Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Beitrag des Hörers zur Herstellung einer gemeinsamen Verstehensbasis: rezi-
pierende Tätigkeiten des Hörers
1.1 Hörersignale als formale Rückversicherung des Sprechers
1.2 Aushandlung der Bedeutung
1.3 Inhaltliches Rückmeldeverhalten des Hörers
2. Interkulturelle Kommunikation
1. Interkulturelle Interaktionsfähigkeit als Lernziel
2. Anforderungen an den nicht-muttersprachlichen Hörer bei der interkulturellen
Kommunikation
3. Strategien der Verstehenssicherung und ihre Anwendung von nicht-
muttersprachlichen Hörern
3.1 Formale Strategien: Beispiele
3.2 Metakognitive Strategien: Beispiele
3.3 Inhaltliche Strategien: Beispiele
4 Bedeutung der Versicherungsstrategien im FSU: didaktische Überlegungen
5 Schlussbemerkung
6 Literaturverzeichnis
0. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit wurde ein Versuch gemacht, den Beitrag des nichtmuttersprachlichen Hörers bei der Interaktion Vertreter unterschiedlicher Kulturen darzustellen und seine Bedeutung für den geschmeidigen und störungsfreien Verlauf der Kommunikation hervorzuheben.
Im einzelnen werden die Strategien des Hörers beschrieben, welche er in realen oder unterrichtlichen Anwendungssituationen zur Verfügung hat und tatsächlich benutzt, um dem Sprecher eine formale oder inhaltliche Rückmeldung über seinen Verste-hensvorgang und auch über eventuelle Verstehensschwierigkeiten zu geben. Die Anwendung dieser Strategien ist für das Herausarbeiten einer gemeinsamen Verstehensbasis der Gesprächsteilnehmer von großer Bedeutung: bekommt der Sprecher vom Hörer keine Rückmeldung auf seine Äußerungen, wird er im Laufe des G esprächs immer mehr verunsichert, die Kommunikation gerät ins Stocken. Es wurden für die Darstellung in der vorliegenden Arbeit nur solche Strategien der Verstehenssicherung ausgewählt und mit Beispielen belegt, welche in der realen Kommunikation oft vorkommen und für die Fremdsprachenlerner bedeutsam sind. Ein weiterer großer Abschnitt der Arbeit ist der interkulturellen Kommunikation und den gestellten Anforderungen an den nicht-muttersprachlichen Hörer bei der interkulturellen Interaktion gewidmet. Da die Fähigkeit, in den interkulturellen Situationen agieren zu können und die fremde Kultur zu v erstehen und zu akzeptieren als ein übergreifendes Lernziel des Fremdsprachenlernens verstanden wird, sollten die damit verbundenen einzelnen Aspekte, darunter auch die Rolle des nichtmuttersprachlichen Lerners als Hörers im Fremdsprachenunterricht explizit behandelt werden.
Neben den didaktischen Überlegungen, die den Einsatz der Strategien der Verstehenssicherung im Fremdsprachenunterricht betreffen, wird an Hand der Beispiele aus den aktuellen Lehrwerken (für diese Analyse wurden drei Lehrwerke - Sichtwechsel,
EM und Unterwegs ausgewählt) ihre tatsächliche Verwendung beim Fremdsprachenlehren dargestellt.
1. Beitrag des Hörers zur Herstellung einer gemeinsamen Verstehensbasis:
rezipierende Tätigkeiten des Hörers
Der Hörer hat während des Kommunikationsprozesses mehrere Aufgaben zu erledigen und damit zur Herstellung einer gemeinsamen Verstehensbasis beizutragen: er muss vor allem dafür sorgen, dass er zuhören kann und will. Weiterhin muss der Hörer die Mitteilungen des Sprechers beachten und sich während des Gesprächs auf die Übernahme der Sprecherrolle vorbereiten. Bei all diesen Tätigkeiten 1 behält der H örer seine „passive“ Hörerrolle, er beteiligt sich aber aktiv und kreativ an der Gestaltung einer gemeinsamen Verstehensgrundlage für die Kommunikation, welche den Gesprächspartnern einen kooperativen Austausch erlaubt. Solmecke betont in seinem Artikel „Ohne Hören kein Sprechen“, dass
„es deutlich geworden sein sollte, dass Hörverstehen keinesfalls, wie der immer noch gebräuchliche
Begriff „passive Fertigkeit“ nahelegt, ein bloßes und eben passives Aufnehmen von Text durch den
Hörer ist, sondern es verlangt von ihm ein hohes Maß an Aktivität. Das gilt nicht nur für die Entschei-dung, ob er überhaupt zuhören und wieviel er von dem Gehörten aufnehmen und verstehen will, son-
dern es gilt (...) für den gesamten Hörvorgang, die Verarbeitung des Gehörten und schließlich auch für
die Entscheidung, ob und wie er auf das Gehörte reagieren will.“ (Solmecke 1992: 5)
Es steht fest, dass ohne aktive Beteiligung des Hörers am Kommunikationsprozeß und ohne sein Mitwirken an der Aushandlung einer Verstehensgrundlage eine „stolperfreie“ Kommunikation kaum möglich wäre.
Die rezipierenden Tätigkeiten des Hörers kann man laut Vollmer in drei Kategorien unterteilen: er unterscheidet im Hinblick auf die unterschiedlichen Sprechhandlungen, Redemittel des Hörers, auf die er während der Kommunikation zurückgreift und auf didaktische Konsequenzen zwischen dem formalen, metakognitiven und inhaltlichen Response.
1 Früher wurden all diese recht unterschiedlichen Aktivitäten des Hörers für ein Ganzes gehalten: der
Begriff feedback behavior wurde in Bezug auf alle Aktivitäten angewendet. Die begriffliche Ungenauig-
keit verhinderte lange Jahre einen differenzierenden Blick auf die Hörerrolle und die Verstehensprozesse.
1.1 Hörersignale als formale Rückversicherung des Sprechers
Mit Hilfe der formalen Rückversicherung (auch back-channeling genannt), welche sowohl verbal 2 , als auch nonverbal verlaufen kann, signalisiert der Hörer dem Sprecher seine Aufmerksamkeit, er bringt auch zum Ausdruck, dass er weiterhin an einer Fortsetzung des Gesprächs interessiert ist. Der Hörer macht dem Sprecher deutlich, dass seine Worte verstanden wurden und dass er den Sprecher weiterhin in seiner Sprecherrolle akzeptiert und deshalb in seiner Hörerrolle verbleiben möchte. Die Bedeutung dieser formalen Tätigkeit des Hörers für die Kommunikation ist groß: ohne die obengenannten Rückkopplungssignale wäre der Sprecher verunsichert und würde keine ausreichende Rückmeldung bekommen, war zur Beeinträchtigung der Kommunikation führen könnte. Hörersignale als Rückversicherung des Sprechers erfolgen während des Redezuges des Sprechers, und obwohl sie sich mit dem Redezug des Sprechers überschneiden, wird die Äußerung des Sprechers nicht unterbrochen. Die beschriebene Hörertätigkeit leitet also keinen Sprecherwechsel ein, sie sichert aber eine reibungslose nachfolgende Übergabe der Sprecherrolle an den H örer.
1.2 Aushandlung der Bedeutung
Dieser zweite Aspekt der rezipierenden Tätigkeit des Hörers ist mit dem Aspekt der formalen Rückversicherung eng verbunden: im ersten Fall ist Rückversicherung formal, im zweiten jedoch metakognitiv. Die Aushandlung der Bedeutung (in der englischsprachigen Literatur auch negotiation of meaning genannt) ist für den ganzen Kommunikationsablauf wichtig: die Verständnisschwierigkeiten des Hörers wird dabei dem Sprecher signalisiert und im Rahmen der Metakommunikation aufgeklärt und abgebaut. Der Prozeß der Bedeutungsaushandlung ist vor allem im Gespräch eines Muttersprachlers
2 Spezifische Formen von indirekter Kommunikation, z.B. ein Telefongespräch, werden verstärkt durch
verbale Hörersignale unterstützt.
mit einem Nicht-Muttersprachler, bzw. zweier Nicht-Muttersprachler, zu beobachten (zu den Anforderungen an den nicht-muttersprachlichen Hörer siehe 2.2). Bei der obengenannten Sprecherkombination kann eine Verständnislücke ohne explizite Rückfrage oder metakognitive Klärung oft nicht geschlossen werden, was die Gesprächsteilnehmer dazu bewegt, auf den Mechanismus der metakognitiven Rückversicherung z urückzugreifen. Der Hörer bringt dabei Bereitschaft und Fähigkeit ein, die Bedeutung eines bestimmten Ausdrucks oder den spezifischen Sprachgebrauch in der Fremdsprache unter die Lupe zu nehmen und aufzuklären. Die Aushandlung der Bedeutung findet in verschiedenen Phasen des Gesprächs statt, es bedarf aber des Fingerspitzengefühls des Hörers, seine Rückmeldung rechtzeitig und angebracht einzusetzen, so dass die Kommunikation trotz der Unterbrechungen von der Seite des Hörers ein Ganzes bleibt und nicht in Stücke zerbröselt. Ist der Hörer aus verschiedenen Gründen (dazu gehört z.B. mangelndes Interesse an der Kommunikation oder auch an der Person des Sprechers) nicht bereit, seine Verstehensschwierigkeiten dem Sprecher zu signalisieren, kann dies zu Missverständnissen zwischen den Gesprächsteilnehmern oder sogar zum Misslingen der Kommunikation führen.
1.3 Inhaltliches Rückmeldeverhalten des Hörers
Dieses Rückmeldeverhalten ist auf die Sicherung von inhaltlichem Verstehen bei der Kommunikation gerichtet, es beruht auf drei verschiedenen Vorgängen im Hörer: dem Vorgang der Wahrnehmung, der Interpretation und der emotionalen Verarbeitung einer kommunikativen Äußerung. Diese Vorgänge spielen bei der Kommunikation eine große Rolle: der Hörer sollte sich bewusst machen, dass seine Reaktion auf eine Äußerung seines Gesprächspartners im Wesentlichen von ihm selbst aktiv, b ewusst oder meistens unbewusst, konstruiert wird. (Frühere Konversationen mit diesem Gesprächspartner und persönliche Sympathie, bzw. Antipathie sind dabei von großer Bedeutung.)
Der Hörer übernimmt neben dem eigentlichen Sprecher die Rolle des Ko-Sprechers: der Sprecher erhält dabei eine Rückmeldung auf die inhaltliche Seite seiner Äußerung, er kann damit überprüfen, ob seine Mitteilung vom Hörer richtig interpretiert wurde. Das Verstehensresultat hängt aber, wie oben schon erwähnt wurde, auch von den
Wahrnehmungs- und Verstehensprozessen auf seiten des Hörers ab: „Die innere Reaktion erweist sich hier als ein Wechselwirkungsprodukt zwischen der Saat (gesendeter Nachricht) und dem psychischen Boden, auf den diese Saat beim Empfänger fällt“. (Schulz von Thun 1981: 69) Zuweilen kann es passieren, das der Empfänger in einer Nachricht einen Sinn zu erkennen glaubt, welchen der Sender gar nicht vermuten könnte. Oft wird auch das Schwergewicht einer Mitteilung vom Empfänger auf andere Elemente verlagert.
2. Interkulturelle Kommunikation
Interkulturelle Kommunikation stellt einen Sonderfall allgemeiner Kommunikation dar, vergleicht man sie mit der intrakulturellen Kommunikation, kann man sowohl viele Gemeinsamkeiten als auch viele Unterschiede finden. Die bedeutendste Gemeinsamkeit zwischen der Inter- und der Intrakommunikation besteht, meiner Meinung nach, darin, dass es sich in beiden Fällen um eine soziale, für die Entwicklung des Menschen unentbehrliche Fähigkeit handelt. Es sollte betont werden, dass:
„Eine der wesentlich den Menschen konstituierenden Fähigkeiten die zur Kommunikation ist, speziell
zur sprachlichen Kommunikation. Sie ist eine Grundlage für soziales Leben, für die Entwicklung und den
Fortschritt menschlicher Gesellschaft. Menschliche Sprachkommunikation begann mit Sprechen und
Hören. Bis zur Erfindung des Buchdrucks war geschriebene Sprache nur wenigen Privilegierten zugäng-lich und verständlich. (...) Mit der Entwicklung von Telefon, Radio, Film, Fernsehen scheint der Kom-
munikationskreis Sprechen-Hören von steigender Relevanz für Verstehen und Verständnis heutiger Men-
schen von- und untereinander geworden zu sein.“ (Urban 1977: 11)
Neben Gemeinsamkeiten lassen sich aber bei der Betrachtung der interkulturellen und der intrakulturellen Kommunikation viele Unterschiede beobachten: Bei der intrakulturellen Kommunikation wird die Gemeinsamkeit eines bestimmten Wissensbestandes der Gesprächspartner, eine mehr oder weniger ähnliche Denkweise, ähnliche Deutungsmuster und gemeinsame soziale Lebenspraxis vorausgesetzt. All diese G emeinsamkeiten fehlen in der Regel in der interkulturellen Kommunikation, denn die Wahrnehmung und Kategorisierung von Welt und Erfahrungen sind in jeder Sprechergemeinschaft unterschiedlich ausgeprägt. Diese fehlende gemeinsame Basis führt zur Unsicherheit des nicht-muttersprachlichen Sprechers bezogen auf den Sprach- gebrauch des Muttersprachlers: der Nicht-Muttersprachler versucht implizite kulturbe-
Arbeit zitieren:
Anna Mayer, 2002, Rolle des nicht-muttersprachlichen Hörers bei der interkulturellen Kommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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