1
Inhalt
A. Einleitung: Die Diskussion um die Szene Wald und Höhle 2
B. Interpretationsversuch der Szene Wald und Höhle 4
1. Der Szenentitel: Wald und Höhle 4
a) Szenentitel im Vergleich 4
b) Szenenbild von Wald und Höhle: kein wirklicher Ort? 5
2. Einschränkung und Ausbreitung 7
a) Eine „Eng-weite Situation“ 7
b) Das Wanderer-Hütte Motiv 9
3. Von der Sehnsucht zur Erfüllung 11
a) Vom Studierzimmer zu Wald und Höhle 11
b) Der Taumel als unerreichbares Ideal 14
C. Schlußbetrachtung 17
LITERATURVERZEICHNIS 19
Die Szene Wald und Höhle gehört zu den viel diskutierten und umstrittenen
1 . Gegenstand heftiger Diskussionen ist nicht nur die Figur Szenen des 'Faust I'
des Erdgeists, ob dieser hier von Faust angesprochen wird ("Erhabener Geist" V. 3217), und der Widerspruch zum Prolog im Himmel, ob Mephistopheles nun vom Herrn oder vom Erdgeist gesandt wurde, sondern auch die Frage der Platzierung dieser Szene in Goethes Werk. Diese Szene kommt im sogen. Urfaust überhaupt nicht vor und später im Fragment von 1790 steht sie zunächst hinter der Szene Am Brunnen, also nach der Vereinigung Fausts mit Gretchen. Goethe setzte sie erst in der endgültigen Fassung von 1808 vor benannte Szene. Durch diese Verschiebung wurde in verschiedenen Interpretationen ihre Bedeutung und
2 verschoben und ihr sogar zum Teil abgesprochen. 3 auch ihre Dramatik
Die Meinungen über die angesprochenen Streitpunkte gehen weit auseinander, und sollen hier nur supplementarisch die Bedeutung dieser Szene veranschaulichen, des weiteren jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit werden. Diese Arbeit will sich mit darüber hinaus gehenden Aspekten der Szene auseinandersetzen, die aufzeigen welchen Einfluss auf die Wirkung des 'Faust I', sowie welche Auswirkungen für das Verständnis des faustischen Dilemmas dieser Szene beigemessen werden kann. Es soll ihr für den ersten Teil von Faust eine zentrale Bedeutung zugesprochen werden.
Im einzelnen soll folgend die Bedeutung des Titels der Szene und seine Funktion analysiert werden. Hieran schließt sich die Erörterung von Wald und Höhle an, als Symbol für die Lebenstendenzen der Ausbreitung und der Einschränkung, sowie dessen Variante, des Wanderer-Hütte Motivs. Daran knüpft sich eine Besprechung der aus früheren Szenen gesponnenen Handlungsfäden, die zurückverfolgt werden, um hieraus einen textimmanenten Aufschluss über Goethes Charakteranlage Fausts zu erlangen. Goethes Theorie über die Unerreichbarkeit
1 „FAUST I“ STEHT IM FOLGENDEN FÜR GOETHES LETZTE FASSUNG VON 1808: „FAUST . DER TRAGÖDIE ERSTER TEIL“.
2 VGL. PETER MICHELSEN: S.87.
3
eines Ideals wird hier, anschaulich besprochen, belegt. Es wird die These vertreten, dass Fausts Ideal knapp vor seiner Erfüllung steht. Die Schlussbetrachtung möchte die besprochenen Aspekte zusammenführen und aussöhnen.
3 VGL. PAUL REQUADT: S. 247 F.
4
B. INTERPRETATIONSVERSUCH DER SZENE WALD UND HÖHLE
Szenennamen haben im Allgemeinen den Zweck einer Regieangabe, den Ort oder die Umgebung, die Umstände, die Zeit oder die Stimmung der Szene vorzugeben oder hervorzuheben. Der Szenentitel schafft wichtige
Hintergrundinformationen und bildet den Rahmen der Handlung. Im Faust I geben die meisten Szenennamen den Ort (z.B.: Garten, Vor dem Tor, Zwinger, etc.) oder die Zeit an (z.B.: Nacht, etc.). Manchmal heben sie eine Stimmung hervor (z.B.: Trüber Tag. Feld) oder sie zeichnen eine Tätigkeit aus, die wichtiger ist als Ort oder Zeit (z.B.: Spaziergang). Bei dem Szenenamen Wald und Höhle fällt auf, dass es der einzige Szenenname ist, der sich aus zwei nicht notwendigerweise zusammengehörenden Orten
4 Hier stellt sich die Frage, sind hier kombiniert: einem Wald und einer Höhle.
wirklich zwei Orte gemeint, oder ist hier ein wirklicher Ort gemeint? Wie könnte das Szenenbild aussehen? Befinden wir uns in einer Höhle im Wald? Und wenn dem so ist, warum hat Goethe die Szenen nicht Höhle im Wald genannt? Warum
5 Diese Konjunktion scheint eine seltsame wählt er die Verknüpfung „ und“?
Verbindung für eine Ortsangabe. Ist hier also doch wieder eine Stimmung hervorgehoben (wie in Trüber Tag. Feld)? Und warum nennt Goethe den Wald vor der Höhle. Hat auch die Reihenfolge eine Bedeutung? Zwei Dinge fallen auf: Die Reihenfolge und die Verknüpfung der Begriffe sind ungewöhnlich. Um herauszufinden, ob diese Titelkonstruktion eine Bedeutung
4 HIERZU SEI ANGEMERKT, DASS SICH ZWAR EINE BIBLISCHE VERBINDUNG ZWISCHEN DEN BENANNTEN ORTEN ANFÜHREN LASSEN KANN, DEREN ÜBERTRAGBARKEIT UND ARGUMENTATIVER WERT HIER DEM LESER SELBST ZU BEMESSEN ÜBERLASSEN WERDEN SOLL. DIE EINZIGE PASSAGE IN DER BEIDE ORTE GEMEINSAM AUFGEFÜHRT WERDEN LAUTET: „BRÜLLT AUCH EIN LÖWE IM WALDE, WENN ER KEINEN RAUB HAT? SCHREIT AUCH EIN JUNGER LÖWE AUS SEINER HÖHLE, ER HABE DENN ETWAS GEFANGEN?“ (DIE BIBEL, AT, DER PROPHET AMOS, AMOS 3.KAPITEL, PSALM 4).
5
jenseits einer normalen Regieangabe hat und um diese zu klären, schauen wir uns das Szenenbild genauer an, wie es von den beiden Protagonisten jeweils geschildert wird.
b) Szenenbild von Wald und Höhle: kein wirklicher Ort?
Zur Feststellung, in welcher Umgebung sich die Szene wirklich abspielt, sollen hier die Äußerungen der Akteure als Indizien Verwendung finden. Aus dem Dialog der Szene geht folgendes hervor:
Faust spricht vom "Sturm im Walde" (V. 3228), von umstürzenden Bäumen (vgl. V. 3229), vor denen ihm Schutz gewährt wird in der "sichern Höhle" (V. 3232). Seine Aussagen enthalten alle Vokabeln, die eine hinreichende Umgebungsbeschreibung darstellen. Doch gebraucht Faust diese Worte bildhaft, symbolisch oder als Metapher. Er beschreibt seinen Wandel von einer extrovertierten Naturerfahrung ("Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, / Warum ich bat. ... und lehrst mich meine Brüder / Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen." V. 3226 f.) zur introvertierten Selbstschau ("[..] zeigst / Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust / Geheime tiefe Wunder öffnen sich" V. 3232 ff.). Faust erklärt seine Veränderung, um sie sich selbst und dem Erdgeist offen zulegen. Angesichts einer solch offen Symbolik und einer durch Fausts andernorts vorgeführter Charakterzüge nahegelegten Annahme, dass er nicht tatsächlich Angst vor einem umstürzenden Baum und dessen Donner hat, wird zwar nicht angezweifelt, dass Faust sich tatsächlich in einem Wald und einer Höhle befindet, jedoch wird darauf hingewiesen, dass das Szenenbild lediglich als Hinweis auf einen Inneren Zustand verstanden werden sollte. Die Umgebung wird
6 von Fausts Seele ein unwirklicher Ort. durch die Form der Spiegelung
5 DAS „UND“ ZWISCHEN „WALD UND HÖHLE“ KÖNNTE AUCH ALS KREATIVE OFFENHEIT ODER ALS ORT SEMIOTISCHER ÜBERSCHUSSPRODUKTION GELESEN WERDEN.
6 EIN ERWEITERTER ASPEKT DES MOTIVS DER SPIEGELUNG ERGIBT SICH DURCH DEN EINBLICK IN DIE URSPRÜNGLICHEN ENTWÜRFE, DIE GOETHE IN DIE DISPUTATIONSSZENE EINBRINGEN WOLLTE, WIE SIE AUS DEN BETRACHTUNGEN KONRAD BURDACHS HERVORGEHEN.
DIE DISPUTATIONSSZENE SOLLTE DIE LÜCKE DES FRAGMENTS VON 1790, DIE DAS AUFTRETEN MEPHISTOPHELES’ UND SEINE VERKNÜPFUNG MIT FAUST ÜBERSPRINGT , SCHLIEßEN. SIE SOLLTE EIN BILD DES "INNEREN LEBENS DER UNIVERSITÄT" GEBEN (VGL. KONRAD BURDACH: S. 1-2), UND BEINHALTET ALS HAUPTGESCHEHEN EIN WETTSTREITGESPRÄCH ZWISCHEN FAUST UND MEPHISTOPHELES. IN DIESEM KANN FAUST ALLE FRAGEN MEPHISTOPHELES’ AUS DER ERFAHRUNG BEANTWORTEN. DIE ANTWORT AUF FAUSTS EINZIGE GEGENFRAGE: "WO IST DER SCHAFFENDE FUßNOTE WIRD UMSEITIG FORTGESETZT
Quote paper:
Kristian Klett, 2002, Faust - Die Szene Wald und Höhle, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Sozialdemokratischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deuts...
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Die pädagogische Gedankenwelt J. J. Rousseaus - Emile oder über die Er...
Pedagogy - History of Pedagogy
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Die Entwicklung und die Zukunft des Hörspiels
Communications - Multimedia, Internet, New Technologies
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Probleme der Habsburger nach 1555: Die Auseinandersetzungen mit dem os...
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Goethe, Johann Wolfgang von - Faust I - Interpretation der Garten-Szen...
Presentation / Essay (Pre-University), 5 Pages
Die Agenda 2010 - Arbeitsmarkt, Analyse unter ökonomischen Aspekten
Economics - Macro-economics, general
Scholary Paper (Seminar), 29 Pages
Das deutsche Kinderhörspiel in der Unterhaltungsindustire
Communications - Broadcast and entertainment
Termpaper, 30 Pages
Goethe, Johann Wolfgang von - Faust I: Interpretation der Szene "...
Presentation / Essay (Pre-University), 3 Pages
Afghanistan - Krieg und Neuanfang
Ein kurzer Überblick
Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Termpaper, 14 Pages
Analyse der Kerkerszene in Wolfgang Johann von Goethes Faust I. Eine T...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Hörspielanalyse: Ernst Johannsen - Brigadevermittlung
Communications - Broadcast and entertainment
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Der 2. Golfkrieg - Wie und warum führten die USA den Krieg?
Politics - International Politics - Region: USA
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Bernhard Schlinks "Der Vorleser" im Zentrum der Projektarbei...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Wäre eine Einheitsfront von KPD und SPD eine Alternative zur Tolerieru...
History Europe - Germany - Postwar Period, Cold War
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Die Kirchenkritik bei Mechthild von Magdeburg
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Literatur im Hörfunk der zwanziger und dreißiger Jahre am Beispiel Gün...
German Studies - Miscellaneous
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 54 Pages
'Ottoman Warfare' und 'Administration of Warfare' ; E...
Orientalism / Sinology - Islamic Studies
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Kristian Klett's text Faust - Die Szene Wald und Höhle is now available as a printed book
Kristian Klett has published the text Faust - Die Szene Wald und Höhle
Kristian Klett has uploaded a new text
Goethe's Faust, Part I: A New American Version
C. F. Macintyre, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Wolfgang von Goethe
Prometheus and Faust: The Promethean Revolt in Drama from Classical An...
Timothy R. Wutrich
0 comments