1. Einleitung ..............................................................................................................................3 2. Die imaginierte Weiblichkeit in Literatur und Psychoanalyse.......................................5 2.1 Das Weib als Ergänzungsbestimmung ......................................................................5 2.2 Ehefrau und Dirne .........................................................................................................7 2.3 Für wen ist die Kultur unbehaglich? .........................................................................10 3. Ist Kultur Schicksal? ..........................................................................................................12 Bibliographie:..........................................................................................................................15
1. Einleitung
Weibliche Geschichtslosigkeit - das ist die Problematik Silvia Bovenschens. Oder, um Virginia Woolfs Bild aufzugreifen, wir können uns nicht auf die Couch legen, und sagen: „Freud entdeckte den Penisneid, und Freud war eine Frau.“ Suchen wir in den Geschichtsbüchern nach weiblichen Heldentaten, so werden wir nicht fündig, und auch im Bereich der Kultur sind die (sichtbaren) Leistungen von Frauen eher marginal. Der Bereich der weiblichen Tätigkeit war für Geschichtsschreiber nicht interessant, war dieser Bereich doch auch recht begrenzt. Auf Grund der Spärlichkeit historischer Quellen müssen Versuche, die Geschichte der Frauen zu rekonstruieren, schnell auf Grenzen stoßen. So gilt es vielmehr, folgen wir Silvia Bovenschen, die Geschichtslosigkeit des Weiblichen sichtbar zu machen, weniger anhand der wenigen Dokumente über das Leben realer Frauen, sondern mit Hilfe der Bilderwelten, den Präsentationen des Weiblichen in den unterschiedlichen Diskursen. Silvia Bovenschen schlägt hier den literarischen Diskurs vor, nicht ohne darauf hinzuweisen, das die machtvolle Präsenz des Weiblichen in der Fiktion in umgekehrten Verhältnis zur Machtlosigkeit realer Frauen steht. Im psychoanalytischen Diskurs, den ich in dieser Arbeit aufsuchen möchte, ist die Auseinandersetzung mit Geschlechterdifferenzen, und deren Begründung in Natur und Kultur fast ebenso präsent. Inge Stephan, deren Thesen ich hier kurz wiedergeben will, bezeichnet die Psychoanalyse als kulturelles Deutungsmuster, auf das die Literatur immer wieder, bewusst oder unbewusst, Bezug nimmt 1 . Umgekehrt nimmt aber auch Freud immer wieder Bezug auf Literatur, weist er doch darauf hin, man ( bzw. hier tatsächlich: Mann) solle sich auf der Suche nach der Lösung des ‚Rätsels Weib’ an die Dichter wenden. Dies tut er auch selbst: vor allem Mythen
1 Inge Stephan, Musen und Medusen. Mythos und Geschlecht in der Literatur des 20. Jahrhunderts, Köln, 1997,
S.9
3
dienen Freud zur Erklärung psychischer Entwicklungen. Die Geschichte des Ödipus wird hierbei zum Schlüsselmythos, der die Entwicklungslinien beider Geschlechter erklären soll 2 . Dichterische Phantasie und psychoanalytische Arbeit werden auf der gleichen Ebene angesiedelt, so das ein Bestätigungszusammenhang entsteht. So kann, wo die eine Argumentationslinie versagt, die andere hinzutreten 3 . Dies mündet in einer Weiterentwicklung der Ödipusinterpretation zur Behauptung des Ödipuskomplexes als einer „allgemein-menschlichen, schicksalsgebunden Formation 4 . Verbunden durch das hermeneutische Verfahren der Interpretation vollzieht sich
„in der Literatur (...) ein Stück Psychoanalyse, und die Psychoanalyse ihrerseits ist ein Stück
5 Literatur.“
Es scheint mir daher naheliegend, auch in den Texten Freuds nach den imaginierten Weiblichkeiten zu suchen. Was bedeuten jedoch die Bilder von Weiblichkeit, die in wissenschaftlichen und literarischen Texten aufgefunden werden können?
„Der Begriff des Weiblichen erschöpft sich nicht in den sozialen Existenzformen der Frauen, sondern er gewinnt seine Substanz aus der Wirklichkeit der Imaginationen. (...)Die Grenzen zwischen
6 Fremddefinition und eigener Interpretation sind nicht mehr auszumachen.“
Das bedeutet, dass eine Rekonstruktion des ‚realen Lebens’ der Frauen, vielmehr ihre realen Identität, kaum mehr möglich ist. Den Unterschied der Fremddefinition durch psychoanalytische Theorien und der eigenen Definition durch die Frauen kann ich weder an den Konstruktionen in diversen Texten noch an den Daten der Geschichtsschreibung ablesen. Sichtbar wird jedoch die Konstruiertheit der Bilder. Diese Bilder möchte ich einbetten in die kulturellen und wissenschaftlichen Diskurse des Bürgertums über Geschlecht, denn die Imaginationen von Weiblichkeit sind ja keineswegs geschichtslos. Am Schluss der Arbeit soll die Frage stehen, wie mit der Präsentation des Weiblichen in der bürgerlichen Kultur umgegangen werden kann, welche Bedeutung die Imagination von Weiblichkeit für die Identität realer Frauen hat.
2 Ebd., S. 19
3 Ebd., S.21
4 Sigmund Freud, Die Frage der Laienanalyse, Gesammelte Werke Bd. 14, S.242, zit. nach Stephan, a.a.O., S.21
5 Inge Stephan, a.a.O., S.21
6 Silvia Bovenschen, Die imaginierte Weiblichkeit, Frankfurt a.M. 2003, S. 39/40
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2. Die imaginierte Weiblichkeit in Literatur und Psychoanalyse
2.1 Das Weib als Ergänzungsbestimmung
Silvia Bovenschen untersucht die Position des Weiblichen in der Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie stellt fest, dass in kulturtheoretischen Diskussionen das Männliche als allgemein-menschliches dargestellt wird. Die unsichtbare Gewalt, so Bovenschen, die Jahrhunderte das Weibliche unterdrückt hat, bestimmt auch die Ausrichtung des Denkens, so dass auch scheinbar neutrale Kriterien der philosophischen Diskussion parteilich scheinen 7 . Es scheint notwendig, andere Kategorien und Kriterien für das Weibliche in der Kultur zu finden. Der Versuch der Substantialisierung spezifisch weiblicher Kategorien führt zu der Erkenntnis, dass dieses zweite Normgefüge in Abhängigkeit zum ersten, männlichen, gedacht wird. Es handelt sich also um eine Ergänzungstheorie. Weiblichkeit wird gedacht in Relation zum Männlichen, seine Funktion wird bestimmt durch den ‚Dienst am Mann’. In dieser Vorstellung ist keine eigenständige künstlerische oder literarische Tätigkeit der Frau enthalten, sondern lediglich eine Tätigkeit als Muse. 8 In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Arbeit von Claudia Honegger 9 hinweisen, die den wissenschaftlichen Diskurs über die Totaldifferenz des weiblichen Geschlechts zwischen 1750 und 1850 untersucht hat. Sie beschreibt, wie im Verlauf der Aufklärung ein medizinisch-philosophischer Diskurs geschaffen wurde, der den weiblichen Körper als zarter, weicher, und insgesamt auf eine häusliche Tätigkeit als Mutter ausgerichtet beschreibt 10 . Der Körper als ‚beseelte Maschine’ 11 bestimmt auch die geistigen Fähigkeiten der Frau, die sie auf eine Tätigkeit als Mutter beschränken, eine wissenschaftliche Tätigkeit aber ausschließen. Babara Duden 12 beschreibt die Veränderung im Geschlechterverhältnis als „Zurichtung der Frauen als Person ohne
7 Ebd., S.25
8 Ebd. S. 26
9 Claudia Honegger, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaft vom Menschen und das Weib 1750-1850,
Frankfurt a.M. 1991
10 Ebd., S. 148
11 Ebd., S.214
12 Barbara Duden, Das schöne Eigentum. Zur Herausbildung des bürgerlichen Frauenbildes an der Wende vom
18. zum 19. Jahrhundert, in: K.M. Michel, H. Wieser (Hrsg.),Kursbuch 47, Berlin 1977, S. 125-140
5
Ich“ 13 , und zwar als Folge der veränderten Arbeitsteilung im Bürgertum. Beispielhaft will ich hier ein Zitat von J.G. Fichte einfügen:
„Im unverdorbenen Weibe äußert sich kein Geschlechtstrieb, und wohnt kein Geschlechtstrieb,
14 sondern nur Liebe; und diese Liebe ist der Naturtrieb des Weibes, einen Mann zu befriedigen.“
Die Ergänzungstheorien tauchen also lange vor dem 20. Jahrhundert auf, sie wurden bereits Ende des 18. Jh. in die wissenschaftlichen Diskurse eingebracht. Das Weib hat keine eigenständigen Interessen, außer dem Mann ein angenehmes Leben zu bescheren, und zwar im Schutzraum des Hauses, der bürgerlichen Familie. Liebe und Empfindsamkeit sind durch die körperlichen ‚Vorraussetzungen’ der Frau determiniert, ebenso wie ihre moralische Verpflichtung zur Mutterschaft, wie ein weiteres Zitat zeigt:
„Das weibliche Geschlecht ist der Regel nach, seiner Bestimmung zur Fortpflanzung der Menschen gemäß, reizbarer, schwächlicher, geschmeidiger als das männliche. Dem Manne gehören Kraft und That; das Weib ist stärker im Ertragen. Weiber sind duldender bei körperlichem Schmerz, selbst körperlich stärker da, wo es nur auf leidendes Ertragen ankommt. (...) So ist denn endlich der wahre Kreis weiblicher Wirksamkeit auf das häusliche Leben beschränkt, in welchem das Gemüt, liebende
15 Sorge und Geduld herrschen.“
Die Position des Weibes in der Gesellschaft wird so in ‚natürlichen’ Gegebenheiten verankert, und damit als unveränderlich bestimmt. Gerade in Deutschland, so Honegger, werden diese Gedanken „bis zum Exzeß wiederholt und ‚idealistisch’ überhöht“. 16 Dies führt zu einer Verdoppelung: häufig wird nicht zwischen den Phantasmen des Weiblichen und seiner realen Erscheinung unterschieden. Beispielhaft für die Inszenierung von Weiblichkeit nennt Bovenschen das Drama „Lulu“ von Frank Wedekind. Lulu, die Hauptfigur, soll ursprünglich und natürlich erscheinen 17 , gleichzeitig repräsentiert sie aber auch die kulturellen Bilder des Weiblichen, allerdings, und das ist die Besonderheit des Stücks, wechselt Lulu die Rollen spielend, im wahrsten Sinne. Sie, die Heimatlose, kann jede Figur in sich aufnehmen. Das Drama ist ein Projektionsfeld für Weiblichkeitsmythen 18 .
13 Ebd., S.125
14 J.G. Fichte, Deduction der Ehe, zitiert nach Duden, a.a.O., S.139
15 J.F. Fries, Handbuch der psychischen Anthropologie, 1820, zit. nach Honegger, a.a.O., S. 191
16 Honegger,a.a.O., S. 167
17 Ebd., S.44
18 Ebd., S. 47
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Arbeit zitieren:
Julia Rometsch, 2004, Zur Konstruktion von Weiblichkeit in Freuds Kulturtheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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