Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Weit geöffnete Fenster: Bedingungen für Seelsorge im Chat 3
2.1 Kommunikation unter den Bedingungen des Chats 3
2.1.1 Was ist ein Chat 3
2.1.2 Sprache im Chat 4
2.1.3 Anonymität Pseudonymität Identität 5
2.1.4 Kontakt allein durch das geschriebene Wort 6
2.1.4.1 Emoticons 7
2.1.4.2 Handlungsangaben Akronyme und Hervorhebungen 7
2.1.5 Niedrigschwelligkeit 8
2.1.6 Nähe und Distanz 9
2.1.7 Virtualität 10
2.2 Seelsorgerliche Angebote im Chat 11
2.2.1 Einzel- und Gruppenchat 11
2.2.2 Erreichbarkeit 12
2.2.3 Die Seelsorger 13
2.2.4 Die Seelsorgesuchenden 13
2.2.5 Themen 14
2.2.6 Selbstverständnis und Intention 15
3 Auf der Suche nach einem Rahmen: Leitlinien für seelsorgerliche Gespräche 17
3.1 Exemplarische Konzeptionen 17
3.1.1 Kerygmatische Seelsorge: Eduard Thurneysen 17
3.1.2 Therapeutische Seelsorge: Joachim Scharfenberg 19
3.2.3 Evangelikale Seelsorge: Jay Adams 21
3.2 Welche Leitlinien ergeben sich Auswertung der Konzeptionen 23
3.2.1 Der Mensch unter dem Wort Gottes 24
3.2.2 Seelsorge im Raum der Kirche 25
3.2.3 Das Seelsorgerliche im Gespräch 26
3.2.4 Spezifische Gesprächsformen 27
3.2.5 Seelsorge als Hilfe für den Nächsten 27
4 Welcher Rahmen passt Leitlinien für Seelsorge im Chat 29
4.1 Die bisherigen Kriterien und das neue Medium 29
4.1.1 Der Mensch als Person 29
4.1.2 Kirchliche Chaträume 30
4.1.3 Seelsorgerliche Kommunikation im Chat 33
4.1.4 Methodische Möglichkeiten 35
4.1.4.1 Die Beichte im Chat als Problemanzeige 36
4.1.4.2 Der Heilige Geist im Internet 38
4.1.5 Niedrigschwellige Hilfe 39
4.2 Entwurf einer Konzeption für Seelsorge im Chat 40
4.2.1 Grundlage 40
4.2.2 Setting 41
4.2.3 Form und Inhalt 42
4.2.4 Intention 43
5 Zusammenfassung 44
Anhang
I Literaturverzeichnis
II Konzept von ChatSEELsorge de
III TelefonSeelsorge Elbe-Weser: Jahresbericht 2003
IV Zugriffsdaten von ChatSEELsorge de nach Ländern
1
1 Einleitung
Seit den Anfängen der Internetseelsorge im Jahr 1995 im deutschsprachigen Raum ist eine fast unüberblickbare Anzahl von Seelsorgeangeboten in dem neuen Medium entstanden. Dafür werden alle Kommunikationsformen genutzt, die das Internet bietet: E-Mail, Foren, Newsgroups und Chat stehen gleichermaßen Seel- sorgesuchenden zur Verfügung.
Die Diskussion der ersten Jahre, ob Seelsorge über diese Medien der Kommuni- kation überhaupt möglich sei, scheint mir mittlerweile positiv beantwortet zu sein. Die steigende Menge der Ratsuchenden und die Hilfe, die sie durch Seelsorge im Internet finden, sprechen für sich. Unbeantwortet ist allerdings die Frage, wie christliche Seelsorge im Internet geschehen sollte. So schreibt ein Besucher von ChatSEELsorge.de: „Hier zieht es mich doch immer wieder her - und ich denke das hat damit zu tun, dass "Seelsorge" da oben drüber steht. Dieses Wort weckt irgendwie Erwartungen, Sehnsüchte. Fast zu diffus um sie zu greifen. Aber doch da. Sehnsüchte nach etwas das tiefer ist als das Alltagsgerede, nach etwas was meine Seele berührt, ernährt...
Aber wie soll das gehen mit einer handvoll Leuten die ich nicht kenne, über die ich nichts weis.... Wer "macht" eigentlich "Seelsorge" die anwesenden "Seelsor-
ger", die Teilnehmenden, die liebe Gott...? Und wie "macht" man Seelsorge?“ 1 Die Frage, was das Spezifische an Seelsorge ist und wie es unter den Bedingun- gen des Chat zum Tragen kommen kann, beschäftigt nicht nur die Nutzer, son- dern auch die Anbieter von Seelsorge im Internet. Das habe ich in meiner Mitar- beit bei ChatSEELsorge.de, dem Seelsorgeportal der Ev.-luth. Landeskirche Han- novers, selbst erlebt. Die gängigen poimenischen Konzeptionen gehen meist von dem Gespräch von Angesicht zu Angesicht als Setting der Seelsorge aus und kommen an ihre Grenzen, wenn ausschließlich durch das geschriebene Wort kommuniziert wird. Eine spezifische Konzeption für den Chat gibt es bislang noch nicht.
Dazu soll in der vorliegenden Arbeit ein erster Ansatz gelegt werden. Ich be- schränke mich dabei auf Seelsorge im Chat, der von allen schriftbasierten compu- tervermittelten Kommunikationsmöglichkeiten die größte Ähnlichkeit mit dem mündlichen Gespräch aufweist. Dabei soll zunächst der Chat als Kommunikati-
1 Orthographisch unverändert zitiert aus einem Eintrag im Forum von ChatSEELsorge.de vom 7.06.2004,
http://chatseelsorge.ponton-lab.de/forum.php?action=lesen&threadID=386&forumID=4.
2
onsform in seinen Besonderheiten dargestellt werden, um die spezifischen Gren- zen und Möglichkeiten zu erkennen. In einem zweiten Schritt werden anhand ex- emplarischer Seelsorgekonzeptionen Leitlinien für seelsorgerliche Gespräche her- ausgearbeitet. Diese Leitlinien werden dann auf ihre Übertragbarkeit auf die Kommunikationsform des Chat hin befragt, so dass schließlich in Auseinander- setzung mit den bisherigen Konzeptionen Leitlinien für Seelsorge im Chat formu- liert werden können.
3
2 Weit geöffnete Fenster: Bedingungen für Seelsorge im
Chat
2.1 Kommunikation unter den Bedingungen des Chats
Das Internet ist ein interaktives Medium, in dem jeder Nutzer 2 sowohl Sender als auch Empfänger von Informationen sein kann. Damit liegt es nahe, dieses Medi- um nicht nur für Information, sondern auch für Kommunikation zu nutzen. Da es sich beim Internet um ein Netzwerk von Computern handelt, ist Kommunikation darin grundsätzlich nur als Austausch digitaler Daten möglich, die von einzelnen Rechnern versendet oder empfangen werden können. Ein Rechner, der Datenan-
gebote bereitstellt und auf Anforderung versendet, wird als Server bezeichnet. 3 Wer also via Internet jemandem etwas mitteilen möchte, sendet diese Mitteilung zunächst an einen Server, von dem aus der Empfänger sie abrufen kann. Die tech- nischen Rahmenbedingungen wirken sich stark auf die Kommunikation und damit auf Seelsorge aus. Für den Chat soll dies nun näher betrachtet werden.
2.1.1 Was ist ein Chat?
Chat (von engl. chat: sich unterhalten, plaudern) ist eine Form nahezu synchroner Kommunikation über das Medium Internet, durch die zwei oder mehr Personen
miteinander in Kontakt treten können. 4 Die Teilnehmer rufen über einen Browser ein Steuerprogramm auf, an dem sie sich mit einem Teilnehmernamen, dem so genannten ‚Nickname’ oder ‚Nick’, anmelden können. Alternativ können sie sich auch eine Nummer zuweisen lassen. Danach gelangen sie in den ‚Chatraum’, ein Programmfenster, in dem die Textbeiträge der Teilnehmer in der Reihenfolge ihres Eintreffens beim Server angezeigt werden. Eigene Beiträge können in einem Textfeld eingetippt und durch Drücken der Return-Taste versendet werden. Sie erscheinen dann nahezu unmittelbar in der Liste der Teilnehmerbeiträge. Auf die- se Weise ist es möglich, auf Äußerungen anderer fast unmittelbar zu antworten. Dazu wird jeweils automatisch der Verfassername angegeben. Die Teilnehmer müssen zeitgleich im Chat sein; es wird oft nur eine begrenzte Anzahl Beiträge
2 Zur besseren Lesbarkeit beschränke ich mich in dieser Arbeit auf maskuline Endungen. Es sind jedoch grund- sätzlich beide Geschlechter gemeint.
3 Vgl. Beißwenger, Kommunikation, S. 13.
4 Für verschiedene Arten von Chats sind spezielle Programme oder Hardware-Voraussetzungen nötig. Ich kon- zentriere mich auf die Darstellung des Webchats, für den nur ein Programm zum Anzeigen von Internetseiten (Web-Browser) benötigt wird. Der Webchat ist daher die häufigste Form für Seelsorgeangebote im Chat. Für die Definition und Übersicht des Chats vgl. Döring, Chat-Forschung, S. 144f.
4
angezeigt, meist die 30-100 zuletzt eingegebenen Textzeilen. Die Beiträge lassen sich ähnlich wie das Textbuch eines Theaterstücks oder ein Gesprächsprotokoll lesen:
(SPOOKY) Na nu, wer ist denn da da ?´????
(Lt.Riker) hallöle SPOOKY
(PaRaNoiA) hi spooky 5
In vielen Chats werden alle aktuell angemeldeten Teilnehmer in einer Liste ange- zeigt. Durch einen Mausklick auf einen Nickname aus der Liste kann diese Person quasi „angesprochen“ werden, d.h. vor dem Textbeitrag erscheint nicht nur der Nickname des Verfassers, sondern auch der Hinweis, an wen er adressiert ist. Ferner besteht die Möglichkeit des „Flüsterns“: Ein Chatter kann seinen Beitrag so versenden, dass er nicht für alle Anwesenden sichtbar wird, sondern aus- schließlich für den Verfasser und den Adressaten. Im Unterschied zu einem Gruppengespräch außerhalb des Internet können die anderen nicht nur nicht hö- ren, was da mitgeteilt wird, sondern sie nehmen nicht einmal wahr, dass über- haupt jemand flüstert.
2.1.2 Sprache im Chat
Als nahezu synchrone Kommunikationsform hat der Chat Ähnlichkeit zum münd- lichen Gespräch; die Kommunikationspartner sind zeitgleich online und können spontan aufeinander reagieren. Da aber alle Beiträge bedingt durch das Medium schriftlich verfasst werden müssen, ist Chat-Kommunikation als ein „konzeptio-
neller Hybrid“ zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit angesiedelt. 6 Im Unter- schied zur E-Mail ähnelt er stärker einem Telefonat als dem Briefeschreiben. 7 Die Beiträge im Chat werden allerdings nicht zeichenweise übertragen, sondern meist als halbe oder ganze Sätze verfasst und anschließend gesendet. Dadurch besteht die Möglichkeit, das Geschriebene vor dem Abschicken noch einmal zu kontrol- lieren. Das Mitgeteilte kann so stärker reflektiert werden, als es beim bloßen Aus-
sprechen der Fall ist. 8 Das ist auch notwendig, da die Äußerungen nicht so flüch- tig sind wie gesprochene Worte und dadurch einen höheren Verbindlichkeitscha-
rakter besitzen. 9 Dennoch kommt es durch die Nähe des Chat zur mündlichen
5 Mitschnitt aus einem offenen Chat, zitiert aus: Beißwenger, Kommunikation, S. 51.
6 Beißwenger, Kommunikation, S. 44.
7 Vgl. Knatz, Hilfe, S. 93.
8 Vgl. Beißwenger, Kommunikation, S. 58; dort vor allem die Anmerkung 67.
9 Vgl. Knatz, Hilfe, S. 124f.
5
Kommunikation immer wieder zu sehr spontanen und unüberlegten Äußerungen. Die Chatter selbst empfinden die Beiträge überwiegend als gesprochene Sprache: So kann ich beispielsweise jemanden auffordern, auch einmal etwas zu ‚sagen’,
obwohl der Betreffende faktisch nicht spricht, sondern schreibt. 10 Chatkommunikation ist umgangssprachlich geprägt, zum Teil wird auch Dialekt verwendet. Um beim Abfassen von Beiträgen Zeit zu sparen, werden Tippfehler nicht korrigiert; auf Großschreibung wird für gewöhnlich ganz verzichtet. Den- noch kommt es vor, dass Beiträge nicht mehr in den Kommunikationsfluss pas- sen, wenn sie im Chatfenster angezeigt werden, weil die Gesprächspartner in der Zwischenzeit bereits neue Mitteilungen versendet haben. Auch können Beiträge grundsätzlich nur nacheinander angezeigt werden, so dass Chatgespräche sehr unübersichtlich werden können, wenn sich viele Personen gleichzeitig im
Chatraum befinden. 11 Häufig können die Chatter ihre Beiträge in einer bestimmten Farbe erscheinen lassen, so dass die Zuordnung einfacher wird. Überhaupt ist es im Chat leichter als im Gruppengespräch möglich, mehreren Kommunikationssträngen auf einmal zu folgen, da alle Beiträge gleich gut wahrnehmbar sind und noch einige Zeit nach ihrer Äußerung sichtbar bleiben. Trotzdem ist dazu ein rasches Reaktions-
vermögen gefragt. 12 Der Chat ist grundsätzlich dialogisch angelegt: längere Beiträge werden meist in kürzere Sequenzen unterteilt, damit die durch das Eintippen bedingten Pausen nicht zu lang werden. Deshalb kommt es zu einem häufigen Sprecherwechsel, obwohl es nicht möglich ist, einen Chatteilnehmer zu unterbrechen. Wer schnell
tippen kann, ist dabei deutlich im Vorteil. 13
2.1.3 Anonymität, Pseudonymität, Identität
Im Chat muss niemand seinen tatsächlichen Namen angeben, sondern es wird unter Verwendung eines Nicknames als Pseudonym kommuniziert. Insofern blei- ben die Teilnehmer anonym, obwohl sie bei jedem Datenaustausch im Internet Spuren hinterlassen, die eine Identifikation des Rechners ermöglichen, von dem aus jemand gechattet hat. Diese Möglichkeit, ausspioniert zu werden, ist den
10 Weitere Beispiele finden sich in Beißwenger, Kommunikation, S. 119f.
11 Vgl. Storrer, Besonderheiten, S. 10f.
12 Vgl. Storrer, Besonderheiten, S. 8f.
13 Vgl. Beißwenger, Kommunikation, S. 59.
6
meisten Nutzern jedoch nicht bekannt oder hindert sie zumindest nicht daran, sehr
private und persönliche Dinge zu äußern. 14 Was für Menschen die Rechner benutzen, lässt sich jedoch nicht ermitteln. Sie bleiben unsichtbar, so dass körperliche Merkmale wie Geschlecht, Aussehen oder Alter eine weitaus geringere Rolle spielen, als in körperlich präsenter Kommuni- kation. Deshalb lassen sich im Chat neue Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen machen. Auch das Spiel mit fremden Identitäten kommt vor: Ein Mann
kann sich z. B. als Kind ausgeben, ein alter Mensch als Kind usw. 15 Die Identität der Chatter wird ausschließlich über ihren Nickname vermittelt. Je- der Name kann pro Chatraum nur einmal vergeben werden, damit keine Ver- wechslungen entstehen können. Regelmäßige Besucher eines Angebots erkennen einander mit der Zeit an ihren Nicknames, bei denen es sich häufig um Vornamen handelt, oder um Pseudonyme, die Assoziationen wecken und so eine Aussage
über ihren Benutzer vermitteln, wie z.B. ‚derbösewolf’ oder ‚deepblue’. 16 Die meisten Chatter nehmen keine völlig fiktive Identität an, sondern orientieren sich weitgehend an der Realität. Häufig werden dabei bestimmte Merkmale aus- geblendet, modifiziert oder übersteigert, um beispielsweise besonders attraktiv zu erscheinen. Wer ein bestimmtes Chatangebot über einen längeren Zeitraum nutzt,
vermittelt dabei aber meist ein ziemlich realistisches Bild von sich. 17
2.1.4 Kontakt allein durch das geschriebene Wort
Im Vergleich mit körperlich präsenter Kommunikation erscheint Chatkommuni- kation stark reduziert. Aussehen, Geruch, Gesten und Mimik fallen weg, so dass Mitteilung ausschließlich durch das geschriebene Wort möglich ist – und auch dieses liegt nicht in persönlicher Handschrift vor, sondern als neutraler, getippter Buchstabe. Dass diese Form der Kommunikation das Auftreten von Missver- ständnissen wahrscheinlicher macht, liegt nahe. Die häufig geäußerte Vermutung, sie müsse zwangsläufig auch unpersönlich und emotionslos sein, trifft jedoch
14 Vgl. Wenzel, Datensicherheit, S. 61. Durch Verschlüsselungstechniken können im Chat gesendete Daten sehr gut vor Fremdzugriffen geschützt werden; vgl. ders., S. 66f. Seelsorgesuchende fragen im Chat für gewöhnlich nicht nach Verschwiegenheit oder Datensicherheit, vgl. Kratzenstein, Chat-Beratung, S. 89f.
15 Vgl. Knatz, Hilfe, S. 29.
16 Vgl. Döring, Chat-Forschung, S. 169f.
17 Vgl. Döring, Chat-Forschung, S. 170.
7
nicht zu. 18 Vielmehr haben sich verschiedene Verfahren entwickelt, Emotionalität und Gestik auf andere Weise zum Ausdruck zu bringen.
2.1.4.1 Emoticons
Charakteristisch für computervermittelte Kommunikation vor allem im Chat sind die so genannten ‚Emoticons’ (zusammengezogen aus Emotion und Icon): Zei- chenkombinationen, die um 90° gedreht als Gesichter erkennbar sind und einen Ersatz für die fehlende Mimik darstellen. Das bekannteste ist vermutlich der smi- ley :-) , der Lächeln oder Grinsen symbolisiert und zum Darstellen anderer Stim- mungen vielfach umgeformt wird. Der Kreativität sind hier keine Grenzen ge- setzt, aber die Zahl der häufig genutzten und mit einer eindeutigen Definition ver- sehenen Emoticons dürfte bei ca. 10 liegen. Emoticons werden im Chat für ge- wöhnlich an das Ende einer Texteingabe gestellt. Sie wirken Missverständnissen entgegen, indem sie z.B. ein Augenzwinkern sichtbar machen ;-) . Allerdings bleibt es schwierig, z.B. den Unterschied zwischen Ironie und Sarkasmus zu er-
kennen. 19
2.1.4.2 Handlungsangaben, Akronyme und Hervorhebungen
Auch auf Gesten und Handlungsangaben muss im Chat nicht vollständig verzich- tet werden. Üblicherweise werden solche Angaben ohne Leerzeichen geschrieben und in spitze Klammern oder Sternchen gesetzt, so dass sie sofort von der eigent- lichen Wortäußerung zu unterscheiden sind. Meist sind es sehr emotionsgeladene Gesten in Form von Verben, wie etwa *ganzdollknuddel* oder
schrieben wird. 20 Tatsächlich ist der Chat eine Art Rollenspiel, in dem nicht etwa jede unwillkürliche Geste mitgeteilt wird, sondern nur diejenigen, die jemand darstellen möchte. Gerade dieser Spielcharakter führt dazu, dass hier ähnlich wie bei den Emoticons manchmal unklar bleibt, wie ernst eine Handlungsangabe ge- meint ist.
18 Vgl. Neukirch, Individualität, S. 131.
19 Die gängigsten Emoticons finden sich in typologischer Ordnung bei Beißwenger, Kommunikation, S. 99.
20 Vgl. Beißwenger, Kommunikation, S. 163 und 173.
8
Zusätzlich zu den genannten Angaben werden im Chat häufig Akronyme verwen- det: Dabei handelt es sich um aus den Anfangsbuchstaben einer Wortfolge zu- sammengesetzte Abkürzungen, die zumeist Handlungen oder Mimik benennen. Die gängigen Akronyme kürzen englische Wörter ab, wie z.B. afk (away
from keyboard:
gerade nicht am Rechner) oder rotfl (rolling
over the floor laughing:
sich vor Lachen am Boden wälzen). Kurze Akronyme können auch in Sternchen oder in Klammern gesetzt werden, damit sie im Satz nicht so leicht zu übersehen sind, wie etwa
beim Tippen Zeit zu sparen. 21 Auch für die stimmliche Modulation hat sich im Chat ein Äquivalent entwickelt. So gilt es in der Regel als Schreien, wenn eine Äußerung in Großbuchstaben ver- fasst wird. Darüber hinaus werden oft Zeichen mehrfach getippt, um bestimmte
Wörter oder ganze Sätze hervorzuheben, wie z.B. Waaaaaaaaaas??? 22
2.1.5 Niedrigschwelligkeit
Die Anonymität des Internet erleichtert es vielen Menschen, sich zu öffnen und Dinge zu äußern, über die sie unter körperlicher Präsenz auf keinen Fall sprechen würden. Dadurch ist auch die Hemmschwelle, Beratungs- und Seelsorgeangebote im Internet wahrzunehmen, extrem niedrig, sogar noch niedriger als bei einem
Telefonanruf. 23 Im Chat braucht man weit weniger von sich preisgeben, da nicht einmal die Stimme zu hören ist. So sind auch die eigenen Emotionen viel stärker kontrollierbar. Darüber hinaus können Ratsuchende auch aus ihrer privaten Um- gebung heraus kommunizieren, und Äußerlichkeiten spielen keine Rolle: Man kann sogar ungepflegt und schlecht gekleidet in den Chat kommen, ohne einen
schlechten Eindruck zu machen. 24 Diese Umstände bringen es mit sich, dass Ratsuchende im Chat sehr viel schneller
zur Sache kommen als im Gespräch von Angesicht zu Angesicht. 25 Da es offenbar leichter ist, Belastendes aufzuschreiben, als es auszusprechen, kommt es zu „zum
Teil erschreckend offenen, schonungslosen Mitteilungen“ 26 . Manchmal fällt es Beratern deshalb schwer, den Hilfesuchenden zu glauben, da im Internet geschil-
21 Eine Liste der wichtigsten 10 Akronyme bietet Knatz, Hilfe, S. 34.
22 Vgl. Beißwenger, Kommunikation, S. 69 sowie S. 104f., der weitere Beispiele anführt. 23 Vgl. Götz, Netz, S. 34.
24 Vgl. Kratzenstein, Chat-Beratung, S. 88f.
25 Obwohl das Tippen einen sehr viel größeren Aufwand darstellt, ist ein Wort „schneller geschrieben als ausge- sprochen“, Götz, Netz, S. 85.
26 Knatz, Hilfe, S. 102.
9
derte Problemlagen oft sehr viel schwerwiegender sind als das, was ihnen im Ge- spräch von Angesicht zu Angesicht mitgeteilt wird. Aber gerade die Angst, nicht ernst genommen zu werden, hält die Chatter oft davon ab, sich außerhalb des In-
ternet an Seelsorge- oder Beratungsstellen zu wenden. 27 Dieser enthemmende Effekt hat allerdings auch eine negative Kehrseite: Auch Beleidigungen und verbale Verletzungen kommen im Chat sehr viel häufiger vor. Das ist einerseits durch Missverständnisse bedingt, andererseits aber auch da- durch, dass die möglichen Sanktionen im Chat nur den Nick treffen, nicht aber die
Person dahinter. 28 Um solche Entgleisungen zu vermeiden, hat sich für Kommu- nikation im Internet die so genannte Netiquette (Neologismus aus Network und Etiquette) entwickelt, in der Normen für den Umgang miteinander festgelegt
sind. 29 Zum großen Teil halten sich die Chatter daran und verweisen andere gege- benenfalls darauf. Für die Einhaltung der Netiquette und entsprechende Sanktio-
nen ist im Chat vor allem der Moderator zuständig. 30
2.1.6 Nähe und Distanz
Häufig wird die Befürchtung geäußert, dass die Kommunikation durch das Inter- net der Vereinsamung von Menschen nicht entgegenwirkt, sondern sie noch ver- stärkt, indem sie an die Stelle der Primärkommunikation tritt und bestehende so-
ziale Bezüge zerstört. 31 Andererseits werden im Chat neue Verbindungen aufge- baut. Gerade die durch das Medium bedingte Distanz zwischen den Chattern führt dazu, dass sie sich in der Kommunikation schnell öffnen, so dass das Gefühl einer großen Nähe und Verbundenheit entsteht. Genau genommen ist die emotionale Nähe im Chat gerade durch die räumliche Distanz möglich: Denn die Vorsicht, die sonst Fremden gegenüber an den Tag gelegt wird, ist hier nicht notwendig, da
man den Kontakt jederzeit unbehelligt abbrechen kann. 32 Diese Möglichkeit der Kontrolle über Nähe und Distanz macht für viele den be- sonderen Reiz des Chat aus und kann dazu führen, dass Menschen sich in den
27 Vgl. Knatz, Hilfe, S. 91f.
28 Letzteres beschreibt Löchel, Welten, S. 13f., als wesentlichen Grund für aggressives Verhalten im Chat. Schlimmstenfalls können der Nickname und die IP-Adresse eines Rechners für einen bestimmten Chatraum gesperrt werden; nach erneuter Einwahl und unter einem anderen Namen kann der Betroffene aber meist wieder am Chat teilnehmen.
29 Für manche Chats gibt es auch eine spezielle Chatikette, vgl. für ChatSEELsorge.de http://chatseelsorge.ponton-lab.de/nutzungsbedingungen.php.
30 Vgl. Götz, Netz, S. 62.
31 Vgl. Kolb, Fluchtgesellschaft, S. 92.
32 Vgl. Neukirch, Individualität, S. 134.
Quote paper:
Verena Selck, 2004, Seelsorge allein durch das geschriebene Wort - Konzeption für Seelsorge im Chat, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
Chat-Kommunikation und Face-to-face-Kommunikation - Ein konversationsa...
Thesis (M.A.), 59 Pages
Vom Tiefsten zum Äußersten. Exegese zu Jona 2.
Scholary Paper (Seminar), 40 Pages
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Norbert Lübke has commented on the text Seelsorge allein durch das geschriebene Wort - Konzeption für Seelsorge im Chat
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Norbert Lübke
Erfahrungen mit IS.
Liebe Frau Selck,
freuen tu ich mich, dass Sie eine offenbar gute Arbeit geschrieben haben :-)
Da wir vom funcity-Kirchenteam nicht ganz unbeteiligt gewesen sind (zumindest im Hintergrund) und Diemo Rollert anfangs bei uns mitgearbeitet hat, würde mich schon interessieren, wie die Ergebnisse Ihrer Untersuchungen ausschauen.
Liebe Grüße
Norbert Lübke
funcity-Kirchenteam
on Sunday, March 30, 2008-