2
Inhalt
A. EINLEITUNG: IDENTITÄTSPROBLEMATIK ALS LITERARISCHES THEMA 3
B. IDENTITÄTSPROBLEMATIK IM STILLER 4
I. Wer ist Stiller 4
1. Der Mensch - Der Mann 4
2. Der Künstler 5
3. Der Kämpfer 5
4. Der Ehemann 6
5. Der Liebhaber 7
6. Die Flucht 8
a) Gründe der Flucht 8
b) Der Selbstmord 9
c) Die „Wiedergeburt“ 9
II. Wer ist Mr. White 10
1. Whites Identitätslosigkeit 10
a) Whites Nicht-Identität 10
b) Whites Wunsch nach Persönlichkeit 11
c) Whites Angst vor Wiederholung 11
2. Gründe der Rückkehr 12
3. Hoffnung auf Julika 12
4. Das „Geständnis“ 13
III. Das Nachwort 14
1. Stiller aus der Sicht des Staatsanwalts 14
2. Das Gespräch über die Liebe 16
C. SCHLUßBETRACHTUNG 17
LITERATURVERZEICHNIS 18
3
A. EINLEITUNG: IDENTITÄTSPROBLEMATIK ALS LITERARIS CHES THEMA
"Ich bin nicht Stiller“ (III,361), ist der Ausruf des Protagonisten dieses Romans, eines Häftlings, der seine Identität nicht zu kennen vorgibt. Der Amerikaner James Larkin White wird bei seiner Heimreise in die Schweiz als der verschollenen Stiller erkannt und verhaftet; seine Papiere sind gefälscht. Er soll sein Leben aufschreiben, um seine Behauptung, nicht der Gefangenen zu sein, wider alle Fakten zu belegen. Es entsteht eine Art Tagebuch, das White sowohl mit Geschichten aus seiner Vergangenheit bereichert, als auch mit Berichten über den Verschollenen Stiller, die ihm seine Besucher, darunter ehemalige Bekannte und Verwandte, erzählen. Auf diese Weise tritt die Suche nach seiner wirklichen Identität in den Vordergrund. Im Gegensatz zur wissenschaftlichen oder psychologischen Denk- und Vorgehensweise setzt Frisch die Suche nach dem Ich in den Spannungsbogen zwischen Erinnerungen von White und Aussagen von Stillers Freunden. Es ist ein Herantasten an die Zusammenhänge zwischen Identität und Rolle, Bildnis und Wirklichkeit, Selbstbetrachtung und Fremdbetrachtung aus verschiedenen Blickrichtungen. Dies macht den Roman zu einem interessanten Zugang zu solchen Themen, deren Reiz eine wirklichkeitsgetreue Geschichte als Grundlage voraussetzt.
Gegenstand dieser Arbeit soll es sein, Stillers Lebensverlauf in seinem Wandel aufzuzeigen, und Ursachen für sein Handeln zu ergründen, um Einblicke in sein Identitätsverständnis zu erlangen. Es ist zu zeigen, daß der Weg zum Ich nichts anderes ist, als das Identischwerden des erscheinenden Ichs mit der Idee des Ichs. 1 Ferner soll herausgestellt werden, wie eng die Identitätssuche mit der Rollen-, Bildnis- und Geschlechterproblematik zusammenhängt. Whites Reflexionen über die Schwierigkeit, eine Identität in Worte zu fassen, einen Menschen also mit Worten abzubilden, sowie die Untat sich überhaupt Bilder von Menschen zu machen, spielen dabei eine zentrale Rolle.
1 LÜTHI: DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN (S. 10)
„Anatol Ludwig Stiller [...], Bildhauer, verheiratet mit Frau Julika Stiller-Tschudy“ (III,728), lautet das Urteil des Gerichts. Was hinter diesem Namen steckt, kann nur in Bildnissen, die sich Freunde und Bekannte über Stiller gemacht haben, berichtet werden. Wir erfahren sie durch Berichte, die White über Stiller zusammenfaßt:
Er hat das Gefühl, keinen Willen zu besitzen [...]; er will nicht er selbst sein. Seine Persönlichkeit ist vage; [...] Er ist ein Moralist, wie fast alle Leute, die sich selbst nicht annehmen. [...] Er leidet an der klassischen Minderwertigkeitsangst aus übertriebener Anforderung an sich selbst, und sein Grundgefühl, etwas schuldig zu bleiben, hält er für seine Tiefe [...]. Er möchte wahrhaftig sein. Das unstillbare Verlangen, wahrhaftig zu sein, kommt auch bei ihm aus einer besonderen Art von Verlogenheit; man ist dann mitunter [...] wahrhaftiger als andere Leute. Er lebt stets in Erwartungen. Er liebt es, alles in der Schwebe zu lassen. [...] Unter Männern kommt er sich nicht als Mann vor. Aber in seiner Grundangst, nicht zu genügen, hat er eigentlich auch Angst vor den Frauen (III,600f).
Stiller ist sehr von Bildern, vor allem von Ideal-Bildern, beeinflußt. So will er z.B. dem Bild, das er in der Öffentlichkeit vertritt, genau wie dem eines Ideal-Mannes entsprechen. Frisch hat seinen Helden nicht umsonst ausgerechnet zu einem Bildhauer gemacht. 2 Stiller ist sehr unsicher in allem was er anstellt, „es fällt auf, wie häufig dieser Mensch sich glaubte entschuldigen zu müssen“ (III,440). Er ist auch nie zufrieden, so heißt es an der oben zitierten Stelle auch: „Stiller gehört zu den Menschen, denen überall, wo sie sich befinden, zwanghaft einfällt, wie schön es jetzt auch anderswo sein möchte. Er flieht das Hier-und-Jetzt zumindest innerlich“ (III,601). Und deshalb richtet er sein Atelier nach diesen Bedürfnis ein, so daß Sibylle, Stillers Geliebte, es wie folgt beschreibt: "Wohin man blickte, hatte man in diesem Atelier das erregende Gefühl, jederzeit aufbrechen und ein ganz anderes Leben beginnen zu können" (III,603).
2 POSER: MAX FRISCH. STILLER (S. 16)
2. Der Künstler
Stiller ist Künstler, ein Bildhauer. Über sein Talent gehen die Meinungen auseinander, doch sein wachsender Erfolg nimmt ihm die Hoffnung sich "in Lehm oder Gips [...] verwirklichen zu können“ (III,682) denn „schon war der Ehrgeiz da, die Freude in Hinsicht auf Anerkennung, die Sorge in Hinsicht auf Geringschätzung“ (III,682). In diesem Moment erfährt Stiller die Spannung zwischen Realität und Rolle, will diese Rolle nicht in der Realität erfüllen müssen, auf die Gefahr hin als Hochstapler erkannt zu werden. 3 Er flieht vor der bevorstehenden Erkenntnis seiner Selbsttäuschung und seines Größenwahns nach Spanien. "Eines Tages erwachst du und liest es in der Zeitung, was die Welt von dir erwartet. Die Welt! [...] Es ist lächerlich. Aber da stehst du nun mit deinem Größenwahn - bis endlich, Gott sei Dank, so ein Spanischer Bürgerkrieg losgeht!" (III,612).
3. Der Kämpfer
Die Flucht nach Spanien hatte sicher mehrere Gründe, aber sie war „wenigstens zum Teil, eine Flucht vor sich selbst“ (III,489). Stiller hatte im Spanischen Bürgerkrieg einen Schießbefehl, den er nicht ausführte. Die Ereignisse in Spanien werden als „Anekdote“ (III,491) in Stillers Freundeskreis erzählt, wo sie lobend aufgenommen werden, und Stiller immer gut dastehen lassen. Die Spaniengeschichte stellt die Flucht vor der drohenden Kränkung des Selbstwertgefühls dar und zugleich die Erfahrung dieser Kränkung. 4 Denn Stiller wollte sich damals eigentlich „zeigen, daß er ein Kämpfer sei“ (III,600), deshalb nahm er nach der Niederlage 5 „es sich übel, kein Spanienkämpfer zu sein“ (III,669). Rolf, sein Staatsanwalt und Freund, erkennt gut Stillers Lage: “Zur Selbstüberforderung gehört unweigerlich eine falsche Art von schlechtem Gewissen“ (III,669). Stillers Ideal-Bild eines Mannes ist jedoch immer noch präsent. Sibylle „beichtet“ er als Grund, warum er damals nicht geschossen habe: "Weil ich ein Versager bin. Ganz einfach! Ich bin kein Mann" (III,615). Sibylle zeigt ihm auf, daß er versucht, einer Rolle zu entsprechen, die er gar nicht ist:
3 LUSSER-MERTELSMANN: IDENTITÄTSPROBLEMATIK (S. 104)
4 LUSSER-MERTELSMANN: IDENTITÄTSPROBLEMATIK (S. 105)
5 SO BEZEICHNET STILLER DIESES EREIGNIS NACH SEINER SELBSTANALYSE IM LETZTEN GESPRÄCH MIT JULIKA.
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Kristian Klett, 1996, Identitätsproblematik in Max Frischs 'Stiller', Munich, GRIN Publishing GmbH
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