1.) Einleitung
Am 11. März 1999 kündigte Oskar Lafontaine dem seit 1998 amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder die Gefolgschaft und zog sich von einem Tag auf den anderen vollständig aus der Politik zurück. Welche Ursachen hatte die Trennung, der beiden „Enkel Willi Brandts“, die bis dahin über längere Zeit einen gemeinsamen Weg verfolgt hatten? Sie sind gleichaltrig und durchlebten somit die gleiche Zeitgeschichte, die ihr Leben beeinflusst hat. Beide entschieden sich als Jugendliche im Abstand von nur drei Jahren in die SPD bei den Jungen Sozialisten einzutreten und beide können sich in den Medien geschickt in Szene setzen (vgl. Kapitel 2 / 5). Oberflächlich betrachtet könnte man vermuten, dass beide in etwa gleiche Interessen verfolgen müssten und problemlos geschlossen voranschreiten könnten. Was führte zu diesem Bruch? Waren es nur unterschiedliche Auffassungen zu politischen Themen? Waren sie Beide zu wenig kompromissbereit? Konnte sich keiner dem Anderen unterordnen, wollte keiner zurückstecken? Oder war es persönliche Abneigung und aufgestaute Frustration? Spielt das Menschliche im Leben eines Politikers und seine persönlichen Empfindungen doch eine so große Rolle? Waren die beiden Kandidaten von ihrem Typ her eben doch nicht so gleich, wie man es auf den ersten Blick vermuten könnte?
Um Antworten auf diese Fragen finden zu können, soll in dieser Arbeit die menschlichen Seiten der beiden Politiker beleuchtet werden. Diese wird von außenstehenden Betrachtern oft übersehen. Für viele Fernsehzuschauer, dürften Politiker nur „themenabarbeitende Maschinen“ sein, die ihren Job erledigen. Dass diese Politiker aber nur dann gut zusammen arbeiten können, wenn sie sich gegenseitig respektieren und jeder von ihnen mit seiner Position zufrieden ist, die Strukturen in der Politik sich oft kaum von denen einer normalen Firma unterscheiden, wird oft vergessen.
Zunächst werden die Biographien von Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine vorgestellt, wobei einzelne Lebensabschnitte kommentiert und interpretiert werden. Dies soll dem Leser ermöglichen, sich ein Urteil über das Wesen der beiden Politiker zu bilden. Abschließend erfolgt ein Vergleich der beiden Persönlichkeiten, in dem die Gemeinsamkeiten und Gegensätze herausgestellt werden.
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Abb. 1: Die Troika (aus Herres / Waller 1999)
2.) Oskar Lafontaine - Lebenslauf
Abb. 5: Oskar Lafontaine (aus Filmer / Schwan 1996)
Oskar Lafontaine und sein Zwillingsbruder Hans Lafontaine wurden am 16. September 1943 in Saarlouis geboren. Ihre Mutter war Katharina Lafontaine, geboren am 22. Mai 1915, ihr Vater Hans Lafontaine, geboren am 25. Mai 1916. Die beiden Elternteile lernten heirateten 1940, während eines kurzen Sonderurlaubs des Vaters. Dieser musste ab
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1938 in einem Panzerbataillon dienen und war somit fast nie zuhause. Nach Aussagen der Mutter, hat sie ihren Mann insgesamt nur ungefähr acht Wochen gesehen.
Abb. 6: Familie Lafontaine, Oskar-Baby rechts (aus Filmer / Schwan 1996)
Das Bataillon in dem der Vater diente, wurde kurz vor Kriegsende geschlagen. Da auf Grund des Nachnamens Lafontaine nach den Angehörigen lange Zeit in Frankreich gesucht wurde, erlangten die Familie von Oskar Lafontaine erst lange Zeit später Gewissheit über den Tod ihres Mannes und Vaters.
Die Mutter musste nun allein für die zwei Kinder sorgen und war gezwungen viel und lange zu arbeiten. Daher wurden die beiden Brüder oft von der Tante versorgt. Sie wohnten in bescheidenen Verhältnissen, doch für die Bildung der Kinder brachte die Mutter immer Geld auf. Da beide Kinder sehr gut in der Schule waren, wurde der Wunsch nach bestmöglicher Bildung der Zwillinge auch vom Dorfschullehrer und dem Pfarrer unterstützt.
Die beiden Zwillingsbrüder waren sehr unterschiedlich. Oskar war immer der dominantere und durchsetzungsfähigere von beiden. Er stellte sich stets schützend vor seinen Bruder, wozu in dem rauen Milieu in dem sie aufwuchsen auch manchmal körperliche Gewalt nötig war.
Auch in der Schule war Oskar Lafontaine der Macher von beiden. Er wusste immer alles und spielte sich mühelos in den Vordergrund, was seinen Bruder aber auch nicht störte. Nach Aussagen der Klassenlehrerin war es sehr schwierig Hans Lafontaine dazu zu bewegen, Antworten ohne Unterstützung seines Bruders geben zu wollen.
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Beide waren trotz der ärmlichen Verhältnisse in denen sie aufwuchsen, immer sauber und penibel gekleidet. Dieses gepflegte Auftreten ist Oskar Lafontaine bis heute sehr wichtig. Kritik an seiner Kleidung nimmt er sehr persönlich.
Abb. 7: Oskar (links) und Hans (rechts) 1956 (aus Filmer / Schwan 1996)
Die Mutter schickte die beiden Söhne auf ein Gymnasium nach Prüm, obwohl das Schul-und Wohngeld für dieses Internat fast das gesamte Geld verschlang, das sie verdiente. Sie wollte ihren Kinder mehr bieten, als sie damals bekommen hatte. Dieses katholische Internat, welches sich zum Ziel gesetzt hatte junge Priester heranzubilden, wurde auf Anraten des Dorfpastors gewählt.
Hans und Oskar Lafontaine waren neun Jahre alt, als sie in das Internat einzogen. Auch hier zeigten sie gute Leistungen. Ihr Tagesablauf war durch frühes Aufstehen, Beeten, Disziplin, Ordnung und sehr kalte Schlafsäle gekennzeichnet. Das Leben war vergleichbar mit dem in einem Kloster. Die maximale Zeit in der sich die Schüler frei mit einander unterhalten durften, summierte sich auf circa zwei Stunden pro Tag, die Jungen hatten keinen Kontakt zu Mädchen und Frauen und sie durften nicht ins Kino oder in die Kneipe gehen. Das Konvikt durften sie nur in Gruppen zu mindestens drei Personen verlassen.
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Oskar Lafontaine fiel in dieser Zeit im Konvikt einige Male unangenehm auf, akzeptierte dann aber auch die Strafen dafür, lehnte sich nicht gegen die Lehrer auf. Er wusste wen er vor sich hatte und das seine Möglichkeit des günstigen Wohnens im Internat auf dem Spiel stand. Dies war der Hauptansporn, um das harte Leben im Internat durchzustehen. Sie wollten das Geld ihrer Mutter würdigen. Durch einen unangenehmen Konviktsdirek-tor und zwei Vergehen der beiden Brüder waren beide dann aber doch gezwungen das Konvikt zu verlassen. Hans Lafontaine besuchte unerlaubter Weise ein nicht für den Besuch zugelassenes Fußballspiel, Oskar Lafontaine wurde zusammen mit Freunden in einer Kneipe aufgegriffen. Nun suchte sich jeder für sich ein Zimmer zur Miete, was das Leben für die Zwillinge wesentlich einfacher, für die Mutter aber schwerer machte. Das Lehrerkollegium am Gymnasium war sehr konservativ, alle wählten die CDU, was im Dorf üblich war. Die Schüler besuchten einige Mal Wahlkampfveranstaltungen der CDU und amüsierten sich über die starren Ansichten der Redner. Auf einer der wenigen SPD Veranstaltungen, kamen sie das erste Mal mit andersdenkenden Politikern in Kontakt und waren von der lebhaften, fruchtbaren Diskussion mit dem Abgeordneten begeistert. Zu der Zeit war noch nationalsozialistisches Denken in den Köpfen vieler Lehrer stark verbreitet. Besonders war dies dem Klassenlehrer der Beiden anzumerken, den Oskar Lafontaine aber dennoch wegen seiner sachlichen Kompetenz in den Naturwissenschaften achtete. Herr Schneider wird zusätzlich als sehr unangenehm beschrieben. Er behandelte unwissende Kinder herablassend und verspottete sie. Da Oskar Lafontaine zu den guten Schülern in den Naturwissenschaften gehörte, hatte er nichts zu befürchten und fühlte sich den anderen Kinder überlegen. Diese Hochnäsigkeit wurde vom Klassenlehrer gefördert, indem er ihn häufig lobte und herausstellte. Die vorherrschende Unterdrückung durch fast alle Lehrer entlud sich an Herrn Fronobert, der sich wenig durchsetzen konnte und von den Kindern der Klasse malträtiert wurde. Dies ging sogar soweit, dass er sich kurz nach Abschluss der Klasse aus dem Schuldienst verabschiedete. Hier hat Oskar Lafontaine mitbekommen, dass Schwäche gnadenlos ausgenutzt werden kann. Auch ihm wird während der Schulzeit bis heute nachgesagt,
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dass er Widersacher fertig machen kann indem er sie ständig mit ihren Schwächen konfrontiert.
(vgl. Filmer / Schwan 1996, S. 12 - 97).
1962 machten beide Brüder erfolgreich Abitur. Obwohl beide für tauglich gemustert wurden, wurden sie nicht zum Wehrdienst eingezogen. Hans Lafontaine studiert Jura und arbeitet seit dem in einer Anwaltspraxis. Oskar Lafontaine studiert in Bonn Physik. Nach sechs Semestern wechselt er nach Saarbrücken, da er dort in den Semesterferien seine spätere erste Frau Ingrid Bachert kennen gelernt hat.
Während des Studiums tritt er mit 23 Jahren in die SPD ein, in der er sich für die Stadtpolitik Saarbrückens engagiert. Filmer und Schwan (1996, S. 109) sind der Ansicht, dass der hauptsächliche Grund für den Eintritt des bis dahin recht unpolitischen Oskar Lafontaine darin liegt, dass er Gemeinschaft suchte, an die er sich in den Jahren im Internat gewöhnt hatte. Er selbst sagt, er habe die SPD gewählt, da er in der CDU den Anspruch des Christentums nicht verwirklicht sah (vgl. ebd., S. 112).
Für Hochschulpolitik interessierte er sich nicht. Die Studentenrevolten der 68er Bewegung gingen nahezu an ihm vorbei. 1968 wurde er Mitglied im Stadtrat, managte die Jusos und saß im Landesvorstand der SPD Saar. Sein Physikstudium betrieb er aber dennoch intensiv weiter und machte 1969 nach zwölf Semestern Examen. Das Geld für sein Studium erhielt er teilweise durch ein Stipendium, zusätzlich arbeitete er in den Semesterferien auf dem Bau, im Finanzamt, im Stahlbau oder als Hilfsarbeiter seines Professors. (vgl. Filmer / Schwan 1996, S. 99 - 109).
Am 24. September 1974 wird Oskar Lafontaine zum Bürgermeister von Saarbrücken gewählt. Am 20. Januar 1976 wird er Oberbürgermeister und im September 1977 Landes-vorsitzender der SPD Saar. Er ist bei den Bürgern sehr beliebt. Er wird im Saarland liebevoll nur mit seinem Vornamen genannt, wenn man über ihn spricht. Oskar Lafontaine ve rschönert Saarbrücken, indem er die Altstadt und das Saarbrücker Schloss sanieren lässt.
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Arbeit zitieren:
Hauke Lütjen, 2001, Charakterisierung von Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine, München, GRIN Verlag GmbH
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