Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.1
2. Beurteilung der Sachsengeschichte Widukinds S.2
2.1 Im Spiegel der Geschichtsschreibung S.2
2.2 Die Funktion der Historiographie S.4
3. Die Begegnungen zwischen Konrad I. und den Herzögen kurz vor S.6
der Liudolfingerischen Machtübernahme
3.1 Konrad I. - im Schatten des Liudolfingischen Herrschergeschlechts S.6
3.2 Konrad I. und sein Verhältnis zu den Herzögen in der Darstellung Widukinds S.7
4. Die Begegnungen zwischen Heinrich I. und Otto I. mit den Herzögen S.10
nach liudolfingischer Machtübernahme
4.1 Die Liudolfinger Heinrich I und sein Sohn Otto I. S.10
4.2 Heinrich I. und Otto I. in ihrem Verhältnis zu den Herzögen in der Darstellung S.12
Widukinds
5. Schlussbetrachtung S.19
6. Literaturverzeichnis 21
1
1. Einleitung
Als Ludwig IV., das Kind, 911 starb, und damit eine ganze Dynastie der Karolinger endete, drohte die Gefahr einer Auflösung des ostfränkischen Reichs. Gut zehn Jahre zuvor, 899, waren die Normannen nach jahrelangen Kämpfen aus dem ostfränkischen Reich vertrieben worden, da hatte das Reich schon wieder unter den seit 900 stattfindenden Einfällen der Ungarn und auch unter inneren Fehden leiden müssen. Machtzerfall drohte. Um die Erhaltung des Reiches sicher zu stellen 1 , wählten die „Fürsten“ 2 des Reiches den Frankenherzog Konrad aus dem Geschlecht der Konradiner am 10. November 911 zum König des Ostfränkischen Gebietes. Seine herzogliche Stellung hatte Konrad sich 906 durch den siegreichen Kampf gegen die Babenberger, ein Herzogsgeschlecht in Bayern, errungen.
Konrads kurze Regierungszeit von 911 bis 919 war einerseits durch die bis 917 währenden Einfälle der Ungarn andererseits vor allem durch die teilweise kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Adels- insbesondere den Herzogsgeschlechtern gekennzeichnet. Um die besondere Machtstellung der Herzogsgeschlechter zu verstehen, muss zurückgeblickt auf die Herausbildung karolingischer Machtstrukturen. Während im westfränkischen Reich das Königtum auf spätrömische Verwaltungsstrukturen hatte zurückgreifen können, hatten diese im rechtsrheinischen und ostfränkischen Gebiet gefehlt. Hier bildeten sich Adelsgeschlechter heraus, die beispielsweise über eine eigene Gerichtsbarkeit in ihren Gebieten verfügten, eine eigenständige Außenpolitik betrieben und zunehmend die Regierungsgewalt übernahmen, indem sie sich zum Beispiel auch durch Heirat mit dem Königshaus verbanden. Mit Hilfe der gräflichen Reichsaristokratie strebten in der spätkarolingischen Zeit einzelne Adelsfamilien, unter anderem auch die Liudolfinger auf. Diese mächtigen Herrscherfamilien 3 , schwangen sich im ostfränkischen Reich immer mehr zu einer Vorzugsstellung gegenüber anderen Adeligen auf. Nach und nach zeichneten sich ihre Herzogtümer 4 durch festere institutionelle Formen aus als in der Vergangenheit, und mit der Zeit zählten die Herzöge zu den am meisten
1 Mit der Wahl eines Nichtkarolingers unternahmen die vier ostfränkisch-deutschen Stämme zudem
einen entscheidenden Schritt zur endgültigen Trennung von der karolingischen Dynastie
2 der Franken, Sachsen, Bayern und Schwaben wählten Konrad Herzog von Frankenin Forchheim zum
König.
3 Dazu gehörten auch die Liudolfinger, deren Herzogtum sich im spätkarolingischen Frankenreich
institutionalisierte.
4 Das so genannte „jüngere Stammesherzogtum“, dazu gehörte im Ostfrankenreich: Herzogtum
Franken, Herzogtum Sachsen, Herzogtum Bayern, Herzogtum Schwaben, Herzogtum Lothringen
Die genauen Anfänge der „jüngeren Herzogtümer“ sind noch strittig. Vermutet wird aber, dass sie
sich um Ende 9. bis Anfang 10. Jahrhundert institutionalisierten.
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angesehenen Fürsten im Reich, die sich nun eine Vorherrschaft in den Provinzen und Regna sicherten und gegenüber Konrad I bestritten. Schenkt man dem mittelalterlichen Geschichtsschreiber Widukind in seiner Sachsengeschichte 5 Glauben, so wurde Konrads Machtposition vor allem durch das ottonische Herzogsgeschlecht der Liudolfinger bedroht, das nach seinem Tode auch die Königsherrschaft über das ostfränkische Reich an sich zog.
Doch wie verhält es sich in der Sachsengeschichte, als die Liudolfinger selber an die Macht kommen, können sie sich nach Erlangung der Königskrone gegen die anderen aufstrebenden Herzöge behaupten? Sind sie von Anfang an gefeit vor Auseinandersetzungen? Wie sieht nun überhaupt das Verhältnis zwischen König und Herzögen aus? Gestaltet es sich jetzt völlig anders als zur Zeit der Königsherrschaft Konrads? Oder unterscheidet es sich, wenn überhaupt, nur graduell? Bei der Überprüfung der Sachsengeschichte Widukinds auf diese Fragestellung hin soll dieses Verhältnis speziell auf kurz vor und nach der Liudolfingischen Machtübernahme überprüft werden. Dabei soll zunächst einmal untersucht werden, welchen Platz die Widukindquelle in der heutigen Geschichtswissenschaft hat und welche Aussagekraft die Quelle für die heutigen Geschichtserkenntnisse besitzt. Des Weiteren wird der wissenschaftliche Erkenntnisstand über das Verhältnis von König und Herzog beim Wechsel von fränkischer zu ottonischer Zeit dargestellt.
Der Schwerpunkt der Hausarbeit liegt in der Darstellung und Analyse der Beschreibungen Widukinds über die Begegnungen zwischen König und Herzog, die zugleich ein Blick auf das Verhältnis zueinander zulassen.
2. Beurteilung der Sachsengeschichte Widukinds 2.1. Im Spiegel der Geschichtswissenschaft
Die herausragendste erzählende Quelle für das 10. Jh. ist die Sachsengeschichte des Widukind von Corvey.
Kaum ein anderes Geschichtswerk des Mittelalters hat in der modernen Forschung mehr Aufmerksamkeit gefunden und ist kontroverser beurteilt worden als gerade seine Sachsengeschichte. 6
5 Bauer, A.; Rau, R. : Widukinds Sachsengeschichte, -In: FSG, Band 8: Quellen zur Geschichte der
sächsischen Kaiserzeit. Aufl. 5; Darmstadt 2002, S. 12-183.
6 Vgl. Althoff,G.: Widukind von Corvey, in: LMA,Bd. 9,München,1998,Sp.76-78
3
Im Folgenden sollen eben diese Forschungskontroversen dargestellt und die heutige Bedeutung der Widukindquelle für die Geschichtswissenschaft erörtert werden. Widukind von Corvey (925 - nach 973) war Mönch, Hagiograph und Geschichtsschreiber und entstammte wahrscheinlich dem sächsischen Hochadel. Er trat um 941/942 in das Kloster Corvey ein, das 815/816 als Reichsabtei der Benediktiner gegründet worden war. Die fränkischen Klöster, so auch das Kloster Corvey, bildeten im 10. Jh. kulturelle Zentren. Unabhängig von materieller Versorgung durch die klösterliche Grundherrschaft widmeten sich die Mönche der Entstehung großer Bibliotheken, den Naturwissenschaften, der Kunst und den ersten Aufzeichnungen in althochdeutscher Sprache. Widukind schreibt seine Sachsengeschichte in Latein.
Die dreiteilige Sachsengeschichte berichtet über den Aufstieg der Liudolfinger von der Herzogs- zur Königswürde. Da die Aufmerksamkeit Widukinds vor allem seinem eigenen Volk, d. h. der führenden Schicht des Volkes, und dessen Herkunfts- und Machtgeschichte gewidmet ist, ist die Sachsengeschichte ihren Eigenschaften nach der Volkschronik zuzuordnen. Sie ist .Ausdruck eines erwachenden Volkes 7 . Grundsätzlich gilt die Ansicht, dass Widukinds Werk lediglich eine liudolfingische Hausüberlieferung sei und hauptsächlich ein uneingeschränktes Lob auf die Sachsen und ihr Fürstenhaus darstelle als veraltet. Neue Forschungsansätze, die die Sachsengeschichte vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge sehen, verdankt die Geschichtswissenschaft vor allem Beumanns Studie 8 . Wichtige historiographische Texte können also bei richtiger Betrachtung als Zeugnisse politischen Wandels dienen. Doch hierüber besteht nicht generell Einigkeit! Brühl 9 beispielsweise bezeichnet die vielfach herangezogenen Texte des Widukind von Corvey als Phantasien, die in der Forschung unnötig wichtig genommen werden. Althoff sagt zugespitzt, „dass es an wesentlichen Punkten bis heute nicht gelungen sei, die Erzählungen Widukinds in ihrem Realitätsgehalt einzuschätzen und sie in eine ereignisgeschichtliche orientierte Darstellung zu integrieren.“ 10 Hagen Keller stuft demgegenüber den Realitätsgehalt der Sachsengeschichte als sehr hoch ein und erklärt, der Autor sei „insgesamt auch gut informiert und durchaus sachlich in seinen Detailberichten.“ 11
7 Vgl. Goetz, H. W.: Proseminar Geschichte : Mittelalter, 2. Auflage, Stuttgart 2000 ,S 130
8 Beumann, H.: Widukind von Korvei. Untersuchungen zur Geschichtsschreibung und
Ideengeschichte des 10. Jahrhunderts, Weimar 1950.
9 Vgl. Brühl, C.: Deutschland- Frankreich. Die Geburt zweier Völker, 2. Aufl., Köln/Wien, 1995, S.
551
10 Althoff, G.: Widukind von Corvey- Kronzeuge und Herausforderung, in: FMSt 27, 1993, S. 255
11 Vgl. Keller, Hagen: Widukinds Bericht über die Aachener Wahl und Krönung Ottos I., in: FMSt 29,
S. 397
4
Grundsätzlich sollten die Schilderungen über die herzogliche Stellung der Liudolfinger angesichts des großen zeitlichen Abstandes aber immer mit Vorsicht benutzt werden. In Frage ist auch gestellt, ob sich kritische Geschichtsschreibung auf einen „Kronzeugen“ berufen kann, dessen Aussagen sich kaum überprüfen lassen 12 . Trotz der Vielzahl an kritischen Einwänden ist sich die Geschichtswissenschaft aber generell bewusst, dass die Sachsengeschichte immer noch „die umfangreichste und differenzierteste Darstellung der frühottonischen Herrschaftskonstitution ist. “13 Zudem ist man zu dem Ergebnis gelangt, dass bei der Beurteilung von Historiographien immer die Vorstellungs- und Wertewelt des Autors und seines zeitgenössischen Publikums beachtet werden muss. Historiographie ist also immer eine Widerspiegelung eines bewussten wie unbewussten Geschichtsbewusstseins und sich daraus ergebender Geschichtsbilder. Letztendlich lässt sich eine Zeit sogar manchmal „durch die Vorstellungen, die sie von ihrer Wirklichkeit hatte ...[besser] charakterisieren als durch die Wirklichkeit selbst,....“ 14
Dieser Aspekt gewinnt vor allem dann an Wert, wenn es um die Frage der Seriosität der Quelle geht.
Beachtet man also dieses Kriterium der subjektiven Wahrnehmung, so lässt sich durchaus Authentisches aus der Sachsengeschichte herausfiltern.
2.2. Die Funktion der Historiographie
Für die Beurteilung der Sicht Widukinds über das Verhältnis zwischen König und Herzögen kurz vor und nach der Liudolfingischen Machtübernahme eignet sich neben der Analyse seiner subjektiven Sicht der fränkisch-ottonischen Geschichte auch die Frage nach der Absicht, also der konkreten Funktion des Textes, wobei die verwendeten Mittel zur Darstellung der Geschichte eher in den Hintergrund treten. Es stellt sich also die Frage, welche Intentionen Widukind dazu veranlassten über das Verhältnis zwischen König und Herzögen zu berichten?
12 Zur Begegnung des letztgenannten Problems weist Hagen Keller auf die Ergebnisse Karl Schnmids
hin, die einen andersartigen Zugriff ermöglichen, indem die Berichterstattung Widukinds an einem
zentralen Punkt durch die Konfrontation mit abweichenden Angaben überprüft wird.
So können Akzentuierungen deutlicher erkannt werden, als es in der älteren Forschung möglich war.
Vgl. Keller, Hagen: Widukinds Bericht über die Aachener Wahl und Krönung Ottos I., in: FMSt 29,
S. 397
13 Karpf, Ernst: Herrscherlegitimation und Reichsbegriff in der ottonischen Geschichtsschreibung des
10. Jahrhunderts, S. 144
14 Althoff, Gerd,:Widukind von Corvey. Kronzuge und Herausforderung. In: Frühmittelalterliche
Studien, S.272
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2003, Das Verhältnis zwischen König und Herzögen kurz vor und nach Liudolfingischer Machtübernahme in der Darstellung Widukinds., München, GRIN Verlag GmbH
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