Zusammenfassung
Anhand der Aspekte deskriptiv vs. normativ, Mikro- vs. Makroanalyse, epistemologische Position, Methodologie, Reflexivität, interne Schnittpunkte und Kontroversen sowie zentrale Metaphern wird eine Systematisierung verschiedener Ansätze der Science and Technology Studies (STS) vorgenommen. Die untersuchten Ansätze sind a) Laborstudien,
b) Standpunkttheorien, Agential Realism und situiertes Wissen und c) die Actor-Network Theory.
Ziel der Systematisierung ist die kritische Überprüfung der Anwendbarkeit der Ansätze für eine Untersuchung der Psychologie als einer heterogenen Disziplin, v. a. angesichts der Entstehung und des Fokus von STS im Bereich der „exakten“, der Naturwissenschaften. Als Fazit ergibt sich dann auch, dass sich die mehr naturwissenschaftlich orientierte Psychologie leichter in STS-Konzepten fassen lässt als eher geisteswissenschaftliche Ansätze. Dennoch kann sich ein pragmatisches Herangehen unter Verwendung von Versatzstücken unterschiedlicher Theorien als fruchtbares Analyseinstrument erweisen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 5
1.1 Was ist das Besondere der Psychologie? 5
1.2 Aspekte der Analyse 6
1.3 Zum Aufbau der Arbeit 7
2 Laborstudien 9
2.1 Indexikalität 9
2.2 Das Labor 10
2.2.1 Natürliche Ordnung 10
2.2.2 Soziale Ordnung 11
2.2.3 Drei Arten des Labors 11
2.3 Transwissenschaftliche und transepistemische Felder 14
3 Kritische Ansätze der STS 15
3.1 Standpunkttheorie und starke Objektivität 15
3.1.1 Kritik der „schwachen Objektivität“ 15
3.1.2 Starke Objektivität 16
3.2 Posthumanistische Performativität - Agential Realism 17
3.2.1 Kritik des Repräsentionalismus 18
3.2.2 Intra-Aktion materiell-diskursiver Praktiken 18
3.2.3 Warum „posthumanistisch“? 20
3.2.4 Kausalität und Verantwortung 21
3.2.5 Und die Psychologie? 21
3.3 Donna Haraway 22
3.3.1 Situiertes Wissen - Diffraktion statt Reflexion 22
4 Actor-Network Theory 24
4.1 Die Entstehung von Fakten - zwischen Artefakten und black boxes 24
4.2 Inskriptionen, Instrumente, Natur 26
4.3 Übersetzungen und Netzwerke 28
4.4 Aktoren, Aktanten und Kausalität - technische Vermittlung 29
4.5 Erkenntnisgewinn als Krieg? - Kritik 31
5 Fazit und Ausblick 33
References 35
4
1 Einleitung
Im vielen unterschiedlichen Bereichen hat sich die Wissenschafts- und Technikforschung (science and technology studies, STS) als sehr fruchtbares - und teilweise überaus umstrittenes - Instrument der Analyse und Kritik erwiesen. Es gibt bereits einige allgemeine Überblicksdarstellungen und Systematisierungen der verschiedenen, oft sehr unterschiedlichen Ansätze der STS (Hess, 1997; Jasanoff, Markle, Peterson, & Pinch, 1994; Biagioli, 1999) und ihrer Anwendungen auf unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen; ihre Anwendung auf die Psychologie blieb jedoch sehr begrenzt. Diese Arbeit soll einen Ansatz bieten, die Erkenntnisse der STS für eine Untersuchung der Psychologie fruchtbar zu machen. Konkretes Ziel ist eine Systematisierung, die es ermöglicht, (1) die im Folgenden hier vorläufig postulierten Besonderheiten der Psychologie einer Überprüfung und eventuell einer Revision zu unterziehen, und (2) einen theoretischen und methodischen Ansatzpunkt für zukünftige Untersuchungen der Psychologie zu schaffen. An diesem Punkt wird ein grundsätzliches Problem der Arbeit deutlich: Wichtiges Kriterium für die Systematisierung sind die Besonderheiten der Psychologie, deren Herausarbeitung aber zugleich durch die Systematisierung eigentlich erst ermöglicht wird. Um dieser Zirkularität zu entgehen, werde ich im Folgenden einige nahe liegenden besondere Aspekte der Psychologie a priori festlegen, darauf aufbauend die Systematisierung vornehmen und am Ende (oder in einer späteren Arbeit) überprüfen, inwieweit sich die Kategorien als sinnvoll erwiesen haben.
Eine Einschränkung, die sich aus dem begrenzten Umfang der Arbeit ergibt, ist eine sozusagen doppelte Auswahl: zum einen werden bei weitem nicht alle Ansätze, die man den STS zuordnen könnte, behandelt, zum zweiten findet innerhalb der behandelten Ansätze eine Beschränkung auf einen oder wenige Autorinnen und Autoren statt. Gerade der erste Aspekt ist insofern problematisch, als dass dadurch ein Ansatz wegfällt, der als einer der wenigen in der Psychologie bereits Eingang gefunden hat (vgl. z. B. Rose, 1985, 1996): das auf (Foucault, 2000a, 2000b) zurückgehende Konzept der Gouvernementalität. 1
1.1 Was ist das Besondere der Psychologie?
Die Übertragung bei der Untersuchung anderer Disziplinen entstandener Theorien ohne Anpassungen auf die Analyse der Psychologie birgt die Gefahr, den Besonderheiten der
1 Unbedingt erwähnt werden sollte auch noch die Forschung am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, die explizit auf auf die STS Bezug nimmt und die Entwicklung und Einbettung physiolo- und psychologischer Praktiken/Labors im 19. Jahrhundert untersucht, vgl. z. B. Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, 1999. Vielleicht zeigt sich hier exemplarisch eine Möglichkeit wie
durch ein eklektizistisches Vorgehen die STS für die Erforschung der Psychologie nutzbar gemacht
werden können.
5
1 Einleitung
Psychologie nicht Rechnung zu tragen. Diese Aspekte, die spezifisch für die Psychologie sind (was natürlich nicht heißt, dass sie nur für die Psychologie gelten), sollen im Folgenden kurz dargestellt werden.
Das Problem der Subjektivität Subjektivität hat in der Psychologie einen doppelten
Heterogenität Die Psychologie stellt sich als in höchstem Maße heterogene Disziplin dar,
Disziplinentwicklung Die genannte Heterogenität wird oft als Resultat von Spezifika in
1.2 Aspekte der Analyse
Die Ansätze sollen in Bezug auf folgende Dimensionen der Analyse untersucht werden:
2
Eventuell müsste man in diesem Kontext sogar eine dritte Dimension von Subjektivität mit beachten: In einigen klassischen Theorie der Wissenschaftsforschung (einen Überblick bietet Hess, 1997, S. 39 ff.)
wird die Rolle kognitiver Faktoren (z. B. Vorurteile o. ä.) auf Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung
untersucht, vgl. hierzu aber die Kritik Latours (1987, Kap. 3)
6
1.3 Zum Aufbau der Arbeit
• deskriptiv vs. normativ: Es ist erforderlich, strikt zwischen der deskriptiven Ebene, also der empirischen Untersuchung dessen, wie Wissenschaft in ihrer Praxis aussieht, und der normativen Ebene, also einer Formulierung von Kriterien für „gute Wissenschaft“ oder konkreter: zur Wahl zwischen alternativen Theorien, zu unterscheiden.
• mikro vs. makro: Der Fokus der unterschiedlichen Ansätze ist sehr unterschiedlich - während z. B. bei den Laborstudien (Kapitel 2) eher eine mikroanalytische Betrachtung vorherrschend ist, konzentriert sich die feministische Kritik (z. B. Harding, Abschnitt 3.1) mehr auf makrosoziologische und historische Entwicklungen und Prozesse. Ein Erklärungsmodell wäre also daran zu messen, ob es auf der einen Seite spezifisch genug ist, konkrete wissenschaftliche Praxis und wissenschaftliches Handeln plausibel erklären zu können, auf der anderen Seite dabei aber nicht allgemeine gesellschaftlich-historische Entwicklungen als Einflussfaktoren aus dem Blick zu verlieren.
• epistemologische Position: Welcher epistemologische Ansatz liegt der Theorie - implizit oder explizit - zugrunde? Wie wird mit grundsätzlichen philosophischen Probleme wie z. B. Relativismus umgegangen? Welches Kausalitätsmodell wird vertreten?
• Methodologie: Mit welchen Methoden und Instrumenten wird Technowissenschaft untersucht? Lassen sich diese auch auf die Psychologie übertragen?
• Reflexivität/ Symmetrie: Es muss untersucht werden, inwieweit Ansätze dem Reflexivitätsprinzip des strong program der Sociology of Scientific Knowledge (Bloor, 1991), „the same type of explanations that apply to science also apply to the social studies of science“, gerecht werden oder, um mit Donna Haraway zu sprechen, wie die Theorien situiert sind und sich selbst situieren.
• Schnittpunkte und Kontroversen: Es sollen auf der einen Seite Gemeinsamkeiten und Anknüpfungspunkte der Theorien innerhalb der STS untereinander, andererseits aber auch Inkompatibilitäten oder explizite Kontroversen herausgearbeitet werden.
• zentrale Metaphern: Welches sind die zentralen Metaphern und wie lassen sich auf die Psychologie anwenden? (Labor, Netzwerk, Diffraktion, . . . ) 1.3 Zum Aufbau der Arbeit
Der Text gliedert sich in fünf Kapitel. Nach der oben erfolgten Einleitung wird in Kapitel 2, der u. a. mit Karin Knorr-Cetina verbundene Ansatz der Laborstudien vorgestellt. Kapitel 3 fasst mehrere Ansätze unter dem Label der critical STS (Hess, 1997) zusammen: Sandra Hardings Theorie der starken Objektivität, Karen Barads Agential Realism und Donna Haraways situiertes Wissen. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der maßgeblich von Bruno Latour und Michel Callon geprägten Actor-Network Theory (ANT).
7
1 Einleitung
Im abschließenden, fünften Kapitel erfolgt der Versuch eines Fazits, in dem gefragt wird, ob die oben formulierten Fragestellungen beantwortet werden konnten und welche Perspektiven für kommende Untersuchungen sich ergeben.
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Arbeit zitieren:
Harald Kliems, 2004, Wissenschafts- und Technikforschung -- Versuch einer Systematisierung in Hinblick auf mögliche Anwendungen in der Psychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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