Das Internet2 findet in das Emissionsgeschäft für festverzinsliche Wertpapiere
Einzug.3 Die Emission dieser Wertpapiere erfolgt in Zukunft vermehrt über
Internetplattformen, welche die Investmentbanken mit ihren traditionellen
Emissionsverfahren verdrängen. Ähnlich wie im Segment der Aktienemissionen
entstehen virtuelle Emissionshäuser, die das Internet als einzigen Distributionskanal
für die festverzinslichen Wertpapiere verwenden und den traditionellen
Emissionshäusern zunehmend Marktanteile entziehen.
Diese allgemein unter dem Begriff der Disintermediation bekannte These zur
Ausschaltung von Intermediären wird in der Literatur intensiv und zum Teil
kontrovers diskutiert,4 konnte aber im Finanzwesen in diesem Maße bisher
nicht bestätigt werden.5 Es lassen sich vielmehr Tendenzen zur Disintermediation
mit unterschiedlicher Intensität beobachten. Unzweifelhaft unterliegen
klassische Kreditbanken in Europa einer Disintermediation, denn Kapitalsuchende
finanzieren sich weniger über Bankkredite, sondern vermehrt durch
Wertpapieremissionen über den Kapitalmarkt.6 Diese Entwicklung lässt sich an
den Zuwächsen der Anleihemärkte in Europa belegen. Seit dem Euro-Startjahr
1999 kam es zu einem raschen Anwachsen der Emission von Anleihen durch
Unternehmen. Einem Gesamtvolumen von EUR 489 Mrd. im Jahr 1999 stehen
im Jahr 2003 bereits Emissionen von EUR 703 Mrd. gegenüber.7 Diese zunehmende
Fremdfinanzierung über den Kapitalmarkt führt zu einer sinkenden
Bedeutung der Kreditbanken in der Finanzintermediation.8 [...]
2 Internet steht für Interconnected Network und ist ein weltumspannendes, heterogenes
Computernetzwerk, das auf einem einheitlichen Netzwerkprotokoll (TCP/IP) beruht, wodurch
eine Datenübertragung unabhängig vom Rechnertyp möglich ist. Vgl. ZERDICK et al.
(2001), S. 151ff.
3 Vgl. ACKERMANN (2001a), S. 162.
4 Vgl. MALONE/YATES/BENJAMIN (1987), S. 484ff.; BENJAMIN/WIGAND (1995), S. 62ff.;
GELLMAN (1996), S. 1; ACKERMANN (2001a), S. 160 und COCCA (2002), S. 136.
5 Vgl. DOWNES/MUI (1998) und CHIRCU/KAUFFMAN (2000), S. 9.
6 Vgl. DEUTSCHE BUNDESBANK (2000), S. 33 und MAYER (2002).
7 Vgl. EZB (2000), S. 24 und EZB (2004), S. 31.
8 Vgl. ACHLEITNER (2002), S. 43.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlagen der Emission von Wertpapieren
2.1 Kapitalallokation in Finanzsystemen
2.1.1 Finanzierungstitel
2.1.2 Finanzmärkte
2.1.3 Finanzintermediäre
2.2 Finanzierung durch die Emission festverzinslicher Wertpapiere
2.3 Finanzintermediation aus Sicht der Finanzierungstheorie
2.3.1 Neoklassische Finanzierungstheorie
2.3.2 Neoinstitutionalistische Finanzierungstheorie
2.3.2.1 Transaktionskostentheorie
2.3.2.2 Informationsökonomik
3 Investmentbanken als traditionelle Finanzintermediäre bei der Emission festverzinslicher Wertpapiere
3.1 Wahl der optimalen Emissionsform
3.1.1 Das Emissionsgeschäft aus Sicht der Transaktionskostentheorie
3.1.2 Transaktionskosten bei der Emission festverzinslicher Wertpapiere
3.1.3 Fremdemission über Investmentbanken
3.2 Funktionen der Investmentbank im Emissionsgeschäft festverzinslicher Wertpapiere
3.2.1 Information
3.2.2 Preisermittlung
3.2.3 Platzierung
3.2.4 Zertifizierung
3.2.5 Risikoübernahme
3.3 Investmentbanken als Agenten der Emittenten
3.4 Zwischenfazit
4 Institutioneller Wandel des Emissionsgeschäfts festverzinslicher Wertpapiere durch das Internet
4.1 Internetökonomie
4.1.1 Elektronische Märkte
4.1.2 Information als Handelsgut
4.1.3 Größenvorteile und Wettbewerb auf elektronischen Märkten
4.2 Auswirkungen der Internetökonomie auf das Emissionsgeschäft für festverzinsliche Wertpapiere
4.2.1 Entstehung elektronischer Emissionsmärkte
4.2.2 Strukturelle Veränderungen der Finanzintermediation auf dem Emissionsmarkt für festverzinsliche Wertpapiere
4.2.2.1 Tendenzen zur Disintermediation
4.2.2.2 Virtuelle Finanzintermediation
4.2.2.3 Einfluss auf die Wahl der optimalen Emissionsform
4.2.2.4 Dekonstruktion der Wertschöpfungskette
4.2.2.5 Effizienzsteigerungen im Emissionsgeschäft
4.2.3 Die Entwicklung der Finanzintermediation im Emissionsgeschäft festverzinslicher Wertpapiere
4.2.3.1 Finanzintermediation im Zeitablauf
4.2.3.2 Vom Telefonhandel zu virtuellen Emissionsnetzwerken
5 Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Finanzintermediation bei der Emission festverzinslicher Wertpapiere unter dem Einfluss der Internetökonomie. Ziel ist es, zu untersuchen, ob Internetplattformen die traditionellen Emissionsverfahren von Investmentbanken verdrängen können und ob die Nutzung des Internets zu Effizienzsteigerungen führt.
- Finanzierungstheoretische Grundlagen der Kapitalallokation und Finanzintermediation.
- Die Rolle der Investmentbank als traditioneller Intermediär im Emissionsgeschäft.
- Struktureller Wandel durch die Internetökonomie und elektronische Emissionsmärkte.
- Analyse der Disintermediationstendenzen und der Entstehung virtueller Intermediäre.
Auszug aus dem Buch
3.1.3 Fremdemission über Investmentbanken
Beim Vergleich der Transaktionskosten dieser beiden Emissionsformen lässt sich unter Annahme einer mittleren Spezifität und geringer strategischer Bedeutung einer Emission feststellen, dass die Fremdemission trotz der zweistufigen Vertragsbeziehungen insgesamt geringere Transaktionskosten aufweist als die Selbstemission. Dies liegt insbesondere darin begründet, dass die Investmentbank als Finanzintermediär große Kostenvorteile bei der Produktion und Distribution von Informationen hat. Genaue Marktkenntnisse erleichtern die Ermittlung der Zahlungsbereitschaft der Investoren, Reputationseffekte führen zur Reduktion der Verhandlungskosten und die Entscheidungsphase ist letztlich aufgrund der verringerten Unsicherheit der Investmentbanken kostengünstiger.
Die Quelle der transaktionskostensenkenden Wirkung von Investmentbanken liegt vor allem in ihrem Reputationskapital, in der Fähigkeit glaubhaft Risiko zu übernehmen und in der wiederholten Nutzung des bestehenden Kundennetzes. Generell gilt, dass Investitionen mittlerer Spezifität für Transaktionen, die selten ausgeführt werden und nicht zur Kernkompetenz des Unternehmens gehören, zu einem unerwünschten Kostenfaktor gezählt werden müssen und deshalb ausgegliedert werden sollten. Die Fremdemission über Investmentbanken ist als hybrides institutionelles Arrangement zu interpretieren und stellt die effizienteste Koordinationsform für die Emission festverzinslicher Wertpapiere dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, erläutert die zunehmende Bedeutung des Internets im Emissionsgeschäft und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach der Disintermediation traditioneller Investmentbanken.
2 Grundlagen der Emission von Wertpapieren: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen dar, wobei Finanzsysteme, Finanzierungstitel, Finanzmärkte und die finanzierungstheoretischen Erklärungsansätze für die Existenz von Intermediären behandelt werden.
3 Investmentbanken als traditionelle Finanzintermediäre bei der Emission festverzinslicher Wertpapiere: Hier wird die Rolle der Investmentbanken als traditionelle Intermediäre analysiert, ihre Funktionen im Emissionsprozess beschrieben und die Vertragsbeziehung zu Emittenten untersucht.
4 Institutioneller Wandel des Emissionsgeschäfts festverzinslicher Wertpapiere durch das Internet: Dieses Kernkapitel untersucht die Auswirkungen der Internetökonomie, die Entstehung elektronischer Märkte und die dadurch bedingten strukturellen Veränderungen in der Finanzintermediation.
5 Schlussbetrachtungen: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und beantwortet die Frage, ob eine vollständige Disintermediation von Investmentbanken zu erwarten ist.
Schlüsselwörter
Festverzinsliche Wertpapiere, Emission, Finanzintermediation, Investmentbank, Internetökonomie, Disintermediation, Transaktionskosten, Kapitalallokation, Elektronische Märkte, Virtuelle Intermediäre, Emissionsplattformen, Informationseffizienz, Principal-Agent-Theorie, Wertschöpfungskette.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen des Internets und elektronischer Plattformen auf das traditionelle Emissionsgeschäft von Anleihen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Finanzierungstheorie, die Rolle von Investmentbanken als Finanzintermediäre, der institutionelle Wandel durch die Internetökonomie sowie die Effizienz der Kapitalallokation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist herauszufinden, ob die Emission über Internetplattformen effizienter ist als die klassische Emission über Investmentbanken und ob eine Disintermediation droht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein finanzierungstheoretischer Analyserahmen genutzt, insbesondere Ansätze der Neoinstitutionalistischen Finanzierungstheorie wie die Transaktionskostentheorie und die Principal-Agent-Theorie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Grundlagen der Finanzintermediation, die Funktionen traditioneller Investmentbanken und den institutionellen Wandel des Emissionsgeschäfts unter dem Einfluss der Internetökonomie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Emission, Finanzintermediation, Investmentbank, Disintermediation, Transaktionskosten und Internetökonomie charakterisiert.
Was versteht man unter dem IDR-Zyklus in der Arbeit?
Der IDR-Zyklus beschreibt den Prozess von Intermediation, Disintermediation und Reintermediation, der die Entwicklung der Finanzintermediation unter dem Einfluss neuer Internettechnologien im Zeitablauf darstellt.
Warum sind traditionelle Investmentbanken trotz Internetnutzung nicht komplett ersetzbar?
Ihre Leistungen sind aus informationsökonomischen Gründen, insbesondere hinsichtlich der Beratung, Zertifizierung und Übernahme komplexer Risiken, derzeit kaum vollständig durch rein virtuelle Lösungen zu ersetzen.
- Quote paper
- Holger Korte (Author), 2004, Die Emission festverzinslicher Wertpapiere über Internetplattformen - Darstellung und Analyse aus Sicht der Finanzierungstheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28894