Inhaltsverzeichnis
1 Einführung. 4
1.1 Einführung in das Thema. 4
1.2 Problemstellung. 7
2 Erklärungsansätze für Stadt-Umland-Wanderungen 9
2.1 Makroansätze. 10
2.2 Verhaltenstheoretische Ansätze. 11
2.3 Synthese der Ansätze und Bedeutung für die empirische Untersuchung 14
2.4 Allgemeine erkenntnisleitende Hypothesen. 15
3 Eine allgemeine Standortbestimmung: Wanderungen in die und aus den Oberzentren seit Ende der
80er Jahre. 16
4 Bevölkerungsentwicklung Duisburgs 1989-1999. 20
4.1 Gesamtentwicklung des Einwohnerbestandes. 20
4.2 Natürliche Bevölkerungsentwicklung. 22
4.3 Wanderungen. 23
4.4 Herkunft und Ziele der Wandernden. 25
4.4.1 Wanderungen nach Strukturmerkmalen. 28
4.5 Einwohnerentwicklung und Wanderungsbilanzen in den Duisburger Stadtbezirken. 31
4.6 Zusammenfassung. 34
4.7 Abgrenzung des Duisburger Umlands. 35
5 Konzeption der Befragung. 37
5.1 Forschungsleitende Hypothesen. 37
5.2 Auswahl des Erhebungsinstruments 41
5.3 Konzeption des Messinstruments und Operationalisierungen. 42
5.4 Pretests und Durchführung der Befragung. 47
5.5 Grundgesamtheit, Stichprobe und Rücklaufquote 48
6 Wanderungsmotive ehemaliger Duisburger 49
6.1 Vorbemerkungen zur Statistischen Analyse des erhobenen Datenmaterials. 49
6.2 Strukturelle Merkmale der fortgezogenen Haushalte 50
6.2.1 Altersstruktur 50
6.2.2 Typen fortgezogener Haushalte 51
6.2.3 Einkommen der Haushalte. 55
6.3 Ziele und Herkunft der Gewanderten. 57
6.3.1 Zielortpräferenzen der Haushalte - Überblick. 57
6.3.2 Zielregion in Abhängigkeit vom Alter. 59
6.3.3 Zielregion in Abhängigkeit vom Haushaltstyp. 60
6.3.4 Haushalte mit Kindern unter 18 in den Zi elregionen. 62
6.3.5 Herkunft der Haushalte nach Stadtbezirken. 63
6.3.6 Wanderungsströme aus den Stadtbezirken in die Nachbargemeinden 64
6.4 Weiterhin bestehende Beziehungen der Haushalte zu Duisburg. 66
6.5 Eigentum und Miete 67
6.5.1 Suche nach geeignetem Wohnraum in Duisburg. 68
6.5.2 Mieter und Eigentümer in den Zielregionen 68
6.5.3 Die Bildung von Eigentum nach strukturellen Merkmalen der Haushalte 70
6.5.4 Bewohnte Haustypen vor und nach dem Umzug. 72
6.6 Motive für den Fortzug. 74
6.6.1 Zufriedenheit mit dem alten und dem neuen Wohnstandort 74
6.6.2 Das Hauptmotiv für den Fortzug. 75
6.6.3 Weitere Motive für den Fortzug. 80
6.6.4 Hauptmotive nach Herkunftsort. 82
6.6.5 Hauptmotive nach Zielregion. 85
6.6.6 Hauptmotive nach Haushaltstyp. 86
6.6.7 Hauptmotive des Fortzugs der ehemaligen Duisburger Eigentümer. 88
6.6.8 Zusätzliche Motive der Käufer von Wohneigentum. 89
6.7 Bewertung des neuen Wohnortes im Vergleich zu Duisburg. 92
7 Zusammenfassung wesentlicher Untersuchungsergebnisse 98
7.1 Räumliche Muster und Umfang der Stadt-Umland-Wanderungen im Raum Duisburg, soziostrukturelle
Merkmale der Migranten. 99
7.2 Motive des Fortzugs. 101
Abbildungsverzeichnis 105
Tabellenverzeichnis 106
Verzeichnis der Karten. 106
Literaturverzeichnis. 107
Anhang 112
1 Einführung
1.1 Einführung in das Thema
Die Raumentwicklung in Deutschland wird seit Jahrzehnten durch Suburbanisierung und Siedlungsdispersion in entscheidendem Maße geprägt. Dabei waren es quantitativ seit Anfang der 60er Jahre vor allem Stadt-Umland -Wanderungen der Wohnbevölkerung, die das Umland immer stärker suburbanisierte und verdichtete. Die Wachstumsraten der Städte lagen zwischen 1961 und 1970 bei lediglich 1,1 %, während das Umland Steigerungsraten von bis zu 22,3 % aufwies (Häußermann 1987: 25). Die Suburbanisierung des Einzelhandels und der Industrie wird dabei als Folgeentwicklung der Bevölkerungssuburbanisierung interpretiert.
Als Resultat der Dekonzentrationsprozesse können in den Stadtregionen die Ausweitung der Siedlungsfläche, die sozioökonomische Entmischung der Bevölkerung und die Zunahme von Pendlerbewegungen, ausgelöst durch die räumliche Trennung der Funktionen Wohnen und Arbeiten sowie Versorgen (vgl. Burdack 1998: 26f) ausgemacht werden.
Die dynamische Bevölkerungsbewegungen seit den 60er und 70er Jahren im Umland der Kernstädte wurde in der Fo rschungsliteratur eingehend thematisiert. Entsprechende Gründe für die Bevölkerungsbewegungen aus den Städten in das Umland wurden herausgearbeitet (vgl. hierzu Burdack 1998: 26 und Heuer 1978: 31). Zu ne nnen sind hier
der ökonomische Konzentrationsprozess und die damit einhergehenden Verdichtungs- - formenmit entsprechenden Konsequenzen hinsichtlich der Umweltqualität in den Städten und Verdrängungsprozessen von Wohnbevölkerung
gewachsener Wohlstand und gestiegene Einkommen der Haushalte, worauf der - Wunschnach größerem und besser ausgestattetem Wohnraum in entsprechendem Wohnumfeld folgte, der für einen Teil der Bevölkerung in Form von „Einfamilienhäusern im Grünen“ finanzierbar wurde,
in diesem Zusammenhang ist der (damals) unzureichende und mangelhafte Wohn- - raumbestand(Altbaubestand) in den Städten anzuführen sowie
der angestiegene Motorisierungsgrad der Bevölkerung. Mit dem wachsenden Einkom- -
men ging eine zunehmende Motorisierung der Bevölkerung einher, die den Fortzug in
das Umland begünstigte. Der Ausbau des ÖPNV und des Straßennetzes trugen ebenfalls hie rzu bei.
Nach dieser Hochphase der Suburbanisierung war ein Abflachen der Umlandwanderungen seit Mitte/Ende der 70er Jahre zu verzeichnen. In der Stadtplanung erfolgte ein Perspektivwechsel. Man konzentrierte sich zunehmend auf die Aufwertung der (Innen-) Städte und generelle Maßnahmen zur Stadtgestaltung sowie Stadtumbau und hoffte auf positive Entwicklungsschübe (Knoche 1987: 723). Das Thema „Stadt-Umland -Wanderung“ verschwand in den 80er Jahren mehr und mehr aus der politischen und fachwissenschaftlichen Diskussion.
Trotzdem setzten sich die Entwicklungen abgeschwächt an den Rändern der Stadt und vor allem darüber hinaus fort. Der klassischen Suburbanisierung im „Ergänzungsraum“ folgte das Wachstum jenseits „Suburbia“ , so dass die Suburbanisierung der 60er und 70er Jahre als eine Phase der Stadtentwicklung interpretiert werden kann, der weit ere Phasen folgten.
Die Grenze des Umlandes wurde so seit Mitte der 70er Jahre weiter nach außen verschoben und auch das hochverdichtete Umland musste neben den Kernstädten Bevölkerungsverluste hi nnehmen (Burdack 1998: 27). Dem Prozess der Suburbanisierung folgte die Deurbanisi erung, also die Verlagerung des Bevölkerungswachstums in den jenseits des suburbanen Gürtels liegenden ländlicheren Raum, bzw. in den weniger stark verd ichteten Teil des Umlandes.
Aring (1999) spricht in diesem Zusammenhang von einer Polarisierung zwischen Kernstadt und Umland (Speckgürtel Umland gegenüber der Armutsinsel Kernstadt) einerseits, anderseits zei gten sich aber zunehmend auch unübersehbare Tendenzen einer abgeschwächten Polarisierung innerhalb des Umlandes ab.
Das das Thema seit Begin der 90er Jahre erneut große Beachtung findet, liegt in den Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit begründet: Die Kernstädte verzeichneten seit Ende der 80er Jahre zwar generell Bevölkerungszuwächse als Folge regen Zuzugs aus dem Ausland, seit Mitte der 90er Jahre jedoch müssen sie durch steigende negative Wanderungssalden gegenüber dem Umland und einer Abschwächung der internationalen Zuwanderung Bevölkerungsverluste hinnehmen (Aring 1999: 13). Herfert zufolge verloren die deutschen Oberzentren zwischen 1993 und 1995 rund 880.000 Personen an ihre Umlandgemeinden, was den neuen Trend der Stadt-Umland -Wanderung deutlich belegen dürfte (Herfert 1998: 763).
Generell lässt sich die neue und aktuelle Bedeutung des Themenkomplexes anhand zahlreicher Bearbeitungen der Fachöffentlichkeit feststellen. Die nachfolgende Auflistung erhebt keinen An-
spruch auf Vollständigkeit, doch zeigt die Auswahl deutlich, dass das Thema Stad t-Umland erneut zu aktuellem Diskussionsstoff der Fachöffentlichkeit und Gegenstand empirischer Untersuchungen gewo rden ist:
§ Zahlreiche Kommunen führten empirische Untersuchungen zu den Prozessen und Mot iven der Stadt-Umland-Wanderung durch. Zu nennen sind hier beispielsweise folgende Berichte:
Stadt Hagen (1998): Warum wir gingen. Ex-Hagener geben Auskunft,
-
StadtMünster (1995): Die Wanderungsverflechtungen der Stadt Münster,
-
-
-
-
-
StadtDortmund (1998): Wohnortwechsel und Wegzugsgründe,
-
Gewos(1996): Umlandwanderung in der Region Bremen.
-
§
EinzelneVeröffentlichungen setzen sich mit der Probl ematik intensiv auseinander, wobei vor allem auch die Entwicklungen in den neuen Länder großes Interesse finden:
-
Ausgegebenen Anlass soll daher in Kapitel 3 kurz der aktuelle Trend der Wanderungsbewegungen in die und aus den Oberzentren der Bundesrepublik kurz umrissen werden, bevor auf die spezielle Situation in Duisburg eingegangen werden soll.
1.2 Problemstellung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit den aktuellen Prozessen der Stadt-Umland-Wanderung im Raum Duisburg. Dabei stehen vor allem die Motive, die sich hinter der Stadt-Umland -Mobilität der aus der Kernstadt abwandernden Haushalte verbergen, im Vordergrund des Interesses.
Durch die in Deutschland gut ausgebaute amtliche Wanderungsstatistik können Angaben über Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Ziel- bzw. Herkunftsgebiete der Migranten ausgewertet werden. Sowohl die Kommunen selbst als auch die Landesämter verfügen über ausgereifte und zugängliche Datenbanken. Jedoch können mit Hilfe dieser Statistiken keine Rüc kschlüsse auf die Einflussgrößen der Wohnmobilität gezogen werden. Weder sozioökonomische Merkmale oder Informationen zum Wohnbereich, noch die zur Entscheidung der Wanderung führenden Motive sind festgehalten. Um Informationen über eventuelle Faktoren der Wohnmobilität zu erhalten, ist man auf empirische Untersuchungen, etwa Befragungen der bereits Fortgezogenen (re trospektive Untersuchungen) oder zu potentieller Wanderungen der Bevölkerung, angewiesen. Hierdurch können detaillierte Informationen hinsichtlich des Ausmaßes, der Gründe und Entscheidungszusammenhänge von Wanderungen sowie wichtige Aspekte der sozioökonomischen Zusammensetzung der mobilen Bevölkerung herausgearbeitet werden.
Letztlich leisten empirische Untersuchungen zur Wohnmobilität einen wertvollen Beitrag zur Stadtentwicklung. Aus den gewonnenen Erkenntnissen können entsprechende Handlungsbedarfe abgeleitet und gezielte Maßnahmen ergriffen we rden.
So ist die vorliegende empirische Untersuchung das Ergebnis eines Forschungsauftrages, den die Stadt Duisburg im Sommer 2000 an das Geographische Institut der Universität Duisburg herantrug.
Aufgrund der Wanderungsbewegungen der Bevölkerung aus der Ballungskernstadt Duisburg in das Umland (siehe Kapitel 4) werden selektive Rückwirkungen mit entsprechenden Folgeprob-
lemen befürchtet. Damit einher geht die Frage nach eventuellen stadtplanerischen Maßnahmen, die eine Fortsetzung der bereits angedeuteten und in späteren Kapiteln näher beschriebenen Entwicklungen eindämmen bzw. zum Teil verhindern.
Über Wanderungsprozesse der Bevölkerung aus der und in die Stadt Duisburg liegt zwar sekundärstatistisches Datenmaterial vor, auch existieren einige Untersuchungen anderer Kommunen zu dem Phänomen gegenwärtiger Stadt-Umland -Wanderungen, doch über die Motivkonstellationen der Duisburger Stadt-Umland -Wanderer li egen keine detaillierten Informationen vor.
Durch eine retrospektive Befragung der fortgezogenen Haushalte sollten hinreichende Erkenntnisse über die Stadt-Umland -Wanderung der Duisburger Bevölkerung gewonnen werden. Der Anspruch der vorliegenden empirischen Untersuchung, Einflussfaktoren der individuellen Wanderungsentscheidung der Haushalte zu untersuchen, basiert dabei auf den zentralen Inhalten hand-lungstheoretischer Ansätze der Wanderungsforschung. Allerdings wird die handlungstheoretische Perspektive teilweise in der Form erweitert, als sie mit objektiven Rahmenbedingungen innerhalb des Untersuchungsraumes verknüpft wird (siehe Kap itel 2).
Die Auswertung des empirischen Datenmaterials bietet vor allem für städtische Planung Ansatzmöglichkeiten zur gezielten Intervention. Erst die Kenntnis darüber, warum Bevölkerung aus der Kernstadt in das Umland zieht, ermöglicht es den Entscheidungsträgern der Politik und Verwaltung mögliche Maßnahmen zu ergreif en. Hierzu soll die empirische Untersuchung beitragen, indem versucht wird, die hinter der Wanderung stehenden Motive und Einflussgrößen aufzuzeigen. Besondere Aufmerksamkeit wurde daher in der Anlage des Erhebungsinstruments vor allem den wohnungs- und wohnumfeldbezogenen Determinanten geschenkt, da hier bedeutende Ein- flussfaktoren, die zur Abwanderung führten, vermutet werden.
2 Erklärungsansätze für Stadt-Umland-Wanderungen
Die Wohnung als privater Raum stellt einen „örtlich gebunden Aktions - und Lebensraum“ dar, der sich nur begrenzt individuell gestalten lässt. Um eine den Bedürfnissen und Anforderungen entsprechende Veränderung der Wohnsituation vorzunehmen, ist zumeist ein Wohnungswechsel die einzige Alternative, da am aktuellen Wohnort in den meist en Fällen nur wenige Möglichkeiten bestehen, die Situation zu beeinflussen (vgl. Schneider 1999: 63).
Wanderung kann in diesem Zusammenhang allgemein als eine aktive, nutzenorientierte Bedürfnisrealisierung einer Person oder eines Haushaltes verstanden we rden. Wohnmobilität spielt also eine zentrale Rolle für die Realisierung von Bedürfnissen an Wohnung oder Wohnumfeld. Sie kann Folge einschneidender Ereignisse im Lebensverlauf, wandelnder Anspruchsniveaus, zwingender externer Umstände oder veränderter Rahmenbedingungen sein.
Die Auseinandersetzung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen mit Umfang, der Richtung sowie den Ursachen räumlicher Mobilität brachte eine ganze Reihe empirischer und theoretischer Ansätze und Modelle zur Erklärung hervor. Frick spricht in diesem Zusammenhang von einem „Nebeneinander“ einzelner „Partialmodelle“ (vgl. Frick 1996: 27). Im Wesentlichen jedoch können vor allem Mikro - von Makroansätzen unte rschieden werden.
Gemäß Makroansätzen liegen dem Wanderungsverhalten einzelne objektive, strukturelle Bedi ngungen zu Grunde. Wanderung wird hier durch existierende Ungleichheiten, etwa ökonomischer oder sozialer Natur, zwischen raumbezogenen Systemen ausgelöst. Daher wird auch zwischen einem „Abgabe-“ und „Aufnahmesystem“ bzw. einer „Herkunfts-„ und „Zielregion“ differe nziert (vgl. Wagner 1989: 20, Bähr 1992: 297). Wanderungen werden hiernach generell als kollektive Reaktion homogen handelnder Individuen verstanden (vgl. Frick 1996: 40).
Mikroansätzen zufolge wird Wanderung hingegen als ein Resultat eines Entscheidungsprozesses von Personen oder Haushalten interpretiert. Der subjektiven Wahrnehmung und Einschätzung der Umwelt durch den Akteur kommt hierbei die entscheidende Rolle zu. Sie werden daher oftmals auch als verhaltensorientierte Ansätze bezeichnet, was die zentralen Aussagen der theoretischen Überlegungen stärker unterstreicht.
Im Folgenden sollen zunächst wichtige Aussagen der Makro - und der Mikroansätze umrissen werden, bevor in einem weiteren Schritt die untersuchungsrelevanten Inhalte der Ansätze zu
einem synthetischen Ansatz vereint und allgemeine forschungsleitende Hypothesen formuliert werden.
2.1 Makroansätze
Neben den klassischen Distanz - und Gravitationsmodellen, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll, wurden zur Erklärung von Wanderung vor allem Ansätze herangezogen, die einen Zusammenhang zwischen den Wanderungsbewegungen (Richtung und Stärke) und der sozioökonomischen Struktur im Herkunfts- und Zielgebiet herste llen. Hiernach werden Wanderungsströme durch Pushfaktoren (abstoßende Kräfte) im Herkunfts- und Pullfaktoren (anziehende Kräfte) im Zielgebiet determiniert (vgl. Bähr 1992: 297)
In klassischen makro -ökonomischen Modellen beispielsweise wird Wanderung aufgrund von Entlohungsunterschieden oder auch von vorherrschenden Differenzen im Arbeitsplatzangebot zwischen Regi onen zu erklären versucht. Dabei wird dem Individuum eine rationale Kosten-Nutzen-Berechnung unterstellt.
Der auf das Wanderungsverhalten bezogene Erklärungsgehalt der auf Makroebene argumentierenden, deterministischen Ansätze ist insgesamt vergleichsweise gering. Zwar können mit Hilfe von Aggregatdaten Stärke und Richtung von Wanderungsströmen beschrieben werden. Bestimmte soziökonomische Bedingungen im Herkunfts- und Zielgebiet werden hier in Form abst oßender und anziehender Kräfte lediglich in Beziehung zu einer „aggregierten, wandernden Masse“ gesetzt. Jedoch bleibt das individuelle Verhalten, bestimmt durch persönliche Wertmaßstäbe, Bewertungen, Erwartungen und Motive, sowie die Selektivität von Wanderung unberücksichtigt. Hinzu kommt, dass lediglich einzelne gesellschaftliche Determinanten Gegenstand der Ansätze oder Modelle sind, etwa regionale Disparitäten im Erwerbsbereich bzw. Arbeitsmärkten oder hinsichtlich des Wohnungsmarktes. Natürliche oder physikalische Umweltbedingungen sind beispielsweise weitgehend ausgeklammert, obwohl gerade hier Determinanten, die die Wohnstand-ortwahl der Akteure beeinflussen, zu finden sind. Letztlich endet die Wohnortsuche hiernach an einem optimalen Standort unter der Annahme, dass die mobile Bevölkerung sich der Theorie nach rational - entsprechend eines Nutzenmaximierungsverfahrens - verhält.
Diese Erklärungsversuche sind in Fachkreisen heftig kritisiert worden, da sie das Wanderungs- verhalten generell auf einen Nutzenmaximierungsprozess der Migranten zurückführten, ohne die
durch Mikrodaten belegen zu können (vgl. Frick 1996: 32). Hinzu kommt, dass durch die Reduktion auf sozistrukturelle Determinanten anders motivierte Wanderung unberücksichtigt bleibt.
2.2 Verhaltenstheoretische Ansätze
Die zur Erklärung von Wanderung (bzw. Wohnortwechseln) entwickelten Mikroansätze haben den Akteur und seine Wahrnehmung, Vorstellungen sowie das Verhalten im Blickfeld des Interesses. Einzelne Merkmale der Persönlichkeit werden hierbei als Erklärungsfaktoren angesehen; es handelt sich um eine verhaltenstheoretische Perspektive, die Wünsche, Bedürfnisse, Meinungen und Motive der mobilen Individuen untersucht und interpretiert.
Hiernach analysiert eine Person (oder Haushalt) zunächst den gegenwärtigen „Wohnz ustand“ (Ist-Zustand), der sowohl die Wohnung als auch die Wohnumgebung betreffende Aspekte bei nhaltet. Neben diesen Aspekten können jedoch auch Faktoren von Bedeutung sein, die nicht in Zusammenhang mit der Wohnung oder dem Wohnumfeld stehen. Vor allem sind hier die Bereiche Ausbildung - Arbeit, Freizeit und das Familienleben anzuführen. Als Messlatte gelten jeweils die aktuellen bzw. zukünftigen Wohnbedürfnisse der jeweiligen Person.
Geht man von einem Wohngleichgewicht, also einem Zustand ausreichender Befriedigung der Wohnbedürfnisse aus, so stellt sich bei negativer Bewertung der Wohnsituation bzw. bei mangelnder Bedürfnisbefriedigung ein Ungleichgewicht ein, was sich schließlich in Wohnunzufriedenheit äußert und impliziert die Vorstellung von einem Soll-Zustand, der den Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Grundsätzlich hat der Akteur mehrere Möglichkeiten, dieser Unzufriedenheit zu begegnen und einen akzeptablen (Soll-) Zustand herz ustellen. Zu nennen sind hier vor allem
- die Herabsetzung des Ziel - und Bedürfnisniveaus,
- die Möglichkeit, negativen Faktoren entgegenzuwirken und
- die Realisierung eines Wohnortwechsels.
In Anlehnung an Wagner (1989) sind hierbei als wesentliche Komponenten des Entscheidungs- prozesses folgende zu berücksichtigen:
a) Die Motivation
Sie bezeichnet im Mobilitätszusammenhang „den Anreizwert einer Zielsituation für den Akteur“. „Der Anreizwert hängt ab von Art und Ausmaß der jeweiligen Bedürfnisse oder Motive und der diesbezügliche n Bewertung der einzelnen Elemente der Zielsituation“ .
b) Der Wissens - und Kontrollaspekt
Umrissen ist hiermit die Erwartung eines handelnden Individuums, dass eine Handlung in eine nächste Situation führt. Der Akteur geht davon aus, dass er in der Lage ist, die Handlung durchzuführen, die zur jeweiligen nächsten Situation (Ziel) führt. Es handelt sich letztlich um ein „generalisiertes Vertrauen in die Wirksamkeit des eigenen Tuns, in die Kontrollie rbarkeit der Umgebung (...)“ (Esser 1980: 183). Der Selbsteinschätzung der handelnden Person kommt damit ein hoher Stelle nwert zu. Im Vorfeld der Handlung muss dem Akteur klar sein, dass er sich in der folgenden Situation zurechtfindet. Durch Antizipation möglicher Handlungen, beispielsweise des Wohnortwechsels, können vor einer konkreten Handlung verschiedene Möglichkeiten durchgespielt werden, bevor es zur eigentlichen Entsche idung kommt.
Als mobilitätsfördernd kann in diesem Zusammenhang Risikobereitschaft in Bezug auf das eigene Handeln angesehen we rden.
c) Der Kostenaspekt
Grundsätzlich kann angenommen werden, dass durch Mobilität Kosten entstehen. Wanderung wird nicht um ihrer selbst Willen vollzogen, sie wird dann ausgeführt, wenn zum Erre ichen der gewünschten Zielsituation subjektiv annehmbare (monetäre und nicht-monetäre) Kosten entstehen.
Der Entscheidung zugunsten eines Wohnortwechsel folgt die Auswahl des zukünftigen Wohn-standorts. Dabei wird der Ist-Zustand mit möglichen Standortalternativen verglichen. Das Ergebnis - die Wahl des Zielortes - hängt dabei von den persönlichen Präferenzstrukturen ab. Einzelne Standortfaktoren werden hierbei unterschiedlich gewichtet oder werden erst gar nicht berücksich- tigt.
Generell ist bei der Analyse von Wohnortwechseln zu berücksichtigen, dass der Entsche idung der Akteure ein besonderes Verfahren der Wohnstandortsuche zu Grunde liegt.
Da es sich bei der Suche nach Wohnraum um eine höchst komplexe Entscheidungssituation handelt, neigen die Akteure dazu, eine reduzierte und vereinfachte Lösungsstrategie zu entwickeln, in der Literatur auch als "heuristisches Verfahren" bezeichnet. Im Wesentlichen versuchen die Akteure, die Entscheidung auf wenige überschaubare aber zugleich subjektiv wichtige Dimensionen zu reduzieren. Hinzu kommt eine eingeschränkte Informationsgrundlage über mögl iche Wohnstandortalternativen. Schon aufgrund zeitlicher Beschränkung ist von einer unvollkommenen Markti nformation auszugehen. Die Entscheidungsträger sind also nicht in der Lage, die Wanderungsentscheidung absolut zu optimieren. Dennoch ist diese Vorgehensweise erfolgreich, wenn so eine akzeptable Lösung gefunden wird, die das Wohngleichgewicht wieder herstellt.
In der Praxis wird ein Haushalt relevante Standortfaktoren der Wichtigkeit nach unte rscheiden. Wie bedeutend ein Faktor für einen Akteur ist, hängt dabei im Wesentlichen vom Typ des Haushalts bzw. dem Stand innerhalb des Lebenszyklus ab, was sich in entsprechenden Bedürfnisstrukturen äußert. Eine Kleinfamilie mit einem Kind wird beispielsweise andere Ansprüche an die Wohnung stellen als etwa ein zwanzigjähriger Student.
Lebenszyklusansätze 1 argumentieren, dass sich bestimmte Ereignisse im Lebenslauf auf das Wanderungsverhalten von Personen oder Haushalten auswirken. Zu nennen sind hier einerseits berufliche Ereignisse wie etwa die Aufnahme einer Ausbildung oder eines Studiums, das Ende einer Ausbildungsphase, die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit oder der Übergang in den Ruhe-stand, andererseits spielen daneben aber auch familienbezogene Aspekte wie der Auszug bei den Eltern, Heirat, Trennung, Scheidung oder die Geburt eines Kindes eine bedeutende Rolle.
So ist beispielsweise bei Familienhaushalten zu beobachten, dass die Geburt eines Kindes den Wohnflächenbedarf schlagartig steigert, was sich auf die Wahrnehmung der Räumlichkeit und somit auf die allgemeine Zufriedenheit mit der Wohnsituation auswirkt, schließlich sogar zu einer Umzugsentscheidung führen kann. Andersherum jedoch ist eine Wanderung unwahrscheinlich, wenn die Kinder eines Haushalts bereits an die Institution Schule und somit örtlich gebunden sind. Umzuge finden dann eher vor der Einschulung oder mit dem Wechsel des Kindes auf eine höhere Schule nach den Grundschuljahren statt.
1 Der Lebenszyklusansatz soll an dieser Stelle nicht detailliert referiert werden. In der Fachliteratur sind die grundlegenden Annahmen
und empirische Befunde zahlreich dokumentiert: Bähr 1992, Frick 1996, Ipsen 1999, Schneider 1999, Wagner 1989.
Die Entscheidung über den neuen Wohnstandort ist insgesamt also erstens ein Ergebnis eines Reduktionsprozesses relevanter Aspekte auf nur wenige Dimensionen und zweitens steht sie in Abhängigkeit der bedürfnisspezifischen Wahrnehmung von Wirklichkeit, die durch Art und Umfang an Informationen über Entscheidungsalternativen determiniert wird. Die Suche nac h Stand-ortalternativen ist dabei abhängig von objektiven Rahmenbedingungen, die jedoch erst durch „individuelle Perzeption“ Gültigkeit erlangen oder erst gar nicht wahrgenommen werden (Frick 1996: 69).
2.3 Synthese der Ansätze und Bedeutung für die empirische Untersuchung
Dem Vorwurf, dass sich verhaltenstheoretisch ausgerichtete Wanderungsanalysen im Einzelfall verlaufen und wenig Möglichkeit zu Verallgemeinerung bieten, kann begegnet werden, i ndem räumliche Mobilität in der Form systematisiert wird, dass individuelle Merkmale der Akteure mit Merkmalen, die im regionalen Kontext stehen, verknüpft we rden (vgl. Wagner 1989: 59).
Diesen objektiven Faktoren kann aber eben nur dann ein besonderer Erklärungsgehalt beigemessen werden, wenn sie handlungstheoretisch rekonstruierbar sind, beispielsweise über Befragungen der Akteure operational isiert we rden können (vgl. Wagner 1989: 24)
Makroansätze können anders herum eine Erweiterung dadurch erfahren, dass der relevanten Größe, nämlich der Wahrnehmung durch die Individuen, Rechnung getragen wird. Insofern stellt die zusammengefasste Bevölkerung keine homogene Masse mehr dar, sondern vielmehr ein Sammelsurium individuell Handelnder, die ähnlich jedem anderen auf ein entsprechendes Fakt orenbündel im Ziel- und Herkunftsgebi et mit Wanderung reagi eren (vgl. Frick 1996: 54). Hier bietet sich eine gruppenspezifische Modellierung insofern an, als etwa Altersgruppen oder Haushaltst ypen innerhalb der gesamten Gruppe der Wandernden unte rschieden werden.
Die folgende empirischen Untersuchung stützt sich im Wesentlichen auf die zuvor beschriebenen Inhalte verhaltensorientierter Ansätze zur Erklärung von Wanderung, da sie besser geei gnet zu scheinen, Wanderung und vor allem das Wanderungsverhalten und sich dahinter verbergende Determinanten zu erklären. Allerdings erscheint es notwendig, eine Brücke zwischen den komplementären Mikro- und Makroansätzen zu schlagen, vor allem, wenn man davon ausgeht, dass externe Rahmenbedingungen wie etwa die Begebenheit auf regionalen Wohnungsmärkten durchaus von den Entscheidungsträgern wahrgenommen werden und mitunter als Pullfaktor Einfluss auf die Standortwahl haben können.
Diesen Überlegungen soll in der folgenden Analyse der Stadt-Umland -Wanderungen im Raum Duisburg Rechnung getragen werden. Bezogen auf den Wohnungsmarkt bedeutet dies vor allem, zu untersuchen, ob die Befragten vorliegende Preisunterschiede innerhalb des Wanderungsumfeldes der Stadt Duisburg wahrgenommen und diesem Faktor während ihres Entscheidungsprozesses eine besondere Bedeutung beigemessen haben 2 .
2.4 Allgemeine erkenntnisleitende Hypothesen
In Anlehnung an die in den vorherigen Kapiteln diskutierten theoretischen Annahmen sollen fo lgende, erkenntnisleitende Hypothesen formuliert werden.
§ Die Bewertung der aktuellen Wohnsituation (Ist-Zustand) erfolgt nach persönlichen Präferenzstrukturen. Die Bewertung kann hierbei über die Zufriedenheit mit dem Wohnort operationalisiert werden. Starke Unzufriedenheit kann hierbei als besonders mobilitätsfördernd angesehen werden. Bemerkt sei jedoch, dass der Anrei zwert einer Zielsituation von Motiven abhängig sein kann, die nicht in Zusamme nhang mit der Wohnung oder dem Wohnumfeld stehen. Ein Wohnortwechsel aufgrund persönlicher oder beruflicher Motive muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass eine allgemeine Unzufriedenheit in Bezug auf den alten Wohnort vorherrschte.
§ Die Suche nach Wohnraum ist abhängig von externen Rahmenbedingungen und kann sich auf den individuellen Entscheidungsprozess auswirken, sofern sie von den Akte uren wahrgenommen werden und von Relevanz sind.
§ Je nach persönlichen Bewertungskriterien wird die Verbesserung der Wohnsituation, besonders hinsichtlich bestimmter wohnungs- oder wohnumfeldbezogener Faktoren angestrebt. Dabei werden entsprechende Erwartungen an den zukünftigen Wo hnort gestellt. Der Wohnortwechsel selbst stellt eine positive Handlungsalternative dar, die in einer Verbesserung der Wohnsituation mündet und kann über eine vergleichende Bewer-
2 Dievorherigen Kapitel stellten jeweils die grundlegenden Annahmen der Mikro- und Makroansätze dar. Es wurde darauf verzichtet,
einzelne Ansätze, etwa den integrativen Wohnungsmarktansatz, eingehend darzulegen. Eine umfassende Zusammenfassung der
Ansätze und Modelle zur Beschreibung und Erklärung von Wanderungen findet sich in dem Band „Bevölkerungsgeographie“ von
Jürgen Bähr (1992, S. 277-363).
tung des alten mit dem neuen Wohnort operationalisiert werden („indirekte“ Messung des Nutzens).
3 Eine allgemeine Standortbestimmung: Wanderungen in
die und aus den Oberzentren seit Ende der 80er Jahre
Wie bereits in der Einführung angedeutet, ist das Thema Stadt-Umland -Wanderung in den 90er Jahren erneut in den Brennpunkt politischer und fachwissenschaftlicher Diskussion gerückt, nachdem man in den 80er Jahren annahm, das Problem habe sich verflüchtigt.
In diesem Kapitel soll der aktuelle Trend als allgemeine Standortbestimmung kurz umrissen we rden, bevor sich die nachfolgenden Kapitel mit der konkreten Entwicklung im Raum Duisburg beschäftigen, und die Befragungsergebnisse vorgestellt we rden sollen.
So wurde die Bevölkerungsentwicklung in den Städten der Bundesrepublik in der jüngsten Vergangenheit wesentlich und nachhaltig durch internationale, intra- sowie interregionale Wanderungsbewegungen der Bevölkerung bestimmt.
Westdeutsche Städte konnten auf der einen Seite einen hohen Zugewinn an Bevölkerung durch Zuwanderung von Ausländern besonders seit 1987, auf der anderen Seite durc h Binnenwanderung von Ost- Richtung Westdeutschland in Folge der Wiedervereinigung bis Mitte der 90er Jahre verzeichnen. Durch die ausgeprägten interregionalen Wanderungen verloren dabei Städte der neuen Länder entsprechend hohe Anteile ihrer Bevölkerung während dieser Periode. Beispielsweise musste Leipzig zwischen 1988 und 1996 eine negatives Saldo von rund 100.000 Personen hinnehmen. Insgesamt verließen zwischen 1991 bis Mitte 1998 rund 1,4 Mio. Os tdeutsche die neuen Länder Richtung alte (vgl. Maretzke 1998: 746). Zudem wird die Situation durch den vergleichsweise geringen Anteil ostdeutscher Städte an den Außenwanderungsgewinnen verstärkt. Da sich die zuwandernde ausländische Bevölkerung vornehmlich auf die alten Bundesländer konzentrierte, konnten die Wanderungsverluste aus den interregionalen Wanderungen nicht kompensiert werden (vgl. Neumann 1997: 86).
Insgesamt zogen in den Jahren von 1991 bis 1996 knapp 7,1 Mio. Personen aus dem Ausland in die Bundesrepublik, während 4,3 Mio. ins Ausland zogen. Per Saldo ein Gewinn von 2,8 Mio. Einwohnern (vgl. Maretzke 1998: 744).
Der Verlust an Bevölkerung wurde in den Städten der neuen Länder seit 1993 jedoch weniger durch Ost-West-Wanderungen als vielmehr durch Stadt-Umland -Wanderungen verursacht (siehe Tabelle 1). Die allgemeine Wanderungsbewegung Richtung alte Länder flachte mit j edem Jahr nach der Wiedervereinigung weiter ab (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Wanderungen zwischen den neuen Ländern einschließlich Berlin-Ost und dem früheren Bundesgebiet (1980-
1994)
Quelle: KSWP 1996, S. 176
Die Wanderung von Bevölkerung aus den ostdeutschen Oberzentren ins Umland kann dabei als klassische Wohnsuburbanisierung, wie sie in der alten Bundesrepublik haup tsächlich in den 60er Jahren zu verfolgen war, verstanden werden. Selektive Wanderungsströme aus dem Umland in die Ostdeutschen Kernstädte fehlen, und generell verzeichnen die Städte in dieser Zeit kaum Zuzüge (vgl. Institut für Länderkunde Leipzig 1997: 59). So wanderten 1994 fast 8 % der Schwe- riner und mehr als 5 % der Leipziger Bevölkerung in das Umland ab. Solch hohe Werte erreicht
beispielsweise eine Großstadt wie Hamburg während der Hochsuburbanisierungsphase der 60er und 70er Jahre nicht (vgl. Institut für Länderkunde Leipzig 1997: 60).
Tabelle 1: Wanderungsbeziehungen von Oberzentren mit ihrem Umland in den alten und neuen Ländern 1993-1995
Quelle: Herfert 1998, S. 76, veränderte Darstellung
In den alten Ländern zeigte sich, nachdem die Wanderungsgewinne aus den neuen Ländern abgeflac ht waren, dass die interregionalen Bewegungen die Umlandwanderung lediglich überlagert hatten, der alte Trend der Umlandwanderung und -urbanisierung keineswegs der Vergangenheit angehört. Wie Tabelle 1 zeigt, lag das Wanderungssaldo der Oberzentren auch der alten Länder zwischen 1993 und 1995 deutlich im negativen Bereich. Damit beeinflussten die Stadt-Umland -Wanderungen nach dem Abflachen der internationalen Zuwanderung in erheblichem Maß die Bevölkerungsentwicklung der Zentren.
Herfert beschreibt die Entwicklungen in den alten Ländern als „reife“ Wohnsuburbanisierung mit „zunehmend postfordistischer Prägung“ (Herfert 1998: 773). Gemeint ist hiermit vor allem die generelle Ausweitung der Stadtregion als Folge des Siedlungsdrucks, bedingt durch starke Zu-wanderung aus dem Ausland und Wanderungsgewinne gegenüber den neuen Ländern, wobei das bereits urbanisierte und zumeist hochverdichtete direkte Umland der Kernstädte zwar immer noch vielfach als bevorzugter Wohnstandort der Migranten gewählt wird, der Prozess jedoch im Gegensatz zu den Entwicklungen in den neuen Ländern auch die äußeren Ränder der Stadtregi- onen erfasst (vgl. Aring 1997: 102, siehe Abbildung 2).
Abbildung 2: Schema der Wanderungsbewegungen der Oberzentren in den alten und neuen Bundesländern 1993 - 1995
Quelle : Institut für Länderkunde Leipzig 1997, S. 58
Abweichend von den allgemeinen fordistischen Mustern der Wohnsuburbanisierung der 60er und 70er Jahre zeigt sich dabei die Haushaltsstruktur der Umlandwanderer. Die Bewegung wird nicht mehr allein durch das vorwiegende Abwandern der Kleinfamilie getragen, sondern auch kinderl ose Zweipersonen- und Singlehaushalte zieht es vermehrt ins Umland ( vgl. He rfert 1998: 770).
Die Entwicklung kann dabei als Ausdruck generell veränderter Haushaltsstrukturen inte rpretiert werden (Stichwort Haushaltsverkleinerung). Dabei spielt neben dieser strukturellen Veränderung zusätzlich der in diesem Zusammenhang stehende, allgemein beobachtete Anstieg des individu- ellen Wohnflächenbedarfs eine bedeutende Rolle.
4 Bevölkerungsentwicklung Duisburgs 1989-1999
Die Entwicklung der Bevölkerung von Städten wird generell und wesentlich durch zwei Faktoren bestimmt: Zum einen sind es natürliche Bevölkerungsbewegungen (Geburten und Sterbefälle), zum anderen beeinflussen Wanderungen (Zu- und Fortzüge) die Zusammensetzung und Struktur der Bevölkerung sowie die Gesamtei nwohnerzahl.
In den folgenden Abschnitten soll die Bevölkerungsentwicklung der Stadt Duisburg seit 1989 auf sekundärstatistischer Basis aufgezeigt werden. Die Ergebnisse der Analyse ste llen dabei die Ausgangssituation für die vorliegende Untersuchung dar. Besonderes Augenmerk wird daher vor allem auf den Umfang und die Richtung der Wanderungsbewegungen aus und nach Duisburg gelegt.
4.1 Gesamtentwicklung des Einwohnerbestandes
Die Bevölkerungsentwicklung der Stadt Duisburg zeigt sich insgesamt negativ. Ende der 80er Jahre konnten noch Bevölkerungszuwächse in der Einwohners tatistik 3 verzeichnet werden, seit dem Jahr 1992 jedoch ist der Trend negativ. Im Jahr 1999 sind es insgesamt 20.492 Einwo hner weniger als noch im Jahr 1993.
3 Die Einwohnerstatistik der Stadt Duisburg bezieht sich auf Einwohner mit Hauptwohnung in Duisburg. Darüber hinaus sei an dieser
Stelle darauf hingewiesen, dass die Summen der Veränderungen (errechnete Summe aus Geburten, Sterbefällen, Zugezogenen
und Fortgezogenen), die in den folgenden Kapiteln angegeben wird, nicht mit Angaben der Bestandsveränderung (Einwohner am
Jahresende) vergleichbar ist, da die Bestandsveränderung die Registerbereinigung und den Wechsel von Haupt- und Nebenwoh-
nungen bzw. den Wechsel der Staatsangehörigkeit beinhaltet.
Sofern nicht anders ausgewiesen, ist die Quelle der Abbildungen, Karten und Tabellen der folgenden Abschnitte die Einwohnerstatis-
tik der Stadt Duisburg. Alle Abbildungen wurden eigens erstellt, wenn keine anderen Angaben gemacht werden.
Abbildung 3: Gesamtentwicklung der Einwohnerzahl Duisburgs 1989 bis 1999
Seit dem Ende des Jahres 1988 (528.062) bis 1999 (518.448) beträgt der Einwohnerverlust insgesamt 9.614 Personen, das sind 1,86 % der Bevölkerung, wobei der Verlust sowohl durch die Abwanderung als auch durch die negative natürliche Bevölkerungsentwicklung, vornehmlich der deutschen Bevölkerung, zustande kam. Sowohl die Wanderungsbilanz als auch die natürliche Bevölkerungsentwicklung der ausländischen Bevölkerung fiel dagegen in dem betrachteten Zeitraum insgesamt positiv aus.
Abbildung 4: Jährliche Bestandsveränderung deutscher und nichtdeutscher Bevölkerung 1989 bis 1999 (Wanderungsbi-
lanz und natürliche Bevölkerungsentwicklung)
4.2 Natürliche Bevölkerungsentwicklung
In dem betrachtetem Zeitraum fiel die natürliche Bevölkerungsentwicklung in Dui sburg negativ aus. Die Zahl der Sterbefälle lag deutlich über der Geburtenzahl, so dass sich insgesamt eine negative Bilanz von 7.154 Personen ergab, was im jährlichen Mittel ein Verlust von 650 Einwohnern bedeutete.
Abbildung 5: Natürliche Bevölkerungsentwicklung insgesamt sowie deutscher und ausländischer Bevölkerung 1989 bis
1999
Hierbei ist zu beachten, dass das Verhältnis zwischen Geburten und Sterbefällen nicht bei allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen ausfiel. Der beschriebene Einwohnerverlust erklärt sich vor allem aus der negativen natürliche Bevölkerungsentwicklung deutscher Einwohner.
Im jährlichen Mittel lag die Zahl der Sterbefälle hier um 2.083 höher als die Geburtenzahl, was für den gesamten Zeitraum einen natürlichen Bevölkerungsrückgang von 22.911 Deutschen ergibt.
Demgegenüber fiel die natürliche Bevölkerungsbewegung des ausländischen Bevölkerungsteils Duisburgs in allen Jahren positiv aus. Insgesamt waren es 15.757 ausländische Einwo hner, die die Stadt Duisburg zwischen 1989 und 1999 durch Geburtenüberschüsse hinzugewonnen hat.
Insgesamt musste die Stadt Duisburg einen Einwohnerverlust durch negative natürliche Bevölke- rungsbewegungen hinnehmen (7.154 Einwo hner), wobei sie in besonders starkem Maß durch
den ausgeprägten Sterbefallüberschuss deutsche Bevölkerung verlor (minus 22.911 Personen) und gleichzeitig ausländische Bevölkerung durch Geburtenüberschüsse hinzugewann (plus 15.757 Personen).
4.3 Wanderungen
Wanderungen werden in Abgrenzung zu innerörtlichen Umzügen als „Wohnortwechsel mit Überschreitung der Gemeindegrenzen“ definiert. Die Wanderungsrichtung wird mit Fortzug oder Zuzug beschrieben. Die Wanderungsbilanz für den Zeitraum 1989 bis 1999 ist in Duisburg leicht positiv ausgefallen. In den betrachteten elf Jahren gewann die Stadt durch Wanderungen 1.664 Personen hinzu.
Der Wanderungsgewinn konnte jedoch die Verluste der natürlichen Bevölkerungsentwicklung von 7.154 Personen nicht ausgleichen. Insgesamt sind in diesem Zeitraum 218.981 Personen zugezogen, 217.317 haben die Stadt Duisburg verlassen. Das Mobilitätsvolumen entsprach also in jeder Wanderungsrichtung gut 40 % der Gesamtbevölkerung der Stadt. Dies ist im Vergleich zu anderen Großstädten ähnlicher Größe eine verhältnismäßig niedrige Mobilitätsinte nsität.
Die Wanderungsbewegungen nach oder aus Duisburg sind zu verschiedenen Zeitpunkten des Zeitabschnitts sehr unterschiedlich ausgefallen. So konnte die Stadt Duisburg im Jahr 1989 einen Bevölkerungszugewinn durch Wanderungen von 5.295 Personen verzeichnen, musste jedoch im Jahr 1998 einen Wanderungsverlust von 4.604 Einwohnern hinnehmen. Die Differenz von knapp 10.000 Personen zeigt die hohe Variabilität des Wanderungsgeschehens in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum.
Wie in Abbildung 6 zu erkennen ist, lässt sich in der Wanderungsentwicklung eine Trendwende um die Mitte der 90er Jahre feststellen. Bis einschließlich 1992 konnte die Stadt Wanderungsgewinne verzeichnen, in den folgenden drei Jahren war das Wanderungssaldo nahezu ausgegl ichen, fällt dann aber in den Folgejahren in negative Bereiche ab, so dass ab 1996 klar erkennbare Wanderungsverluste zu verzeichnen sind. Die Wanderungsbilanz erreichte damit wieder ähnlich negative Werte wie bereits in den 70er und frühen 80er Jahren. In längerfristiger Perspektive erweisen sich die positiven Werte der Jahre um 1990 als vorübergehendes Sonderphänomen.
Diese Entwicklung hing von einer Reihe Faktoren ab. Sowohl wirtschaftliche als auch politische Entwicklungen und Trends in Deutschland und im Ausland spielten hierbei eine wichtige Rolle. Als einschneidendes politisches Ereignis kann die Deutsche Wiedervereinigung angesehen we rden, in deren Vorfeld und Nachfolge umfangreiche Mobilitätsströme in den Westen der Bundesrepublik zu verzeichnen waren. Neben den Binnenwanderungen kann in Deutschland bis zum Jahr 1992 eine positive Außenwanderungsbilanz sowohl durch den Zuzug von Deutschen (Aussiedler) als auch von Ausländern festgestellt werden (vgl. Kapitel 3). Die Zahl der zugezogenen Ausländer lag in Duisburg im Jahre 1989 (13.924) mehr als doppelt so hoch wie im Jahr 1999 (6.468).
Abbildung 6: Wanderungen 1989 bis 1999
Die Wanderungsbilanz deutscher Bevölkerung zeigte sich in den ersten Jahren des Untersuchungszeitraums ausgeglichen, erst seit dem Jahr 1992 traten Wanderungsverluste ein. Hieraus erklären sich die vergleichsweise hohen Wanderungsgewinne der Stadt Duisburg in den ersten Jahren und umgekehrt die hohen Wanderungsverluste gegen Ende des Untersuchungszeitraums.
Abbildung 7 zeigt deutlich die unterschiedlichen Wanderungsbilanzen der beiden Bevölkerungsgruppen. Während die deutsche Bevölkerung mit Ausnahme des Jahres 1990 (+355) einen negativen Wanderungssaldo aufweist, ist es bei der ausländischen Bevölkerung Duisburgs genau umgekehrt.
Arbeit zitieren:
Markus Jeschke, 2001, Prozesse und Motive von Stadt-Umland-Wanderungen untersucht am Beispiel von Duisburg, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Heiratspräferenzen in Tamil Nadu und die brahmanische Hochzeit am Beis...
Hausarbeit, 17 Seiten
Exilliteratur - Wie wird die Situation der Emigranten im Gedicht „Geda...
Grundkurs Deutsch
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 15 Seiten
Waldmanns kritische Betrachtung der konventionellen Autobiografie, sei...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 25 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Wirkung von Fußtritten gegen Kopf und Thorax
Medizin - Gesamtmedizin, allgemeine Grundlagen
Doktorarbeit / Dissertation, 89 Seiten
'Brain Drain' 'Brain Gain' - Kann Deutschlands Wirtsc...
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Seminararbeit, 21 Seiten
Michel Foucault: Der Wille zum Wissen: Recht über den Tod und Macht zu...
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Kafka: Das Schloss, Die Verwandlung, Der Prozess. Über die Gefährlichk...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Seminararbeit, 15 Seiten
Bericht über ein achtwöchiges Praktikum im "Jugendtreff G-West&qu...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Praktikumsbericht / -arbeit, 37 Seiten
Die historische Entwicklung des ethischen Intuitionismus im 20. Jahrhu...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Historische Entwicklung des Aufsatzunterrichts und das kreative Schrei...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 8 Seiten
Der Bildungsbegriff bei Wilhelm von Humboldt und seine Auswirkungen au...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit, 21 Seiten
Irmgard Keuns "Nach Mitternacht" - ein Kleinbürgerroman aus ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Handlungs- und produktionsorientierter Lyrikunterricht in der Sekundar...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Markus Jeschke hat den Text Prozesse und Motive von Stadt-Umland-Wanderungen untersucht am Beispiel von Duisburg veröffentlicht
Markus Jeschke hat einen neuen Text hochgeladen
Das Verhältnis von Politik, Religion und Zivilreligion untersucht am B...
Beiträge zur Politikwissenscha...
Norbertus Jegalus
Fritz Lang: "M eine Stadt sucht einen Mörder"
Texte und Kontexte
Urs Büttner, Christoph Bareither
Yes Lives in the Land of NO: A Tale of Triumph Over Negativity
A Tale of Triumph Over Negativ...
Steve Ventura, B. J. Gallagher, Todd Graveline
Der Wiederaufbau der Stadt Frankfurt am Main am Beispiel der Architekt...
Evelyn Brockhoff, Almut Gehebe-Gernhardt
0 Kommentare