Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Politikwissenschaft
Seminar im Grundstudium: „Internationale Beziehungen“
"Realistischer" Vietnamkrieg?
von: Kai Adam
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Der politische Realismus 3
2.1 Entstehung und Hauptvertreter 3
2.2 Ziele und Grundannahmen 4
3. Der amerikanische Vietnamkrieg 6
3.1 Vorgeschichte 6
3.2 Der amerikanische Krieg 7
3.2.1 Eisenhower und der Beginn des amerikanischen Engagements 7
3.2.2 Kennedys flexible Antwort 8
3.2.3 Johnson und die Eskalation des Krieges 9
3.2.4 Nixons Deeskalation und Rückzug 12
4. Eine „realistische“ Analyse des Vietnamkriegs 13
5. Zusammenfassung 16
6. Literaturverzeichnis 17
1. Einleitung
Der Vietnamkrieg war das wahrscheinlich größte außenpolitische Trauma, welches die USA je erlebt haben. Kein anderer Krieg wurde je so kritisiert wie dieser. Was aber waren die Gründe der Amerikaner in den Vietnamkrieg einzutreten, obwohl bis 1954 für die USA der Lehrsatz gegolten hatte, sich nicht in einen Landkrieg auf dem asiatischen Festland verwickeln zu lassen? Von welchen Interessen wurde die amerikanische Regierung hierbei geleitet und was waren die Beweggründe für die Wende der amerikanischen Vietnam-Politik hin zu Deeskalation und Rückzug? Diese Fragen möchte ich aus der Sicht des politischen Realismus analysieren. Die Hauptfrage lautet hierbei: Kann der „amerikanische“ Vietnamkrieg durch den realistischen Ansatz erklärt werden? Die Analyse stützt sich vor allem auf den Text Hans Morgenthaus „Macht und Frieden“ (1963) als Vertreter des klassischen Realismus. In der Arbeit werde ich chronologisch die amerikanische Vietnam-Politik betrachten und untersuchen inwieweit diese mit den Thesen des realistischen Ansatzes erklärt werden kann. Zuerst schaffe ich eine theoretische Basis indem ich den realistische Ansatz vorstelle, seine Hauptvertreter, seine Ziele und Grundannahmen darstelle und grundlegende Begriffe definiere. Anschließend werden die Ursachen für die Eskalation eines ursprünglich nur Frankreich und Nordvietnam betreffenden Konfliktes und der Verlauf des amerikanisch – nordvietnamesischen Krieges dargestellt. Hierbei werden der amerikanische Krieg mit seinen einzelnen Phasen und die Leitmotive der amerikanischen Vietnam-Politik dargestellt und analysiert. Danach konzentriere ich mich auf die oben genannte Fragestellung und werde die einzelnen Phasen bzw. Leitmotiven des Krieges mit den Thesen des realistischen Ansatzes vergleichen und untersuchen, ob diese zutreffend sind oder nicht. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Analyse dargestellt und untersucht, ob der realistische Ansatz geeignet ist, den „amerikanischen“ Vietnamkrieg zu erklären.
2. Der politische Realismus
2.1 Entstehung und Hauptvertreter
Um die „äußerst komplexen Interaktionsstrukturen und die verwirrende Vielfalt von Akteuren, Prozessen und Strukturen, die die internationale Politik ausmachen, intellektuell bewältigen zu können“ (Lehmkuhl 1997: VII), sind Theorien notwendig. Theorien haben eine Auswahl-, eine Ordnungs- und ein Erklärungs- bzw. Interpretationsfunktion. In der internationalen Politik existiert aber, anders als in den Naturwissenschaften, keine allgemein anerkannte Theorie bzw. Gesetz, sondern lediglich konkurrierende Theorieansätze. Ein solcher Erklärungsansatz der internationalen Politik, der moderne politische Realismus, entstand in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts als Gegenbewegung zum amerikanischen Idealismus. Der Idealismus geht von einem positiven Menschenbild und strebt die „universelle Gültigkeit völkerrechtlicher und vernunftbegründeter moralischer Normen“ (Lehmkuhl 1997: 71). Dies schien aber nach dem Scheitern des Völkerbundes und der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, welche Verträge ignorierten und sich über das Völkerrecht hinwegsetzten (vgl. Menzel 1999: 41), als nicht realisierbar. Die idealistische Denkweise wurde von den Realisten als „Abwertung der politischen Macht“ (Morgenthau 1973: 65) in der internationalen Politik angesehen. Die geistesgeschichtliche Tradition des Realismus reicht bis in die Antike zu Thukydides zurück und setzte sich über Thomas Hobbes, Friedrich Nietzsche, Max Weber und Rheinhold Niebuhr bis ins 20. Jahrhundert fort. Zu den Hauptvertretern des modernen politischen Realismus zählen Edward H. Carr, John Herz, Georg Schwarzenberger und Hans J. Morgenthau. Diese Vertreter unterscheiden sich zwar in ihrer Betrachtungsweise und Themenstellung, jedoch stellen sie Macht und das Gleichgewicht der Mächte in den Mittelpunkt ihrer Theorie und gehen alle von einem pessimistischen Menschenbild aus. Die Ziele und Grundannahmen des Realismus werden im folgenden weitestgehend in Anlehnung an Hans J. Morgenthau, dem wichtigsten Vertreter des Realismus, dargestellt.
2.2 Ziele und Grundannahmen
Der Realismus geht von Staaten als einzige und rationale Akteure aus, die in einer anarchischen Staatenwelt nach Machterwerb und Machterhalt streben. Die treibende Kraft der internationalen Politik ist „das Streben souveräner Staaten nach Macht“ (Morgenthau 1963: 416). Unter Macht versteht Morgenthau „die Herrschaft von Menschen über das Denken und Handeln anderer Menschen“ (Morgenthau 1973: 61). Grundlage dieses Machtstrebens ist ein pessimistisches Bild des Menschen, das auf den antrophologischen Annahmen Reinhold Niebuhrs beruht. „Die Welt, so unvollkommen sie vom Standpunkt der Vernunft aus sein möge, ist das Ergebnis von Kräften, die der menschlichen Natur innewohnen“ (Morgenthau 1963: 49). Das Wesen des Menschen ist hiernach, „vom Streben nach Macht aus Gründen der Selbsterhaltung geprägt“ (Albrecht/Hummel 1990: 92). Das individuelle Machtstreben wird auf den Nationalstaat übertragen, die der Realismus als die zentralen Akteure im internationalen System ansieht. „International order and international solidarity will always be slogans of those who feel strong enough to impose them on others“ (Carr 1939: 87). Internationale Politik ist daher „wie alle Politik , ein Kampf um die Macht“ (Morgenthau 1963: 69). Da im internationalen System keine übergeordnete Weltmacht existiert, die für Frieden, Recht und Ordnung sorgt, kann sich jeder Staat nur auf sich selbst, d. h. auf ein System der Selbsthilfe verlassen
[...]
Arbeit zitieren:
Kai Adam, 2003, "Realistischer" Vietnamkrieg?, München, GRIN Verlag GmbH
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