1. Einleitung 2
2. Micromégas, eine philosophische Geschichte 3
3. Der Terminus Relativismus 6
3.1 Begriffsgeschichte 6
3.2 Analyse des Begriffs Relativismus 7
4. Die Relativität der Erkenntnis 9
4.1 Voltaires Verständnis von der menschlichen Erkenntnis 9
4.2 Die Relativität der Erkenntnis in Micromégas 10
4.2.1 Die Sinne 10
4.2.2 Der Name des Protagonisten: Petit - grand 13
4.2.3 Die Perspektive 14
4.2.4 Der Vergleich 17
5. Die Relativität der Moral 20
6. Schlußfolgerungen 23
7. Bibliographie 25
7.1 Nachschlagewerke 25
7.2 Primärtexte 25
7.3 Sekundärliteratur 26
1
1. Einleitung
„Na schön“, sagte Deep Thought. „Die Antwort auf die Große Frage ...“ „Ja ...!“
„ ... nach dem Leben, dem Universum und allem ...“, sagte Deep Thought. „Ja ...!“
„ ... lautet ...“, sagte Deep Thought und machte eine Pause. „Ja ...!“ „ ... lautet ...“ „Ja ...!!! ...???“
„Zweiundvierzig“, sagte Deep Thought mit unsagbarer Erhabenheit und Ruhe. ...
„Ich hab’s sehr gründlich nachgeprüft“, sagte der Computer, „und das ist ganz bestimmt die Antwort. Das Problem ist, glaub ich, wenn ich mal ganz ehrlich zu euch sein darf, daß ihr selber wohl nie richtig gewußt habt, wie die Frage lautet.“ 1
Bis heute scheint es keine Arbeit über die Frage des Relativismus bei Voltaire zu geben. Das Interesse an diesem Thema führte zu der vorliegenden Arbeit, die sich mit Voltaires Relativismus am Beispiel der kurzen Erzählung Micromégas befaßt. Einleitend erscheint es mir sinnvoll, einige Rahmeninformationen zu Micromégas zusammenzutragen u nd dieses Werk in das Gesamtwerk Voltaires einzuordnen. Dies geschieht in Kapitel 2.
In Kapitel 3 wird eine Frage, die der Titel dieser Arbeit aufwirft, diskutiert: Was verbirgt sich hinter dem Begriff Relativismus? Da dieser Begriff sehr abstrakt und unscharf erscheint, muß er zunächst geklärt werden. Hierzu werden Wörterbücher herangezogen, um den standardisierten Gebrauch des Wortes in der heutigen Sprache zu erfassen. Außerdem werden Informationen zu der Begriffsgeschichte gesammelt. Auch philosophische Nachschlagewerke werden befragt.
Auf diese einleitenden Überlegungen folgt in den Kapiteln 4 und 5 der Hauptteil der Arbeit. Die Gliederung dieses Teils basiert auf den Ergebnissen der Analyse des Begriffs Relativismus. Dieser Arbeitsschritt zerfällt somit in zwei Teile. Aufgrund der inhaltlichen Ausrichtung des Micromégas wird der Teil zur Relativität der Erkenntnis (Kapitel 4) wesentlich umfangreicher als derjenige zu der Relativität der Moral (Kapitel 5) sein. Die Ergebnisse der Arbeit werden abschließend in Kapitel 6 zusammengetragen. In der Bibliographie (Kapitel 7) werden die hier benutzten Werke mit ihrem Langtitel aufgeführt. Die Primärquellen werden in den Fußnoten in folgender Form zitiert: «VOLTAIRE, Micromégas:» Ansonsten wird in Kurzform zitiert. Textgrundlage für die Arbeit mit Micromégas ist die folgende Taschenbuchausgabe gesammelter Erzählungen Voltaires, erschienen bei Garnier-Flammarion: POMEAU, R. (ed.) 1966: Romans et contes de Voltaire, Paris:131-47
1 ADAMS, D. 2002: Per Anhalter durch die Galaxis, 18 Hamburg:172f.
2
2. Micromégas, eine philosophische Geschichte
Das Entstehungsdatum des Micromégas war lange Zeit umstritten. Es scheint nun Konsens zu sein, daß eine erste Version unter dem Titel Voyage du Baron de Gangan gegen 1739 entstand, und daß diese Urversion in den Grundzügen wohl bereits mit dem 1752 publizierten Micromégas identisch ist 2 . Voltaire selbst unterschied die beiden Werke nicht voneinander, als er 1752 schrieb: «Le Micromégas que vous avez embelli est une bagatelle faite il y a environ quinze ans» 3 . Läßt man den sehr kurzen Songe de Platon beiseite, so kann Micromégas in seiner Urfassung als der erste Conte philosophique Voltaires angesehen werden 4 . Allerdings, dies sei erwähnt, sind die Datierungen der ersten Contes Voltaires bis heute strittig 5 . Da Voltaire als Erfinder des Conte philosophique gilt 6 , kann man, wenn man der hier vorgestellten Datierung folgt, Micromégas als „Urknall“ dieser Gattung betrachten. Wie kam es dazu?
Glaubt man Mme du Châtelet, so machte Voltaire in der Zeit, die der Entstehung des Micromégas voranging, nichts anderes als «de la métaphysique, des tragédies, de l’histoire», er wurde «tout à fait philosophe» 7 . Einige Daten aus dieser Zeit belegen Voltaires intensive Aktivitäten in den Bereichen der Physik und der Philosophie. Zwischen 1736 und 1738 arbeitete er an den Éléments de la Philosophie de Newton 8 . Im Januar 1737 schrieb er Kronprinz Friedrich von Preußen, er wolle einen Traité de Métaphysique schreiben 9 , hatte diesen Beschluß aber wohl schon 1735 gefaßt 10 . Im Frühjahr 1739 berichtete ihm Maupertuis persönlich von der Forschungsreise ins Nordmeer 1736/37, auf der es gelang, eine These Newtons zu beweisen 11 . In dem VI e Discours (Sur la nature de l’homme) der 1738 publizierten Discours en vers sur l’Homme finden sich bereits erstaunlich viele Elemente des Micromégas wieder 12 . Wenn man nun bedenkt, daß Erzählungen «Voltaire’s kind of interior autobiography» 13 waren, oder daß sie zumindest «vont naître ... au contact
2 STACKELBERG, J. VON 1998:38f.; TROUSSON, R./VERCRUYSSE, J./ LEMAIRE, J. (ED.) 1994:132
3 VOLTAIRE, Correspondance, vol. 3:726
4 MASON, H. 1975:49
5 PEARSON, R. 1993:49ff.
6 BESTERMAN, TH. 1969:415
7 Zitiert nach PORSET, CH. 1997:733; so auch WADE, I.O. 1969:241ff.
8 CANTERLA, CINTA 1997:48
9 PORSET, CH. 1997:731
10 CASINI, P. 1997:39
11 STACKELBERG, J. VON 1998:39; HEUVEL, J. VAN DEN 1967:73
12 VOLTAIRE, Discours en vers sur l’homme :231ff.; vgl. HEUVEL, J. VAN DEN 1967:101ff.
13 BESTERMAN, TH. 1969:418
3
de l’actualité la plus fraîche» 14 , so wird klar, wie es 1739 zu der Urversion des Micromégas, einer Histoire Philosophique, kam.
Die Frage aber, warum Voltaire ausgerechnet in einer Zeit, in der er sich eher mit philosophischen Texten, Geschichte und mit Dramen befaßte, eine neue Gattung schuf, ist noch offen. Die Antwort könnte einfach sein: Vielleicht war er sich dessen nicht bewußt. Es ist gut möglich, daß Voltaire Micromégas ursprünglich weniger als ein literarisches Werk, sondern vielmehr als ein popularisiertes wissenschaftliches Werk ansah, freilich zunächst wohl eher für den Privatgebrauch 15 . Dies würde die vielfachen Anspielungen auf die Entretiens sur la pluralité des mondes erklären 16 . Zumindest sprechen einige Indizien für diese These:
Zunächst bezeichnete Voltaire Micromégas als «une fadaise philosophique ... un petit article plein de vérité» 17 , oder «une bagatelle ... ce badinage ... un château de cartes» 18 . Die Wortwahl stellt eine gewisse Beziehung zu den Entretiens her. Hier wurde versucht, wissenschaftliche Themen (philosophique, plein de vérité) hoffähig zu machen, indem man sie spielerisch (badinage, château de cartes) in die Konversation einband. Diesen Ansatz kannte Voltaire aus England und befürwortete ihn 19 , kritisierte aber die frühere Umsetzung bei Fontenelle 20 und 1737, also in zeitlicher Nähe zu Micromégas, auch bei Algarotti 21 . Des w eiteren begann Voltaire erst 1764 damit, seine Contes und Romans überhaupt als solche zu bezeichnen, das heißt, sie als Gattung wahrzunehmen. Vorher betrachtete er sie als mehr oder weniger isolierte Werke, die er oft zusammen mit diversen Fragmenten als Mélanges publizierte 22 . So wurde auch in der Ausgabe seiner Werke, die Voltaire 1752 Charlotte-Sophie von Altenburg schenkte, Micromégas nicht etwa in den Band eingefügt, in dem sich Zadig und andere Erzählungen befanden, sondern in denjenigen, der für die Éléments de la Philosophie de Newton reserviert war: ein Indiz für die Nähe beider Werke 23 . Betrachtet man schließlich die Sprache des Micromégas, so stellt man fest, daß Voltaire hier «stark zu einer spekulativen, abstrakten Ausdrucksweise, die durchbroche n wird von nicht umschreibenden, sondern genau benennenden termini technici» greift, die «den wissenschaftlichen Anspruch» untermauern 24 :
14 TROUSSON, R./VERCRUYSSE, J./ LEMAIRE, J. (ed.) 1994:223; ebenso HEUVEL, J. VAN DEN 1967:66
15 POMEAU, R. 1966:124; SPICA, J. 1977:99
16 POMEAU, R. 1966:126; PEARSON, R. 1993:63
17 VOLTAIRE, Correspondance, vol. 2:186
18 VOLTAIRE, Correspondance, vol. 2:726
19 WADE, I.O. 1969:244f.; HEUVEL, J. VAN DEN 1967:58
20 STACKELBERG, J. VON 1998:40ff.
21 CANTERLA, CINTA 1997:48
22 HEUVEL, J. VAN DEN 1967:9f.
23 VOLTAIRE, Correspondance, vol. 3:702 N3
24 SCHICK, URSULA 1968:84
4
All the significant happenings are reducible to intellectual discussion [...] The vocabulary itself denotes mental actions rather than physical movement. This is the conte philosophique in its purest, most abstract
form. 25
This ‘histoire philosophique’ is presented as urbane and civilized dialogue [...] with ‘atomes intelligents’ 26
Micromégas ist also nicht nur der Conte philosophique «in its purest form», sondern auch den Gattungen des Dialogue 27 , bzw. des Entretien nicht fern. Natürlich ist das Grundszenario des Micromégas, eine Reiseerzählung außerirdischer Riesen, fiktional angelegt; aber im Gegensatz zu Cyrano de Bergerac in Voyage dans la Lune verzichtet Voltaire komplett darauf, das Fremde phantasievoll zu gestalten. «L’imaginaire dans le Micromégas se réduit donc à une certaine manière de prendre ses distances par rapport à l‘homme» 28 , «he [Voltaire] defictionalizes fiction» 29 . Ein auffallend ähnliches Grundszenario findet sich übrigens auch im Traité de Métaphysique 30 . Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Micromégas eine gewisse inhaltliche, aber auch stilistische Nähe zur Gattung des Dialogue, des Entretien und selbst des Traité aufweist. Würde das Werk heute geschrieben, stellte es vermutlich einen „Zwitter“ zwischen Sachbuch und Belletristik, wie zum Beispiel Sofies Welt, dar. Micromégas ist wohl nur vor dem Hintergrund der naturwissenschaftlichen und philosophischen Forschungen Voltaires -Wade nennt es gar eine «reeducation» 31 - in den 1730er Jahren zu verstehen. Ohne die Früchte seiner jesuitischen Erziehung, insbesondere die Literatur, aufzugeben, befaßte Voltaire sich nun auch mit Philosophie und Naturwissenschaften. Er entwickelt eine «general tendency to make arts and letters more philosophical» 32 . Das Produkt dieser „explosiven Mischung“ war wohl etwas ganz Neues in Gestalt der Erzählung Micromégas. Doch der Conte philosophique als Gattungsbegriff ist erst später entstanden und gilt somit nur retrospektiv.
26 PEARSON, R. 1993:69
27 SCHICK, URSULA 1968:76f.
28 HEUVEL, J. VAN DEN 1967:111
29 PEARSON, R. 1993:62
30 Vgl. 4.2.3 dieser Arbeit
31 WADE, I.O. 1969:251ff.
32 WADE, I.O. 1969:370
5
3. Der Terminus Relativismus
Locke ... fait voir combien les langues que les hommes parlent sont imparfaites, et quel abus nous faisons des termes à tous moments. 33
Der Umstand, daß diese Arbeit sich in deutscher Sprache mit einem französischen Autor befaßt, macht es auch notwendig, dt. ‘Relativismus’ gegen frz. ‘relativisme’ abzugleichen. Es muß also in jedem Fall mit französischen und deutschen Nachschlagewerken gearbeitet werden.
3.1 Begriffsgeschichte
Zunächst ist festzuhalten, daß frz. ‘relativisme’ erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auftaucht 34 . Glaubt man dem TLF, so ist die erste Nennung dieses Begriffes im Englischen nicht viel älter. Auch im Deutschen findet sich der Terminus erst zu diesem Zeitpunkt:
Relativismus [...] ist ein sich erst im Übergang vom 19. zum 20. Jh. einbürgernder Terminus: MEYER
[...] führt ihn 1889 noch nicht (sondern erst 1896), auch noch nicht PIERER [...] 1892. 35
Eine Analyse des Relativismus in einem Werk Voltaires birgt also zunächst die Gefahr, einen modernen Begriff, und damit auch ein modernes Konzept mit all seinen Konnotationen, in eine Zeit zu transportieren, in der dieser noch gar nicht existierte. Einerseits muß dies im weiteren Verlauf ständig bedacht werden, andererseits verpflichtet diese Erkenntnis zu einer besonderen Vorarbeit: Zunächst muß der Begriff Relativismus analysiert werden. Dann erst kann versucht werden, die analysierten Komponenten dieses Konzepts in Voltaires Micromégas nachzuweisen. An dieser Stelle kann natürlich kritisiert werden, daß schon der Ansatz, sich mit dem Relativismus Voltaires zu befassen, anachronistisch und somit nicht legitim sei. Zur Verteidigung kann jedoch eingewandt werden, daß eine solche post-festum- Zuschreibung in der Begriffsgeschichte des Terminus Relativismus durchaus üblich war. Dies betrifft insbesondere auch einige Zeitgenossen Voltaires. So tauchen in den hier zu Rate gezogenen philosophischen Nachschlagewerken Montesquieu, Condillac, Hume und Locke auf 36 .
33 VOLTAIRE, Lettres Philosophiques:39
34 QUEMADA, B. (ed.) 1990: Trésor de la Langue Française:715f.; REY, A. (ed.) 2001: Le Grand Robert de la Langue Française:1845; vgl. 3.2 dieser Arbeit
35 RITTER, J/GRÜNDER, K (ed.) 1992:614
36 WIENER P.P. (ed.) 1973:70ff.; RITTER, J/GRÜNDER, K (ed.) 1992:615f.
6
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Ulrich Jacobs, 2002, Voltaires Micromégas, ein Beispiel für Relativismus in der Aufklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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