Entwicklungsmöglichkeiten von der Berücksichtigung aus. Man neutralisiert gewisse Gefahren, die nicht ausgeräumt werden können, die aber das Handeln nicht irritieren sollen.“ 6 Hiermit kann jedoch die Sicherheit innerhalb des Handlungssystems nicht erhöht werden.
2.1.1 Hoffen vs. Vertrauen
Trotzdem grenzt LUHMANN Vertrauen von reinem Hoffen ab, indem er klarstellt, daß der Vertrauensgeber alle ihm zur Verfügung stehenden Informationen nutzt und sich auf seine Erfahrung bei der Vertrauensentscheidung stützt. Diese Erfahrung setzt sich aus gerechtfertigtem bzw. enttäuschtem Vertrauen aus vergangenen Entscheidungen zusammen. LUHMANN unterscheidet hier die Unsicherheit der Hoffnung mit vertrauensvoller Erwartung bei der Vertrauensentscheidung. „Ein Fall von Vertrauen liegt nur vor, wenn die vertrauensvolle Erwartung bei einer Entscheidung den Ausschlag gibt - anderenfalls handelt es sich um eine bloße Hoffnung.“ 7
2.1.2 Indizien für Vertrauen
Vertrauen braucht Absicherung, da das Wissen, ob es sich nachträglich als gerechtfertigt erweist oder nicht, dem Entscheidenden zum Entscheidungszeitpunkt nicht zur Verfügung steht, „auch nicht in Form bestimmter Wahrscheinlichkeitsziffern“. 8 Gerade durch diese Entscheidung bei asymmetrischer Informationsverteilung - LUHMANN spricht vom „Überziehen der vorhandenen Informationen“ 9 - ermöglicht Vertrauen die wechselseitige und in die Zeit gestreckte Verteilung von Komplexität zwischen mehreren Handelnden, und damit die Reduktion von Komplexität allgemein. Die Informationen, die es einem Menschen ermöglichen, Vertrauen zu gewähren, haben nach LUHMANNN mehrere Quellen, die in beliebiger Kombination vom potentiellen Vertrauensgeber genutzt werden:
1) Eigene Erfahrung (Allgemeine Lebenserfahrung bzw. Vertrautheit mit dem Objekt des Vertrauens)
2) Eigenes typisches Verhalten (Wie würde ich mich in der Position des Vertrauensnehmers verhalten?) Insbesondere bei unzureichender Kenntnis der
6 ebenda S.26
7 ebenda S.24
8 ebenda S.25
9 ebenda S.26
3
Motivationsstruktur des Interaktionspartners. 10
3) Selbstdarstellung des potentiellen Vertrauensnehmers (Starke Abweichungen von der Selbstdarstellung des Interaktionspartners entziehen Grundlage für eine Vertrauensgewährleistung) 11
4) Handeln des Vertrauensnehmers innerhalb von Sozialsystemen (Gibt es Sicherheiten innerhalb der Systeme, die zur Vertrauensentscheidung beitragen / Funktion latent vorhandener Sanktionsmöglichkeiten ?)
2.1.3 Systemvertrauen
Die Absicherung der Vertrauensentscheidung unter Punkt 4) anhand eines sozialen Systems funktioniert aber nur, wenn genug Vertrauen in das System selbst und in die interne Kontrolle oder dem Nutzen der eigenen Einflussmöglichkeiten in das System von Seiten des Vertrauensgebers vorhanden ist. 12 Dieses Vertrauen wird generiert durch eine Rechtsordnung, den Austausch von Informationen innerhalb der Gemeinschaft, durch Erfahrungen mit der Vertrauensgewährung und insbesondere auch durch Vergabe spezifischer Rollen innerhalb des Systems, die Unsicherheiten absorbieren und deren Erfolg kontrolliert werden kann. 13 Erfolg kann aber erst nach dem Handeln beurteilt werden. Dieses Zeitproblem, so LUHMANN, überbrückt das Vertrauen, „das als Vorschuss auf den Erfolg im voraus auf Zeit und auf Widerspruch gewährt wird, zum Beispiel durch Einsetzung von Personen in Ämter, Kapitalkredit etc. Das Komplexitätsproblem wird somit auf unterschiedliche Rollen verteilt und dadurch reduziert. Interne Prozesse des sozialen Systems „arbeiten selektiv, indem sie für das System relevante Verhältnisse zwischen Umweltdaten als Information aufnehmen und verarbeiten. Das System setzt innere Sicherheit an die Stelle äußerer Sicherheit und steigert dadurch seine Unsicherheitstoleranz in externen Beziehungen.“ 14 Eine Absicherung des Vertrauens, die dieses Zeitproblem umgehen kann, stellt ein gesetzliches Rechtssystem und Geld dar, das Vertrauen benötigt (infolge z.B. einer Inflationsgefahr) aber auch zugleich ermöglicht. LUHMANN geht sogar soweit zu sagen: „[…] Wenn ein solches Vertrauen in Geld institutionalisiert ist und sich im Großen und Ganzen bewährt, ist damit eine Art Gewissheitsäquivalent geschaffen.“ 15
10 ebenda S. 35
11 ebenda S. 69
12 ebenda S. 58, S. 65, S. 67
13 ebenda S. 26
14 ebenda S. 28
15 ebenda S. 54
4
2.1.4 Misstrauen
Einen entscheidenden Vorteil des Vertrauens in Systeme und die internen Kontrollen der Systeme sieht LUHMANN neben der Komplexitätsreduzierung und des Zeitgewinns in dem Umgang mit Misstrauen, welches für LUHMANN „nicht nur das Gegenteil von Vertrauen, sondern als solches zugleich ein funktionales Äquivalent für Vertrauen“ 16 darstellt. Nur in Systemen kann „Misstrauen so institutionalisiert und begrenzt werden, so dass es nicht persönlich zugerechnet und zurückgegeben wird, also vor Ausuferung in Konflikte bewahrt bleibt.“ Das Risiko des Vertrauensbeweis geht auf das System über solange „beim Vertrauenserweis keine nachweisbaren Fehler unterlaufen.“ 17 Wo die Grenze zwischen gerechtfertigtem und ungerechtfertigtem Vertrauen allerdings genau liegt, bleibt offen. LUHMANN verweist darauf, dass es weder einen reinen rationalen auswählbaren Ansatz noch eine optimierungsfähige Entscheidungsfindung für eine zu erbringende
Vertrauensvorleistung geben kann. 18 Der Umschlag zwischen Vertrauen und Misstrauen sieht LUHMANN als persönlich unterschiedlich an. Er nimmt an, dass Misstrauen die Tendenz hat, sich als Regelkreis zu verstärken, was nur durch eine Intervention des Sozialsystems begrenzt werden kann. 19 Dagegen sind Systeme wiederum in dem Maße rational, „als sie Komplexität erfassen und reduzieren können, und sie können dies nur, wenn sie von Vertrauen und Misstrauen Gebrauch [zu] machen verstehen, ohne den zu überfordern, der letztlich Vertrauen oder Misstrauen erweist: den Menschen.“ 20
2.2 James S. Coleman: „Die Grundlagen der Sozialtheorie“
COLEMAN geht in einer Vertrauensbeziehung von mindestens 2 Parteien aus, die zielgerichtet als Treugeber (Vertrauensgeber) und Treunehmer (Vertrauensnehmer) handeln. 21 COLEMAN vergleicht die Entscheidung zur Vertrauensvergabe eines potentiellen Treugebers in einer Analyse mit der Entscheidung eines rationalen Akteurs bei der Frage, ob er eine Wette abschließen soll. Der Akteur erkundigt sich hier über Kosten, Gewinne, Chancen und Risiken und kann ganz rational entscheiden, ob er die Wette abschließt unter dem Postulat der Nutzenmaximierung unter Risiko. Der potentielle Treugeber entscheidet sich entweder gegen
16 ebenda S. 78
17 ebenda S.104
18 ebenda S. 97-98
19 ebenda S. 82, S. 84; Als Beispiel sei hier noch die Bereitstellung von Mechanismen genannt, die ein defektes Verhalten der Interaktionspartner vermeiden sollen auch wenn zuvor defekt agiert wurde (vgl. AXELROD, R. (1984): „The Evolution of Cooperation” bzw. Kapitel 4. S.19 )
20 LUHMANN, N. (1989): „Vertrauen, ein Mechanismus zur Reduzierung sozialer Komplexität“, S. 105
21 vgl. COLEMAN, James S. „Grundlagen der Sozialtheorie“ Band 1 (1990) S.121
5
die Vergabe von Vertrauen, was nach COLEMAN keine Nutzenveränderung nach sich ziehen würde oder für die Vergabe von Vertrauen, die von unterschiedlichen Variablen abhängig ist. 22
2.2.1 Rolle des Treugebers
Auch COLEMAN erwähnt die gegebene asymmetrische Informationsverteilung zwischen Treuhänder und Treugeber, indem er anmerkt, dass man „unter verschiedenen Umständen“ unterschiedlich viel weiß über die Variablen p (Gewinnwahrscheinlichkeit), L (Verlust) und G (Gewinn). 23 Die Wirkung von Information besteht darin, dass sie die Einschätzung der Gewinnwahrscheinlichkeit und damit auch das Ausmaß des möglichen Gewinns oder Verlustes verändern. COLEMAN hält die Wahrscheinlichkeit der Rechtfertigung von Vertrauen als die oftmals wenigste bekannte Größe. Die Informationssuche sollte so lange anhalten, bis die Kosten einer zusätzlichen Vermehrung von Information geringer sind als der Gewinn, den diese Information verspricht. 24 Die Gewinnchance p hängt aber auch elementar von L und G ab. Wenn das Verhältnis von Gewinnchance p zur Verlustchance 1-p größer ist als das Verhältnis des Ausmaßes des möglichen Verlustes L zum Ausmaß des möglichen Gewinns G, so vergibt der rationale Treugeber Vertrauen. 25
Warum aber schenken Treugeber Treuhänder vertrauen, die sie nie zuvor gesehen haben? Für COLEMAN hängt es in jedem speziellen Fall davon ab, inwiefern der Treuhänder „die Überzeugung einer Person von der Möglichkeit eines Verlustes und vom Ausmaß eines möglichen Verlustes und Gewinns manipuliert.“ 26 Hierzu kann der Gewinn G relativ höher als der Verlust L im Gegensatz zur Konkurrenz in Aussicht gestellt werden oder der Treugeber wird mit einem Angebot konfrontiert, bei dem L/G niedrig ist und somit das Risiko vertretbarer erscheint. COLEMAN vermutet, dass bei Betrügern L/G beträchtlich niedriger ist als p (p als Standardeinschätzung der Vertrauenswürdigkeit bzw. Gewinnwahrscheinlichkeit), so dass selbst bei misstrauischem Absinken der Gewinnwahrscheinlichkeit p durch den
22 ebenda S.125 f.
23 ebenda S.129
24 siehe auch Abschnitt 3.2 „Verhaltensannahme: Begrenzte Rationalität“, S.14
25 COLEMAN, James S. „Grundlagen der Sozialtheorie“ Band 1 (1990) S.126
26 ebenda S.133
6
Treugeber L/G immer noch kleiner ist als p. 27 Der Treugeber muss nach COLEMAN, ein „Mißtrauen entwickeln, wenn p sich einem korrekten Einschätzungswert nähern soll.“ 28
2.2.2 Rolle des Treuhänders
Der Treuhänder hat in den meisten Fällen die Wahl, ob er das Vertrauen des Treugebers rechtfertigt oder enttäuscht. COLEMAN fragt sich, was, außer einer „internalisierten moralischen Norm“ 29 den Treuhänder davon abhalten kann, das Vertrauen zu enttäuschen. Meist steht hier der Gewinn, der ihm zukünftig durch Vertrauen entgegengebracht wird im Vordergrund. COLEMAN unterstreicht, dass für den Treuhänder größere Verluste in Zukunft zu erwarten sind, wenn er eine fortdauernde Beziehung zum Treugeber unterhält. 30 Dadurch ist der Treuhänder umso vertrauenswürdiger, je länger die Beziehung zum Treugeber andauert und je größer die Gewinne sind, die der Treuhänder sich von dieser Beziehung erhofft. Die Vertrauenswürdigkeit des Treuhänders, wächst nach COLEMAN, „je umfassender die Kommunikation zwischen dem Treugeber und den anderen Akteuren ist, von denen der Treuhänder erwarten kann, dass sie ihm in Zukunft Vertrauen schenken werden.“ 31 COLEMAN deutet hier auf das Interesse des Treugebers, soziale Strukturen zu schaffen, in denen dem potentiellen Treuhänder daran gelegen ist, vertrauenswürdig zu sein. Hierzu zählt er gefestigte Gemeinschaften, Einstellung enger Verwandter, Verträge und Vollzugspotential als wirkungsvolle Mechanismen. 32 Die Interessenkonflikte innerhalb eines sozialen Systems sind verantwortlich dafür, „daß eine Optimierung (z.B. durch die Beseitigung von Misstrauen) im Hinblick auf ein Paar von Akteuren, die an einem Austausch beteiligt sind, nicht auch für alle anderen von Nutzen ist, bzw. das kein Pareto-Optimum entstehen kann.“ 33 Andererseits macht COLEMAN die Frage nach dem Optimum von Normen, Gesetzen und Sanktionen, um die Vertrauenswürdigkeit von Treuhändern zu gewährleisten, bei Betrachtung des ganzen sozialen Systems abhängig von der Gesamtmenge der Kosten und Gewinne, die aus dem Vertrauen und der Vertrauenswürdigkeit eines bestimmten Paares von Akteuren resultieren.
27 Als Beispiel seien hier Diätprodukte genannt: Die Hersteller bieten Produkte an, die Gewichtsverlust versprechen und dies teilweise mit zweifelhaften Studien „garantieren“. Selbst bei Misstrauen auf Seiten des Konsumenten, scheint die versprochene Aussicht auf Erfolg beträchtlich größer zu sein als die dafür aufgewendeten Kosten bzw. der mögliche Verlust. (Anm. des Verfassers)
28 ebenda S.133
29 ebenda S.137
30 ebenda S.138
31 ebenda S.138
32 ebenda S.142 ff.
33 ebenda S.145
7
Die Kosten bzw. Gewinne betreffen mehr oder weniger alle, „die von der Rechtfertigung oder Enttäuschung des Vertrauens betroffen sind“. 34
2.3 Diego Gambetta: „Können wir dem Vertrauen vertrauen?“
GAMBETTA beschäftigt sich in seinem Werk „Can we trust Trust?“ vor allem mit dem Zusammenhang von Vertrauen und kooperativem Handeln. 35 In welchem Ausmaß kann Kooperation unabhängig von Vertrauen zustande kommen? Ist Vertrauen eher ein Ergebnis oder eine Bedingung von Kooperation? Dabei definiert er Vertrauen und Bedingungen, unter denen es für Kooperation an Relevanz gewinnt und untersucht schließlich, ob es rationale Gründe gibt zu Vertrauen. GAMBETTA´s Perspektive ist dabei insbesondere auf das Handeln und die Entscheidungslage einzelner Akteure gerichtet.
2.3.1 Definition von Vertrauen
GAMBETTA definiert Vertrauen (und „funktional äquivalent“, vergleiche LUHMANN oben, auch Misstrauen) als „bestimmten Grad der subjektiven Wahrscheinlichkeit, mit der ein Akteur annimmt, dass eine bestimmte Handlung durch einen anderen Akteur oder eine Gruppe von Akteuren ausgeführt wird, und zwar sowohl bevor er eine solche Handlung beobachten kann […] als auch in einem Kontext, in dem sie Auswirkungen auf seine eigene Handlung hat.“ 36
Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit meint somit implizit die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Akteur eine Handlung ausführen wird, die für uns vorteilhaft oder zumindest nicht schädlich ist, die hoch genug ist, so dass wir in Erwägung ziehen, uns auf eine Art Kooperation mit ihm einzulassen. Kooperation geschieht in einem Zustand der Unwissenheit oder Unsicherheit der Akteure. Den Akteuren sind Grenzen gesetzt in ihrer Fähigkeit, jemals vollständiges Wissen „über andere, über ihre Motive oder über ihre Reaktionen auf innere oder äußere Veränderungen zu erlangen.“ 37 GAMBETTA macht deutlich, dass Akteure somit Freiheiten besitzen, unsere Erwartungen zu enttäuschen, womit Vertrauen in steigendem Maße für unsere Entscheidungen und Handlungen relevant wird, je größer die Menge an Alternativen
34 ebenda S.146
35 vgl. GAMBETTA, D., (1988): „ Can we trust Trust?“, in: Gambetta, D. (Hrsg.), “Trust: Making and Breaking Cooperative Relations”, S. 213-237. Die folgenden Fußnoten beziehen sich auf die deutsche Übersetzung: Catrin Yazdani (2001): „Kann man dem Vertrauen vertrauen?“ in Hartmann, M., Offe, C. (Hrsg.) (2001): “Vertrauen. Die Grundlagen des sozialen Zusammenhalts” S. 204-237
36 ebenda S.211
37 ebenda S.212
8
Arbeit zitieren:
Christian Lorberg, 2004, Vertrauen als Schlüsselfaktor in der Theorie und am Beispiel des Online Auktionshauses ebay, München, GRIN Verlag GmbH
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