Sprachwandeltheorien: das Konzept von Eugenio Coseriu
von: Ulrich Jacobs
1. Einleitung 2
2. Ansätze zur Klärung des Begriffs „Sprache“ 2
2.1 Ein geisteswissenschaftliches Konzept von Sprache 2
2.1.1 Sprache als Kulturphänomen 2
2.1.2 Sprache als Tradition 4
2.1.3 Sprache als energeia (Energeia) 6
2.2 Kategorien der Sprache: Rede, Norm, System und Typus 8
2.2.1 Die Einführung der Norm 8
2.2.2 Die Hierarchie Rede – Norm – System 9
2.2.3 Das Konzept des Sprachtypus 12
2.3.4 Die Hierarchie Norm – System – Typus 12
3. Der Prozeß des Sprachwandels 16
3.1 Gibt es Sprachwandel überhaupt ? 16
3.2 Die Fragestellung nach dem Sprachwandel 18
3.3 Eine Antwort auf die universale Frage 19
3.4 Antworten auf die allgemeine Frage 19
3.4.1 Außersystematische Bedingungen 20
3.4.2 Innere Bedingungen 21
3.5 Antworten auf die historischen Fragen 24
4. Schlußbetrachtungen 27
5. Bibliographie 29
1. Einleitung
Die Theorien und Thesen EUGENIO COSERIUS bezüglich seines Konzepts von Sprachwandel sind auf mehrere Monographien und Aufsätze verteilt. Eine komplette Übersicht über sein gesamtes Werk existiert nur in Form einer dreibändigen Festschrift. In dieser Arbeit sollen diese Thesen zusammengetragen werden, um so eine kompakte Übersicht über COSERIUS Konzept des Sprachwandels zu erstellen. Zunächst wird im Rahmen dieser Arbeit analysiert werden, welches Verständnis von Sprache sich in dem Denken COSERIUS wiederfindet (Teil 2). Es sei angemerkt, daß eine Darstellung von COSERIUS Sprachkonzept unter vollständiger Ausblendung seines Verständnisses des Sprachwandels nicht möglich sein wird. Dies liegt aber, wie man sehen wird, in der Natur des hier besprochenen Modells begründet. Zunächst ist es unerläßlich, in der gebotenen Kürze auf die geisteswissenschaftlichen, zumeist sprachphilosophischen Betrachtungen COSERIUS einzugehen (Teil 2.1), um dann seine Modelle Rede-Norm- System und Norm-System-Typus darzustellen und voneinander abzugrenzen (Teil 2.2). Um Mißverständnissen vorzubeugen soll auf die Terminologie Rede, Norm, System und Typus aber in 2.1 noch verzichtet werden. Darauf aufbauend wird dann dargelegt werden, wie Sprachwandel auf Grundlage des vorher erarbeiteten Konzepts funktioniert (Teil 3). Zu diesem Zweck soll zunächst COSERIUS These diskutiert werden, daß es Sprachwandel eigentlich überhaupt nicht gibt, wie er es selbst im Titel eines Artikels formuliert (Teil 3.1).1 Daraufhin soll COSERIUS methodischer Ansatz zur Fragestellung nach dem Sprachwandel vorgestellt werden (Teil 3.2), um dann, diesem Ansatz folgend, die Funktionsweise von Sprachwandel aufzudecken (Teile 3.3-3.5). In den Schlußbetrachtungen (Teil 4) werden schließlich die Probleme von COSERIUS Konzept diskutiert. Unter anderem soll hierzu auch auf die Kritik KELLERS an COSERIU eingegangen werden. Im Rahmen dieser Arbeit kann dies natürlich nur auf einer sehr oberflächlichen Ebene geschehen.
2. Ansätze zur Klärung des Begriffs „Sprache“
2.1 Ein geisteswissenschaftliches Konzept von Sprache
EUGENIO COSERIU versteht die Sprache als ein Kulturphänomen und damit als ein Teil des traditionellen Wissens und als eine energeia (Energeia), als eine Tätigkeit im Sinne WILHELM VON HUMBOLDTS Sprachkonzept. Diese Eigenschaften der Sprache sollen in der Folge vorgestellt werden. Zum Abschluß jedes Teils soll der Übersicht halber eine Zusammenfassung des Erarbeiteten stehen.
2.1.1 Sprache als Kulturphänomen
In Anlehnung an KANTS Antinomien ist eine Trennung der „Welt der Notwendigkeiten“, und der „Welt der Freiheit“ vorzunehmen. 2 Dies bedeutet für COSERIU, daß eine methodische Trennung zwischen den Naturwissenschaften einerseits, die zu der Welt der Notwendigkeit gehören, und den Kulturwissenschaften andererseits, die zu der Welt der Freiheit gehören, vorgenommen werden muß. Naturphänomene zeichnen sich dadurch aus äußerlich, also kausal bedingt zu sein, während Kulturphänomene innerlich, also final bedingt sind. 3 Die einzige kausale Erklärung für ein Kulturphänomen wäre, daß die Freiheit (im Sinne von „nicht Notwendigkeit unterliegend“) es zu einem gewissen Zweck geschaffen hat.4 Bei der Zuordnung der Sprache zu den Kulturphänomenen stützt COSERIU sich auf JOHN DEWEY, der die Sprache als eine der verschiedenen Arten der Kultur und zugleich als die Form all dieser Arten von Kultur sieht.5
Die finale Bedingtheit der Kulturphänomene geht wiederum auf ARISTOTELES zurück, der im allgemeinen vier Ursachen für die Herstellung eines Objekts sieht, und zwar die Antriebsursache, die Stoffursache, die Formursache und die Zweckursache. Für den Bau eines Hauses wären dies zum Beispiel: Steine, Balken und Ziegel (Stoffursache), die Arbeit der Maurer („Ursprung der Bewegung“ / Antriebsursache), ein Bauplan („Wesenswas und Wesenheit“ / Formursache) und Schutz vor dem Wetter (Zweckursache). 6 Unter diesen vier Ursachen kommt der finalen Ursache (Zweckursache) eine besondere Bedeutung zu, da diese in gewisser Weise die anderen bedingt:7 Sie motiviert den Antrieb, bestimmt Materie dazu, „Materie für ...“ (zum Beispiel: den Hausbau) zu sein, und bestimmt die Form dazu, „Form für dieses ...“ (zum Beispiel: Haus) zu sein. Gerade bei der Betrachtung der Sprache, betont ARISTOTELES die besondere Rolle der finalen Bedingtheit und verwirft die kausale Bedingtheit.8 Diese finale Bedingtheit der Sprache ist aber nun nicht als objektive Finalität im Sinne der Teleologie zu sehen. KANT spricht der Finalität jede objektive Gültigkeit ab, da diese nichts über das Objekt selbst (in diesem Fall also die Sprache), sondern über die Sicht des Subjekts (also des einzelnen Sprechers) auf das Objekt aussagt.9 Anders gesagt: der Umgang des Subjekts mit dem Objekt ist final, nicht das Objekt selbst.
Bei der finalen Bedingtheit der Sprache kann es sich also nur um die subjektive Finalität des Sprechers im Sprechakt handeln. Die Sprache, und auch die konkretisierte Sprache, der Sprechakt, ist interindividuell. Sie geht also über das Individuum hinaus, ohne extraindividuell zu sein. 10 Demzufolge ist die Finalität des Sprechers im Sprechakt auch interindividuell. Er verfolgt also keine rein individuellen Ziele, sondern eben interindividuelle, wie zum Beispiel: etwas mitteilen, mit jemandem kommunizieren. Diesen Zielen ist der Sprecher mehr verpflichtet als der Einhaltung der in der Sprache als üblich geltenden Regeln. Auch wenn er sich weitestgehend innerhalb dieser Regeln bewegt um zu kommunizieren, so kann es doch passieren, daß die üblichen Ausdrucksweisen den Kommunikationszweck des Sprechers nicht mehr erfüllen, weil er zum Beispiel die übliche Ausdrucksweise nicht kennt, weil sein Gegenüber sie nicht versteht, oder weil es keine gibt.11 In dieser Situation schafft er eine nicht-übliche Ausdrucksweis e, die Ausgangspunkt für einen Sprachwandel sein kann, indem sie eben zur üblichen Ausdrucksweise gemacht wird. Dieser Sprachwandel ist dann aber nicht als Entwicklung eines Naturobjekts, sondern als Gestaltung eines Kulturobjekts zu betrachten. 12 Sprache ist also ein Kulturphänomen und demzufolge nicht kausal sondern final bedingt. Diese Finalität ist nicht objektiv, als der Sprache zugehörig, sondern subjektiv, als Ziele die jeder Sprecher in einem konkreten Kommunikationsakt verfolgt, zu verstehen. Diese Ziele sind nicht individuell, sondern interindividuell und deshalb immer als Ausdrucks- oder Kommunikationsziele zu verstehen. Sprachveränderung ist als Gestaltung eines Kulturobjekts zu verstehen.
2.1.2 Sprache als Tradition
[...]
1 vgl. COSERIU, E. 1988a: «Linguistic change does not exist», in: J. ALBRECHT (Hrsg.), Energeia und Ergon. Sprachliche Variation – Sprachgeschichte – Sprachtypologie. Studia in honorem Eugenio COSERIU, vol. 1: Schriften von Eugenio Coseriu (1965 – 1987) , Tübingen:147-57
2 vgl. WEISCHEDEL, W. (Hrsg.) 31997: I. KANT, Kritik der reinen Vernunft, Frankfurt a. M.:488ff
3 vgl. COSERIU, E. 1974: Synchronie, Diachronie und Geschichte: Das Problem des Sprachwandels, München:166
4 vgl. COSERIU 1974:174
5 vgl. COSERIU, E. 21975b: Die Geschichte der Sprachphilosophie von der Antike bis zur Gegenwart. Eine Übersicht, vol. 1: Von der Antike bis Leibniz, Tübingen:190
6 vgl. KÖNIG, B. (Hrsg.) 1994: ARISTOTELES, Metaphysik , Reinbek:55f
7 vgl. COSERIU 1974:173
8 vgl. COSERIU 1975b :72
9 vgl. COSERIU 1974:197
10 vgl. COSERIU 1974:36
11 vgl. COSERIU 1974: 64ff
12 vgl. COSERIU 1974:203
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Ulrich Jacobs, 2000, Sprachwandeltheorien: das Konzept von Eugenio Coseriu, Munich, GRIN Publishing GmbH
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