Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Institut für politische Wissenschaft
Hauptseminar: Politische Philosophie des 20. Jahrhunderts
Wintersemester 2003/2004
Hauptseminararbeit zum Thema:
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule
–
Jürgen Habermas
Verfasser:
Björn Erichsen
11. Fachsemester
1. Einleitung 1
2. Strukturwandel der Öffentlichkeit 2
2.1. Bürgerliche Öffentlichkeit 3
2.2. Erosion der Öffentlichkeit und Refeudalisierungsthese 6
3. Die Theorie des kommunikativen Handelns 9
3.1. Kommunikative Rationalität 9
3.2. Lebenswelt und System 13
3.2.1. Die Lebenswelt 14
3.2.2. Entkopplung von System und Lebenswelt 16
3.3. Die Kolonialisierung der Lebenswelt 18
4. Schlussbetrachtung 21
Literaturverzeichnis 23
1. Einleitung
Jürgen Habermas, geboren 1929 in Gummersbach, steht in der Tradition der Kritischen Theorie, die vor allem auf Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zurückgeht. Ihr Beginn wird in der Regel mit der Antrittsvorlesung Max Horkheimers als Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt angesetzt. Als Ziel einer kritischen Sozialphilosophie nennt er hierbei
die philosophische Deutung des Schicksals der Menschen, insofern sie nicht bloß Individuen, sondern Glieder einer Gemeinschaft sind. Sie hat sich daher vor allem solche Phänomene zu bekümmern, die nur im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Leben der Menschen verstanden werden können: um Staat, Recht, Wirtschaft, Religion, kurz um die gesamte materielle und geistige Kultur der Menschen überhaupt.1
Habermas schließt an die Tradition der ’klassischen’ Kritischen Theorie besonders in der Hinsicht an, dass er ebenfalls das normative Ziel seiner Wissenschaft offen legen will. Anders als Horkheimer und Adorno, denen es aufgrund ihrer marxistischen Wurzeln in erster Linie um eine Emanzipation des Proletariats ging, zielt Habermas vielmehr auf eine wachsende Mündigkeit des Menschen innerhalb des demokratischen Verfassungsstaates ab, der nach seiner Ansicht, die Freiheit der Menschen herzustellen bzw. zu steigern habe.2 Habermas, über den Horkheimer einst schrieb, dass es ihm „bei aller Gescheitheit... an bon sens und geistigem Takt gebricht“3 ist, mit seiner langjährigen wissenschaftlichen Arbeit längst aus dem Schatten der ’frühen’ Frankfurter hervorgetreten. Er gilt heute relativ unbestritten als einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler und Philosophen der Bundesrepublik Deutschland. Im Feuilleton der Zeit etwa wurde er anlässlich seiner Ehrung mit dem Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001 als „Hegel der Bundesrepublik“4 bezeichnet. Diesen Respekt verdankt Habermas nicht zuletzt der Tatsache, dass er immer wieder als ebenso streitbarer wie streitwilliger Denker in die Öffentlichkeit getreten ist und zumeist die Konfrontation mit vorherrschenden Meinungsbildern gesucht hat. Zu nennen sind hier vor allem der Positivismusstreit an der Seite Adornos gegen Karl R. Popper und Hans Albert (1961-1968), die Linksfaschismusdiskussion mit Rudi Dutschke und dem SDS auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen und vor allem auch der Historikerstreit (1986/87), bei dem sich Habermas gegen die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen wand.5
Habermas ist allerdings in seinen Ausführungen und dies sei hier deutlich gesagt, nicht immer leicht zu verstehen. Hoffmann beschreibt dies in einer Anekdote:
1966 in Frankfurt. Ich entsinne mich, wie einer der Kommilitonen im überfüllten Hörsaal der Universität Jürgen Habermas´ Vorlesung unterbrach mit der Bitte, ob er nicht doch etwas unkomplizierter sprechen könne, es sei so schwer, ihn zu begreifen. Eine Hälfte des Auditoriums applaudierte. Er verspreche, sein Bestes zu tun, erwiderte Habermas, um verstanden zu werden. Daraufhin buhte die andere Hälfte. Denjenigen, die jetzt gebuht hätten, könne er versichern, meinte der junge Habermas weiter, seine guten Absichten würden ganz gewiss scheitern. 6
Die Schwierigkeit beim Umgang mit den Schriften von Habermas liegt neben der beachtlichen analytischen Tiefe und der hohen Komplexität seiner Gedankengänge nicht zuletzt daran, dass die intensive und ausführliche Auseinandersetzung mit den Ansätzen anderer Denker einen überaus hohen Stellenwert in seiner Theoriebildung hat. Habermas selbst hat einmal die Art und Weise, wie er sich fremde Theorien aneignet, mit dem Arrangieren von Blumen verglichen: „Wenn ich eine interessante Blume oder ein Kraut gefunden habe, schaue ich, wie sie mit anderen zusammenpassen, ob es daraus einen Strauß, ein Muster geben kann.“7
Im Folgenden soll auf einen weiteren Überblick über Biographie und Bibliographie zugunsten einer ausführlicheren Darlegung der Habermasschen Grundbegriffe „Öffentlichkeit“ und „kommunikatives Handeln“ verzichtet werden. Hierbei stehen mit seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (StÖ) und seinem Hauptwerk „Die Theorie des kommunikativen Handelns“ (TKH) zwei Schriften im Mittelpunkt der Betrachtung, die sich bis in die Gegenwart einer hohen Rezeption erfreuen und noch immer Ansatz für weiterführende Studien bieten. Auf Habermas´ bedeutende Spätschrift „Faktizität und Geltung“, die vor allem in rechtstheoretischer und politikwissenschaftlicher Hinsicht an die TKH anknüpft, kann leider hinsichtlich des begrenzten Rahmens einer Hauptseminararbeit nicht eingegangen werden.
2. Strukturwandel der Öffentlichkeit
Seine 1961 veröffentlichten Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hat Habermas aufgrund des Widerstandes von Horkheimer nicht am Institut für Sozialforschung in Frankfurt, sondern bei Wolfgang Abendroth in München vorgelegt. Es handelt sich hierbei um eine politikwissenschaftliche Arbeit, die sich bemüht, den Begriff der „Öffentlichkeit“ als ein grundlegendes politisches Ordnungsprinzip zu bestimmen, an dem der strukturelle Wandel der Gesellschaft expliziert werden kann. Zunächst nimmt Habermas hierfür eine idealtypische Beschreibung der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ vor, die sich im 17. und 18. Jahrhundert aus den Formen mittelalterlicher Arkanöffentlichkeit entwickelte. Daraufhin wendet er sich dem Erosionsprozess der Öffentlichkeit in sozialstaatlichen Massendemokratien zu, die er am zuvor entwickelten, idealtypischen Modell misst. Öffentlichkeit fungiert im StÖ somit als realhistorischer Beobachtungsgegenstand und normatives Prinzip gleichermaßen.8
[....]
1 M. Horkheimer: Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt am Main 1988, S. 20.
2 Vgl.: D. Horster: Jürgen Habermas, Neufassung, Hamburg 1999, S. 13ff, (im folgenden zitiert als D. Horster, „1999“, a. a. O.).
3 M. Horkheimer: Gesammelte Schriften, Bd. 18, „Briefwechsel 1949-1973“, Frankfurt am Main 1996, S. 437- 449.
4 J. Ross: Hegel der Bundesrepublik, in: Die Zeit, Ausgabe 42, 2001, im Internet, URL: http://www.zeit.de/2001/42/Kultur/print_200142_habermas.html
5 Vgl.: W. Reese-Schäfer: Jürgen Habermas, 3. vollst. überarb. Auflage, Frankfurt am Main, S. 15.
6 G. Hoffmann: Denker in der Arena, in: Die Zeit, Nr. 25, 16.06.1989.
7 J. Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt am Main, 1985, S. 207.
8 Vgl.: R. Heming: Öffentlichkeit, Diskurs und Gesellschaft, Wiesbaden 1997, S. 25.
Quote paper:
Björn Erichsen, 2003, Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule - Jürgen Habermas, Munich, GRIN Publishing GmbH
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