,QKDOWVYHU HLFKQLV
Inhaltsverzeichnis .................................................................................................................. 3
1.) Einleitung 4
2.) Das „wahre Ausmaß“ der Arbeitslosigkeit 5
3.) Die Bedeutung von Arbeit 6
4.) Wirkung von Arbeitslosigkeit 8
4.1.) Die Arbeitslosen von Marienthal. 8
4.2.) Heutige Forschung. 9
4.2.1) Typenbildung in der heutigen Forschung. 10
4.2.2.) Proaktive und resignative Anpassung 11
5.) Arbeitslosigkeit und Gesundheit 13
5.1.) gesundheitliche Wirkungen von Arbeitslosigkeit. 14
5.2.) Gesundheitsriskantes Verhalten von Arbeitslosen 15
5.3.) Verstärkungseffekte und psychosoziale Problemdichte 15
6.) Die Bewältigung von Arbeitslosigkeit. 16
6.1.) Individuelle Faktoren 16
6.1.1.) Soziographische Faktoren 17
6.1.2.) Berufsbiographie. 17
6.1.3.) Psychologische Faktoren. 18
6.1.4.) Coping Ressourcen 18
6.2.) Faktoren der sozialen Umgebung 20
7.) Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf das soziale Umfeld. 21
8.) Gesellschaftliche Verarbeitungsmuster 23
9.) Interventionsmaßnahmen. 25
9.1) Arbeitslosigkeit als berufliche Transition 25
9.2.) Die Initiative Arbeitsmarkt Friedrichshafen. 27
9.2.1.) Beschreibung der Maßnahme 28
9.2.2.) Erfolge der Maßnahme. 30
9.2.3.) Bewertung der Maßnahme 30
10.) Diskussion 32
10.1.) Probleme der IAF als individuenzentrierter Maßnahme. 32
10.2.) Gesellschaftliche Alternativen. 32
11.) Literatur. 35
3
1.) Einleitung
Arbeitslosigkeit ist ein komplexes individuelles und gesellschaftliches Phänomen, das in allen industrialisierten Ländern eine große Zahl von Menschen direkt und eine noch weit größere Zahl von Menschen indirekt (etwa als Familienangehörige) betrifft. Bei der Beschäftigung mit dem Phänomen Arbeitslosigkeit verdienen die psychologischen Wirkungen besondere Beachtung: Arbeitslosigkeit ist ein Ereignis, das für die Betroffenen nicht notwendigerweise, aber bestürzend oft mit erheblichen psychischen und in der Folge auch physischen Belastungen einhergeht. Doch Arbeitslosigkeit wirkt nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern produziert auch gesellschaftliche Reaktionen: Ausgrenzung und Abwertung von Arbeitslosen sind gesellschaftliche Realität.
Durch diese Ergebnisse der psychologischen Arbeitslosenforschung lässt sich begründen, warum die Gesellschaft als Ganzes in der Unterstützung der von Arbeitslosigkeit Betroffenen gefordert ist.
Auch in der Unterstützung Arbeitsloser in Form von Interventionsmaßnahmen sind die Erkenntnisse über die psychologischen Prozesse in der Arbeitslosigkeit richtungsweisend. Selbst der scheinbar völlig unpsychologische Versuch, Arbeitslose in neuen Anstellungen wiederzubeschäftigen, ist oft auf Training und Beratung arbeitsloser Arbeitnehmer angewiesen, um für eine erneute Anstellung unerlässliche Qualifikationen zu ermöglichen. Der Aufbau dieser Arbeit stützt sich auf die eben beschriebene Rolle von Erkenntnissen aus der psychologischen Arbeitslosenforschung: Nach einem kurzen Überblick über das aktuelle Ausmaß von Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland werden die psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit im Einzelnen beschrieben. Ausgehend von der Bedeutung, die Arbeit für Menschen unseres Kulturkreises hat, wird gezeigt, welche Folgen zu erwarten sind und welche eintreten, wenn dieser zentrale Pfeiler unserer alltäglichen Existenz zusammenbricht. Dies wird zunächst für das Individuum diskutiert, dann werden die Auswirkungen und Reaktionsweisen des sozialen Umfelds und schließlich der Gesellschaft beschrieben. Ein gesonderter Abschnitt wird die Rolle moderierender Faktoren beleuchten; in diesem Zusammenhang wird auch auf die Rolle von Coping Ressourcen insbesondere von Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit eingegangen.
Die Gestaltung von Interventionsmaßnahmen ergibt sich aus der psychologischen Qualität der beschriebenen Prozesse. Es werden verschiedene Herangehensweisen exemplarisch vorgestellt und vom Autor diskutiert.
4
'DVÄZDKUH$XVPD³GHU$UEHLWVORVLJNHLW
Der jeweils aktuellen Zahl der Arbeitslosen ist in den letzten Jahren von Politik und Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit gewidmet worden. Sie liegt derzeit bei rund 3,7 Millionen Menschen (homepage der Bundesanstalt für Arbeit, Monat 05.01) Ich verzichte darauf, die Entwicklung der Massenarbeitslosigkeit hier ausführlich darzustellen. Stattdessen möchte ich etwas genauer beleuchten, auf Grundlage welcher Zahlen das Ausmaß der Massenarbeitslosigkeit normalerweise beschrieben wird. Da das Ausmaß von Arbeitslosigkeit mit viel persönlichen Schmerzen und hohen gesellschaftlichen Kosten zusammenhängt, ist die Darstellung dieses Ausmaßes starken Interessen unterworfen. Die offiziellen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit, die Monat für Monat die Zahl der registrierten Arbeitslosen bekannt gibt, erfassen nicht die Zahl der arbeitssuchenden Menschen in der Bundesrepublik:
Zunächst bedeutet eine bestimmte Zahl von registrierten Arbeitslosen in einem bestimmten Monat nicht, dass tatsächlich diese Anzahl an Menschen bei der Bundesanstalt ohne Arbeit gemeldet war. (Lüdke 1997, S.32ff) Im Laufe des Monats kann die Zahl der Arbeitssuchenden konstant bleiben, während die Arbeitssuchenden wechseln: Einige finden eine Beschäftigung oder verschwinden auf andere Weise aus der Statistik, andere bisher Beschäftigte werden als arbeitslos gemeldet. Eine Million Arbeitslose im Monat Mai kann also bedeuten, dass eine Million Menschen den ganzen Monat ohne Arbeit war oder dass vier Millionen Menschen jeweils eine Woche arbeitslos gemeldet waren. Die Fluktuation ist in dieser Zahl nicht erfasst. So beträgt etwa die Zahl an Menschen, die im Laufe des Jahres Arbeit suchten, für das Rekordjahr 1996, in dem nach offiziellen Angaben 4,65 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet waren, tatsächlich 10,1 Millionen Menschen. Wir haben es hier nicht einfach mit unterschiedlichen Darstellungsweisen zu tun. Denn auch diejenigen, bei denen Phasen der Arbeitslosigkeit mit Phasen befristeter Beschäftigungen, Umschulungen und/ oder Sozialhilfebezug abwechseln, sind auch wenn sie gerade im Beschäftigungsverhältnis stehen und in keiner Arbeitslosenstatistik geführt werden, von der Erfahrung von Arbeitslosigkeit in ihrem Alltag geprägt. (Kieselbach 1983, S.4) Ein weiteres Problem der offiziellen Statistik ist, dass die Art der Abgänge aus der Statistik nicht erfasst wird. Wer nicht gemeldet ist, ist nach dieser Zählweise nicht arbeitslos. Es gibt aber verschiedenste Gründe, aus denen Arbeitssuchende oder zumindest potentiell Arbeitssuchende nicht als arbeitslos gemeldet sind.
5
Betroffen sind nach Kieselbach (Kieselbach 1983, S. 3):
- „Jugendliche, die nach erfolgloser Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz entmutigt eine Meldung beim Arbeitsamt unterlassen (deren Zahl allein zweieinhalbmal so hoch eingeschätzt wird, wie in der Statistik angegeben);
- Ehefrauen, die sich nach Verlust ihres Arbeitsplatzes resignierend in die ‚stille Reservearmee’ des Arbeitsmarktes zurückgezogen haben;
- Arbeitslose, die aufgrund des Verdienstes ihres Ehepartners keine Arbeitslosenhilfe mehr erhalten;
- Ehemalige Bezieher von Arbeitslosenhilfe, die für nicht arbeitsfähig erklärt und zur Sozialhilfe überführt wurden;
- Arbeitslose, die nur in kurzfristige Stellen vermittelt wurden, an Arbeitsbeschaffungs- oder Rehabilitationsmaßnahmen teilnehmen, wodurch ihre Arbeitslosigkeit nur vorübergehend unterbrochen wurde;
- Bewohner von Heimen, Anstalten und Nichtsesshafte“.
Wenn man sich dann noch klarmacht, dass von der Arbeitslosigkeit nicht nur der Arbeitslose selbst betroffen ist, sondern auch seine Familie und (wenn auch weniger stark) das gesamte soziale Umfeld, wird sehr deutlich, in welchem Maße die Zahl derer, die unter Arbeitslosigkeit zu leiden haben, die Zahl der offiziell arbeitslos Gemeldeten übersteigt.
'LH%HGHXWXQJYRQ$UEHLW
Um zu verstehen, was Arbeitslosigkeit für Menschen bedeutet, ist es hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, welche Bedeutung Arbeit in unserer Gesellschaft für Menschen normalerweise hat. Es ist zu erwarten, dass Arbeit in einer Gesellschaft, in der Lohnarbeit für die Mehrheit der Bevölkerung die Teilhabe am sozialen Reichtum erst ermöglicht, und deren Arbeitsbegriff in der calvinistischen Arbeitsethik wurzelt, zentraler Bestandteil jeder erwachsenen Identität ist und darüber hinaus das Alltagsleben in vielfältiger Weise bestimmt. Marie Jahoda nennt in einem Vortrag an der Universität Bremen 1982 als zentrale Erlebniskategorien der Bedeutung von Arbeit in unserer Gesellschaft (Jahoda 1983, S.5f): „Die erste Erlebniskategorie, die von der Arbeit latent vorgeschrieben wird, ganz gleichgültig ob ein Arbeiter seine Arbeit hasst oder liebt, bezieht sich darauf, dass die organisierte Arbeit
6
eine Zeitstruktur hat, der man sich nicht entziehen kann. Das Zeiterlebnis aller Menschen, die Arbeitnehmer sind, ist strukturiert.
Die zweite Erlebniskategorie, ebenso unvermeidlich, ebenso unabhängig von der persönlichen Einstellung zur Arbeit, beschreibt, dass organisierte Arbeit unvermeidlich den sozialen Horizont der Menschen erweitert. Man weiß, was Kollegen tun, denken, fühlen, handeln, wie sie sich unterhalten und was ihre Sorgen sind, man kann nicht umhin, auch wenn man der zurückgezogenste Mensch ist, zu bemerken, dass verschiedene Menschen das Leben verschieden betrachten.
Die dritte Kategorie, wiederum ganz generell betrachtet, weist darauf hin, dass die organisierte Arbeit eine tägliche Demonstration ist, dass es kollektive Zusammenarbeit geben muss, um die materielle Kultur eines industrialisierten Landes zu erhalten. Wir können alle zu Hause unseren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen und vielleicht sogar einen Fernsehapparat zusammenbauen. Aber wir können nicht als einzelne ein Stahlwerk oder einen Bergbau betreiben. Die Arbeit ist durch die Arbeitsteilung diese Demonstration des kollektiven Zwecks. Der Mensch ist nicht nur ein biologischer Organismus, sondern hat eine zutiefst soziale Existenz.
Die nächste Kategorie besagt, dass die Arbeit in unseren, in allen wirklich industrialisierten Ländern, auch den kommunistischen Ländern, den Status und die Identität des Menschen bestimmt. Man weiß, wo man steht. Man hat es nicht immer gern, wo man steht, aber man weiß wenigstens, wo man steht.
Und schließlich ist die organisierte Arbeit, erzwingt die organisierte Arbeit eine Aktivität.“ Kieselbach fasst diese Kategorien 1995 (Kieselbach 1995, S. 504) folgendermaßen zusammen:
„Arbeitstätigkeit stellt eine erzwungene Aktivität dar, die soziale Kontakte außerhalb des engeren sozialen Netzes vermittelt, in der Verfolgung von gemeinsamen Zielen, die über die unmittelbaren individuellen Ziele hinausgehen, die innerhalb einer gesetzten Zeitstruktur abläuft, und verknüpft ist mit einem sozialen Status, der Berufsprestige mit dem zentralen gesellschaftlichen Bewertungssystem verbindet, nämlich dem Geld.“
7
Arbeit zitieren:
Tilmann Warnke, 2001, Psychologische Wirkungen von Arbeitslosigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Arbeitslosigkeit und psychische Gesundheit
Eine kritische Lebenssituation...
Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft
Seminararbeit, 31 Seiten
Europa zwischen Demokratie und Diktatur - Die politische Entwicklung...
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Psychosoziale Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit
BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit, 17 Seiten
Psychische und physische Auswirkungen der Arbeitslosigkeit: Macht Arbe...
Hausarbeit, 34 Seiten
Die Ursachen der Deutschen Inflation - Vom Ende des Ersten Weltkriegs ...
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Heiliger Kampf des Islams und ...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Seminararbeit, 16 Seiten
Ernste Zeiten für Katholiken - Der Kulturkampf in Preußen
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Seminararbeit, 29 Seiten
Sünde und Entfremdung in Tillichs Systematischer Theologie
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Katholisches Milieu und katholisches Bürgertum im späten Kaiserreich
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Seminararbeit, 22 Seiten
Internet- und Onlinespielsucht bei Kindern und Jugendlichen
Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Examensarbeit, 154 Seiten
Die Ereignisse des Herbsts 1923 - Widerspiegelung der Probleme der Wei...
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Die frühen Christen und ihr Verhältnis zum römischen Staat
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Zwischenprüfungsarbeit, 34 Seiten
Tilmann Warnke hat den Text Psychologische Wirkungen von Arbeitslosigkeit veröffentlicht
Tilmann Warnke hat einen neuen Text hochgeladen
Arbeitslosigkeit in Deutschland
Zur Entstehung einer sozialen ...
Bénédicte Zimmermann, Manuela Lenzen, Martin Klaus
Die Rückkehr der Arbeitslosigkeit
Die Bundesrepublik Deutschland...
Thomas Raithel, Thomas Schlemmer
Massenarbeitslosigkeit überwin...
Heinz J. Bontrup, Lars Niggemeyer, Jörg Melz
Die esoterische Bedeutung gemeinsamer geisteswissenschaftlicher Arbeit
und die Zukunft der Anthroposo...
Sergej O. Prokofieff, Elisabeth Schaefer
Luzides Träumen und seine Bedeutung für die seelische Gesundheit
Eine empirische Studie
Janine Girzig
0 Kommentare