Universität Augsburg
Philosophische Fakultät I
Sommersemester 2001
Seminar: Wirtschaftssoziologie
Soziologische Diagnosen der Gegenwartsgesellschaft
Dirk Fross
Magister: Soziologie / Philosophie / Politikwissenschaften
6. Semester
,QKDOWVYHU HLFKQLV
1. Einleitung
2. Differenz statt Identität
2.1. Beobachtung
2.2. System/Umwelt - Differenz
3. Autopoietische, selbstreferentielle Systeme
3.1. Soziale Systeme
4. Resonanz
5. Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften
5.1. Funktionale Differenzierung
5.1.1. Codes und Programme
5.2. Zu viel und zu wenig Resonanz
5.3. Angstrhetorik und soziale Bewegungen
6. Ökologische Rationalität
7. Schluß
8. Literaturverzeichnis
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In den letzten Jahrzehnten zeichnen sich in immer mehr Bereichen anthropogene Umweltveränderungen ab, welche sich zunehmend auch auf die menschlichen Lebensgrundlagen auswirken. Ökologische Probleme haben exponentiell zugenommen. Einzelne Komponenten summieren sich zu multifaktoriellen Einflüssen mit unvorhersagbaren Konsequenzen für die Umwelt. In Bezug auf die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften waren soziologische Theorien durch die Beschränkung auf innergesellschaftliche Perspektiven bis vor einigen Jahren blind ,ÄGHU|NRORJLVFKH=XVDPPHQKDQJYRQ
1DWXUXQG*HVHOOVFKDIWZXUGHQLFKWWKHPDWLVLHUW³ . Ulrich Beck spricht von
´ökologischer Blindheit´, als Geburtsfehler der Soziologie, welche nur in der Gegenüberstellung zur Natur und der Konzentration auf ´soziale Tatsachen´ ihre disziplinäre Selbständigkeit gegenüber den Naturwissenschaften erreichen und behaupten konnte. 2
Die rasch zunehmende Thematisierung ökologischer Zusammenhänge in den letzten Jahrzehnten kam für die Soziologie somit überraschend, hatte man doch bislang als besondere Gegenstände soziologischer Forschung ´die Gesellschaft´ oder ´Teile der Gesellschaft´ behandelt und ´Natur´ als gesellschaftliche Umwelt anderen Disziplinen überlassen.
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Für Luhmann sind derartige Forderungen lediglich Zeichen von theoretischer Hilflosigkeit, Versuche, den Mangel an kognitiven Prognosemitteln durch moralischen Eifer zu kompensieren. Ihm geht es im Gegensatz dazu um eine grundlegende Revision der theoretischen Grundlagen, da für ihn ohne diese Kurskorrektur ein Zugang zur ökologischen Problematik nicht möglich ist.
1 Luhmann 1996: S. 47.
2 vgl. Beck : S. 69f.
3 Luhmann 1990: S. 18f.
4
Soziologie als Lehre von den sozialen Tatsachen muß sich, so Luhmann, aus ihrer Fixierung auf die Gesellschaft befreien und durch einen Wechsel des the-oriezentralen Paradigmas neue theoretische Wege beschreiten: Ä(VVLQGUDGLNDOH6FKQLWWHHUIRUGHUOLFKXQGQDFKHLQHUVROFKHQ2SHUDWLRQ OHUQWPDQZHQQPDQVLHQLFKWEHUKDXSWYHUZHLJHUWQXUODQJVDPZLHGHU]X
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Luhmann geht es dabei nicht darum, die Lösung des Problems der ökologischen Anpassung des Gesellschaftssystems anzubieten, etwa in Form neuer Wertvorstellungen, neuer Moral oder in der akademischen Ausarbeitung einer Umweltethik. Vielmehr möchte er eine andere Art des Blicks bereitstellen, eine bessere Methode zur Erzeugung von Vorstellungen um die Wahrscheinlichkeit brauchbarer Resultate zu erhöhen.
In vorliegender Hausarbeit soll im folgenden versucht werden darzustellen, welche Konturen das Problem der ökologischen Selbstgefährdung annimmt, wenn man es mit Hilfe von Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme formuliert.
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2.1 Beobachtung
Das traditionelle Denken sowohl in der Alltagswahrnehmung als auch in Philosophie und Sozialwissenschaften richtete sich vornehmlich an Identitäten aus und übersah, daß diese erst durch zugrundeliegende Unterscheidungen konstituiert werden.
Luhmann formuliert auf der Basis der operativen Logik des englischen Philosophen George Spencer Brown einen systemtheoretischen Beobachtungsbegriff, welcher von dem unserer Alltagssprache beträchtlich abweicht. Er definiert Beobachtung gemäß Spencer Browns Aufforderung ´draw a distinction´, als Bezeichnung-anhand-einer-Unterscheidung. Die Operation des Beobachtens setzt sich demnach aus zwei verschiedenen, gleichzeitig auftretenden
4 ebd.
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Komponenten zusammen: Unterscheiden (Spencer Brown: ´distinction´) und Bezeichnen (´indication´).
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Um also überhaupt ´Welt´ wahrnehmen, bezeichnen mit Luhmann beobachten zu können, muß grundsätzlich eine Grenze gezogen werden über die hinweg
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beobachtet werden kann, ÄDQGHUHQIDOOVJlEHHVQXUSXUH)DNWL]LWlW³ Diese Grenze ist, wie oben dargelegt, die Konstruktion eines Unterschieds, welcher in der ´Realität´ keine Entsprechung hat. Realität im Sinne des Kantschen Ding an sich ist nach Luhmann unerkennbar.
In Abgrenzung zu naivem Realismus auf der einen, und radikalem Konstruktivismus auf der anderen Seite, verlagert sich bei Luhmann somit der Realitätswert von der Bezeichnung (hier entweder Innen-/Außenwelt bzw. mentale/physische Gegebenheiten) auf die, derartigen Festlegungen zu Grunde liegenden und diese erst ermöglichenden Unterscheidungen. Die Unterscheidung, und nicht die Privilegierung der einen oder der anderen Seite der Unterscheidung ist für Luhmann das Reale.
Diese Einsicht wird nach Luhmann oft durch zwei grundlegende Eigenschaften von Beobachtung verdeckt: zum einen ist es im Rahmen einer Unterscheidung unmöglich, beide Seiten der Unterscheidung JOHLFK]HLWLJ zu bezeichnen. Es kann also zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils nur die eine RGHU die andere Seite bezeichnet werden. Damit ist zwar nicht ausgeschlossen, daß mit einer späteren Operation die zuvor nicht bezeichnete Seite bezeichnet wird, ein Hinüberwechseln , mit Spencer Brown ´crossing´ ist also durchaus möglich, aber dieser Wechsel von einer Seite der Unterscheidung zur anderen Seite erfordert eine weitere Operation und somit Zeit.
Daraus folgt zum anderen, daß sich keine Beobachtung im Moment der Beobachtung selbst beobachten kann. Eine Selbstbeobachtung der Beobachtung würde ja bedeuten, daß die Beobachtung, welche eine bestimmte Unterscheidung gewählt hat, diese Unterscheidung ]XJOHLFK bezeichnet und damit beob-
5 Luhmann1997: S. 69.
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achtet. Dies ist aber nur möglich, wenn die Unterscheidung selbst wiederum von etwas anderem unterschieden wird. Die Beobachtung gebraucht somit eine bestimmte Unterscheidung, aber sie kann die Unterscheidung nicht LPJOHLFKHQ 0RPHQW beobachten, d.h. sie kann die verwendete Unterscheidung nicht von etwas anderem unterscheiden, und damit auch nicht bezeichnen. Ä'LH8QWHU VFKHLGXQJ>@GLHQWDOVXQVLFKWEDUH%HGLQJXQJGHV6HKHQVDOVEOLQGHU
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)OHFN³ Beobachten in seinem Vollzug kann zwar anderes beobachten, nicht aber seine eigene Unterscheidung.
Dennoch ist es in Luhmanns Konzeption möglich diese Unterscheidung selbst wieder zu beobachten, und zwar durch eine zweite Beobachtung, welche die Unterscheidung der ersten Beobachtung beobachtet. Die Beobachtung der Beobachtung nennt Luhmann im Anschluß an den chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana Beobachtung zweiter Ordnung. Dabei ist noch keine Aussage darüber getroffen, wer der Beobachter ist, der diese zweite Beobachtung hervorbringt. Es kann sich um den gleichen Beobachter handeln, der auch die erste Beobachtung hervorgebracht hat. In diesem Fall beobachtet der Beobachter mit einer zweiten Operation die zeitlich zurückliegende erste Beobachtungsoperation. Auf diese Weise ist Selbstbeobachtung möglich, wobei die ursprüngliche Unterscheidung im Unterschiedenen wieder auftaucht. Diese Anwendung der Unterscheidung auf sich selbst, ihre Wiedereinführung in den Bereich, den sie unterscheidet, etwa in Form der Frage, ist die Unterscheidung recht/unrecht selbst recht, bezeichnet Luhmann mit Spencer Brown als ´re-entry´.
Die Unterscheidung ÄNRPPWGDQQGRSSHOWYRUDOV$XVJDQJVXQWHUVFKHLGXQJ XQGDOV8QWHUVFKHLGXQJLQGHPGXUFKVLH8QWHUVFKLHGHQHQ6LHLVWGLHVHOEHXQG QLFKWGLHVHOEH6LHLVWGLHVHOEHZHLOGHU:LW]GHVUHHQWU\JHUDGHGDULQEHVWHKW GLHVHOEH8QWHUVFKHLGXQJUHNXUVLYDXIVLFKVHOEVWDQ]XZHQGHQVLHLVWHLQHDQ GHUHZHLOVLHLQHLQHQDQGHUHQLQHLQHQEHUHLWVXQWHUVFKLHGHQHQ%HUHLFKHLQ
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JHVHW]WZLUG³ Auf diesem re-entry Konzept beruht Luhmanns Definition von Rationalität, auf die in Punkt 6 näher einzugehen sein wird.
6 Luhmann 1990: S. 45.
7 Luhmann 1997: S. 69f.
8 Luhmann 1990a: S. 379f.
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Bei der Beobachtung zweiter Ordnung kann es sich aber auch um einen anderen Beobachter handeln, also um ein zweites System, welches den ersten Beobachter beobachtet.
Unabhängig davon, wer nun die Beobachtung der Beobachtung hervorbringt, gilt aber auch für die Beobachtung zweiter Ordnung, daß sie ebenso an die eigenen Unterscheidungen gebunden ist, und diese nicht sehen kann. In Bezug auf ihre eigenen Unterscheidungen ist die Beobachtung zweiter Ordnung also auch nur eine Beobachtung erster Ordnung. Sie besitzt keine privilegierte Position. Dennoch ermöglicht sie reflexive Einsichten für die eigene Beobachtung. Ä=ZDULVWDXFKGHU%HREDFKWHU]ZHLWHU2UGQXQJDQGHQHLJHQHQEOLQGHQ )OHFNJHEXQGHQVRQVWN|QQWHHUQLFKWEHREDFKWHQ>@:HQQHUDEHUHLQHQ DQGHUHQ%HREDFKWHUEHREDFKWHWNDQQHUGHVVHQEOLQGHQ)OHFN>@GHVVHQ ODWHQWH6WUXNWXUHQEHREDFKWHQ³
Im Gegensatz zum Beobachter erster Ordnung kann er dadurch zum einen die Beschränkungen beobachten, die dem beobachteten System durch seine eigenen Operationen auferlegt sind, und zum anderen daraus Rückschlüsse auf seine eigenen Beobachtungsoperationen ziehen, und seinen eigenen Standpunkt relativieren.
Will man nun, so Luhmann, das Problem der ökologischen Gefährdungen mit der nötigen Genauigkeit formulieren, muß man deshalb auf die „(UZDUWXQJVOLQLHQHLQHURQWRORJLVFKHQ7KHRULHGHU5HDOLWlWGLHHLQHU8P
ZHOWEHREDFKWXQJHUVWHU2UGQXQJHQWVSULFKW³ verzichten, und stattdessen
zum Ausgangsden Reflexionspunkt derÄ.\EHUQHWLN]ZHLWHU2UGQXQJ³ punkt der Analyse nehmen.
2.2 System/Umwelt-Differenz
Entgegen bisherigen Denkkonventionen, denen zufolge jede Beobachtung die Handlung eines beobachtenden Subjektes darstellt, ´entsubjektiviert´ Luhmann seinen Beobachtungsbegiff. Das rekurrieren auf irgendein zugrundeliegendes Wesen hält Luhmann für schlechte Metaphysik. Für die Systemtheorie ist die Welt nichts, was aus einem Punkt heraus beschrieben werden kann. Der Ur- 9 Luhmann/ Fuchs: S. 10f.
10 Luhmann 1990: S. 59.
11 a.a.O. : S. 53.
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sprung in Luhmanns Theorie sozialer Systeme ist kein Subjekt, kein Individuum, sondern vielmehr das sich selbst beobachtende Beobachtungssystem. Um überhaupt etwas beobachten zu können, braucht das System wie gezeigt eine Grenze, über die hinweg es beobachten kann. Es handelt sich hierbei um Sinngrenzen. Jede (Selbst-)beobachtung setzt die Einrichtung entsprechender interner Differenzen voraus. Das System führt eigene Unterscheidungen ein und erfaßt mit Hilfe dieser Unterscheidungen Zustände und Ereignisse, die für das System selbst dann als Information erscheinen. Information ist also eine rein systeminterne Qualität. Erst für Systeme wird es also derart möglich, die Umwelt ´zu sehen´. Nur für beobachtende Systeme gibt es ´Welt´. Das dieser Beobachtung zugrundeliegende Energie/Materiekontinuum, in welches sich die Systeme einzeichnen, bleibt als solches dabei unerkennbar. Grundlegend für Luhmanns Theorie sozialer Systeme ist die Unterscheidung von System und Umwelt:
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Während sich Soziologie bisher an der Einheit eines gesellschaftlichen Ganzen orientierte, und ´Gesellschaft´ als kleine Einheit, als Teil der großen Einheit ´Welt´ beobachtete, steht am Anfang von Luhmanns Theorie also nicht Einheit, sondern Differenz, genauer gesagt, die Einheit der Differenz von Gesellschaftssystem und seiner Umwelt. Es geht hierbei also um die Welt insgesamt, gesehen mit Hilfe der Schnittlinie, mit der das Gesellschaftssystem sich gegen seine Umwelt differenziert. Ä'LH(LQKHLWGHU'LIIHUHQ]YRQ6\VWHPXQG8PZHOW
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Luhmann sieht gerade in der systemtheoretischen Unterscheidung von System und Umwelt ein Potential zur Erfassung der ökologischen Krise, das andere soziologische Theorien nicht bieten.
Zu einem angemessenen Verständnis der ökologischen Problematik ist für Luhmann noch eine weitere Umorientierung soziologischen Denkens nötig,
12 Luhmann 1988: S. 292.
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Dirk Fross, 2001, Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften in Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, München, GRIN Verlag GmbH
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