Der Gebrauch der Anredepronomina hat sich im Deutschen, wie in vielen anderen Sprachen im Laufe der Jahrhunderte - bis heute entscheidend verändert. Die ältesten Anredepronomina germanischer Sprachen sind das „du“ und das „ihr“. Davon ausgehend entwickelte sich ein vielfältiges System, wobei den Sprechern der deutschen Sprache zeitweise bis zu fünf verschiedenen Anredepronomina zur Verfügung standen. Diese Entwicklung ist eng verbunden mit den gesellschaftlichen Veränderungen jeder Epoche. Auch heute ist vieles noch im Umbruch, was oft zu Unsicherheit führt. Um gegenwärtige Entwicklungsprozesse im Gebrauch der pronominalen Anrede verstehen und beurteilen zu können ist es wichtig, die historische Entwicklung dieses Systems genauer zu betrachten. Deshalb möchte ich im ersten Teil dieser Hausarbeit die historische Entwicklung des Gebrauchs der Anredepronomina vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert darstellen. Dabei sollen insbesondere sprachliche Übergänge und deren Ursachen, aber auch die Folgen solcher Umbrüche im Sprachgebrauch herausgearbeitet werden. Da sich im Gebrauch der Anredepronomina auch gesellschaftliche Veränderungen zeigen, möchte ich die wichtigsten thematisch relevanten Prozesse kurz skizzieren, aber nicht ausführlich darstellen. Auch die Diskussion über Sinn oder Unsinn einer großen Vielfalt pronominaler Anredemöglichkeiten, wie sie insbesondere im 18. Jahrhundert geführt wurde, möchte ich im Rahmen dieser Hausarbeit nicht erörtern.
Da ich im ersten Teil dieser Hausarbeit auf Beispiele aus Quellentexten ganz verzichten möchte, soll im zweiten Teil an einem Beispiel exemplarisch der Gebrauch der Anredepronomina vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung des gesamten Systems dargestellt werden. Als Beispiel habe ich aus der umfassenden Vielzahl an Briefen Martin Luthers einige ausgewählt, um sie hinsichtlich des Gebrauchs der pronominalen Anrede näher zu untersuchen. Luther, der Zeit seines Lebens ein unermüdlicher Briefschreiber war, hinterließ mehr als 2500 Briefe. Die Mehrzahl dieser Briefe ist allerdings in lateinischer Sprache verfasst.1 Interessant dabei ist, dass sich Luther in der Wahl der lateinischen oder deutschen Sprache nach seinen Briefpartnern richtete, an des Lateinischen nicht kundige Empfänger schrieb er auf deutsch.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtlicher Abriss der Anredeformen
2.1 Am Anfang war das „Du“
2.2 „er“ und „sie“ (3. Pers. Sing.) als Steigerung der Höflichkeitsanrede „Ihr“
2.3 Das Vierersystem im 18. Jahrhundert
2.4 Das neue Zweiersystem „Du“/„Sie“ im 19. Jahrhundert
3. Die Anredeformen in den Briefen Martin Luthers (1483-1546)
3.1 Briefe an seine Familie
3.2 Briefe an Freunde und Bekannte
3.3 Briefe an seine Gegner
3.4 Briefe an Grafen und Kurfürsten
3.5 Briefe an Papst und Kaiser
4. Schlußbetrachtungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der pronominalen Anredeformen im Deutschen vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert und analysiert exemplarisch den Gebrauch dieser Formen in den Briefen von Martin Luther, um soziale Relationen und sprachliche Wandlungsprozesse aufzuzeigen.
- Historische Herleitung des pronominalen Anredesystems (Vom Du/Ihr bis zum Du/Sie).
- Die soziale Funktion und Hierarchieabbildung durch Anredeformen.
- Empirische Untersuchung des Anredeverhaltens in Martin Luthers Briefen.
- Analyse des Einflusses von Status, Verwandtschaft und persönlicher Nähe auf die Wahl der Anrede.
- Darstellung der Entwicklung von abstrakten Titelanreden zu pronominalen Formen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Briefe an Freunde und Bekannte
An den Kanzler Dr. Georg Bruck (14. April 1526)
Achtbar lieber Herr Kanzler! Ich schicke ihm unsre Drucker einen Bothen, um die Freyheit, ihn zugesagt, zu holen, davon auch M. Phillips mit euch reden wird. Zu einer besondern Ehrung liegt kein Grund vor.…47
Luther verwendet in diesem Brief die 3.Person Singular in der pronominalen Anrede, deren erstes Aufkommen aber erst Ende des 16. Jahrhunderts datiert ist. Keller hat diesen Widerspruch erkannt und beschreibt ihn als „individuellen psychologischen Einzelfall.“48 Ansonsten müßte die pronominale Anrede in der 3. Person Singular um reichlich ein halbes Jahrhundert früher angesetzt werden, was Keller nicht befürwortet. Er begründet seine Ansicht wie folgt:
„Das Erzen auf Grund der ersten Belege einige Jahrzehnte hinaufzuschrauben, ist nicht ratsam, die paar Fälle können keine neue Anredeform bezeugen, sondern nur dartun, wie sie sich schon lange Jahre hindurch vorbereitete und gelegentlich auftauchte, bis sie gegen Ende des Jahrhunderts mit einem Schlage da ist.“49
An Lazarus Sprengler (8. Juli 1530)
Gnade und Frieden vom Herrn. Als Ihr begehrt zu wissen, ob mein Wappen oder Petschaft im Gemälde, das Ihr mir zugeschickt habt, recht getroffen sei, will ich Euch mein erste Gedanken und Ursachen solchs meins Petschafts zu guter Gesellschaft anzeigen, die ich darauf fassen wollt als in ein Merkzeichen meiner Theologia.…50
Luther spricht Sprengler, der Ratsschreiber in Nürnberg war, in der 2. Person Plural an. Da Sprengler kein enger Freund oder Vertrauter war, den Luther wahrscheinlich geduzt hätte, entspricht diese pronominale Anredeform dem damals üblichen Gebrauch. Sie drückt gegenseitige Achtung aus und wurde zu Luthers Zeit von Bürgern und Adligen verwendet, insbesondere auch von Personen, die in Amt und Würden standen oder sonst irgendwie gesellschaftlich hervorragten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Thema des pronominalen Bedeutungswandels und stellt die Zielsetzung der Untersuchung unter Berücksichtigung von Martin Luthers Briefkorpus vor.
2. Geschichtlicher Abriss der Anredeformen: Dieses Kapitel erläutert die chronologische Entwicklung des Anredesystems von germanischen Ursprüngen bis hin zur Etablierung des heutigen „Du/Sie“-Systems im 19. Jahrhundert.
3. Die Anredeformen in den Briefen Martin Luthers (1483-1546): Der Hauptteil analysiert konkret den Gebrauch verschiedener Anredeformen durch Luther gegenüber unterschiedlichen sozialen Adressatengruppen.
4. Schlußbetrachtungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die enge Kopplung zwischen gesellschaftlichem Strukturwandel und der sprachlichen Ausdifferenzierung der Anrede.
Schlüsselwörter
Pronominale Anrede, Sprachwandel, Martin Luther, Höflichkeitsformen, Du-Anrede, Ihr-Anrede, Sie-Anrede, Er-Anrede, Historische Sprachwissenschaft, Sozialhierarchie, Briefkorpus, Mittelalter, Frühneuhochdeutsch, Anredepronomina, Soziolinguistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und dem Bedeutungswandel der pronominalen Anredeformen im Deutschen über mehrere Jahrhunderte hinweg.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die historische Entwicklung der Anredepronomina, deren sozialpsychologische Funktion als Ausdruck von Hierarchien sowie die Analyse konkreter Quellen aus der Reformationszeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die pronominale Anrede von einer einfachen Differenzierung (Du/Ihr) hin zu einem komplexen System entwickelte und wie Martin Luther diese Regeln in seiner Korrespondenz anwendete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diachrone sprachwissenschaftliche Untersuchung, die auf der Auswertung historischer Quellen und linguistischer Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Abriss zur Sprachgeschichte der Anrede und eine praktische Analyse von Luthers Briefen an verschiedene Empfängergruppen wie Familie, Gegner oder Fürsten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sprachwandel, Pronominale Anrede, Martin Luther, soziale Hierarchie und Höflichkeitsformen.
Warum verwendet Luther in manchen Briefen die 3. Person Singular für Personen, die ihm nicht nahestehen?
Dies diente dazu, Distanz zu wahren und den sozialen Status des Gegenübers anzuerkennen oder im Fall von Gegnern wie Hieronymus Emser Zorn und bewusste Distanzierung auszudrücken.
Wie veränderte sich Luthers Anrede gegenüber seinem Sohn Johann über die Zeit?
Während er ihn als Kind duzte, wechselte Luther später zum respektvollen „Ihr“, was dem Status des Magisters und den Gepflogenheiten des Gelehrtenstandes der Zeit entsprach.
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- M.A. Uta Ziegler (Author), 2003, Die pronominalen Anredeformen im Deutschen - Beispieltext: Briefe Martin Luthers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29221