I
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 1
2. BEDEUTUNGSÜBERTRAGUNGEN 3
2.1 Konventionell vs. nicht konventionell 3
2.2 Metapher 7
2.3 Metonymie 9
2.4 Deixis 11
2.5 Drei Möglichkeiten von Referenz. 12
2.6 Zweifache Referenz 14
3. POLYSEMIE UND SYSTEMATISCHE POLYSEMIE 15
3.1 Definition von Polysemie. 15
3.2 Definition von systematischer Polysemie 16
4. DIE SYSTEMATISCHE POLYSEMIE 17
4.1 Unterscheidung von zählbaren bzw. nicht zählbaren Nomina. 17
4.2 Übertragungsfunktionen. 19
4.3 Prozess der Präzisierung 20
4.4 Konventionen des Gebrauchs. 21
5. SCHLUSSWORT. 23
6. LITERATURVERZEICHNIS 24
1
1. Einleitung
L’expérience prouve que tout polysème est une machine sémantique unique, un
assemblage de concepts original, et particulier à une certaine langue. Si on peut dire
que chaque langue porte en elle „une vision du monde“ qui lui est propre, c’est
justement en grand partie à l’organisation de ses polysèmes qu’elle le doit. 1 In der folgenden Arbeit werden die Unbestimmtheit von Referenz und Polysemie erläutert. Viele Wörter besitzen polyseme Bedeutung, d.h. diese Wörter können auf mehrere Gegenstände verweisen und sind daher nicht streng determiniert. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten es zur Übertragung von Bedeutung gibt? Des Weiteren ist zu klären ob diese Bedeutungen auf einer oder auf zwei linguistischen Konventionen beruhen und inwieweit die Bezugnahme eines Wortes genau bestimmt werden kann. Darüber hinaus soll klargestellt werden, ob die lexikalische Repräsentation dieser Wörter die Spezifizierung ihrer primären Bedeutung ist, oder ob sie die Invariante der verschiedenen kontextbedingten Varianten, d.h. der polysemen Bedeutungen ist, die durch bestimmte Kontexte erst eine Bedeutung erhalten?
Im ersten Kapitel sollen daher frei gewählte Beispiele dazu dienen, die Fragestellungen weitgehend zu beantworten. Zunächst wird es um den konventionellen bzw. nicht konventionellen Gebrauch von Wörtern gehen. Anschließend werden zwei rhetorische Figuren vorgestellt, die Bedeutungsübertragungen ermöglichen. Das Ende des ersten Kapitels bilden die Problematik der Deixis und die verschiedenen Möglichkeiten von Referenzen. Im zweiten Kapitel wird das Phänomen der Polysemie veranschaulicht, indem Polysemie und systematische Polysemie erläutert werden, um dann im letzten Kapitel näher auf die systematische Polysemie einzugehen. Schließlich wird im dritten Kapitel dargestellt, welche Problematik die systematische Polysemie aufwerfen kann. Hier wird neben dem Unterschied zwischen zählbaren und nicht zählbaren Nomina auch auf Gebrauchskonventionen eingegangen, die die systematische Polysemie in verschiedenen Sprachen, beispielsweise im Französischen, vorschreibt. Um dies zu veranschaulichen, werden weitere Beispiele angeführt. Hierbei wird sich der dritte Teil besonders auf die Arbeiten von Kleiber 2 und Nunberg/Zaenen 3 stützen, die sich mit der Problematik der systematischen Polysemie auseinandergesetzt haben. Die Gesamtdarstellung wird zum
1 Picoche, Jaqueline, Précis de lexicologie française, Paris 1995, 124.
2 Kleiber, Georges, Problèmes de sémantique. La polysémie en question, Paris 1999.
3 Nunberg, Geoffrey, Annie Zaenen, „La polysémie systématique dans la description lexicale“, in: Langue
française 113, 1997, 12-23.
2
größten Teil frei gewählte bzw. abgewandelte französische Beispiele aus der zugrunde liegenden Literatur verwenden, um die Problematik, die mit der Polysemie, der Bedeutung und Bezugnahme von Wörtern auftreten kann, besser aufzuzeigen.
3
2. Bedeutungsübertragungen 2.1 Konventionell vs. nicht konventionell
Bei der Anwendung eines Wortes ist es oft schwer zu entscheiden, ob ein Wort konventionell oder nicht konventionell benutzt wird. Das Lexikon kann die Entscheidung erleichtern, da die bereits konventionalisierten Gebräuche eines Wortes im Wörterbuch festgehalten sind. Die konventionelle Bedeutung eines Begriffs besagt demnach, dass die verschiedenen Gebräuche, d.h. die Polyseme eines Wortes, von der Sprachgemeinschaft festgelegt wurden und im Lexikon bestimmt sind. Im Gegensatz dazu ist der nicht konventionelle Gebrauch eines Wortes nicht festgelegt, d.h. auch nicht im Lexikon verankert, sondern ergibt sich erst aus einer spezifischen Situation heraus. Die folgenden Beispiele sollen die Formen von konventioneller und nicht konventioneller Bedeutung veranschaulichen:
(1a) Les habitants de la ville de Strasbourg ont voté pour Jean. In diesem Beispiel wird das Wort ville konventionell verwendet und zwar in seiner Grundbedeutung als ‚Stadt’, deren Einwohner jemanden wählen. La ville de Strasbourg a voté pour Jean. 4 (1b)
Hier wird das Wort ville nicht konventionell verwendet, indem es sich nicht auf die Stadt, sondern auf deren Einwohner bezieht, die wählen gehen. Die Bedeutung des Wortes ville ist auf einen anderen Gegenstand, ‚habitants’, übertragen worden, der nicht Bestandteil des konventionellen Gebrauchs ist. Ebenso verhält es sich mit dem folgenden Beispiel: (2a) Les gouvernements de Berlin et Paris ont exprimé leur opposition. (3a) Le gouvernement français a été approuvé par les électeurs. Die Regierungen der Städte Berlin et Paris äußern ihre Opposition. Auch in diesem Fall tragen die Eigennamen Berlin et Paris ihre primäre Bedeutung, die im Lexikon jeweils mit ‚Stadt’ definiert ist. Anders sieht es jedoch bei diesen Beispielen aus: (2b) Berlin et Paris ont exprimé leur opposition.
4 Vgl. Nunberg/Zaenen, a.a.O., 12.
4
(3b) L’Elysée a été approuvé par les électeurs.
In Beispiel (2b) findet, wie in (1b), eine Bedeutungsübertragung statt, indem der Bezug zur deutschen bzw. französischen Regierung hergestellt wird. Während die Definition von ‚Stadt’ im Lexikon aufgeführt ist, wird die Definition ‚Regierung’ nicht zu finden sein, da diese Bedeutungsübertragung keinen Bestandteil des konventionellen Gebrauchs darstellt. Vielmehr ergibt sich diese Bedeutung aus einer spezifischen Situation heraus oder ist eine spontane Reaktion wie in folgendem Beispiel:
(2c) Paris et Berlin sont sous le choc de l’accident à la frontière franco-allemande.
Hier werden die Hauptstädte weder in ihrer primären Bedeutung noch in der Bedeutung von ‚Regierung’ verwendet. Vielmehr ergibt sich aus dem Kontext, dass die Personen, d.h. die Einwohner von Paris und Berlin gemeint sind. Ebenso wie ‚Regierung’, ist die Definition von ‚Person’ oder ‚Einwohner’ nicht im Lexikon zu finden.
Des Weiteren ist die nicht konventionelle Verwendung eines Wortes ein kreativer und spontaner Vorgang. Im nächsten Beispiel wird das Wort pièce ebenfalls konventionell und nicht konventionell verwendet: (4a) Ils ont loué une maison de trois pièces. (4b) Ils ont payé leurs achats avec des pièces d’un franc. (4c) J’ai lu une pièce de Molière.
(4d) La classe est allée au théâtre pour voir une pièce de Molière. In den ersten drei Sätzen ist das Wort pièce konventioneller Natur im Sinne von ‚Zimmer’, ‚Geldstück’ und ‚Textstück’ verwendet worden. Satz (4a) ist konventionell, da pièce im Lexikon wie folgt bestimmt ist: „Dans un appartement, chaque partie isolée, entourée de cloison ou nettement séparée.“ 5 Der Satz (4b) wird ebenfalls lexikalisch festgelegt : „Morceau de métal, plat et généralement circulaire, revêtu d’une empreinte distinctive et servant de valeur d’échange.“ 6 Dem folgt auch der Beispielsatz (4c) : „Ouvrage littéraire ou musicale.“ 7 Der Satz (4d) ist hingegen nicht konventioneller Art, da diese Bedeutung aus
5 Robert, Paul, Le nouveau Petit Robert - Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française,
Paris 2002, 1941.
6 Ebda.
7 Ebda.
5
einer spezifischen Situation heraus entsteht und das Wort pièce im Zusammenhang mit ‚voir’ einen anderen Sinn ergibt, nämlich den einer Theateraufführung eines Stückes von Molière. Zwischen den verschiedenen Sätzen bzw. dem unterschiedlichen Gebrauch des Wortes pièce gibt es keinen Zusammenhang, da das Wort vier verschiedene Bedeutungen besitzt. Es gibt aber auch Beispiele, in denen die nicht konventionelle Bedeutung eines Wortes in einem gewissen Zusammenhang mit der konventionellen Bedeutung stehen kann: (5a) La moitié de la forêt a été détruite par le feu. (5b) Quand l’enfant voulait traverser la rue le feu est passé au rouge. (5c) Il était tout feu du concert.
Bei den ersten beiden Sätzen handelt es sich um den konventionellen Gebrauch des Wortes feu. Im ersten Satz (5a) ist feu als „ensemble de matières rassemblées et allumées pour produire de la chaleur etc.“ 8 , d.h. ‚Feuer’ definiert, und im zweiten Satz (5b) bedeutet das Wort ‚Ampel’. Im Lexikon mit „signal lumineux destiné à guider, à réglementer le déplacement des véhicules“ 9 festgelegt. Im dritten Satz (5c) wird feu im Sinne von ‚être passioné, enthousiasmé, ravi’ benutzt. Der Begriff im dritten Beispiel könnte vom ersten Beispiel abgeleitet sein. Die Person, die diesen Satz hört, wird ihn sofort verstehen, auch wenn sie das Wort feu noch nie in diesem Kontext vernommen hat. Grund dafür ist die Kenntnis, die der Hörer vom ersten Satz besitzt. ‚Feuer’ ist heiß und rot, gibt demnach Wärme ab und steht für die Farbe der Liebe. Diese Eigenschaften können auch auf das Konzert übertragen werden, für das Begeisterung, Leidenschaft, Zuneigung und Wärme aufgebracht werden. Während der Satz (5c) von Satz (5a) hergeleitet sein kann, besteht zwischen den ersten beiden Sätzen (5a/5b) keine eindeutige Beziehung, hier liegen zwei unterschiedliche Bedeutungen vor. Es kann nicht aufgezeigt werden, warum der Gebrauch des Wortes feu in Satz (5b) nicht von dem in Satz (5a) abgeleitet ist. Es gibt dafür keinerlei Erklärung.
Die Beispiele (6) und (7) veranschaulichen nochmals den konventionellen bzw. nicht konventionelle Gebrauch von Begriffen und die Übertragung von Wortbedeutungen in bestimmten Situationen: (6a) La chambre d’hôtel est très confortable. (6b) Les serviettes sont pour la chambre 10.
8 Robert, Paul, a.a.O., 1058.
9 Robert, Paul, a.a.O., 1059.
Arbeit zitieren:
Anne Sophie Günzel, 2004, Die Unbestimmtheit von Referenz und Polysemie, München, GRIN Verlag GmbH
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