I) PROLOG
"Ein Skorpion wollte einen Fluß überqueren, also bat er einen Frosch ihn hinüber
Dieses Filmzitat aus "Mr. Arkadin", den O. Welles 1955 inszenierte, spiegelt sehr gut ein zentrales Thema aus dem Werk von Welles wider und die Tragik, die ihn selber im Leben ereilte. Wie Mr. Arkadin (ebenso: Charlie Kane, Harry Lime, Othello, Falstaff, Quinlain, Elsa Bannister und Macbeth, um nur einige der Welles'schen Hauptfiguren zu nennen) ist auch Welles in seinem realen Leben unfähig, die eigene wahre Persönlichkeit zu ändern, oder dem ihr bestimmten Schicksal zu entrinnen. Menschen sind in ihrem Leben beides, Opfer ihres eigenen Wesens, welches das eigene Schicksal und das Schicksal anderer bestimmt.
"Ich mache aber nur das, was von ganz alleine kommt. Wie in dem Witz: Wissen
(Welles aus Bogdanovich ,s.330)
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II) EINLEITUNG
Das Werk von Welles in seiner Ganzheit erfassen zu wollen, gleicht dem Versuch des Journalisten in "Citizen Kane", das Rätsel eines vollen Lebens eindeutig beschreiben zu wollen, man muß daran scheitern. Der Mythos Orson Welles, wie der Mythos der vielen Figuren, die er inszenierte und spielte, entzieht sich der normalen Kategorisierung und Schablonen, die man so gerne auf das Schaffen eines großen Menschen anwendet. Mittlerweile ist O. Welles als eines der größten Genies und Innovatoren des letzten Jahrhunderts auf dem Gebiet des Filmes, des Radios und des Theaters angesehen. Zu Lebzeiten eckte er aber an und konnte nicht alle Hindernisse, die sich seinem enormen Schaffensdrang entgegenstellten, überwinden. Er war schon immer seiner Zeit weit voraus.
Er inszenierte sein erstes Theaterstück mit 9 Jahren, hatte in diesem Alter schon fast alle Länder der Welt bereist, mit 16 wurde er in Dublin ein Theaterstar und in Spanien ein Stierkämpfer, mit 22 löste er die größte Massenhysterie der Geschichte Amerikas aus und wurde zum Radiostar, mit 24 durfte er, mit jeglichen Freiheiten ausgestattet (was einmalig in der Geschichte war), sein Hollywood-Debüt inszenieren. Der entstandene Film "Citizen Kane" brachte eine der ersten Schmutzkampagnen der Medien hervor und wurde 1995 zum besten Film aller Zeiten gekürt. Welles wurde von der Traumfabrik verstoßen und wieder aufgesogen, versuchte sein Glück in Europa, und kam wieder zurück. Er wollte Präsident der USA werden und konnte mit 70 nicht einmal die einfachsten mathematischen Formeln ausrechnen.
Unverstanden in Amerika, bewundert in Europa, schaffte er es nie wirklich, das zu machen, was er eigentlich nur wollte und wofür er Zeit seines Lebens kämpfte: seine Ideen so umzusetzen, wie er sie erdacht hatte. Von den 200 Filmprojekten und Drehbüchern, die er in seinem Leben schrieb und vorbereitete, konnte er nur 12 umsetzen, oft unter großen finanziellen und produktionsbedingten Schwierigkeiten. Die Tragik, die in so vielen seiner geliebten Figuren steckt, hat eine einfache Wurzel: ihn selber.
"Wenn Menschen ihr Paradies verlieren... das ist ein Thema, was mich
aus Bogdanovich, S.180)
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III) GELEBTES
a) WUNDERKINDLICH
Am 6.5.1915 wurde George Orson Welles in Kenosha/Wisconsin geboren, als zweiter Sohn des Gelegenheitserfinders und Fabrikanten Richard Head Welles und der Pianistin Beatrice Welles. Sein Bruder Richard ist schon 10 Jahre alt.
Schon früh bemerken die Eltern und Dr. Bernstein, ein enger Freund der Familie, die erstaunlichen musikalischen Qualitäten von Orson und seine Affinität zu Geschichten. Bernstein schenkt ihm ein Puppentheater (womit er sein erstes kleines Theaterstück mit 5 Jahren inszeniert) und bringt ihm kleine Zaubertricks bei. Er wird mit 3 Jahren Kleindarsteller am Opernhaus von Chicago und kann mit 5 Jahren auswendig dramatische Texte rezitieren.
Das Haus seiner Eltern ist offen für zahlreiche Intellektuelle und Künstler und da sie sich weigern, ihren Sohn auf eine Schule zu schicken, findet der Anfang seiner liberalkünstlerischen Erziehung in diesem Kreise statt. Zudem lieben sie es zu reisen, so dass Orson Welles schon mit 9 Jahren fast alle Länder Europas und Asiens kennengelernt hatte.
"Mein Vater war ein netter, sensibler Mensch...viel Toleranz, generös, von allen
s.15)
1921 scheitert die Ehe und Orson lebt bei der Mutter, die 3 Jahre später stirbt. Seither verweigert er sich seiner damals größten Leidenschaft; dem Musizieren. Er lebt bei seinem Vater, der alles Geld in Reisen mit dem Jungen investiert, bevor er 1930 nach dem Börsenkrach stirbt.
"Ich hielt die Hand von Sarah Bernhard,...diese hatte die Hand von
Bogdanovich s. 56)
Mit 10 Jahren inszeniert er erstmals mit großen Erfolg eine eigene Bühnenfassung von Stevensons "Jekyll and Hide" in einem Sommercamp der Todd School. Er spielt alle Rollen selber und
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entwirft Bühne und Kostüme alleine. Zudem beginnt er, eine eigene Schulzeitung zu redigieren und zu illustrieren.
Nach dem Sommer besucht er erstmals eine Schule, die Todd School, welche bekannt ist für ihre damals revolutionären Erziehungsmethoden. Seine Hauptfächer sind Inszenierung und Schauspiel. Dr. Hill, der Direktor der Todd School, erkennt schnell seine überragenden Fähigkeiten und fördert ihn. Hill wird später sein Mentor, Freund und enger Mitarbeiter. Hier bekommt er den ersten tiefen Kontakt mit dem Multitalent Shakespeare, der zeitlebens sein Vorbild wird. Bis zum Ende seiner Schulzeit (1931) ist er als Darsteller, Regisseur und Bühnenbildner in 30 Stücken tätig ("Dr.Faustus", "Jekyll and Hide", "Julius Cäsar" etc.). Er produziert nebenbei auch Hörspiele nach Sherlock Holmes Geschichten und schreibt Theaterkolumnen für Zeitungen. Seine Abschlussinszenierung ist eine eigene Verschmelzung von "Richard II." "mit Heinrich IV."
"Ich schaffte die Schule nur (Mathematik und Naturwissenschaften), weil ich
Allgemein kann man über die Kindheit und Jugend von Orson Welles sagen, dass er nie wirklich eine hatte. Er durfte nie ein Kind sein, war schon sehr früh an Erwachsenenkonversationen und intellektuellen Anforderungen weit über sein Alter hinweg gewöhnt und hatte kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. Er lebte in seiner eigenen Phantasiewelt und wie viele Wunderkinder war er auch ein Außenseiter im "normalen" Leben. Dieses Thema der nicht ausgelebten Kindheit kehrt in vielen seiner späteren Arbeiten und Hauptfiguren wieder, z.B. in der Figur des Kane, den die Sehnsucht nach seiner nie gelebten Kindheit bis in seine letzten Worte verfolgt.
b) WANDERSCHAFT
Nach Abschluß der Todd School beginnt er 1931 eine Ausbildung als Maler am Chicago Art Institute, bricht aber nach einem Monat das Studium ab, da ihn das Reisefieber packt. Er durchquert Irland auf einem Eselskarren und malt Landschaften, bis ihm nach wenigen Monaten die 500 Dollar, die er mitgenommen hatte, ausgehen. Eine Rückkehr an das Art Institute ist für ihn ausgeschlossen.
"Ich war bereit, alles zu werden, wenn es mich nur von der Uni fernhielte."(O.Welles aus Bogdanovich s.110)
"Die einzige Möglichkeit, meine Bildung zu vermeiden, war irgendein Job..so habe ich
So beschließt er am Dubliner Gate Theater vorstellig zu werden. Er rauchte Zigarren, um seine Stimme tiefer zu machen und behauptete, dass er ein Star aus N.Y. wäre. Er ist gerade 16 geworden und bekommt den Job. Kurz darauf spielt er die Hauptrolle in "Jud süß" und inszeniert Ibsens "Die Frau am Meer". Zwei Jahre ist er an verschiedenen Dubliner Bühnen als Schauspieler/Regisseur/Bühnenbildner tätig (Er inszeniert eine
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eigene Fassung von "Alice im Wunderland", "Peer Gynt", "Richard II.", "Macbeth", "König Johann" etc.) Nebenher schreibt er unter einem Pseudonym noch eigene, gute Theaterkritiken für die hiesige Zeitung.
Mit dem gewonnenen guten Ruf kehrt er 1933 in die USA zurück. Er inszeniert die "Twelth-Night" und gewinnt den Preis der Chicagoer Theatergilde. Jedoch holt ihn der amerikanische Theateralltag schnell ein. Es herrscht gerade Depression: 15 Mio. Arbeitslose, und viele Theater werden geschlossen. Kurz entschlossen kehrt er nach Europa zurück. In Spanien verdient er sich sein Leben als Autor von Trivialgeschichten und als Stierkämpfer.
"So habe ich also angefangen, gleich ganz oben. Seitdem habe ich mich nach
Bogdan. s.112)
c) ZURÜCK
Er kehrt im Herbst 1931 an die Todd School zurück, um mit seinem Mentor Dr.Hill adaptierte Spielfassungen von Shakespeare herauszugeben. Er editiert und illustriert einen Band "Everybodys Shakespeare" (Shakespeare für jedermann), welcher 1934 erscheint. Hill ermutigt ihn, in dieser Zeit Dramatiker zu werden. Es entsteht "Bright Lucifer" (ein autobiografischer Dreiakter über einen Jüngling) und "The Marching Song", der Dramaturgiemodell für Citizen Kane wird, aber nie veröffentlicht wurde. 1933 vermittelt ihm Wilder endlich Arbeit in der Tourneetruppe von Katharine Cornell. Er geht auf 36wöchige Tournee. 1934 beginnt seine Tätigkeit beim Radio. Welles wird Sprecher einer Schulfunkserie bei CBS (Hörspiele über aktuelle Politik, Literatur, Geschichte) und organisiert im selben Jahr ein Bühnenfestival in Woodstock. Er heiratet Ende des Jahres die Schauspielerin Virginia Nicholson und hat mit 19 sein Debüt am Broadway als Tybald in "Romeo und Julia".
1935 schließt er sich J. Housemans Phoenix Theatre Group an, welcher ihn auch für den Broadway entdeckt hatte. Aus der anfänglichen Zusammenarbeit an der wöchentlichen NBC Serie "The March of Time" (eine Nachrichtensendung, die man in ihrer satirischen Form aus "Citizen Kane" kennt) mit Houseman wird eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit entstehen.
1936-inszeniert er in NY Macbeth.
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1937 wird seine Tochter geboren - sie erhält den Namen Christopher, da Welles gerade Marlowes "Dr. Faustus" inszeniert. Welles steht der Faustgestalt persönlich ähnlich nahe, wie den Shakespeare-Königsgestalten. Er sagt später, dass die wichtigsten, von ihm gespielten Figuren, die verschiedenen Formen des Fausts seien. Im selben Jahr beginnt die MBS-Hörspielreihe "The Shadow", nach dem Walter B. Gibson Comic, welche zur Kultserie avanciert. Welles spricht die Rolle des Titelhelden, sein erster Satz ist in Amerika ein Mythos geworden: "Who knows what evil lurks in the heart of men..."
d) SEIN EIGENES THEATER: DIE MERCURY ZEIT
Wie es schon in der Macbeth-Inszenierung anklang, scheut sich Welles nicht vor einer klaren politischen Haltung in seinen Arbeiten. Dies war zu der Zeit keine Besonderheit. Nach Ende der Depression und bedingt durch Roosevelts New-Deal-Politik, welche eine Offensive gegen Rechtsradikalismus und hin zur Betonung der Grundwerte von Demokratie, Solidarität und politischer Verantwortung sein sollte (vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Aufstieges in Deutschland), gab es v.a. im Theaterbereich eine neue künstlerische Freiheit und eine Ermutigung zur Politisierung der Stücke.
Wie immer sollte aber die kritische Auseinandersetzung mit den USA selbst nicht zu weit gehen. Nach dem Vorbild von Capra in Hollywood, der in seinen Arbeiten eine Umverteilung von oben nach unten forderte, will Welles in der Zeit die Arbeiteroper "The Cradle will Rock" von Blitzstein aufführen, was den Autoritäten nun doch zu weit geht.
Arbeit zitieren:
Kerstin Polte, 2003, Orson Welles: Genie und Mythos, München, GRIN Verlag GmbH
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