Technische Universität Chemnitz
Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Lehrstuhl BWL V: Organisation und Arbeitswissenschaft
SS 2002
Seminar am Lehrstuhl für Organisation und Arbeitswissenschaft
„Struktur und Handeln in der Organisationstheorie“
Handeln bei Niklas Luhmann
vorgelegt von:
Annette Speck
Studiengang: Diplom Betriebswirtschaftslehre, 6. FS
Abgabetermin: 19.09.2002
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kerngedanken der Theorie sozialer Systeme
2.1 Autopoietische, selbstreferentielle Systeme
2.2 Das Verhältnis zwischen System und Umwelt
2.3 Das Ausdifferenzieren sozialer Systeme
2.4 Die Bedeutung von Sinn
2.5 Das Entstehen einer sozialen Ordnung
2.6 Die Strukturen sozialer Systeme
3 Die Elemente sozialer Systeme: Kommunikation und Handeln
3.1 Kommunikation
3.1.1 Das Problem der doppelten Kontingenz
3.1.2 Der Kommunikationsbegriff
3.1.2.1 Die Information
3.1.2.2 Die Mitteilung
3.1.2.3 Das Verstehen
3.1.2.4 Die Annahme bzw. Ablehnung einer Kommunikation
3.1.3 Der Kommunikationsprozess
3.2 Handeln
3.2.1 Das Verhältnis zwischen Kommunikation und Handeln
3.2.2 Die Selbstbeschreibung eines sozialen Systems
3.2.3 Die Konstitution von Handlungen
3.2.4 Der Zusammenhang zwischen Handlungen, Erfahrungen und Erwartungen
3.2.5 Der Entscheidungsaspekt von Handlungen
3.2.6 Der Zusammenhang zwischen Handlung, Entscheidung und Kommunikation
3.2.7 Die Form des Handelns
3.2.8 Das Verhältnis von Handeln und Struktur
4 Niklas Luhmann im Vergleich mit Alfred Schütz: Subjekt, Sinn und Handeln
4.1 Das Subjekt bei Niklas Luhmann
4.2 Das Subjekt bei Alfred Schütz
4.3 Sinn bei Alfred Schütz
4.4 Der Handlungsbegriff von Alfred Schütz
4.5 Zusammenfassender Vergleich beider Theorien
5 Abschließende Betrachtung
1 Einleitung
Niklas Luhmanns Ziel bestand in der Erstellung einer facheinheitlichen, universalen Theorie für die Soziologie; universal in dem Sinne, dass er alles Soziale erfassen wollte und nicht nur einige Teilbereiche.1 Bei seinem Werk „Soziale Systeme – Grundriss einer allgemeinen Theorie“ handelt es sich um eine Theorie autopoietischer, selbstreferentieller Systeme. Die ersten Anstöße zur Entwicklung selbstreferentieller Systeme entstammen allerdings nicht der Soziologie, sondern fachfremden Theorierichtungen wie der Thermodynamik, der Biologie oder der Kybernetik. Der Begriff ´Autopoiesis´ tauchte erstmals in den 1960er Jahren bei den chilenischen Neurophysiologen Humberto Maturana und Francesco Varela auf. Sie leiteten ihn aus den griechischen Wörtern „autos“ (selbst) und “poiesis“ (Schöpfung) ab und wandten ihn auf lebende Systeme an, die die Fähigkeit besitzen, die Elemente, aus denen sie bestehen, ohne externe Eingriffe selbst zu (re-)produzieren.
Aus der Soziologie konnte im Hinblick darauf nicht nur kein nennenswerter Beitrag gewonnen werden, sondern sie hat sich auf diesem Gebiet auch als lernunfähig erwiesen.2 Trotzdem versucht Luhmann eine Theorie sozialer Systeme zu entwerfen, die dem derzeitigen Entwicklungsstand der allgemeinen Systemtheorie entspricht.
Für die Bearbeitung des Themengebietes wurde folgendes Vorgehen gewählt. Im ersten Abschnitt werden die grundlegenden Kerngedanken der Theorie sozialer Systeme erläutert. Davon ausgehend, werden die Elemente dieser Systeme, die Kommunikationen, näher beleuchtet. Luhmann leitet den Handlungsbegriff, auf dem der eigentliche Schwerpunkt dieser Arbeit liegt, vom Begriff der Kommunikation ab. Im folgenden Abschnitt werden verschiedene Gesichtspunkte des Handelns beleuchtet. Anschließend soll die Theorie von Niklas Luhmann einem Vergleich mit der Theorie von Alfred Schütz unterzogen werden. Dabei liegt die Aufmerksamkeit besonders auf der Rolle des Subjektes, der Bedeutung von Sinn und dem Handlungsbegriff. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen abschließend noch einmal zusammenfassend dargestellt werden.
2 Kerngedanken der Theorie sozialer Systeme
2.1 Autopoietische, selbstreferentielle Systeme
Luhmann überträgt den Begriff ´Autopoiesis´ in der Soziologie auf Systeme, die sich durch eine systemspezifische Operationsweise selbst erzeugen. Sie bestehen aus einem Netzwerk interagierender Komponenten, die durch ihr Zusammenspiel das Netzwerk immer wieder erneuern und auf diese Weise den Bestand des Systems erhalten.
In der Theorie Luhmanns existieren zwei Arten von autopoietischen Systemen. Zum einen handelt es sich dabei um soziale Systeme, die sich mit Hilfe von Kommunikationen reproduzieren, und zum anderen um psychische Systeme, die sich durch Gedanken fortzeugen. Beide Systemarten können zwar ihre Operationen gegenseitig nicht direkt beeinflussen, bedingen sich aber wechselseitig in ihrer Existenz.
Diese Systeme werden auch als selbstreferentiell bezeichnet, da sie ausschließlich mit systeminternen Elementen operieren und sich somit bei jeder ihrer Operationen auf sich selbst beziehen und sich selbst bestimmen. Sie greifen bei der Reproduktion immer wieder auf bereits vorhandene Systembestandteile zurück.
Die Selbstreferenz sichert die Autonomie eines Systems gegenüber seiner Umwelt. Es ist angesichts seiner operativen Geschlossenheit nicht dazu in der Lage, außerhalb seiner Grenzen zu operieren. Ein externer Eingriff in die Reproduktion der Systemelemente hätte zur Folge, dass die Trennung zwischen dem System und seiner Umwelt aufgehoben werden würde. Dies würde nicht nur den Verlust der Autonomie des Systems, sondern auch die Beendigung seiner Existenz bedeuten.
Da Systeme auf autopoietischer Ebene ausschließlich auf die Reproduktion ihrer Operationen bedacht sind, können sie die Grenzen zu ihrer Umwelt nur auf der Ebene der Beobachtung überwinden. Auf diese Weise erhalten sie wichtige Informationen über Umweltzustände und -veränderungen.
2.2 Das Verhältnis zwischen System und Umwelt
Für die Existenz eines selbstreferentiellen Systems ist es unerlässlich, eine Unterscheidung zwischen dem vorzunehmen, was zum System gehört und dem, was ihm nicht angehört und damit zur Umwelt zählt.
Soziale Systeme differenzieren sich gegenüber ihrer Umwelt aus, indem sie mit Hilfe ihrer Operationen Grenzen ziehen. Alles, was nicht zum System gehört, fällt automatisch in die Umwelt hinein, deren Entwicklung damit parallel zum Systemaufbau verläuft. Dass ein selbstreferentielles System nicht außerhalb seiner Grenzen operieren kann, ist auch der Grund dafür, dass ein soziales System nicht mit anderen Systemen in seiner Umwelt kommunizieren kann. Dennoch ist die Umwelt von großer Wichtigkeit für den Systemaufbau. Es gibt kein System ohne Beziehung zur Umwelt und auch keine Umwelt ohne System, da ein System seine Identität nur in Differenz zur Umwelt entwickeln kann. Folglich können System und Umwelt nur gemeinsam existieren.
[....]
1 vgl. Reese – Schäfer, Einführung, S. 73
2 vgl. Luhmann, Soziale Systeme, S. 27
Arbeit zitieren:
Annette Gebert geb. Speck, 2002, Handeln bei Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
HELMUTH PLESSNERS AUßENWELT - INNENWELT - MITWELT
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Hausarbeit, 19 Seiten
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Seminararbeit, 21 Seiten
Politischer Liberalismus - Andrew Moravcsik auf dem Prüfstand
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Metamorphose des Gegenstandes - Mythologie und Objekt-Kunst der Su...
Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie
Hauptseminararbeit, 25 Seiten
Die Staufer - Ursprung und Aufstieg eines Herrschergeschlechts
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 22 Seiten
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus - Eine kritis...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hauptseminararbeit, 22 Seiten
Grundbegriffe und Relationen der Peirceschen Zeichentheorie
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hauptseminararbeit, 13 Seiten
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Hausarbeit, 13 Seiten
Douglass Norths Theorie des institutionellen Wandels im Lichte des öko...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hauptseminararbeit, 26 Seiten
Ursachen der Entstehung von Megacities
Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung
Hauptseminararbeit, 29 Seiten
Giorgio Agambens "Homo sacer" und Michel Foucaults "Go...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit, 39 Seiten
Ulrich Becks Individualisierungstheorem
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Hauptseminararbeit, 21 Seiten
Symbolischer Interaktionismus (G. H. Mead): ein kurzer Überblick
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Referat (Ausarbeitung), 13 Seiten
Erklärungsmodelle von Wählerverhalten
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 17 Seiten
Semiotik und Wissenschaftstheorie bei Charles Sanders Peirce
Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik
Seminararbeit, 19 Seiten
Die Genesis des sozialen Selbst und die soziale Kontrolle - In: George...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 33 Seiten
Annette Gebert hat den Text Handeln bei Niklas Luhmann veröffentlicht
Annette Gebert hat einen neuen Text hochgeladen
Observing International Relations: Niklas Luhmann and World Politics
Mathias Albert, Lena Hilkermeier
Autopoietic Organization Theory: Drawing on Niklas Luhmann's Social Sy...
Tore Bakken, Tor Hernes
Backsteingiebel und Systemtheorie. Niklas Luhmann - Wissenschaftler au...
NEXUS, Lüneburg
Lilli Nitsche, Johanna Lutteroth, Andreas J. Meyer
0 Kommentare