Inhaltsverzeichnis:
I.) Der einsame Internationalist oder Roosevelts Weg in den Krieg 4
II.) Pearl Harbor und der Aufstieg zur Weltmacht 8
III.) Die einzige Supermacht -
Amerika zwischen Kaltem Krieg und 11. September 13
IV.) Der 11. September und Amerikas neuer Krieg 18
V.) Pearl Harbor und 11. September - vergleichbar oder nicht? 24
Literaturverzeichnis 26
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Die Geschichte der amerikanischen Außenpolitik ist die Geschichte zweier widerstreitender Auffassungen der weltpolitischen Rolle der Vereinigten Staaten: dem Isolationismus und dem Internationalismus. Beide Strömungen haben das Auftreten der USA auf der internationalen Bühne in unterschiedlichen Zeitabschnitten geprägt. Isolationistische Vorherrschaft ist in der jüngeren Geschichte der USA vor allem in der Zwischenkriegszeit (1918-1941) festzustellen. Die hohen menschlichen Verluste des Ersten Weltkrieges hatten mit dazu beigetragen, daß das amerikanische Volk sich von den Geschehnissen in Europa abkehrte und sich auch noch nach Beginn des Zweiten Weltkrieges eindeutig gegen ein Eingreifen der USA aussprach. Diese Haltung änderte sich schlagartig mit dem Angriff der japanischen Bomberstaffeln auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941.
Ein anderer Zeitraum, in dem so etwas wie eine defensive Außenpolitik gepaart mit dezentralen außenpolitischen Zielsetzungen anzutreffen sind, ist der Abschnitt nach Ende des Kalten Krieges bis zum Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2 001. Auch nach diesem Datum hat sich die Richtung der amerikanischen Außenpolitik grundlegend geändert. Der 7. Dezember 1941 und der 11. September 2001 waren also beides Momente, die die außenpolitische Rolle der USA und somit auch das gesamte weltpolitische Gefüge nachhaltig veränderten. Es waren auch die beiden einzigen Augenblicke in der Geschichte, in denen amerikanisches Territorium direkt angegriffen wurde. Insofern könnten sich die beiden Ereignisse durchaus vergleichen lassen. Die Gemeinsamkeiten scheinen dabei auf der Hand zu liegen. Bei näherem Hinsehen wird allerdings deutlich, daß es neben den offensichtlichen Parallelen auch eine Vielzahl von nicht vergleichbaren Aspekten gibt, in denen sich beide Ereignisse unterscheiden. Aus genau diesem Grund soll es auch nicht Ziel dieser Arbeit sein, einen direkten Vergleich anzustellen. Die beiden Wendepunkte der USamerikanischen Außenpolitik sollen vielmehr in ihrem Gesamtkontext dargestellt werden, um auf diese Weise ihre Voraussetzungen und vor allem ihre Folgen zu verdeutlichen. In welchem Stadium war die Außenpolitik der USA als die japanischen Bombergeschwader am Himmel über Pearl Harbor auftauchten und Flugzeuge das World Trade Center trafen? Welche Umbrüche wurden durch diese Ereignisse ausgelöst und inwiefern veränderten sie die weltpolitische Stellung der USA?
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I.) Der einsame Internationalist oder Roosevelts Weg in den Krieg
In welcher Situation befand sich also die amerikanische Außenpolitik vor Pearl Harbor? 1
Bestimmend für die Außenpolitik der J ahre 1918 bis 1941 war vor allem die innenpolitisch geführte Debatte zwischen Isolationisten und Internationalisten. Zentrale Frage dieser Auseinandersetzung war die zukünftige Rolle der USA in der Weltpolitik. Sollte sich Amerika angesichts der Herausforderung durch Deutschland, Japan und Italien mit der Rolle einer regionalen Großmacht zufriedengeben oder durch einen erneuten Kriegseintritt die bereits im Ersten Weltkrieg angedeutete Vormachtstellung in der Welt erneuern und weiter ausbauen? Vorherrschend war zunächst die isolationistische Meinung, so daß sich die USA immer mehr aus der europäischen Politik zurückzogen. Entscheidend für die globale Nachkriegsordnung war vor allem die Entscheidung des Senats vom November 1919, die Unterzeichnung des Versallier Vertrages und den Beitritt der USA zum Völkerbund abzulehnen. Er stimmte somit gegen die Verhandlungsposition Präsident Wilsons und vertrat den Kurs des folgenden Präsidenten Warren G. Harding, der seine Haltung unmißverständlich mit dem Wahlslogan „Zurück zur Normalität“ deutlich machte. Die Wahl Hardings zum Präsidenten drückte die Stimmung im amerikanischen Volk aus, das nach den hohen Verlusten des Ersten Weltkrieges einer expansiven Außenpolitik kritisch gegenüberstand. 2 Zwar wurden die USA in dieser Epoche zur vorherrschenden Wirtschaftsmacht - vor allem durch den Boom der “goldenen“ zwanziger Jahre -, waren aber nicht bereit, diese wirtschaftliche Ausdehnung durch eine aktive politische Bündnispolitik zu untermauern. Mit dieser Einstellung sah sich Franklin D. Roosevelt bei seiner Wahl 1933 konfrontiert. Trotz seiner internationalistischen Überzeugung war es ihm zumindest zu Beginn seiner Amtszeit unmöglich, sich der im Volke vorherrschenden Meinung zu widersetzen; zumal sich diese durch die aggressive Expansionspolitik Deutschlands und Japans noch verstärkte. Das zeigte sich vor allem in den in den Jahren 1935 bis 1937 verabschiedeten Neutralitätsgesetzen. Sie waren die
1 Dieses Kapitel stützt sich insbesondere auf Adams u.a. (Hg.): Länderbericht USA Bundeszentrale für
politische Bildung, Bonn 1992; sowie Junker, Detlef: Franklin D. Roosevelt. Macht und Vision:
Präsident in Krisenzeiten, Göttingen 1979; ders.: Kampf um die Weltmacht. Die USA und das Dritte
Reich 1933-1945, Düsseldorf 1988.
2 Nagler, Jörg: Weg zur Weltmacht 1898 bis 1945. Aus:
http://www.lsg.musin.de/Geschichte/usa/weg_zur_weltmacht_1898_bis_1945.htm
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konsequente Fortführung eines Kurses, der schon mit der Ablehnung des Versailler Vertrages eingeschlagen worden war. So enthielt das strengste, dritte Neutralitätsgesetz vom 1. Mai 1937 ein unparteiisches Exportverbot von Waffen, Munition und Kriegsgerät, das Verbot von Anleihen an kriegführende Staaten, das Verbot für amerikanische Staatsbürger, auf Schiffen kriegführender Nationen zu reisen, das Verbot für amerikanische Handelsschiffe, Waren für kriegführende Nationen zu transportieren und das Verbot, amerikanische Handelsschiffe zu bewaffnen, die nicht verbotenen Handel mit kriegführenden Staaten betrieben. Hier zeigt sich deutlich der enge Rahmen, dem die Außenpolitik jener Jahre unterworfen war. Die Neutralitätsgesetze traten in Kraft, sobald der Präsident den Kriegszustand zwischen zwei Nationen feststellte. Ab diesem Zeitpunkt beschränkte sich der Spielraum des Präsidenten lediglich auf die sogenannte cash-and-carry-Klausel. Sie ließ für kriegführende Nationen den Kauf aller Waren, mit Ausnahme ‘tödlicher‘ Waffen zu, wenn diese bar bezahlt ( cash) und mit eigenen Schiffen abtransportiert wurden (carry).
Daß diese rigorose Abkehr von jeglicher Einmischung in die bereits brodelnden europäischen und asiatischen Konflikte ihre volle Rückendeckung in der amerikanischen Bevölkerung hatten, zeigt eine Umfrage des Gallup-Instituts vom September 1939, also bereits nach Hitlers Überfall auf Polen: eine überragende Mehrheit von 84% der Befragten sprach sich hier gegen eine Intervention im europäischen Krieg aus. 3 Hier wird der bereits eingangs erwähnte Konflikt zwischen Isolationisten und Internationalisten besonders deutlich. Die vorherrschende isolationistische Meinung sah das vitale Interesse der USA auf die westliche Hemisphäre, den östlichen Pazifik und den westlichen Atlantik beschränkt. Europa lag damit eindeutig außerhalb dieser Zone, weshalb die Isolationisten konsequenterweise ein Eingreifen in den europäischen Konflikt ablehnten. Nach ihrer Auffassung war Hitler nicht in der Lage, der “Festung Amerika“ gefährlich zu werden. Die geographische Lage und die Zwei-Ozean-Flotte machten das Land aus isolationistischer Sicht unangreifbar. Darüber hinaus schätzten sie auch die wirtschaftliche Situation als unabhängig von den europäischen und asiatischen Märkten ein, so daß ein Sieg der Achsenmächte für sie auch keine schwerwiegenden wirtschaftlichen Konsequenzen haben konnte. Mehr noch, aus ihrer Sicht würde eine Steigerung des Binnenhandels um 5% sogar mehr Gewinn bringen, als eine
3 Adams u.a. (Hg.): Länderbericht USA, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1992.
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Steigerung des Außenhandels um 100%. Zusätzlich wurden nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges die politischen und wirtschaftlichen Systeme Europas ohnehin als marode und überholt angesehen - wozu also diese unterstützen? Gegenpol dieser sich stark auf die eigene Unverwundbarkeit stützenden Argumentation ist die globalpolitische Position Roosevelts und seiner Anhänger. Von der gegnerischen Partei oft als „Kriegstreiber“ verschrieen, sahen die Internationalisten Amerika durchaus direkt durch die Geschehnisse in Europa und Asien bedroht. Dies ergab sich vor allem aus einer völlig anderen Einschätzung sowohl der militärischen, als auch der wirtschaftlichen und der ideellen Situation der Vereinigten Staaten. Aus militärischer Sicht beschränkte Roosevelt das vitale Interesse nicht nur auf die westliche Hemisphäre, sondern sah die USA durchaus bereits als global zuständige militärische Macht. Auch war die geographische Lage zwischen zwei Weltmeeren für Roosevelt kein Argument, sich sicher zu fühlen, sondern vielmehr ein enormer Unsicherheitsfaktor. Er bezeichnete die Ozeane auch oft als „Startbahnen“ mit denen die USA eine ideale Angriffsfläche für die Achsenmächte böten.
Auch in wirtschaftlicher Sicht sah Präsident Roosevelt sein Land keinesfalls als autonom genug, um auf die im Falle eines Sieges der Achsenmächte wegfallenden europäischen und asiatischen Märkte verzichten zu können. Von der Weltwirtschaftskrise ohnehin noch geschwächt, war die US-Wirtschaft seiner Ansicht nach nicht in der Lage, einen derartigen Wegfall der offenen Weltmärkte zu verkraften (tatsächlich sollte sich die amerikanische Wirtschaft auch erst durch die starke Rüstungsproduktion nach dem Kriegseintritt komplett erholen). Besonders wichtig für die Argumentation der Internationalisten für eine Kriegsbeteiligung war allerdings ihre ideelle Sicht der zukünftigen Rolle der USA in der Welt: Für sie hatten die Vereinigten Staaten als freiheitlich-demokratische Nation vor allem eine ideelle internationale Verpflichtung, die vor allem angesichts der aggressiv-autoritären Systeme in Europa besonders vordringlich schien. Die Internationalisten sahen sich d er Idee verpflichtet, Freiheit, Demokratie und freie Märkte zur Grundlage eines jeden Staates in der Welt zu machen. Neben den wirtschaftlichen und militärischen Aspekten waren es eben jene ideellen Werte, die sie durch die Ausbreitung autoritär geführter Staaten gefährdet sahen. Somit war für Roosevelt sowohl aus militärischer, als auch aus wirtschaftlicher und ideeller Hinsicht ein Eingreifen in den eurpäisch-asiatischen Konflikt unabdingbar, denn es galt, das
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Völkerrecht und die freie Wirtschaftsordnung zu verteidigen. Dieses
Sendungsbewußtsein ist vor allem nach Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutsam für die Etablierung einer neuen Weltordnung mit den USA an der Spitze der westlichen Mächte. Mit dem Sieg der Internationalisten sollte sich zum ersten Mal in der Geschichte das Selbstverständnis der USA als ‘Weltpolizist‘ herausbilden. Ein weiterer Begriff, der vor allem später für die Außenpolitik nach dem 11. September 2001 für die amerikanische Außenpolitik bedeutend werden sollte, ist in diesem Konzept bereits implizit enthalten, obwohl er seinen Namen erst sehr viel später erhalten sollte: der Schurkenstaat. 4 Rubin definiert: „Ein Schurkenstaat ist ein Staat, der dem Unterminieren anderer Staaten hohe Priorität einräumt und unkonventionelle Arten von Gewalt gegen sie einsetzt. Er reagiert unberechenbar auf Abschreckung oder andere Werkzeuge von Diplomatie und Staatskunst. Solch ein Staat erfordert eine besondere Behandlung und starken internationalen Druck, um ihn von der Zerstörung der öffentlichen Ordnung, vom Anzetteln von Kriegen und dem Zersetzen ganzer Regionen in der Welt abzuhalten.“ Nach dieser Definition ist Nazideutschland durchaus als Schurkenstaat zu verstehen, bei dem eine Großmacht wie die USA gefordert ist, seinem Treiben Einhalt zu gebieten. Obwohl, wie bereits erwähnt, dieser Begriff erst wesentlich später gebildet wird, zeigt sich hier bereits, wie sehr die spätere Weltordnung bereits im internationalistischen Gedankengut verwurzelt ist, wie sehr also die Politik Roosevelts das spätere globale Machtgefüge beeinflußt hat.
Zunächst konnten sich allerdings Roosevelts Ideen nicht durchsetzen. Gegen die isolationistische Mehrheit in Volk und Kongreß kam er nicht an. Es bedurfte erst eines konkreten Bedrohungsmoments, um eine internationalistische Außenpolitik rechtfertigen zu können.
4 Vergl. hierzu: Rubin, Barry: Schurkenstaaten: Amerikas Selbstverständnis und seine Beziehungen
zur Welt; in: Internationale Politik, 1999, Nr.6. http://www.dgap.org/IP/ip9906/IPAKTUE.htm#Rubin
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Arbeit zitieren:
Felicitas von Mallinckrodt, 2003, 7. Dezember 1941 und 11. September 2001. Wendepunkte der US-amerikanischen Außenpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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