2
Inhalt:
0. Einleitung 3
1. Die Dichotomie Synchronie/Diachronie 5
1.1. Synchronische und diachronische Sprachwissenschaft 5
1.2. Abhängigkeit und Unabhängigkeit von Synchronie und Diachronie 6
1.3. Über die Schwierigkeit, einen Sprachzustand zu definieren 7
2. Grundlegende Prinzipien des Sprachwandels 9
2.1. Sprachwandel vollzieht sich unwillentlich 9
2.2. Der Mechanismus des Sprachwandels 10
3. Typen des Sprachwandels 11
3.1. Vorbemerkungen 11
3.2. Der Lautwandel 12
3.3. Die Analogie 13
3.4. Weitere Typen des Sprachwandels 14
3.4.1. Die Reinterpretation 14
3.4.2. Die Volksetymologie 15
3.4.3. Sprachveränderung durch Stammwortbildung 15
3.5. Ein Kapitel zu semantische Veränderungen fehlt 16
4. Kritik an Saussures Theorie 17
4.1. Allgemeines 17
4.2. Die Kritik W. v. Wartburgs 18
5. Schlußbemerkungen 20
6. Bibliographie 21
3
0. Einleitung
Ferdinand de Saussure gilt als Begründer der „modernen“ Sprachwissenschaft. Sein Name ist jedem ein Begriff, der sich mit dieser Disziplin beschäftigt. Vor allem seine berühmten Dichotomien, die Unterscheidung in langage, langue und parole, die Lehre vom Zeichen als eine Verbindung eines signifiant mit einem signifié sowie die postulierte Arbitrarität des sprachlichen Zeichens gelten als seine Hauptlehren. 1 Wenn es jedoch um Sprachwandel bei Saussure geht, so ist häufig nur die Trennung der Sprachwissenschaft in eine synchronische und eine diachronische in der Lehre Saussures diskutiert worden. Seine genaueren Ausführungen zum Sprachwandel, wie er sich vollzieht und in welche verschiedenen Typen er einzuteilen ist, bleiben weitgehend unberücksichtigt. Bei genauerer Betrachtung stellt man aber fest, daß sich über die Hälfte des Cours de linguistique générale (CLG), der 1916 von Charles Bally und Albert Sechehaye publiziert wurde, der diachronischen Sprachwissenschaft also dem Sprachwandel widmet. 2
Ziel dieser Arbeit ist es, gerade diese Teile des CLG vorzustellen und Saussures Sprachwandeltheorie zu e rläutern. Hierzu wird es notwendig sein, zuerst die Trennung in eine synchronische und eine diachronische Sprachwissenschaft in Saussures Theorie zu erläutern. Anschließend werden die grundlegenden Prinzipien des Sprachwandels und eine Unterteilung in verschiedene Typen des Sprachwandels nach Saussure darlegt. Zum Schluß soll die Kritik an Saussures Sprachwandeltheorie und an der Trennung in eine diachronische und eine synchronische Sprachwissenschaft diskutiert werden.
Wenn man sich mit Ferdinand de Saussures Überlegungen zum Sprachwandel näher beschäftigen will, bringt der CLG einige Probleme mit sich. Dieses Werk wurde nämlich nicht von Saussure selber verfaßt, sondern ist eine Mischung aus Aufzeichnungen dreier Vorlesungen Saussures aus den Jahren 1906-1907, 1908-1909 und 1910-1911 sowie einigen Ergänzungen der Herausgeber Charles Bally und Albert Sechehaye. Zudem haben die Herausgeber kaum Aufzeichnungen von Saussure selber gefunden und mußten sich größtenteils auf die Aufzeichnungen der Schüler Saussures verlassen. So heißt es im Vorwort zum CLG:
1 Cf. ARENS, H. 2 1969: Sprachwissenschaft. Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart, Freiburg/München, p.573s.
2 Cf. WUNDERLI, P. 1990: Principes de diachronie. Contributions à l’exégèse du »cours de linguisti- que générale« de Ferdinand de Saussure, Frankfurt am Main, p. 1ss.
4
Grande fut notre déception : nous ne trouvâmes rien ou presque rien qui correspondît aux cahiers de ses disciples ; F. de Saussure détruisait à mesure les brouillons hâtifs où il traçait au jour le jour l’esquisse de son exposé ! Les tiroirs de son secrétaire ne nous livrèrent que des ébauches assez anciennes, non certes sans valeur, mais impossible à utiliser et à combiner avec la matière des trois cours. 3
Diese Fassung des CLG, die üblicherweise als Vulgatafassung bezeichnet wird, ist also nicht unbedingt geeignet, um Saussures Vorstellungen zum Sprachwandel widerzuspiegeln. Aus diesem Grund ist es im Rahmen dieser Arbeit notwendig, auf die kritische Ausgabe des CLG von Rudolf Engler und die Sekundärliteratur zu diesem Thema zurückzugreifen. Dennoch sollte die Vulgatafassung nicht unberücksichtigt bleiben, da sie die Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts erheblich geprägt hat und die Kritik an Saussures Thesen sich in der Regel auf sie bezieht. Es sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, daß die aus der kritischen Ausgabe des CLG von Rudolf Engler zitierten Stellen zum größten Teil eine Rekonstruktion der Mitschriften seiner Studenten ist. Der Leser möge sich also nicht über grammatikalische und s yntaktische Fehler in diesen Passagen wundern. Für eine ausführliche Erläuterung der aus der kritischen Ausgabe Englers übernommenen Numerierungen, Abkürzungen und Ergänzungen in eckigen Klammern wird auf das Vorwort dieser Ausgabe verwiesen. Auf die Angabe der Buchstabenkürzel für die Studenten Saussures, aus dessen Mitschriften die Ausgabe Englers entstanden ist, wurde verzichtet.
3 BALLY, CH./SECHEHAYE, A. 1915: «Préface de la première édition», in: SAUSSURE, F. DE 1968 ( 1 1916): Cours de linguistique générale, p. p. Ch. Bally et A. Sechehaye avec la collaboration de A. Riedlinger, Paris, p. 7s.
5
1. Die Dichotomie Synchronie/Diachronie
1.1. Synchronische und diachronische Sprachwissenschaft
„Die Dichotomie Synchronie/Diachronie gehört zu den Grundthemen des Cours und wird in ihm in den verschiedensten Zusammenhängen immer wieder angesprochen.“ 4 Je ein Kapitel widmet sich im CLG der linguistique synchronique und der linguistique diachronique. Diese beiden Kapitel machen etwa die Hälfte der Vulgatafassung aus. Wenn man bedenkt, daß auch in den anderen Kapiteln auf diese Unterscheidung hingewiesen wird, könnte man diese Dichotomie sogar als „Grundgerüst der Vorlesung und der Vulgatafassung“ 5 bezeichnen. Für die Untersuchung des Sprachwandels nach Saussure sollte deshalb zunächst geklärt werden, wie diese Dichotomie in Saussures Lehre zu verstehen ist.
Die Synchronie beschäftigt sich mit einem Sprachzustand, die Diachronie mit der Evolution der Sprache, also dem Sprachwandel. Diese beiden Betrachtungsweisen sind methodisch voneinander zu trennen. So heißt es in den Quellen zum CLG zum Beispiel:
1334
Nous voyons donc que la classification primordiale,
Saussure geht sogar soweit, daß er die Sprachwissenschaft in zwei Wissenschaften aufteilt: Eine statische oder synchronische und eine dynamische oder diachronische. 7 Gerade diese Trennung ist Saussure häufig vorgeworfen worden. 8 Es sei deshalb darauf hingewiesen, daß es sich hierbei um eine rein methodische Trennung handelt. Die Sprache jedoch ist als Ganzes zu betrachten, wie das folgende Zitat zeigt:
4 WUNDERLI, P. 1976: «Saussure, Wartburg und die Panchronie», ZRPh 92, p. 2.
5 WUNDERLI, P. 1976, p. 2.
6 ENGLER, R. 1968: Ferdinand de Saussure, Cours de linguistique générale, Edition critique par R. Engler, tome 1, Wiesbaden, p. 179.
7 Cf. ENGLER, R. 1968, p. 179 und WUNDERLI, P 1990, p. 27.
8 hierzu mehr im letzten Teil der Arbeit.
6
1336
...Les forces statiques et diachroniques
Es läßt sich also zusammenfassend sagen, daß für Saussure die Linguistik in zwei einzelne Wissenschaften aufgeteilt wird, die Sprache aber als Ganzes zu betrachten ist.
1.2. Abhängigkeit und Unabhängigkeit von Synchronie und Diachronie
Um seine Vorstellungen zu veranschaulichen, vergleicht Saussure die Sprache mit einem Schachspiel. Dieser Vergleich ist aus verschiedenen Gründen kritisiert worden 10 . Er verdeutlicht aber gut Saussures Vorstellungen und sei deshalb an dieser Stelle angeführt:
1474
3° Qu'est-ce qui fait passer d'une position des pièces à l'autre,
1475
d'un système à l'autre, d'une synchronie à l'autre? C'est le déplacement d'une pièce, ce n'est pas un remue-ménage de toutes les pièces.
1476
Dans ce troisième fait, nous avons I) le /[350] fait diachronique dans toute sa portée et dans tout ce qui le fait autre des faits synchroniques qu'il conditionne.
1477
Chaque coup d'échecs ne s'attaque matériellement qu'à une pièce, de même le fait diachronique.
1478
En second lieu (II), malgré cela, le coup d'échecs n'est pas calculable pour l'effet produit sur le système.
1479
Le changement de valeur qui en découle pour chacune des pièces peut être nul suivant les cas
1480
ou bien révolutionner l'ensemble
Aus diesem Vergleich läßt sich herleiten, wie sich Synchronie und Diachronie g egenseitig beeinflussen oder auch nicht beeinflussen. In dem von Saussure entwic??kelten, einfachen Schema
9 ENGLER, R. 1968, p. 180.
10 Cf. WUNDERLI, P. 1970: «Der Schachspielvergleich bei Saussure», in: Mélanges H. Stimm, Tübingen: 363-372.
11 ENGLER, R. 1968, p. 196-98.
Quote paper:
Thomas Jörgens, 2000, Die Sprachwandeltheorie von Ferdinand de Saussure, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Ad Reinhardt und Konrad Fiedler: Der künstlerische Akt, der nur sich s...
Presentation (Elaboration), 24 Pages
Sartre, Jean-Paul - Geschlossene Gesellschaft
Presentation / Essay (Pre-University), 5 Pages
Zu: Ferdinand de Saussure - "Cours de linguistique générale"
Romance Languages - French - Linguistics
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Semiotik und Wissenschaftstheorie bei Charles Sanders Peirce
German Studies - Semiotics, Pragmatics, Semantics
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Sprachwandeltheorien: das Konzept von Eugenio Coseriu
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 31 Pages
Feministische Linguistik - Geschlechtstypische Gesprächsstile
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Störungsprävention - Nolting, Kounin & Co. in der Praxis
Pedagogy - The Teacher, Educational Leadership
Internship Report, 18 Pages
Albrecht Dürers Meisterstich 'Melencolia I' - Eine Interpretat...
Art - Graphics / Illustration / Print
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Untersuchung der Marktchancen sowie Realisierung einer HBCI-Banking-Lö...
Computer Science - Commercial Information Technology
Diploma Thesis, 136 Pages
Arbeitsmigration in der Europäischen Union
Die Einschränkung der Arbeitne...
Cultural Studies - East European Studies
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Das Schaukelmotiv in Effi Briest - Ein Vergleich zwischen Roman und fi...
German Studies - Comparative Literature
Scholary Paper (Seminar), 11 Pages
Antonin Artauds "Theatre de la Cruauté" - kann es heute ein...
Termpaper, 11 Pages
von der Tradition zur Moderne
Business economics - Didactics, Economic Pedagogy
Scholary Paper (Seminar), 25 Pages
Der Blaue Reiter und die Kinderkunst - Die Suche der Künstler des '...
Termpaper, 24 Pages
Zusammenhang zwischen Unterrichtsstörung und Kompetenz am Fallbeispiel...
Pedagogy - Pedagogic Psychology
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Das neue EU-Mitglied Tschechien - Aktuelle Situation und Entwicklungsp...
Business economics - Economic Policy
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Thomas Jörgens has published the text Die Sprachwandeltheorie von Ferdinand de Saussure
Thomas Jörgens has uploaded a new text
Las palabras bajo las palabras : la teoría de los anagramas de Ferdina...
Ferdinand de Saussure, Jean Starobinski
Ferdinand Porsche - Pionier des Hybridantriebs/Hybrid Automobile Pione...
Inventor of the Hybrid Car
0 comments