II
Inhalt Seite
1. Die Wirkung Stifterscher Prosa auf Jugendliche der 90er Jahre 1
1.1 Spontanäußerungen einer 9. Klasse zu „Brigitta“ im Deutschunterricht 1
1.2 Merkmale biedermeierlicher Kultur und Literatur 3
1.3 Stifters Gegenwart im 19. Jahrhundert 5
2. Adalbert Stifters Erzählung „Brigitta“ 6
2.1 Anregungen zur Titelfigur 6
2.2 Forderung nach Emanzipation der Frau 7
2.3 „Seelenkunde“ als Vorläufer moderner Psychologie 9
2.4 Soziale und bildungspolitische Neuerungen 10
3. „Brigittas Welt“ als Gegenwelt 14
3.1 Verlust der Geborgenheit 15
3.2 Veränderung der Welt durch Wissenschaft und Technik 16
3.3 Domestizierung der Natur 18
3.4 Ausschluß des Wölfischen 19
3.5 Angst vor der Leidenschaft 19
4. Zur Wirkungsgeschichte Adalbert Stifters 21
4.1 Die Aufnahme der Werke Stifters im 19. und 20. Jahrhundert 22
4.2 „Stifter Revival“ nach dem 2. Weltkrieg 23
4.2.1 Biedermeierliche Züge der 50er Jahre 23
4.2.2 Tendenzen der 90er Jahre 25
5. Literaturverzeichnis 27
III
Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Stifter, Adalbert: Brigitta. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 3911, Stuttgart 1994
Stifter, Adalbert: Bergkristall. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 3912, Stuttgart 1994
Sekundärliteratur:
Baumer, Franz: Adalbert Stifter. München 1989
Crystal, David F.: The Cambridge Biographical Encyclopedia. Cambridge 1998
Dittmann, Ulrich: Adalbert Stifter. Brigitta. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 1970
Frenzel, H. A. und E.: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte. Band II: Vom Biedermeier bis zur Gegenwart. 6. Aufl. München 1970
Glaser, H., Lehmann, J., Lubos, A. (Hg.): Wege der deutschen Literatur. Eine geschichtliche Darstellung. Frankfurt a.M. 1972, S.
Haefs, Gabriele u. Gille, Klaus: Von Sittenstrenge und Aufbegehren. Hamburg 1994
Hausenstein, Wilhelm: Adalbert Stifter und unsere Zeit. München 1948
Haußmann, Walter: Adalbert Stifter, Brigitta. In: Der Deutschunterricht H. 2. (1951), S. 30-48
Hohoff, Curt: Adalbert Stifter. Seine dichterischen Mittel und die Prosa des neunzehnten Jahrhunderts. Düsseldorf 1949
Jens, Walter (Hg.): Kindlers Neues Literaturlexikon. Band 15. München 1991
Kersten, Johannes: Eichendorff und Stifter. Vom offenen zum geschlossenen Raum. Paderborn 1996
IV
Killy, Walter (Hg.): Literatur Lexikon. Band 11. München 1991
Kohlschmidt, Werner u.
Mohr, Wolfgang (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Band 1, Berlin
1958
Kühn, Julius: Die Kunst Adalbert Stifters. Berlin 1940
Matz, Wolfgang: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge. Biographie. München 1995
Naumann, Ursula: Adalbert Stifter. Sammlung Metzler. Realien zur Literatur. Stuttgart 1979
Roedl, Urban: Adalbert Stifter. Hamburg 1965
Sebald, W. G.: Die Beschreibung des Unglücks. Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke. Salzburg 1985
Thomas, Werner: Stifters Landschaftskunst in Sprache und Malerei. Versuch einer wechselseitigen Interpretation in der Novelle „Brigitta“. In: Der Deutschunterricht H. 8 (1956), S. 12-28
Wildbolz, Rudolf: Adalbert Stifter. Langeweile und Faszination. Stuttgart 1976
Wilpert, Gero von (Hg.): Lexikon der Weltliteratur. Band 1. Stuttgart 1988
ders.: Lexikon der Weltliteratur. Band 2. Stuttgart 1993
Die vorliegende Arbeit wurde nach den Regeln erstellt, die vor der neueren Rechtschreibre- form Gültigkeit hatten.
1
1. Die Wirkung Stifterscher Prosa auf Jugendliche der 90er Jahre
Die Frage nach der Gegenwartsrelevanz von Adalbert Stifters „Brigitta“ stellte sich in auffälliger Weise bei der Behandlung der Erzählung im Deutschunterricht einer 9. Klasse. Angeregt durch die Diskussion einiger Erzählungen des Biedermeier im literaturwissenschaftlichen Hauptseminar der Universität Koblenz, schien es mir eine lohnenswerte Herausforderung, die Wirkung Stifterscher Prosa auf Jugendliche der 90er Jahre zu erforschen. Die 9a der Regionalen Schule Sohren-Büchenbeuren, eine Klasse, die im System der Regionalen Schule den Realschulabschluß anstrebt, befaßte sich unter meiner Leitung zwölf Deutschstunden lang mit der Erzählung „Brigitta“. Als Textvorlage diente Reclamheft Nr. 3911 1 . Die Schüler hatten zwei Wochen Zeit, sich vor Beginn der Unterrichtsreihe mit dem Text vertraut zu machen.
Die Schule befindet sich im ländlichen Gebiet „Hunsrück“. Mehr als 50% der Schüler kamen als Spätaussiedler aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, die Mehrzahl davon besuchte jedoch in der Bundesrepublik die Grundschule oder die Orientierungsstufe.
Im Folgenden möchte ich auf eine detaillierte Darstellung der Unterrichtsreihe und ihrer Lernziele verzichten, da dies den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde. Einige auffällige Reaktionen der Schüler erscheinen mir jedoch erwähnenswert:
1.1 Spontanäußerungen einer 9. Klasse zu „Brigitta“ im Deutschunterricht
Am Tage vor Beginn der Unterrichtsreihe hatte ein Drittel der Schüler den Text noch nicht ganz gelesen. Vier Schüler gaben zu, nicht über die ersten acht Seiten hinausgekommen zu sein. Als Grund für diese Verzögerung wurde einhellig das Adjektiv „langweilig“ als Haupttextmerkmal genannt. Diese Beurteilung wurde später in differenzierterer Weise begründet: - Satzlänge und Satzbau: Schon der dritte Satz der Erzählung umfaßt fast fünf Zeilen, der vierte Satz bereits acht Zeilen. (B. S. 3, Z. 6-11 und 11-18). Der teilweise sehr verschachtelte Satzbau erschwerte den meisten Schülern den Textzugang.
1 Stifter, Adalbert: Brigitta. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 3911, Stuttgart 1994 (In der Folge beziehen sich alle Seitenangaben im Text mit dem Kürzel „B“ auf diese Ausgabe.)
2
- Wortwahl: Stifters Sprache des 19. Jahrhunderts stieß erwartungsgemäß auf Verwunderung und Ablehnung. Nomen wie „Antlitz“, „Oheim“ oder „Lieblichkeit“, sowie Verbindungen wie „von der trüben Lohe der Leidenschaft“ (B. S. 63) oder „den keuschen Busen“ (B. S. 43) mußten regelrecht übersetzt werden.
- Struktur der Handlung: Die Schüler bemängelten das Fehlen spektakulärer Ereignisse und spannender Passagen. Lange, oft sprachlich sehr anspruchsvolle Naturschilderungen stellten ihre Geduld auf die Probe. Die Liebes- und Trennungsszenen erschienen ihnen zahm und kraftlos. Das „Happy End“ fanden sie zwar nett, aber für heutige Verhältnisse recht unrealistisch.
In einem „Brainstorming“ sollten die Schüler anschließend spontan Themen und Schlüsselwörter der Erzählung notieren, die als Diskussionsgrundlage dienen könnten oder zum Vergleich mit der heutigen Zeit herausforderten. Es ergaben sich folgende Hauptthemen:
- Liebe, Verliebtsein, Liebeskummer - Schönheit, Aussehen/Kleidung, Charakter - Freizeitgestaltung zwecks Partnersuche - Scheidung, Kinder bei Ehescheidung - Natur und Landwirtschaft - Aufenthalt im Ausland, Urlaub, Wandern
Mit Erstaunen stellten die Schüler fest, daß gerade diese Themenbereiche auch in ihrem eigenen Leben eine wichtige Rolle spielen, jedoch oft völlig anders realisiert werden. In folgenden Stunden wurde die Darstellung der Themen in enger Textarbeit untersucht. Weitere Unterrichtsziele waren, neben der Charakterisierung der Hauptpersonen, Umarbeitung des Erzählverlaufes in verschiedene Erzählversionen und Perspektiven, Transponierung der Handlung in Sprache (auch Jugendsprache) und Gesellschaft des 20. Jahrhunderts, Einblicke in Mobiliar und Kleidermode des Biedermeier, sowie bildliche und szenische Darstellung einiger Schlüs- selszenen.
3
1.2 Merkmale biedermeierlicher Kultur und Literatur
Die oben geschilderte spontane Textkritik der Neuntkläßler weist überraschend präzise auf einige Hauptmerkmale der Kunst und Literatur zwischen 1820 und 1850 hin. Sie zielt auf den überladenen, oft weitschweifigen Stil Adalbert Stifters, auf seine peinlich detailgetreuen Beschreibungen der Natur, insbesondere der Landwirtschaft, auf seine Zurückhaltung gegenüber Empfindungen wie Sexualität und Leidenschaft und auf seinen Rückzug in ein „stilles Glück“ alternder Menschen.
Der von Ludwig Eichrodt zunächst als Parodie auf den naiven, verseschmiedenden Philister geprägte Begriff „Biedermaier“ 2 erfuhr nach 1870 einen Bedeutungswandel zum Positiven, setzte sich nach der Jahrhundertwende als Stil- und Zeitbezeichnung in der heute gebräuchlichen Schreibweise auf verschiedenen Gebieten durch und wurde zum Kennzeichen einer schlichten, genügsamen, bürgerlichen Kultur. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er zunächst auf die Innenarchitektur und die bildende Kunst der Zeit übertragen. Seit Thomas Manns Buddenbrooks (1901) begann sich der Roman mit dem Biedermeier zu beschäftigen.
Während der Klassik galten die Aristokratie und das höfische Leben als kultureller Mittelpunkt. In der Romantik richteten vorwiegend adelige Dichter den Blick zurück auf das Mittelalter und verschlossen sich oft vor der Realität. Das Biedermeier vertritt im Gegensatz dazu eine rein bürgerliche Kultur, die sich in ihrer Begrenzung auf den häuslichen Bereich zunehmend mit der bürgerlichen Alltagswelt beschäftigt. Von Heinrich Heine als „Philisterromantik“ verspottet, zeigt sie den Einfluß eines geruhsam dahinlebenden Bürgertums, das in seiner behaglichen Stube alles Erregende, Ringende meidet. Ihr Bereich ist die eigene, beschränkte Häuslichkeit mit ihren Tugendidealen und ihrer kleinstädtischen Sittsamkeit. 3 Im Gegensatz zu den Jungdeutschen, die den Idealismus ablehnten und sich politisch-fortschrittliches Gedankengut zur Veränderung der Gesellschaft aneigneten, erkannten Künstler
2 vgl. Ludwig Eichrodt (1827-1892): „Gedichte des schwäbischen Schulmeisters Gottlieb Biedermaier und seines Freundes Horatius Treuherz“ in den Münchner Fliegenden Blättern ab1855, später zusammengefaßt in „Biedermaiers Liederlust“, 1869, zitiert nach: Kohlschmidt, Werner u. Mohr, Wolfgang (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Band 1, Berlin 1958
3 vgl. Glaser, H., Lehmann, J., Lubos, A. (Hg.): Wege der deutschen Literatur. Eine geschichtliche Darstel- lung. Frankfurt a.M. 1972, S. 192ff
Arbeit zitieren:
Cornelia Peters, 1999, Wie gegenwartsrelevant ist Adalbert Stifters "Brigitta"?, München, GRIN Verlag GmbH
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