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Inhalt
1 Einführung 4
1.1 50 Jahre BILD - ein Phänomen 4
1.2 Literaturbericht und Forschungsstand 6
2 Meinungsmache: Mediendemokratie und Populismus 8
2.1 Mediendemokratie 8
2.2 (Medialer) Populismus 8
3 Meinungsführer: Axel-Springer-Verlag 11
3.1 Eckdaten. 11
3.2 Verlagspolitik 11
4 Meinungsmacher: Aspekte medialen Populismus in BILD 16
4.1 Volksnähe und Anti-Elitarismus 16
4.2 Anti-Modernismus und Konservativismus 18
4.3 Patriotismus und Nationalismus 20
4.4 Personalisierung und Inszenierung 21
4.5 Simplifizierung 26
4.6 Emotionalisierung und Dramatisierung 29
5 Meinungsfreiheit: Schlussbetrachtung. 32
Literaturverzeichnis 33
Abbildungsnachweis 36
1 Einführung
1.1 50 Jahre BILD - ein Phänomen
Pünktlich zum 50-jährigen Bestehen der BILD, am 24. Juni 2002, erschien die Berliner Tazeszeitung „taz“ im Kleid des Axel-Springer-Meilensteins, titelte in unverkennbarem BILD-Stakkato „Bild wird 50! Jetzt reicht’s!“ - und illustrierte damit weit weniger den
publizistischen Hilfeschrei denn ein prominentes Dilemma: Bei aller Ablehnung, trotz aller Kritik und ungeachtet aller Verwünschungen ist das Phänomen BILD aus der bundesdeutschen Medienlandschaft so unmöglich
vermeintlichen Totengräber nicht u mhin kommen, sich selbst noch bei Layout- und Textgestaltung des „Grabsteins“ an das Flaggschiff des Axel Springer Verlags anzulehnen 1 - oder pointiert formuliert: Auch nach Günter
unzähligen Rügen seitens des Deutschen Presserates 3
kann „[g]egen die ‚Bildzeitung’ [...] niemand in Deutschland regieren. Noch nicht einmal ohne sie. Wer es dennoch versucht, wird eines Besseren belehrt“ 4 . BILD ist seit ihrer Erstausgabe im Jahr 1952 ein grelles Erfolgsprodukt, ein politischer Machtfaktor, ein eigenwilliger Streitfall: Sie wird verabscheut als „Opium fürs Volk“ und „eklige[r] Brei aus Blut, Tränen und Hormonen“ 5 , respektiert als Teil des täglichen Pressekanons in Wirtschaft, Politik und Medien, hofiert als „politische I nstanz“ 6 wie als Prominenten-Macher - und verkauft wie keine andere Zeitung auf dem Kontinent.
BILD ist ein alltägliches Politikum, sie polarisiert und vereint 7 , und oft genug oszillieren ihre Rezipienten auch zwischen Ablehnung und Anerkennung: Wiewohl kein an-
1 Anlässlichdes 25. Jubiläums der taz am 27.09.03 erinnerte der „Spiegel“ an diese Titelgestaltung sogar als einen „Kniefall“. Vgl. Langenau, Lars: Kniefall vor dem Feind, auf http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,267528,00.html (Zugriff am 29.09.03).
2 Vgl. etwa: Wallraff, Günter: Der Aufmacher. Der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war, Köln: Kiepenheuer&Witsch, 1979.
3 Vgl. etwa Botros, Mona: 50 Jahre Bild, auf http://www.pressetreff.zdf.de/pblic/extras/50jahrebild.pdf, S.4. (Zugriff am 27.10.03): „Über die letzten 25 Jahre ging fast jede vierte Rüge des Presserates, so eine Auswertung der Autorin, an die Bild Zeitung“.
4 Schmidt, Christian Y.: „Bild“ regiert, in: konkret - Zeitschrift für Politik und Kultur, 03/2002, auf: http://www.konkretverlage.de/ (Zugriff am 15.05.03).
5 o.N.: 50 Jahre Bild, auf http://www.arte-tv.com/dossier/archive.jsp?refresh=false&node=23680&lang=de (Zugriff am 13.09.03)
6 Ströbele, Christian, in: Botros, Mona: 50 Jahre Bild - eine Zeitung bewegt Deutschland, Mainz: ZDF, 19.06.2002.
7 Man denke etwa an die BILD-Aktion „Ein Herz für Kinder“: Der gleichlautende Aufkleber fand sich Anfang der 70-er Jahre an knapp jedem zweiten in der BRD zugelassenen Kfz. (Vgl. Jacobi, Claus: 50 Jahre Bild, Teil 5, in: BILD v. 21.06.02, S.3).
deres deutsches Medium von seiner Konkurrenz soviel Journalistenschelte erfahren hat, wird (nach dem „Spiegel“) auch kein anderes Medium von ebendieser Konkurrenz so häufig zitiert wie BILD. Mit feuilletonistischem Hohn allerorten übersäht, war und bleibt sie ein investigativer Impulsgeber - selbst wenn ihr, wie etwa ins ostdeutsche Sebnitz im Jahr 2000, die gesamte mediale Öffentlichkeit auch einmal in eine dunkle Sackgasse folgt.
BILD ist ein Ausnahmeprodukt und mit ihr der Axel Springer Verlag (ASV) ein Ausnahmeunternehmen: Zwar berührten auch ihn die ökonomischen Nachbeben des 11. September 2001, doch konnte nicht nur die BILD ihre Auflage weitgehend halten 8 , sondern federten nicht zuletzt auch erfolgreiche ASV-Töchter - wie etwa die „Ullstein Heine List Verlagsgruppe“ - die Jahresbilanz 2002 erheblich ab 9 . Und bereits lange zuvor hatte sich das Haus schon einmal als äußerst krisenresistent erwiesen: Der Tiefschlag, den das Unternehmen während der „68er“-Unruhen erfuhr, hätte siche rlich manch anderen Verlag in die Knie gezwungen. Der ASV aber überlebte und mit ihm auch - neben der „Welt“ - die BILD und ihr so heftig umstrittenes „Welt-Bild“ 10 .
Aber warum eigentlich?
Ausgangsthese dieser Arbeit ist es, dass der ASV seinen andauernden Erfolg allem voran einem „medialen Populismus“ verdankt, der sich in exemplarischer Weise insbesondere an der BILD und der „BILD am Sonntag“ („BamS“) festmachen lässt. Diesem Phänomen möchte sich die Arbeit aus sich zuspitzender Perspektive begegnen: Nach einer ersten Verortung des Begriffs „Populismus“ auf der Plattform einer ebenfalls zu konkretisierenden „Mediendemokratie“ gilt es zuerst einmal, den Konzern in seiner aktuellen Stellung als einen sowohl ökonomischen als auch öffentlichkeitsrelevanten Machtfaktor in eben jener „Mediendemokratie“ zu skizzieren. Daran anschließend empfiehlt sich eine nähere Betrachtung der fundamentalen ideologischen Stellräder des Medien-Konsortiums, die abschließend in ihrer alltäglich-konkreten Verkörperung in der BILD als der wirtschaftlichen und publizistischen Speerspitze des Verlags nachgezeichnet werden sollen. Ziel dieser Arbeit soll es dabei nicht zuletzt sein, den bisher primär im Kontext (partei-)politischer Akteure angewandten Begriff des „Populismus“ um eine spezifisch mediale Perspektive zu erweitern.
8 Vgl. allerdings auch o.N.: Auflage der „Bild“-Zeitung sinkt unter vier Millionen, auf: http://www.heut e.t-online.de/ ZDFheute/artikel/10/0,1367,MAG-0-2029898,00.html (Zugriff am 13.09.03).
9 Vgl. den ASV-Geschäftsbericht 2002 auf http://www.asv.de/ (Zugriff am 13.09.03).
10 „Wortschöpfung“ von Kruip, Gudrun: Das „Welt“-„Bild“ des Axel Springer Verlages: Journalismus zwischen westlichen Werten und deutschen Denktraditionen, München: Oldenbourg, 1999.
1.2 Literaturbericht und Forschungsstand
Grundsätzlich erwies sich das vorliegende Thema, sekundärliterarisch betrachtet, als nicht unglücklich: Zum einen traf die Begegnung mit dem ASV auf das 50-jährige Bestehen der BILD - und damit auch auf ein außerordentliches Medien-Echo zum primären Untersuchungsgegenstand. Zum anderen konnte das Phänomen „Populismus“ gerade in jüngster Vergangenheit eine Hochphase an sozial- und politikwissenschaftlicher Hinwendung für sich verbuchen: Nicht zuletzt bedingt durch die Wahle rfolge der französischen „Front National“, der österreichischen „Freiheitlichen Volkspartei“ oder der italienischen „Forza“ während des vergangenen Jahrzehnts erfuhr die Frage nach dem Populismus und den Ursachen seiner Anziehungskraft eine ve rstärkte Forschungsleistung.
Zugleich aber offenbarten beide Themenkreise im Spiegel der sekundärliterarischen Betrachtung eine Herausforderung für die vorliegende Arbeit: Sowohl ASV und BILD als auch „der“ Populismus erwiesen sich als alles andere als stabil umrissene Phänomene. Neben einer teilweise erheblichen Kakophonie an Definitions- und Verortungsangeboten begegnen dem Leser grundrhythmisch prophylaktische Abschottungen zwischen dem Verweis auf die „eigene politische Positionierung“ 11 und der Eri nnerung an mögliche „subjektive Einflüsse und implizite Wertungen“ 12 , die sich entscheidend auf die Ergebnisfindung auswirken könnten.
Residiert bereits der Begriff des „Populismus“ in der Literatur weit entfernt von einer allgemeingültigen Definition, so führte insbesondere die Beschäftigung mit dem ASV im Allgemeinen und der BILD im Speziellen nur punktuell zu einer „herrschenden Meinung“. Vielmehr vermengten sich hier nicht selten grundsätzlich interessante Analyseabsichten geradezu reflexartig mit fieberhaft ergriffenen Abstandsbekundungen. Insgesamt begegnet der Leser bei diesem Thema einer eigenwilligen Zwangslage - in vielen Abhandlungen über das Unternehmen oder sein mediales Aushä ngeschild gesellen sich mehr oder minder zwischen den Zeilen auch deutliche Hinweise auf die ideologische Verortung des Autors: Entweder ist BILD hinsichtlich der öffentlichen Meinung erschütternd übermächtig oder geradezu machtlos, schreibt gegen jeden gesellschaftlichen Veränderungswillen an oder taktiert gekonnt am Stimmungsbarometer entlang, schießt scharf oder eher verzeihlich mit Platzpatronen.
11 Reinfeldt, Sebastian: Nicht-wir und Die-da: Studien zum rechten Populismus, Wien: Wilhelm Braumüller Verlag, 2000, S.3.
12 Voss, Cornelia: Textgestaltung und Verfahren der Emotionalisierung in der BILD-Zeitung, Frankfurt am Main: Peter Lang, 1999, S.22.
Autoren, die solcherlei Positionszuschreibungen von sich weisen möchten, sind dabei schnell gezwungen, sich auf nicht angreifbares Material wie Axel Springer-Zitate und Eckdaten der Unternehmensentwicklung zurückzuziehen. Für die vorliegende Arbeit folgt hieraus grundsätzlich ein reicher Fundus an Bestätigungen für jedwede These. Innerhalb dieses wenig haltgebenden Rahmens sollen an dieser Stelle umso mehr die für die vorliegende Arbeit fruchtvollsten Ideengeber herausgehoben we rden. So ermöglichte eine erste umfassende Annäherung an die BILD und ihr „Welt-Bild“ die gleichnamige Schrift von Gudrun Kruip 13 , die sich engagiert mit Gründung und Entwicklung des Verlags sowie dessen beiden medialen Flagschiffen, „Welt“ und BILD, auseinander setzte. In der Arbeit von Cornelia Voss 14 stehen daneben die Fak-toren „Emotionalisierung“ und „Textgestaltung“ im Mittelpunkt der Frage nach dem andauernden Verkaufserfolg der BILD, und die TV-Dokumentation „50 Jahre Bildeine Zeitung bewegt Deutschland“ 15 schließlich bot einen interessanten Überblick über die Geschichte des Mediums und seine „Macher“.
Für das Themenfeld „Populismus“ erwiesen sich die Aufsatzsammlungen „Populismus und Aufklärung“ 16 , „Populismus in Österreich“ 17 und „Populismus: Ideologie und Praxis in Frankreich und Österreich“ 18 sowie die Studien „Nicht-wir und Die-da“ 19 und „Populismus und Populistischer Moment im Vergleich zwischen Frankreich, Italien und Österreich“ 20 als verlässliche und fundierte Anstoßgeber - ganz im Gegensatz etwa zu dem Essayband „Die neuen VerFührer - Populismus heute“ 21 , der in seiner eindimensionalen Behandlung des Phänomens eine ärgerliche Enttäuschung bot. Relativ aufwändig gestaltete sich die Annäherung an den „primärliterarischen“ Ge-genstand dieser Arbeit: Da die BILD kein Online-Archiv anbietet und in der hiesigen Universitätsbibliothek nicht abgelegt wird, bilden den „Nährboden“ für diese Arbeit neben dem Internet-Auftritt des ASV die im Straßenverkauf erworbenen BILD- und „BamS“-Ausgaben zwischen Anfang Juni und Mitte Oktober 2002.
13 Kruip, Gudrun: Das „Welt“-„Bild“ des Axel Springer Verlages: Journalismus zwischen westlichen Werten und deutschen Denktraditionen, München: Oldenbourg, 1999.
14 Voss, Cornelia: Textgestaltung und Verfahren der Emotionalisierung in der BILD-Zeitung, Frankfurt am Main: Peter Lang, 1999.
15 Botros, Mona: 50 Jahre Bild - eine Zeitung bewegt Deutschland, TV-Dokumentation, Mainz: ZDF, 19.06.2002.
16 Dubiel, Helmut (Hg.): Populismus und Aufklärung, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986.
17 Pelinka, Anton (Hg.): Populismus in Österreich, Wien: Junius, 1987.
18 Hauch, Gabriella, Hellmuth, Thomas, Pasteur, Paul (Hg.): Populismus: Ideologie und Praxis in Frankreich und Österreich, Innsbruck, Wien: StudienVerlag, 2002.
19 Reinfeldt, Sebastian: Nicht-wir und Die-da: Studien zum rechten Populismus, Wien: Wilhelm Braumüller Verlag, 2000.
20 Falkenberg, Susanne: Populismus und populistischer Moment in Italien, Frankreich und Österreich, Duisburg: Univ. Duisburg (Diss.), 1987.
21 Berndt, Susanna (Hg.): Die neuen VerFührer: Populismus heute, Graz, Wien, Köln: Verlag Styria, 2001.
2 Meinungsmache: Mediendemokratie und Populismus
2.1 Mediendemokratie
Massenmedien nehmen in modernen freiheitlich-demokratischen Informationsgesellschaften - zusammen mit den Parteien 22 - eine exponierte Rolle im politischen Meinungs- und Willensbildungsprozess ein, indem sie, allem voran, einen öffentlichen Raum konstituieren, der eine weitreichende politische Kommunikation überhaupt erst ermöglicht. Einzig über die Gegenwart einer solchen Artikulationsplattform ist es (theoretisch) allen am politischen Prozess Beteiligten möglich, ihre jeweiligen Ziele in den Widerstreit konkurrierender Interessen hör- und sichtbar einzubringen und so Einfluss auf die politische Willensbildung zu nehmen. Damit leisten die Medien einen substantiellen Beitrag zur Funktionsfähigkeit eines pluralistischen Systems - und besetzen in ihm zugleich eine herausragende Machtposition als „ein Organ der Demokratie, deren Aufstieg sie immer mitbestimm[e n] und deren Niedergang sie immer mitverschuld[en]“ 23 . Hierbei mehren sich in der BRD als einer omnipräsent medienbegleiteten Gesellschaft sicherlich auch die Kennzeichen einer „populistischmediokratischen“ Orientierung, d.h. die Medien erfahren im Bereich der politischen Kommunikation zunehmend einen hegemonialen Stellenwert. Nachdem die BILD als größte deutsche Tageszeitung mit professionellem „Agenda Setting“ sowie auflagen-orientierten Selektionskriterien die Begegnung maßgeblicher Teile der Öffentlichkeit mit dem und ihre Wahrnehmung des Schauplatzes Politik erheblich beeinflusst, gewinnt die Frage nach einem möglichen populistischen Moment an Brisanz.
2.2 (Medialer) Populismus
Der Begriff des „Populismus“, wiewohl von den Sozialwissenschaften seit den 60er-Jahren 24 aufgegriffen und diskutiert, ist in der Literatur noch immer kein stabiler Ankerpunkt - im Gegenteil: „Ungeachtet der verschiedenen Versuche einer typologischen oder begrifflichen Präzisierung existiert innerhalb der Sozialwissenschaften [...] bis heute keine allgemein akzeptierte Populismus-Definition“ 25 . Konsens besteht folglich auch primär im Bekenntnis zur Ungreifbarkeit des Wortes, das mithin als ein „sehr weites Feld“ 26 die Subsumtion aller möglichen „Bewegungen, Ideologien, Agita-
22 Gellner,Winand: Medien und Parteien - Grundmuster Politischer Kommunikation, in: Gellner, Winand, Veen, Hans-Joachim (Hg.): Umbruch und Wandel in westeuropäischen Parteiensystemen, Frankfurt am Main et al.: Lang, 1995, S.17
23 Dovifat, Emil: Zeitungslehre I, 6., neubearb. Aufl. v. Wilke, Jürgen, Berlin, New York: de Gruyter, 1976, S.15.
24 Breitling, Rupert: Populismus, in: Pelinka, Anton, 1987, S.26.
25 Falkenberg, Susanne, 1987, S. 3. Vgl. auch Ernst, Werner W.: Zu einer Theorie des Populismus, in: Pelinka, Anton, 1987, S.10.
26 Puhle, Hans-Jürgen: Was ist Populismus?, in: Dubiel, Helmut,1986, S.12.
Arbeit zitieren:
Jürgen Rindt, 2003, BILD' Dir Deine Meinung? Populismus als Programm - zur Politik des Axel-Springer-Verlages, München, GRIN Verlag GmbH
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