Inhalt
1. Einleitung Seite 4
1.1. Die Entstehung des Projekts Seite 4
1.2. Intentionen der vorliegenden Arbeit Seite 5
2. Neophyten als Kulturfolger Seite 6
2.1. Definitionen Seite 6
2.2. Neophyten in Deutschland Seite 8
3. Ausstellungs- und Museumspädagogik im Wandel -
geschichtliche Hintergründe und aktueller Bildungsauftrag Seite 12
3.1. Museumspädagogik im Botanischen Garten? Seite 12
3.2. Geschichtliche Entwicklungen der Museumspädagogik Seite 12
3.3. Grundlagen der Museumspädagogik Seite 15
3.3.1. Begriffsbestimmung Seite 15
3.3.2. Museumspädagogik und Schule Seite 17
3.3.3. Ziele und Methoden der Museumspädagogik Seite 19
4. Konzepte zur interaktiven Führung durch die Ausstellung mit
einf ührendem Textteil zur jeweiligen Station Seite 22
4.1. Curriculare Einordnung Seite 22
4.2. Die Ausstellungsrallye Seite 23
4.2.1. Station Kokospalme - Ein Archäophyt Seite 24
4.2.2. Station Wasserhyazinthe - Ein Neophyt auf dem Wasser Seite 25
4.2.3. Station Schmuckschildkröte - Ein Neozoon gefährdet
heimische Schildkröten Seite 26
4.2.4. Station Stadtbrache - Neophyten in der Stadt Seite 27
4.2.5. Station Springkraut - Ein Neophyt mit spezieller
Verbreitungstechnik Seite 29
4.2.6. Station Herkulesstaude - Ein giftiger Neophyt Seite 30
4.2.7. Station Rosskastanie - dem Neophyt folgt das Neozoon Seite 32
4.2.8. Station Scheinakazie - Ein Neophyt, der sich „seinen Boden
selbst bereitet“ Seite 33
4.2.9. Station Goldrute - Ein Neophyt auf dem Land Seite 34
4.3. Schüler führen Schüler Seite 35
4.4. Projektarbeit Seite 36
2
5. Material Seite 39
5.1. Material für die 4-stündige Rallye (Klassen 5 und 6) Seite 39
5.2. Material für die 5-stündige Rallye (Klasse 7 bis 9) Seite 52
6. Abschließende Betrachtung Seite 64
7. Literatur Seite 65
3
1. Einleitung
1.1. Die Entstehung des Projekts
Eine Ausstellung zum Thema „Invasive Pflanzen“ - mit dieser Idee trat Herr Michael Burkart, Kustos des Botanischen Gartens Potsdam im Herbst 2002 an Fachkollegen und interessierte Studierende heran. Ausgangspunkt war die aktuelle Thematik invasiver neophytischer Pflanzen, die in Fachkreisen nach weitsichtigen und umfassenden Lösungen drängt, um diese auf nationaler wie internationaler Ebene umsetzen zu können. Die Konzeption der Ausstellung war dabei zunächst völlig offen und wurde zum großen Teil während der Vorbereitungstreffen erarbeitet. Grundsätzliche Ziele dabei waren, die Invasionsproblematik einem breiten Publikum möglichst eindrucksvoll vor Augen zu führen. Dabei sollte darauf geachtet werden, keine emotionale Diskussion über „fremde“ Pflanzen zu unterstützen, sondern vielmehr aufklärend zu wirken. Zu diesem Zweck wurden besonders prägnante Beispiele ausgewählt, die einerseits die Probleme in Deutschland durch eingewanderte Pflanzen darstellen sollten, andererseits aber auch solche, die bei uns heimisch, in anderen Gebieten der Erde zu ernsten Bedrohungen der dort einheimischen Flora (und Fauna) werden.
Im Laufe der konzeptionellen Arbeit entstand eine Zusammenarbeit mit dem Naturkundemuseum Potsdam, das die Neophytenausstellung des Botanischen Gartens um die Darstellung der Neozoen-Problematik bereichern würde. Der Titel der Ausstellung wurde dann so gewählt, dass er beide Teilbereiche, Neophyten wie Neozoen, abdecken würde. Außerdem wurden weltweit Kontakte zur Beschaffung der fraglichen Pflanzen geknüpft, um möglichst viele Originale in der Ausstellung präsentieren zu können.
Bei der Ausstellung invasiver Pflanzen besteht jedoch auf Grund der darzustellenden Problematik eine besondere Sorgfaltspflicht, schließlich sollte nicht riskiert werden, den Botanischen Garten seinerseits von diesen Pflanzen überschwemmen zu lassen und sich die damit verbundenen Schwierigkeiten quasi „nach Hause“ zu holen. Aus diesem Grund wurde zu jeder Zeit eng mit den zuständigen Gärtnern zusammengearbeitet, die dann auch das letzte Wort in der Pflanzenauswahl bzw. in der Darstellungsmöglichkeit hatten.
Im Rahmen der Präsentationsmöglichkeiten wurde die Frage aufgeworfen, wie die Ausstellung für Kinder interessant und aufschlussreich gestaltete werden könnte. Da die meisten angeschnittenen Themenbereiche zumindest ein grundlegendes ökologisches Verständnis voraussetzen, sollten möglichst viele interaktive Elemente eingebaut werden, um den Kindern über eigenes Handeln Zusammenhänge transparenter zu machen und gleichzeitig kognitives Wissen zu vertiefen.
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1.2. Intentionen der vorliegenden Arbeit
Es bot sich an, diese handlungsorientierten Elemente im Rahmen einer gesonderten Arbeit zu gestalten, um auf der Grundlage der verschiedenen Stationen der Ausstellung den materiellen Hintergrund zur späteren praktischen Arbeit mit Kindern, insbesondere mit Schulklassen, zu liefern.
Im Gegensatz zur Ausstellung liegt ein deutlicher Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit auf den in Deutschland eingewanderten Arten. Natürlich soll dies nicht dem Zweck dienen, bei den Kindern die Basis für einen emotionale „Einwanderer-Angst“ zu legen und es ist der Autorin durchaus bewusst, dass dies eine reale Gefahr darstellt. Nichtsdestotrotz sollen die Kinder während des Ausstellungsbesuchs Material erhalten, mit dem sie an vorhandenes Wissen anknüpfen können. Dieses Material soll außerdem mit den Zielen des naturwissenschaftlichen Unterrichts in der Sekundarstufe I korrelieren, so dass ein Ausstellungsbesuch auch immer wieder Anknüpfungspunkt im Unterricht sein kann. Vor allem in den Klassen 5 und 6 steht die Kenntnis der heimischen Natur im Vordergrund, aber auch in den Klassen 7-9 ist im Bereich der Artenkenntnis überwiegend die heimische Flora und Fauna zu betrachten.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei große Teilbereiche:
Zunächst soll der theoretische Hintergrund der Neophytenproblematik allgemein und abgrenzend dargestellt werden. Anschließend wird eine Zusammenfassung der wichtigsten Entwicklungen der Museumspädagogik aufzeigen, welche historischen Hintergründe zu dem heutigen Verständnis von Ausstellungs- und Museumspädagogik geführt hat, die es sich zur Aufgabe macht, spezielles Material für Kinder zu entwickeln. Im dritten Teil der Arbeit werden die Vorschläge zur didaktischen Umsetzung zunächst curricular eingeordnet. Anschließend erfolgt ein Vorschlag für eine Ausstellungsralley für die Sekundarstufe I unterteilt in einen 4-stündigen Teil für die Klassen 5 - 6 und einen 5stündigen Teil für die Klassen 7-9 mit Hintergrundinformationen zur jeweiligen Station sowie der konkreten didaktischen Umsetzung. Ein zweiter Vorschlag soll eine Möglichkeit eröffnen, den Schülern Raum zu mehr Eigentätigkeit und Eigenverantwortung zu geben. Schließlich sollen beide Konzepte vereint als Grundlage für ein mehrtätiges Projekt mit entsprechenden Hinweisen auf die theoretischen Grundlagen der Projektarbeit dienen.
Neozoen und Neomyceten, die in den Bereich des Naturkundemuseums fallen, werden sowohl bei der theoretischen Betrachtung wie auch bei der didaktischen Bearbeitung nur im Einzelfall dargestellt, da sie den Rahmen der Arbeit sprengen würden und außerdem bereits vom Naturkundemuseum didaktisch bearbeitet werden.
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2. Neophyten als Kulturfolger
2.1. Definitionen
Als Neophyten bezeichnet man im Allgemeinen die nach dem Jahr 1500 (Entdeckung Amerikas 1492) durch anthropogenen Einfluss eingewanderten, gebietsfremden (allochthonen) Pflanzenarten 1 . Der Begriff bildet den Gegensatz zu indigenen (einheimischen) Pflanzen, wie auch zu Archäophyten, die schon in prähistorischer Zeit mit Hilfe des Menschen eingewandert sind und zu denen beispielsweise viele Ackerunkräuter gehören 2 .
Bezieht man den Begriff weiter gefasst auch auf Pilze (Neomyceten) und Tiere (Neozoen), so kann man die Gesamtheit der in die indigene Natur eingewanderten Organismen als Neobiota bezeichnen. Dazu sind auch gezüchtete und gentechnisch veränderte Organismen, sowie spontan entstandene Hybridisierungen zu zählen 3 . Doch was macht nun einwandernde Pflanzenarten zu biologischen Invasoren? Dazu ist zunächst zu sagen, dass nach der letzten Eiszeit eine Einwanderung neuer Arten durch Wiederbesiedelung der eisfreien Flächen stattfand, jedoch ist „spätestens seit der neolithischen Revolution [wird] dieser Prozess durch Menschen beeinflusst“ 4 Dies ist ein wesentliches Merkmal dessen, was wir heute unter ‚Biologischer Invasion’ verstehen, nämlich „die durch Menschen vermittelte Ausbreitung von Organismen in einem Gebiet, das sie zuvor nicht auf natürlichem Wege erreicht haben“ 5 . Die Überwindung natürlicher, geographischer Ausbreitungsbarrieren geschieht dabei nicht nur durch absichtlichen oder unabsichtlichen Transport durch den Menschen, sondern auch das Erreichen natürlicher Transportwege mit Hilfe des Menschen, wie z. B. Fließgewässer, die dann zur weiteren Verbreitung der Art beitragen. Etwa 90% dieser eingewanderten Pflanzenarten sind nicht in der Lage, sich auf Dauer an ihrem neuen Standort zu etablieren und können daher nur dann zum Problem werden, wenn der Zustrom an Diasporen nicht abreißt. Den übrigen 10% gelingt es, sich dauerhaft anzusiedeln und sich selbständig zu reproduzieren. Von diesen integrieren sich wiederum die meisten in die bestehenden Pflanzengesellschaften, ohne Schaden anzurichten. Sie besetzen eine freie ökologische Nische oder konkurrieren derart mit der angestammten Flora, dass insgesamt eine Bereicherung der Artenvielfalt zu verzeichnen ist (siehe Station „Stadtbrache“).
Der Zustrom nichteinheimischer Arten nach Mitteleuropa war in den verschiedenen Epochen unterschiedlich stark, ein Höhepunkt wird dabei im 19. Jh. angenommen 6 , durch absichtliche Einfuhr als Zierpflanzen und Austausch zwischen den Botanischen Gärten, aber auch absichtlich oder unabsichtlich im Zuge der Zunahme weltweiter Handelsbeziehungen und des Verkehrs. Ein nicht unerheblicher Teil der mittlerweile problematischen Arten wurde dabei als Nutzpflanzen eingeführt und gezielt ausgebracht, beispielsweise als Futterpflanzen, Bienenweide oder Böschungsbegrünung. Anschließend erfolgte bei diesen Pflanzen eine Auswilderung durch Wasser, Tier oder Mensch, insbesondere durch Eingriffe in natürliche Standorte (z. B. Flussbegradigungen),
1 Schubert/Wagner: Botanisches Wörterbuch. UTB Wissenschaft, Stuttgart: Ulmer, 2000, S.
2 Ebd. S. 101
3 Kowarik: Biologische Invasionen in Deutschland: Zur Rolle nichteinheimischer Pflanzen, TU Berlin, Institut für Ökologie,
http://www.tu-berlin.de/~oekosys/pdf_dateien/110%20Kowarik%202002%20NEOBIOTA%201,%20S.5-24.pdf S. 7
4 a.a.O. Kowarik S. 8
5 a.a.O. Kowarik S. 8
6 vgl. a.a.O. Kowarik, S.8
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Veränderung der abiotischen Faktoren (z. B. Grundwasserabsenkung) und Transport von Erdmaterial. Häufig kommen mehrere Faktoren gleichzeitig zum Tragen. Neben der anthropogenen Komponente ist die Neophytenproblematik durch ein zweites Merkmal charakterisiert: Die massenhafte Ausbreitung einer Art durch hohe Samenproduktion und/oder starke Wurzel- bzw. Rhizomsysteme, rasches Höhenwachstum bzw. Schattentoleranz der Keimpflanzen und das Fehlen natürlicher Feinde (Fraßfeinde und Parasiten, Schadinsekten, Krankheitserreger und Konkurrenzpflanzen) 7 . Häufig weisen die invasiven Arten auch eine große allgemeine ökologische Amplitude auf und konkurrieren daher erfolgreich mit der einheimischen Flora um Wasser, Nährstoffe und Licht.
Eine dritte Komponente ist die genetische Anpassung: möglicherweise sind einige Arten deshalb in der Lage, sich an ihrem neuen Standort so massiv zu etablieren, weil sie zufällig eine besonders günstige genetische Variation erfahren haben.
„Weltweit werden biologische Invasionen zu den wesentlichen Gefährdungsfaktoren der biologischen Vielfalt gezählt.“ 8 Sie verursachen hohe Kosten durch „Beeinträchtigungen von Landnutzungen“ 9 , Fischerei und Wasserkraftnutzungen. Außerdem verändern „biologische Invasionen [verändern] die genetische Struktur von Populationen ebenso wie Verbreitungsmuster von Arten im lokalen, regionalen, kontinentalen und globalen Maßstab. Ihre Folgen sind daher ökologisch und in höchstem Maße auch evolutionär und biogeographisch relevant“ 10 . Die ökologischen Wirkungsebenen reichen vom Individuum bis zum Ökosystem.
Angesichts dieser weit reichenden Problematik verpflichteten sich 1992 „die Unterzeichnerstaaten im Übereinkommen über die biologische Vielfalt“ in Artikel h „soweit wie möglich und sofern angebracht, ... die Einbringung nichteinheimischer Arten, welche Ökosysteme, Lebensräume oder Arten gefährden, [zu] verhindern, diese Arten [zu] kontrollieren oder diese Arten [zu] beseitigen“ 11 . Dazu sind eine vorausschauende Vermeidung der Ersteinführung oder Ausbringung bereits problematischer Arten und ein fundiertes Problemmanagement bei bereits vorhandenen Arten notwendig. Zur Identifizierung betroffener Arten muss eine generelle Einordnung und Bewertung von Invasionen in Flora und Fauna im Allgemeinen und im Einzelfall stattfinden. Grundlage zur Einordnung können nur zuvor gewonnene, detaillierte Sachinformationen zu den vielfältigen Auswirkungen der Invasion, aber auch der Bekämpfungsmaßnahmen sein. Es ist also eine differenzierte Betrachtung, eine naturwissenschaftliche Erforschung von Ursache-Wirkungsbeziehungen nötig. Selbst bei gut untersuchten Arten fehlen oft gesicherte Daten, vor allem langfristig. Bei vielen Arten besteht eine„erhebliche Diskrepanz zwischen der Annahme und dem Nachweis invasionsbedingter Folgen“ 12 . Diese Punkte werden heute in der Praxis kaum berücksichtigt, es erfolgen oft Einzelfallentscheidungen auf Grund ökonomischer Interessen ohne detaillierte Sachkenntnis, die teilweise fatale Folgen haben.
7 vgl. Wolfangel, Martin: Indisches Springkraut, Japanischer Staudenknöterich und das massenhafte Auftreten anderer Neophyten - eine Gefahr für heimische Pflanzengesellschaften in Deutschland und anderen europäischen Ländern. http://members.tripod.de/martin_wolfangel/ , S. 1
8 a.a.O. Kowarik: Biologische Invasionen in Deutschland, S. 6
9 a.a.O. Kowarik: Biologische Invasionen in Deutschland, S. 6
10 Kowarik: Biologische Invasionen in Deutschland, S. 12
11 a.a.O. Kowarik nach BMU 1992
12 a.a.O. Kowarik: Biologische Invasionen in Deutschland, S. 12
7
2.2. Neophyten in Deutschland
Auch hierzulande muss in der Diskussion deutlich zwischen Neophyten allgemein und invasiven Arten im Besonderen unterschieden werden. So tragen nichtinvasive Neophyten teilweise erheblich zur Erweiterung der Flora bei. Gegenwärtig sind von 3062 Sippen in Deutschland 77,6% einheimisch, 22,4% nichteinheimisch, davon 9% Archäophyten und 13,4% Neophyten, 1,5% ausgestorbene Sippen 13 . Damit übersteigt die Anzahl der Neopyhten bei Weitem die Anzahl der ausgestorbenen Pflanzenarten. Nicht berücksichtigt in dieser Zusammenstellung ist die große Anzahl der Ephemerophyten (bisher nicht etablierte Neophyten). Von den 687 in Deutschland etablierten Sippen werden zurzeit ca. 50 Arten gezielt bekämpft, das sind weniger als 8% der insgesamt eingebürgerten Neophyten 14 . Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 92% der etablierten Arten unproblematisch sind. Wenige neophytische Arten stehen sogar auf der Roten Liste und sind damit auch Gegenstand von Naturschutzbemühungen, z. B. Tulipa sylvestris (Wilde Tulpe) und Gentiana purpurea (Purpur-Enzian) 15 .
Einigen Neophyten ist in den letzten Jahrzehnten eine rasante Ausbreitung gelungen, insbesondere an Bahnlinien, Wegrändern und Fließgewässern, in brach gefallenen Äckern, Weinbergen und Wiesen. Auch wenn die Anzahl der problematischen Pflanzenarten verglichen mit der Zahl der unproblematischen relativ gering ist, kann nicht geleugnet werden, dass diese wenigen doch erhebliche Veränderungen in den regionalen Pflanzengesellschaften hervorrufen können. Dies bestätigen 72% der befragten Fachleute in Niedersachsen aus Natur- und Küstenschutz, Forst- und Wasserwirtschaft und öffentliche Grünanlagen Probleme mit Neophyten 16 .
In Zukunft ist noch mit einem erhöhten Zustrom zu rechnen durch die „zeitliche Verzögerung der Ausbreitung von bereits im Gebiet vorhandenen Taxa“, durch die „Besiedelung neuer Teilgebiete von Deutschland als Ergebnis natürlicher und anthropogener Ausbreitungsprozesse“, „die Ersteinführung neuer Arten durch neuartige Ausbreitungsvektoren“, und die moderne „Art[en] der Pflanzenvermehrung undverwendung“ 17 .
Besonders leicht gelingt den invasiven Arten das Eindringen in von Menschen gestörte Biotope, die offene Bodenstellen aufweisen, z. B. brachliegende Äcker, aufgegebene Industriestandorte, Uferbebauung und forstwirtschaftlich genutzte Flächen. Hier entstehen neophytische ‚Monokulturen’, die sich anschließend in die umliegende Flora ausbreiten. Die angestammten Pflanzenarten werden von ihren Wuchsorten zurückgedrängt, das Nahrungsangebot an Blühpflanzen für spezialisierte Insekten wie Wildbienen und Rüsselkäferarten (auch Rote Liste Arten) schwindet, da der in Jahrtausenden entwickelte Anpassungsprozess nicht so schnell neu vollzogen werden kann, wie die Verdrängung
13 vgl. a.a.O. Kowarik S. 9 ff
14 vgl. a.a.O. Kowarik, S. 9 ff
15 vgl. Hartmann, Schuldes, Kübler, Konold: Neophyten. Biologie, Verbreitung und Kontrolle ausgewählter Arten. Landsberg: ecomed, 1994, S. 1
16 vgl. Schepker, Kowarik: Bekämpfung von Neophyten in Niedersachsen: Ursachen, Umfang, Erfolg. http://www.tu-berlin.de/~oekosys/pdf_dateien/112%20Schepker%20&%20Kowarik,%20NEOBIOTA%201%20343-354.pdf S. 343
17 a.a.O. Kowarik: Biologische Invasionen in Deutschland, S. 9
8
voran schreitet. Außerdem werden auch negative Auswirkungen auf Nistplätze von Vögeln und die Siedlungsdichte von Kleinsäugern beobachtet. 18 Ein Großteil der Neophyten haben „einen Verbreitungsschwerpunkt in den Hochstaudensäumen der Wasserläufe“ 19 . Dort finden sie günstige ökologische Bedingungen vor und das Verbreitungsmedium Wasser trägt seinen nicht unerheblichen Teil zur Verschärfung der Problematik bei.
Die Ufervegetation zeigt entlang weiter Strecken Veränderungen durch Eingriffe des Menschen. Während natürliche Gewässer von Gehölzen gesäumt sind, die sich je nach der Nähe zur Wasserkante in Bereiche der Weichholzauen (mit Schmalblattweide, Schwarzerle, Grauerle) und Hartholzauen unterteilen lassen, sind diese durch Flussbegradigungen, Grundwasserabsenkungen, Rodung und Umfunktionierung zu Äckern und Weiden heute stark dezimiert bzw. vollständig vernichtet 20 . An die Stelle der Gehölze sind Staudenfluren getreten, die im Bereich der oligotrophen Gewässer z. B. von Lythrium salicaria (Gemeiner Blutweiderich), Lysimachia vulgaris (Gemeiner Gilbweiderich), Filipendula ulmaria (Echtes Mädesüß) 21 gebildet werden. An eutrophierten Gewässern hat wiederum eine Artverschiebung in Richtung von Urtica dioica (Große Brennnessel), Convolvulus sepium (Echte Zaunwinde), Galium aparine (Kletten-Labkraut), Aegopodium podagraria (Giersch), Petasites hybridus (gemeine Pestwurz) u. a. 22 stattgefunden. In den letzten Jahrzehnten ist eine neuerliche Artverschiebung festzustellen: eine Ausbreitung der Neophyten in Staudensäumen 23 . Nach Hartmann et al. waren die Voraussetzungen für die Neophytenausbreitung die „Vernichtung der ursprünglichen Ufer- und Auenvegetation“ 24 und die damit verbundenen Freiflächen, Bestandslücken, Änderungen der Boden- und Lichtverhältnisse und Grundwasserabsenkungen“. Im Gegensatz dazu sind nach Meinung Wolfangels (NABU) jedoch nicht nur durch anthropogenen Einfluss veränderte Standorte durch Neophytenausbreitung bedroht. Immerhin begünstigen auch natürliche Vorgänge die Ansiedlung und Ausbreitung der Neophyten, z. B. „natürliche Neulandbildung durch Bodenanrisse oder frisch abgelagerte Lockersedimente sowie die Transportleistung des fließenden Wassers für Samen und Pflanzenstücke“ 25 , so dass auch naturnahe Standorte gefährdet sind.
In diesem Zusammenhang sind besonders Solidago spec, Impatiens glandulifera, Reynoutria japonica und Reynoutria sachalinensis zu nennen, die durch Dickichtbildung die angestammten Hochstaudenfluren verdrängen und in der Lage sind, in Rohrglanzgras-und Schilfröhrichte einzudringen und diese abzubauen 26 . Auch wirken sich Dominanzbestände der genannten Arten durch die Verdrängung der bodenfestigenden Gräser negativ auf Ufersicherheit und Hochwasserabfluss aus 27 .
Eine Zusammenstellung problematischer Arten ergibt neben 15 Archäophyten 35 Neophyten, die zurzeit gezielt bekämpft werden 28 . Dabei wird jedoch nicht zwischen hochproblematischen Arten und solchen, die nur gelegentlich bekämpft werden, unterschieden. Eine Differenzierung nach der Art der Auswirkungen ist dringend
18 vgl. a.a.O. Hartmann u. a., S. 9
19 a.a.O. Hartmann u. a., S. 9
20 vgl. a.a.O. Hartmann u. a. S. 9
21 vgl. a.a.O. Hartmann u. a., S. 9
22 vgl. a.a.O. Hartmann u. a., S. 9
23 vgl. a.a.O. Hartmann u. a. , S. 9
24 a.a.O. Hartmann u. a. S. 9
25 a.a.O. Hartmann u. a. S. 9
26 a.a.O. Hartmann u. a.. S. 10
27 a.a.O. Hartmann u. a. S. 10
28 vgl. a.a.O. Kowarik, S. 16
9
erforderlich, so z. B. nach naturschutzfachlichen Auswirkungen und solchen, die sich im Bereich von land-, forst- und wasserwirtschaftlichen Interessen, sowie der Gefährdung der menschlichen Gesundheit bewegen. Jedoch sind diese Angaben nicht als vollständig anzusehen, da die „Kenntnisse über nachteilige ökonomische und ökologische Folgen nichteinheimischer Arten selbst bei auffälligen Taxa lückenhaft sind“, „viele Bekämpfungsmaßnahmen und deren Auslösefaktoren nicht dokumentiert sind“, „kein Konsens über geeignete Bewertungsgrundsätze besteht“ und „Invasionen unterhalb der Artgrenze nicht berücksichtigt werden“, obwohl gebietsfremde Sippen die genetische Vielfalt durch Ausbreitung, Hybridisierung und Rückkreuzung beeinflussen 29 .
Im Gegensatz zur Gewinnung der Erkenntnisse erfolgt die Bewertung derselben nicht mehr nur nach wissenschaftlichen Kriterien, „da der Bewertungsvorgang durch eine Bezugnahme auf Normen, Ziele und andere Wertvorstellungen erfolgt“ 30 und einzelne Arten oft nur regional Probleme verursachen.
Die Diskussionen über invasive Arten sind häufig unterschwellig emotional und stark anthropozentrisch geprägt, es erfolgt eine Verteidigung des ‚Heimischen’ gegenüber dem ‚Fremden’ 31 . Eine normative Grundlage bietet das Bundesnaturschutzgesetz im Abschnitt zum Artenschutz: nichteinheimische Arten werden dann wie einheimische behandelt, sofern sie ‚in freier Natur’ fest in Deutschland eingebürgert sind (§20a BNatSCHG). Damit würdigt der Gesetzgeber die Bedeutung der anthropogenen Floren- und Faunendynamik, die seit dem Neolithikum eng mit den mitteleuropäischen Kulturlandschaften verbunden ist 32 . Grundsätzlich werden Veränderungen durch Neobiota also toleriert, jedoch nur in dem Ausmaß, wie sie einzelne einheimische Arten nicht gefährden oder zur „Verfälschung der Tier und Pflanzenwelt“ 33 führen. Diese Formulierung bietet im Einzelfall sicherlich Diskussionspotential, sind doch die Kriterien, an denen eine ‚Verfälschung’ festgemacht werden könnte, nicht näher definiert. Es steht jedoch fest, dass schon die im Gesetz implizierten Einzelfallentscheidungen ein umfassendes Vorgehen gegen Neophyten in Deutschland ausschließt, das von führenden Wissenschaftlern als „absurd und weit ab von der Realität biologischer Prozesse“ 34 gewertet wird. Auch diese grundlegende Einstellung bietet Zündstoff, geht sie doch einigen Fachleuten nicht weit genug 35 . Fest steht allerdings, dass durch fehlende Instrumentarien das Bundesnaturschutzgesetz im Hinblick auf die Neophytenproblematik selten angewendet wird 36 . Der einzige Anhaltspunkt zur Einstufung einer Art als problematisch ist momentan die gezielte Bekämpfung in mindestens einem Teil Deutschlands. Dieser Zustand muss im wissenschaftlichen Sinne als höchst unbefriedigend betrachtet werden, immerhin werden hier Ursache und Wirkung gleichgesetzt.
Die Bekämpfung erfolgt also regional nach Einzelfallentscheidung, vor allem bei Massenausbreitung in Naturschutzgebieten. Sie ist oft mit hohen Kosten verbunden, meist sind jedoch nur Schätzwerte vorhanden, da keine detaillierten Kostenabrechnungen vorgenommen werden; z. B. wurden in Niedersachsen 1995 ca. 14,7 Millionen DM für
29 a.a.O. Kowarik, S. 18
30 a.a.O. Kowarik, S. 10
31 vgl. a.a.O. Kowarik, S. 12
32 a.a.O. vgl. Kowarik, S. 15
33 a.a.O. Kowarik, S. 15
34 a.a.O. Hartmann u. a., S. 1
35 vgl. a.a.O. Wolfangel, Martin
36 a.a.O. vgl. Kowarik
10
insgesamt 222 bekämpfte Vorkommen aufgewendet, wobei die Misserfolgsrate allerdings bei 77% lag 37 .
Auslöser für die Bekämpfung sind meist ökonomische Probleme, z. B. die Behinderung forstwirtschaftlicher Arbeiten auf Grund von Neophyten; Naturschutzkonflikte, z. B. die Verdrängung geschützter Arten oder gesundheitliche Risiken, z. B. durch die Herkulesstaude 38 .
Als Bekämpfungsmaßnahmen kommen im Wesentlichen mechanische und chemische Verfahren oder deren Kombination zur Anwendung. Mechanische Methoden sind das Abschneiden, Schlegeln oder Schreddern; chemische Methoden vor allem der Einsatz von Herbiziden 39 . Kombinationen aus chemischen und mechanischen Verfahren haben sich am meisten bewährt, z. B. das Kappen oder Einkerben bei der Späten Traubenkirsche und anschließendem Bestreichen mit einem geeigneten Herbizid in ausreichender Dosierung zum richtigen Zeitpunkt 40 .
Trotzdem besteht nach wie vor eine hohe Misserfolgsrate bei der Bekämpfung problematischer Neophyten. Dies resultiert aus dem schlechten Informationszugang zu bestehenden Bekämpfungserfahrungen, so dass oft schon im Ansatz falsche Methoden gewählt werden; z. B. stimuliert das Abschneiden von Robinia oft erst den Neuaustrieb mit Hilfe unterirdischer Ausläufer, ein Abschneiden von P. serotina führt zu buschigem Stockausschlag. Außerdem werden eigentlich zielführende Methoden oft unzulänglich eingesetzt, z. B. durch zu starke zeitliche und räumliche Begrenzung. Zur erfolgreichen Bekämpfung sind oft mehrjährige und nachhaltige Maßnahmen notwendig, z. B. die Beweidung durch Schafe, sowie die Beachtung von Nachbarbeständen. Außerdem würde eine Verbesserung der überregionalen Datenverfügbarkeit, Standortmonitoring und experimentelle Prüfung der Effektivität von Bekämpfungsmaßnahmen die Erfolgsquote wesentlich verbessern. Allerdings sind in den zuständigen Behörden meist weder die personelle Ausstattung, noch die Kontinuität der Arbeit gewährleistet 41 .
Aus diesen Gründen muss in Zukunft ein Hauptaugenmerk auf vorbeugenden und alternativen Strategien liegen. Vor allem eine Kontrolle der Ersteinführung und der primären und sekundären Ausbringung neophytischer Arten muss verstärkt werden, sowie eine vorherige Kosten-Nutzen-Berechnung bei Bekämpfungsmaßnahmen. Als alternative Strategie könnte eine Förderung potentieller Konkurrenten durch gezielte Unterpflanzung in Erwägung gezogen werden. 42
Insgesamt sollten bei allen Aktivitäten qualifizierte und quantifizierte Bewertungen vorgeschaltet werden, um kurzsichtige Entscheidungen zu vermeiden.
37 vgl. a.a.O. Schepker, Kowarik, S. 347
38 vgl. a.a.O. Schepker, Kowarik, S. 346
39 vgl. a.a.O. Schepker, Kowarik, S. 348
40 vgl. a.a.O. Schepker, Kowarik, S. 348
41 vgl. a.a.O. Schepker, Kowarik, S. 352
42 vgl. a.a.O. Schepker, Kowarik, S. 352
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3. Ausstellungs- und Museumspädagogik im Wandel - geschichtliche Hintergründe und aktueller Bildungsauftrag
3.1. Museumspädagogik im Botanischen Garten?
Bevor man sich den geschichtlichen Entwicklungen der Museumspädagogik zuwenden kann, ist zunächst einmal zu prüfen, ob Museumspädagogik per definitionem zum Botanischen Garten passt. Dazu muss der Begriff ‚Museum’ näher definiert und mit der Einrichtung des Botanischen Gartens verglichen werden.
Das International Council of Museums (ICOM) bietet dazu folgende Definition an: „Ein Museum ist eine im öffentlichen Interesse verwaltete, ständige Einrichtung mit der Aufgabe, Objekte von kulturellem Wert zu bewahren, auf unterschiedliche Art und Weise zu erforschen und - vor allem - zur Freude und zur Bildung der Öffentlichkeit auszustellen.“ 43 Diese Definition bezieht sich vor allem auf den Bereich der klassischen Museen, wie Naturkunde-, Technik- und Kunstmuseen. Demzufolge wäre der Botanischen Garten nur dann als Museum aufzufassen, wenn er Pflanzen nur im Rahmen menschlicher Kultur vorstellen würde, z. B. Nutzpflanzen, Pflanzen, die durch ihre Ästhetik Menschen zu geistiger Tätigkeit angeregt haben etc. Etwas allgemeiner gefasst und von menschlicher Kultur unabhängig ist die folgende Definition des deutschen Städtetags: „eine Sammlung von verschiedenartigen Gegenständen, die unter einem Grundthema geordnet, an einem festen Ort ständig ausgestellt sind 44 . Hierunter können z. B. auch geologische Ausstellungen gefasst werden, die natürliche Gegenstände aus der Natur entnehmen und unter bestimmten Ordnungsprinzipien dem interessierten Besucher präsentieren. Der Botanische Garten wäre auch hier nur im weiteren Sinne zuzuordnen, da er sich in einem wesentlichen Punkt von all diesen Museumsarten unterscheidet: Der Botanische Garten beherbergt keine ‚Gegenstände’, sondern lebende Objekte, die sich zwar gruppieren und ausstellen lassen, sich aber auch immer wieder verändern und teilweise überraschende, nicht planbare Details preisgeben, wie z. B. Blüten und Früchte. Der Botanische Garten ist somit zwar kein Museum im engeren Sinne, wird aber in einer internationalen Erhebung der UNESCO neben Zoologischen Gärten und Aquarien als Museum aufgefasst 45 .
3.2. Geschichtliche Entwicklungen der Museumspädagogik
Der Begriff ‚Museum’ leitet sich von griech. ‚mouseion’ ab, was soviel bedeutet wie „Musensitz oder Musentempel“ 46 . Durch diesen Bezug auf die ‚Göttinnen der Künste’, die die Menschen der Antike als Quelle der Inspiration und Lehre verstanden, haftete „schon im klassischen Altertum [haftete] demnach dem Begriff [...] eine starke pädagogische Komponente an 47 . Wieder aufgegriffen wurde der Geist des Museums in der Renaissance,
43 Weschenfelder, Zacharias: Handbuch Museumspädagogik. Düsseldorf: Schwann, 1992, S. 21, nach K. Hudson, 1975, S. 1
44 a.a.O. Weschenfelder, Zacharias S. 21
45 vgl. a.a.O. Weschenfelder, Zacharias, S. 21
46 Kaldewei, Gerhard: Museumspädagogik und Reformpädagogische Bewegung 1900 - 1933. Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris: Peter Lang, 1990, S. 29
47 a.a.O. Kaldewei, S. 29
12
„angeregt von der Wiedergeburt der antiken Kultur und der damit zusammenhängenden Herausbildung der weltlichen Kunst von den sogenannten Hofkünstlern“ 48 , verwirklicht in Kunstsammlungen der Fürstenhöfe. Eine Ausweitung auf andere Sammelgebiete erfolgte im 18. Jh. in Form von Raritätenkabinetten, in denen mehr oder weniger ungeordnet gesammelte Gegenstände aus Natur und Kultur einem ausgewählten Publikum vorgestellt wurden: „Nichts aber ist, welches den Nutzen und den Ruhm eines Musei dieses oder jenen edlen oder unedlen Besitzers mehr erheben [...], als wenn selbige nicht nur zu ihrer eigenen Wissenschaft und Belustigung, sondern auch andere Liebhaber und curieuse Gemüther den Nutzen durch Anschauung derselben geniessen lassen“ 49 . Es entwickelten sich Naturalienkabinett, geographisches Kabinett, Gemäldesammlungen, Antiquitätenkabinett, Muschelkabinett, Anatomiekammer, Raritätenkammer u. a. 50 , die aber noch weit entfernt vom öffentlichen Museum waren. Auch zeigte sich noch eine deutliche Verzahnung von mytischer und wissenschaftlicher Weltanschauung, sie „beherbergten nämlich die Kunst- und Wunderkammern, die einem skurrilen Panoptikum oder einem bunt zusammengewürfelten Sammelsurium glichen, [die] neben Kunstgegenständen und Objekten, die dem Wunder und Aberglaube verhaftete waren, Objekte aus Wissenschaft und Natur“ 51 enthielten.
Im 19. Jh. erfuhr die Museumslandschaft eine Blüte, die sich in verschiedenen Bereichen zeigte. Zunächst bildeten sich die grundsätzlichen Tätigkeiten des Museums heraus, die auch heute noch aktuell sind: Repräsentieren, Sammeln, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. Die Museen spezialisierten sich und wurden für eine breitere - wenn auch im Wesentlichen nur der wissenschaftlichen - Öffentlichkeit zugänglich. „Mit der Aufspaltung und Parzellisierung des Wissens - Kunst und Wissenschaft bilden heute keine Einheit mehr - differenzierten sich schließlich auch die Weltbezüge, was sich in einem gezielten Sammeln und Ordnen der Sammelobjekte niederschlägt“ 52 .
Das erste bürgerliche Museum entstand im Pariser Louvre. Im Gegensatz zu den Kunstmuseen der Romantik, die überwiegend „l`art pour l´art“ zelebrierten, stand nun der Geist der Französischen Revolution im Vordergrund: allgemeine Zugänglichkeit; Verzeichnisse über das gesamtes Quellenmaterial der deutschen Geschichte, Literatur und Kunst; Archive und Bibliotheken, Herausgeben von Handbüchern zur Vermittlung von Kenntnissen. Auch im Louvre wurden die Kunstwerke chronologisch und nicht mehr rein ästhetisch motiviert angeordnet, es gab erstmals erklärende Unterschriften und Kataloge mit Auflistungen der Kunstwerke nach Nummern. Damit stand der pädagogische Auftrag der Sammlung erstmals im Vordergrund, was sich auch in der Anerkennung als staatliche Erziehungsinstitution und teilweise freiem Eintritt niederschlug. Diese Tendenz verstärkte sich gegen Ende des 19. Jh. und bezog auch die Jugend mit ein. Museen wurden nun begriffen als „Volksbildungsstätte“ 53 , die sich „in der Jugend ihre Besucher erziehen, die sie künftig wünschen“ 54 .
48 a.a.O. Kaldewei, S. 30, nach Martin Warnke: Hofkünstler. Köln, 1985
49 a.a.O. Kaldewei, S. 32, nach C. F. Neickelius: Museographie oder Anleitung zum rechten Begriff und nützlicher Anlegung der Museorum oder Raritäten-Kammern, Leipzig 1727, S. 231
50 vgl. a.a.O. Kaldewei, S. 30
51 Ziegenspeck, Jörg (Hrsg.): Das Museum als erlebnispädagogischer Lernort. Museumspädagogik in den Museen der Freien Hansestadt Hamburg und ihrer näheren Umgebung. Verlag edition erlebnispädagogik 1997. S. 19
52 a.a.O. Ziegenspeck, S. 20
53 a.a.O. Kaldewei, siehe Vorwort
54 a.a.O. Kaldewei, siehe Vorwort, nach Grothe: Museumspädagogik, 1975, S. 31 f.
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Manuela Wolf, 2004, In der Spur des Menschen: biologische Invasionen in aller Welt - ein didaktisches Konzept zur gleichnamigen Ausstellung des Botanischen Gartens der Universität Potsdam, München, GRIN Verlag GmbH
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