gefühle verfälscht. […] (Bertelsmann 1998: 2764)“.
Zentral ist hierbei die Ambivalenz, die das Phänomen Erinnerung mit sich bringt. Für den Protagonisten fungiert die ihn immer wieder einholende Erinnerung sowohl als Trost gegen die Einsamkeit, als auch als quälendes Bewusstsein dessen, dass er und somit auch Ainielle dem Untergang durch Vergessen geweiht sind . Er befindet sich somit im ständigen Konflikt zwischen „Erinnern müssen“ und „Vergessen wollen“.
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2. Zum Stellenwert der Erinnerung im Roman
Die Erinnerungsproblematik wird auf zwei Ebenen behandelt. Der Leser hat aufgrund der Schilderungen des Protagonisten die Möglichkeit aktiv an den Erinnerungen und der Geschichte des Dorfes zu partizipieren. Durch den Mitvollzug des Geschilderten, wird man zum Zeitzeugen einer historischen Entwicklung.
Ein Bauerndorf wird durch einen stetigen Prozess von Abwanderungen entvö lkert. Die jungen Bewohner, welche sowohl geistig, als auch körperlich mobil genug sind, wagen den Schritt, das von ihren Ahnen erbaute Dorf zurückzulassen, um in eine urbane Lebens- und Arbeitswelt einzutauchen. Dieser Prozess bedeutet gleichfalls auch einen Bruch mit traditionellen und kulturellen Wurzeln ihrer Herkunft. Was zurückbleibt sind lediglich ihre Besitzt ümer, nämlich Häuser und Möbel, und die älteren Dorfbewohner. Für den altersschwachen Andrés der geschwächt durch seine Krankheit den Tod erwartet und in vollkommener Isolation lebt, sind seine Erinnerungen einerseits schmerzend, andererseits auch trostspendend.
Auf schmerzhafte Weise zeigen die Erinnerungen Andrés immer wieder auf, dass er einsam ist und dem allmählichen Verfall seines Dorfes machtlos gegenübersteht. In seiner auswegslosen Situation kann er jedoch auch aus der Erinnerung an seine Mitbürger, seine Familie und an seine Frau Sabina Trost und Kraft schöpfen.
Im Verla uf der Geschichte nimmt die Handlung in der Erzählwelt zune hmend ab und es findet eine Vertiefung der Thematik durch Metakommentare auf einer allgemeineren Ebene statt. Mit Hilfe seiner Erinnerungen kann Andrés seine Kollektividentität, nämlich seine Funktion innerhalb der Dorfgemeinschaft, aufrechterhalten. Denn das Individuum gewinnt seine Identität erst durch die Rolle, die es im Ga nzen spielt. 1
1 Vgl. Assmann 1997: 131
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3. Die Erinnerung als Trost und heilsame Kompensation
Ob seiner Isolation sieht sich der Protagonist gezwungen, sich durch seine Erinnerungen eine für ihn lebbare Erlebniswelt zu schaffen. Sein Gedächtnis ist das Einzige das ihm geblieben ist und durch die Erinnerungen an seine Kindheit, sowie das Leben in Ainielle kann er für kurze Zeit der Einsamkeit entfliehen.
Die Erinnerungen fungieren hier als eine Art Ersatz für zwischenmenschliche Kommunikation, welche für das Individuum existentiell ist und es vor dem Wahnsinn bewahren soll. Somit erschafft Andrés sich seine eigene Form von Überlebensstrategie.
Veranschaulicht werden diese positiven Erinnerungen durch Begegnungen und landschaftsimmanente Faktoren.
So wird die Erscheinung von Sabina mit einer beruhigenden und heilsamen Funktion verbunden. Sie hilft Andrés über seine Einsamkeit hinweg und gibt ihm das Gefühl, dass er nicht völlig isoliert in Ainielle lebt. Während er beispielsweise nach einem Schlangenbiss fiebernd im Bett liegt und mit dem Tode ringt, ist ihr Geist fortwährend an seiner Seite. Es scheint als wäre die Anwesenheit ihres Geistes für Andrés ein Grund um durchzuhalten und weiterhin das Dorf zu
bewachen 2 .
Je stärker sich der Protagonist mit dem Tod konfrontiert sieht, desto öfter wird er von Erinnerungen an den eigenen Vater heimgesucht. Dieser und dessen stolzes Hinne hmen des Todes zeigten Andrés auf mit welcher Würde man dem Tod begegnen kann. Sein Vater hatte bereits am Tag vor seinem Ableben den Friedhof und sein zukünftiges Grab besichtigt und sich damit ungerührt mit der Niederlage des Lebens gegenüber dem Tod abgefunden. Llamazares skizziert hier, dass der Tod als natürliches Element des Lebenskreislaufes verstanden werden soll. Der Schrei des Käuzchens wird vom Vater richtigerweise als Bote des Todes interpretiert. Die Erinnerung an seinen Vater gibt Andrés somit die Kraft seinem eigenen na henden Tod in das Gesicht zu blicken.
2 Vgl. Llamazares 1988: 67
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„Me sirve ahora, al cabo de los años, cuando el dolor encharca mis pulmones como una lluvia amarga y amarilla, para escuchar sin miedo a la lechuza que anuncia ya mi muerte entre el silencio y las ruinas de este pueblo que, dentro de muy poco, morirá también conmigo (Llamazares 1988: 74)”.
Des Weiteren können die Erinnerungen an seine Kindheit im dörflichen Idyll von Ainielle und die an seine Nachbarn als Realitätsflucht verstanden werden. Die allabendlichen Riten der Dorfgemeinschaft, welche darin bestanden am Kamin eines Hauses zusammen zu kommen und sich Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen, sind Erfa hrungen von denen Andrés auch noch in seiner Einsamkeit zehrt. Die Erinnerung an die Abende seiner Kindheit, an denen er als bloßer Zuhörer teilnehmen durfte, lösen in ihm immer noch das Gefühl von Geborgenheit und Nähe aus.
„ …, nos reuníamos todos in una de las casas, junto a la chimenea, y, allí, durante largas horas, mientras la nieve la ventisca gemían en lo alto del tejado, pasábamos las noches del invierno contándonos historias y recordando personas y sucesos, casi siempre de otro tiempo (Llamazares 1988: 20)”.
Aber auch die Landschaftsbeschreibungen des bettlägerigen Andrés vermögen eine heilsame Wirkung auf die psychische Verfassung des Protagonisten haben. Er fühlt sich mit der umliegenden Natur des Dorfes stark verbunden und das Rauschen des Flusses erinnert ihn an seine Kindheit und vermittelt ihm Zufriedenheit und Lebensfreude.
„ Era como cuando, de niño, bañándome en el río, me tombaba en el agua e, inmóvil por completo, me dejaba llevar por la corriente hacia los pasadizos supterráneos del molino de los que nadie ni nada regresaba. Sentado en el portal o en la cocina, con la mirada quieta, e indiferente, en algún punto del paisaje o de la lumbre, de nuevo me invadía la misma sensación, confusa y turbadora, de paz y de peligro (Llamazares 1988: 108)“.
Auch in Kapitel 4 wird die lebenswichtige Funktion deutlich, die die Erinnerung für den Protagonisten eingenommen hat. Andrés bezeichnet sie als „la memoria fue ya la única razon y el único paisaje de mi vida (Llamazares 1988: 40)“. Die Umkehrung der Chronologie dient ihm als Überlebensstrategie. Dennoch wird deutlich, dass diese Methode eine Art von Selbstbetrug bedeutet, da sie für Andrés nur kurzzeitige Kompensation von sozialer Kommunikation ist und ihn unweigerlich in die Isolation und Vereinsamung führt.
Arbeit zitieren:
Christina Kühnle, 2003, Ambivalenz der Erinnerung der Erinnerung in Julio Llamazares ' La lluvia amarilla', München, GRIN Verlag GmbH
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