Inhaltsübersicht
1. Wissen ein weites Feld 2
2. Zweckgebundene Definition von „Wissen“ 3
3. Bedeutung der Transformation von „Wissen“ in „Ware“ 3
4. Auswirkungen auf Wissensproduktion Wissenserwerb und Wissensnutzung 5
5. Politische soziale und kulturelle Folgen 9
6. Kritische Bewertung 10
Literaturverzeichnis 12
1
1. Wissen – ein weites Feld 1
Mit diesem Essay begebe ich mich auf dünnes Eis. Nicht nur, weil ich versuchen werde, Aussagen über die Zukunft zu treffen, sondern auch, weil sich diese Aussagen nur auf ein höchst selektives und instabiles Gerüst stellen können: Allein schon die Abgrenzung dessen, was man unter „Wissen“ zu verstehen hat, kann ganze Bücher füllen. So unterscheidet man zum Beispiel implizites und explizites, individuelles und kollektives, internes und externes, theoretisch-kognitives und handlungsrelevantes, rivales und nichtrivales Wissen, Verfügungs- und Orientierungswissen, Wissen erster Ordnung und Wissen zweiter Ordnung... Es gibt Alltagswissen, Expertenwissen, Fachwissen, historisches Wissen, wissenschaftliches Wissen, Faktenwissen, und so weiter und so fort. Man betrachtet Wissen als Faktum (das, was ist), als Idee bzw. Vorstellung (das, was sein kann) oder als Norm (das, was sein soll). Man kann die Struktur des Wissens untersuchen oder aber seine Dynamik analysieren. Betrachtet man die Entstehung von Wissen, so kann es sich um eine empirisch induktive, eine logisch deduktive, eine kommunikative, eine intuitive, eine kreative (...) handeln. Es ist also nicht verwunderlich, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen von „Wissen“ gibt – je nach dem, welcher Aspekt des Wissens in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt und in welchen theoretischen Hintergrund er gestellt werden soll.
Ich möchte die Bahnen der aktuell diskutierten Konzepte der Wissens-, Wissenschafts-, Kommunikations- oder Informationsgesellschaft nun verlassen, auf die (diesbezüglich) gängigen Definitionen von Wissen verzichten und den Fokus der Betrachtung auf eine generalisierte Vorstellung von Wissen lenken – nämlich auf das, was Wissen sein wird (bzw. teilweise schon ist), wenn man es kommerzialisiert: Wenn Wissen – seine Produktion, sein Erwerb und seine Nutzung – den Gesetzen des Marktes, den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, unterworfen wird, dann lässt es sich schlechthin unter den Begriff „Ware“ subsumieren. Bereits die Begriffe Kommerzialisierung, Ware, Angebot und Nachfrage offenbaren eine ökonomische Sichtweise– diese soll auch beibehalten werden, indem ich mich im Weiteren auf Coleman’s Theorie der rationalen Wahl (Rational-Choice-Theorie) stütze.
Indes lässt sich nicht alles Wissen den Gesetzen des Marktes unterwerfen. Auch wären folgende Ausführungen ohne jegliche Einschränkung ihres Gegenstandes irreführend und schlichtweg falsch. Daher soll in einem ersten Schritt zunächst versucht werden, eine Defini-
1 Literatur:
Degele (2000), S. 37-51, 88f.
Heidenreich (2003), S. 25-29 Mohr (1999), S. 9-16 Saiger (2001), 12ff.
2
tion dessen zu finden, was man unter kommerzialisierbarem Wissen zu verstehen hat (Kap. 2). In Kapitel 3 wird die Bedeutung der Transformation von Wissen in eine Ware erläutert, um darauf aufbauend die Folgen für die Produktion, den Erwerb und die Nutzung von Wissen – aus ökonomisch-rationaler Sicht – zu beleuchten. Kapitel 5 widmet sich den Auswirkungen der Kommerzialisierung des Wissens auf die Gesellschaft, und in Kapitel 6 werden die Ergebnisse abschließend kritisch bewertet.
2. Zweckgebundene Definition von „Wissen“ 2
Wie bereits gesagt, möchte ich auf die gängigen Definitionen von Wissen verzichten. Dies ist weniger ein Akt der Willkür als vielmehr der Notwenigkeit: Wissensbegriffe, wie sie - um nur einige zu nennen - von Bell, Sveiby, Luhmann oder Herbst angeboten werden, sind allesamt zu umfassend. Mit Sicherheit stellt das Wissen, um das es sich im Folgenden handeln soll, ein Faktum oder eine Idee dar (vgl. Bell). Auch bedingt es unsere Fähigkeit zum Handeln (vgl. Sveiby), und es lässt sich in ein Netz von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Lösen von Aufgaben einordnen (vgl. Herbst). Und selbst Luhmann erfasst meine Vorstellung von Wissen, indem er letzteres generell als lern- und enttäuschungsbereite Erwartungen bezeichnet. Dennoch muss ich Wissen in einer weitaus eingeschränkteren Art und Weise denken – ich muss es auf eben jenes Wissen begrenzen, welches sich produzieren, kommerziell erwerben und gewinnbringend nutzen – kurz als Produkt, als Ware auffassen lassen kann. Deshalb soll Wissen im folgenden all jene strukturierten Symbolsysteme umfassen, die mit wissenschaftlichen Methoden und/oder anwendungsorientiert produziert, in mehr oder weniger umfassenderen didaktischen oder autodidaktischen Prozessen vermittelt und angeeignet, zur Lösung von wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und (informations-) technischen Aufgaben und Problemen angewandt werden können, und deren Wert sich an monetären Maßstäben messen und somit handeln lässt.
3. Bedeutung der Transformation von „Wissen“ in „Ware“
Grundvoraussetzungen für das Funktionieren eines Marktes sind einerseits die Existenz von Tauschobjekten, welche durch Eigentumsrechte abgesichert sind, und andererseits die Mög-
2 Literatur:
Heidenreich (2002), S. 6
Heidenreich (2003), S. 28
Saiger (2001), S. 12
3
lichkeit zum Tausch dieser Objekte (Gläser 2003: 60), also ein etabliertes Vertragsrecht, welches Coleman als „Handlungsrechte“ bezeichnen würde. Das Vertragsrecht lässt sich aus dem Grundgesetz und dem Bürgerlichen Gesetzbuch herleiten 3 - die Kommerzialisierung des Wissens bedarf daher lediglich noch einer Überführung des Wissens in Privateigentum (Privatisierung). 4 Sobald dies geschieht, kann man Wissen als Ware (be)handeln – mit folgenden Konsequenzen:
1. werden die Produktion, die Verteilung und die Nutzung von Wissen den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterworfen.
2. unterliegen Wissensproduktion und Wissensnutzung dem Zwang der Gewinnmaximierung 5 .
3. ist Wissen nunmehr kaufbar: um es zu erwerben, muss man einen bestimmten Preis dafür bezahlen (sei es in Form von Geld oder in Form eines Austauschs von Wissen). Ein steigender Trend zur Kommerzialisierung von Wissen zeichnet sich bereits durch die „explosionsartige(n) Vermehrung intellektueller Eigentumsrechte“ ab (Gläser 2003: 55); neben die kollektive Produktion von Wissen tritt die private Wissensproduktion. Mehr noch: „Ein Indiz dafür, dass alles wissenschaftliche Wissen zur Ware und also zu geistigem Privateigentum werden könnte, ist laut Weingart „die Drift in der Patentierung von der Erfindung in Richtung auf die Entdeckung“ (...).“ (Wenzel 2002) 6 Auch, wenn Gläser die Voraussetzungen für eine vollkommene Kommerzialisierung der Wissensproduktion nicht gegeben sieht, weil sich die Marktstrukturen nicht auf die gemeinschaftliche Wissensproduktion übertragen lassen, und somit die gemeinschaftliche Wissensproduktion ebenso gestört wird wie das Funktionieren der Marktmechanismen (vgl. Gläser 2003: 70), möchte ich mich doch der Position von Weingart anschließen: Nur, weil die kollektive Wissensproduktion mit den Marktstrukturen inkompatibel sind, bedeutet dies nicht, dass die gemeinschaftliche Produktion von Wissen aufrecht erhalten werden kann, bzw. dass der Markt nicht obsiegt. 7 Im folgenden gehe ich deshalb vom analytischen (nicht aber normativen) Idealtypus der totalen Kommerzialisierung des (oben definierten) Wissens aus.
3 Art. 2 Abs. 1 GG, § 311 Abs. 1 BGB, § 241 Abs. 1 BGB
4 Anm.: Eine Rückführung von kollektivem Wissen in Privateigentum ist nicht möglich, wohl aber kann neues, privat produziertes Wissen als Privateigentum gehandelt werden.
5 Anm.: Der Zwang zur Gewinnmaximierung ergibt sich nicht nur aus nutzenmaximierenden Erwägungen der Akteure, sondern ist auch direkte Folge der Marktkonkurrenz (vgl. analog: Baur 2001: 47f.) 6 Hervorhebung nicht im Original 7 Anm.: Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen: 1. Der soziale Gedanke ist mit einer reinen Marktwirtschaft nicht vereinbar („inkompatibel“). Dennoch – oder gerade deswegen können beide nicht länger koexistieren: dass der Markt den öffentlich finanzierten Sozialstaat niederringt, zeigt sich im zunehmenden Abbau von Sozialleistungen sowie der zunehmenden Privatisierung ehemals staatlicher Aufgabenbereiche (z.B. private Altenpflege, private Altersvorsorge...). 2. Kann sich auch die öffentliche Bildung nicht länger gegen die Mechanismen des Marktes wehren: Vor dem Hintergrund einer steigenden Überschuldung des Staates werden Forschungsgelder
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Quote paper:
Sebastian Wiesnet, 2004, Politische, soziale und kulturelle Folgen der totalen Kommerzialisierung des Wissens - Eine Zeitdiagnose, Munich, GRIN Publishing GmbH
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