Gliederung
1. Einleitung 4
2. Der geschichtliche Hintergrund 5
3. Die Epistola de Tolerantia. 6
3.1 Übersicht über den Toleranzbrief 7
3.2 Einleitung und die Aufgaben von Staat und Kirche 7
3.3 Die Toleranzpflicht 8
3.4 Das Recht der Kirche und Schluss. 9
3.5 Kritik. 11
4. John Locke und Al-Quaida. 13
5. Schluss. 14
5. Literaturverzeichnis 16
3
1. Einleitung
„Wenn die Vernunft ihre Stimme häufig gegen den Fanatismus erhebt, dann kann sie die künftige Generation vielleicht toleranter machen als die gegenwärtige es ist; und damit wäre schon viel gewonnen.“ 1
Etwa 250 Jahre sind vergangen seit Friedrich der Große diesen Wunsch geäußert hat, und es hat sich viel getan auf diesem Gebiet. War Toleranz - laut Duden Duldung, besonders in Glaubensfragen und in der Politik 2 - damals noch ein hauptsächlich von Intellektuellen diskutiertes und kaum in die Praxis umgesetztes Konzept, so ist sie heute in aller Munde und fest in Staat und Gesellschaft verankert. Dass ein jeder nach seiner Facon glücklich werden darf, ist heute selbstverständlich, und Religions- und Meinungsfreiheit sind als Grundrechte in unserer Verfassung fest verankert. 3 Und doch wird das Thema Toleranz auch heute noch unter Umständen heiß diskutiert. „Null Toleranz“ ist ein heftig umstrittenes Schlagwort der Innenpolitik, das Gesetz zur „Homo-Ehe“ 4 hat hohe Wogen geschlagen und lebhafte Diskussionen angeregt, wie weit die staatliche Toleranz zu reichen hat. Spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001, welche sich erst kürzlich zum ersten Mal jährten, hat die Diskussion erheblich an Brisanz gewonnen. Der „internationale Kampf gegen den Terrorismus“, diverse Sicherheits-und Anti-Terror-Gesetze in verschiedenen Ländern und das Vorgehen gegen vermeintliche und tatsächliche Islamisten im In- und Ausland haben wieder neu die Frage aufgeworfen, ob und wie der Staat sich gegen Bedrohungen durch anders Denkende wehren darf, wie er mit religiösen Minderheiten umgehen soll und wo die Grenzen der Toleranz und der Meinungs- und Religionsfreiheit liegen. Kurz: Wie soll man umgehen mit Al-Quaida, Kalifatsstaat 5 & Co?
Schon viele große Denker haben sich mit diesen Fragen beschäftigt, viele Abhandlungen wurden geschrieben. Zu den herausragenden Schriften gehören sicherlich die „Briefe über die Toleranz“ von John Locke. Viel von unserem heutigen Toleranzverständnis geht auf diese damals revolutionären Schriften zurück, und auch heute kön-
1 Friedrich der Große, Briefe an Voltaire; nach Peltzer, Das treffende Zitat, S. 681
2 Nach Der große Duden, Fremdwörterbuch
3 Artikel 4 und 5 Grundgesetz
4 Gesetzt zur Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften
5 Der Kalifatsstaat ist eine islamisch-fundamentalistische, verfassungsfeindliche Or-
ganisation in Deutschland, die kürzlich vom Bundesinnenmi nisterium verboten wur-
de.
4
nen sie bei Betrachtungen über die Toleranz sehr hilfreich sein. In dieser Seminararbeit sollen daher die Grundzüge des Locke’schen Toleranzverständnisses dargelegt werden und anhand dieser zum Abschluss kurz auf die oben genannte Frage eingegangen werden. Zuvor jedoch soll ein kurzer Überblick über den geschichtlichen Rahmen und die Entwicklung des Toleranzgedankens vor Locke zum besseren Verständnis dienen.
2. Der geschichtliche Hintergrund
Um die Entwicklung des Toleranzgedankens und vor allem John Locke's Werk zu verstehen, ist es unerlässlich, einen kurzen Blick auf die historischen Hintergründe seiner Zeit zu werfen. Dabei soll in dieser Arbeit weniger auf die politischen und religiösen Wirren im England des 17. Jahrhunderts eingegangen werden, da diese bereits während des Seminars ausführlich beleuchtet wurden, sondern vielmehr auf den seit der Reformation erbittert tobenden Streit über religiöse Toleranz und den Einfluss der Kirche auf den Staat.
Mit Martin Luther und der von ihm in Gang gesetzten Reformation konnte sich erstmals ein vom katholischem Kirchenverständnis abweichendes Kirchenbild etablieren. Demnach war Kirche nur noch eine „Congregatio Fidelium“ ohne politische Macht mit der einzigen Aufgabe, die Menschen zur Seeligkeit zu führen. Nach Luthers Zwei-Reiche-Lehre herrscht die Kirche in dem „Reich zur Rechten Gottes“, also in geistlichen Fragen, der Staat hingegen im „Reich zur Linken Gottes“, also in weltlichen Fragen. 6 Daraus folgt, dass die Kirche spiritueller Natur ist und keine weltlichen Gesetze erlassen oder richterliche Befugnisse beanspruchen darf und umgekehrt den Gesetzen des Staates unterliegt. Gottlosen und schlechten Herrschern aber wird kein Gehorsam geschuldet.
Im Gegensatz dazu hatte die Kirche, nach dem damaligen katholischen Kirchenverständnis, das Recht und die Macht „zu binden und zu lösen“ in weltlichen wie in geistlichen Fragen 7 , allgemeinverbindliche Gesetze zu erlassen 8 und Ketzerei nicht nur durch Exkommunikation, sondern mit Gewalt zu bestrafen. 9 Laut den Thomisten
6 Martin Luther, Von weltlicher Oberkeit, 1523; nach RGG Band 6, Spalte 1946
7 Papst Bonifazius VIII; nach Skinner, The foundations of modern political thought, S.
115
8 Francesko Suarez; nach Skinner, S. 138
9 Gerson, ; ebd. S. 115
5
und Jesuiten galt: „The [...] church is unquestionably an independent legislative au-thority [...], and never in subjection to the civil laws of the common wealth“. 10 Im weitern Verlauf der über Jahrzehnte andauernden Diskussion über das Verhältnis von Kirche und Staat wurden u.a. auch Theorien entwickelt, die besagten, dass die Macht vom Volk kommt 11 , der König zum Wohl des Volkes eingesetzt ist 12 , der Kaiser (die Obrigkeit) keine Entscheidungsgewalt in Glaubensfragen hat 13 , und dass Menschen nicht zu einer bestimmten Überzeugung gezwungen werden können und daher völlige Toleranz zu walten hat 14 .
In diese Zeit also, in der Europa zerrissen war von Glaubenskriegen und der kontroversen Debatte über existentielle Fragen der politischen und kirchlichen Ordnung, in der Menschen anderer Konfession erbittert verfolgt und andere Kirchen heftigst bekämpft wurden, und in der die Frage nach der Toleranz zu einer der brennendsten überhaupt geworden war, schreibt John Locke seine Briefe und legt dar, welche Ro lle seiner Meinung nach die Kirche einnehmen, wie der Staat sich in Glaubensfragen verhalten und wie mit religiösen Minderheiten umgegangen werden sollte. Da Locke Protestant und stark calvinistisch beeinflusst war, finden sich viele der oben erwähnten früheren Gedankengänge unmittelbar bei ihm wieder, und manch eines seiner Argumente lässt sich nur nachvollziehen, wenn man die schwerwiegenden Unterschiede zwischen dem damaligen katholischen und evangelischen Kirchenverständnis versteht.
Auf eine Darstellung der Entwicklung des Toleranzgedankens bei Locke selber und auf eine Auflistung der verschiedenen, sich hiermit beschäftigenden Schriften soll in dieser Arbeit verzichtet werden. Statt dessen werden im folgenden Kapitel die Grundzüge des Locke'schen Toleranzgedankens anhand seines diesbezüglichen Haup twerkes, der Epistola de Tolerantia, geschildert.
10 Ebd. S. 145
11 Die Sorbonnisten; ebd. S. 119
12 Almain & Mair; ebd. S. 120
13 „he is no judge in such affairs“, Brück, ebd. S. 198
3 14 Castellio und Bodin; ebd. S. 248
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Arbeit zitieren:
Daniel Koch, 2002, Über die Toleranz - Die Epistola de Tolerantia von John Locke, München, GRIN Verlag GmbH
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