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Inhalt
A. Einführung 3
B. Textanalyse
I. Der Schatten: Eigenschaften auf physikalischer Ebene 4
und Wahrnehmungsebene
II. Der Schatten Peter Schlemihls 6
1. Die Besonderheiten der Schlagschattenlehre Chamissos 6
2. Die Suche nach der Bedeutung des Schattens 10
III. Produktion von Realitäts- und Fiktionalitätseffekten 13
C. Schlussbetrachtung 17
Literaturverzeichnis 18
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A. Einführung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist der Text „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ vo n Adelbert von Chamisso, der im August/September 1813 entstanden ist und 1814 veröffentlicht wurde.
Das Motiv der Schattenlosigkeit, über dessen Bedeutung viel gerätselt worden ist, taucht hier erstmals als Leitmotiv einer Dichtung auf. Eine umfangreiche Darstellung des Motivs vom verlorenen Schatten im Allgemeinen und seiner Ausprägung bei Chamisso im Besonderen, hat Gero von Wilpert 1 vorgelegt. Hier findet sich eine ausführliche Untersuchung zu möglichen Quellen und Vorbildern in Volksglauben und Volksdichtung und in der Literatur, die Chamisso inspiriert haben könnten.
Der Text hat seit seinem Erscheinen viele literarische und literarkritische Rezeptionen hervorgerufen, die sich mit dem Schattenmotiv und dessen Bedeutung auseinandersetzen. Die einzelnen Interpretationen kommen in bezug auf die Bedeutung der Schattenlosigkeit zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, die für sich stehend jeweils ihre Berechtigung haben. Eine Auflistung und Auswertung der bisherigen Deutungen kann und soll nicht Zielsetzung die ser Untersuchung sein. Vielmehr wird der Frage nachzugehen sein, warum es möglich ist, den Text so mannigfaltig auszulegen. Die Textanalyse setzt ein mit dem Versuch, dem Phänomen Schatten auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene näher zu kommen. In einem zweiten Schritt soll untersucht werden, welche der erarbeiteten Merkmale des Schattens in der Erzählung beibehalten, welche verändert oder weggelassen werden. Inwiefern die im „Peter Schlemihl“ ausgeprägten Eigenschaften des Schattens einen Beitrag zum Verstehen des Textes leisten können, wird sich im dritten Kapitel, das sich mit der Bedeutung des Schattens auseinandersetzt, zeigen. Im letzten Kapitel gilt es, darzustellen, worin die Schwierigkeit begründet liegt, die Erzählung auf eine bestimmte literarische Gattung festzulegen. In diesem Zusammenhang wird die Frage aufgeworfen, wie es dem Text gelingt, Realitäts- bzw. Fiktionalitätseffekte zu produzieren.
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B. Textanalyse
I. Der Schatten: Eigenschaften auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene
Ein nicht leuchtender Körper kann nur teilweise von einem leuchtenden Körper erhellt werden. Der lichtlose Raum, welcher auf der Seite des nicht beleuchteten Teiles liegt, ist das, was man Schatten nennt. Schatten bezeichnet also im eigentlichen Sinne einen körperlichen Raum, dessen Gestalt zugleich von der Gestalt des leuchtenden Körpers, von der des beleuchteten und von ihrer gegenseitigen Stellung gegeneinander abhängt. Der auf einer hinter dem schattenwerfenden Körper befindlichen Fläche aufgefangene Schatten ist daher nichts anderes als der Durchschnitt dieser Fläche mit dem körperlichen Raum, den wir vorher mit dem Namen Schatten bezeichneten. 2
Mit dieser Schattendefinition des Physikers Haüy antwortet Adelbert von Chamisso in der Vorrede zu der im Jahre 1838 erschienenen neuen französischen Übersetzung der „wundersamen Geschichte des Peter Schlemihl“ auf die Frage nach der Bedeutung des Schattens, die nach der Veröffentlichung der Erzählung von allen Seiten an ihn heran getragen wurde. Der Schatten wird hier als körperlicher Raum, im Französischen ‚le solide‘, was wörtlich mit ‚das Solide‘ zu übersetzen ist, bezeichnet. Im Anschluss an diese trockene physikalische Beschreibung des Schattenphänomens greift Chamisso diese Bezeichnung auf und setzt den Schattenverlust Schlemihls mit dem Verlust des Soliden gleich. “Mein unbesonnener Freund hat sich nach dem Gelde gelüsten lassen, dessen Wert er kannte, und nicht an das Solide gedacht“ 3 . Auf die ironische Intention dieser physikalischen Bestimmung ist vielfach hingewiesen worden. Der Schatten, als sich ständig veränderndes, flüchtiges und schwer greifbares Phänomen, lässt gerade diese Analogiebildung nicht zu. Dennoch haben sich viele Interpreten nicht davon abhalten lassen, dieses Deutungsangebot des Autors zu nutzen und weiter auszufüllen. 4
Die Frage nach dem Wert, den es für den Schatten einzusetzen gilt, soll in dieser Arbeit zunächst einmal zurück treten hinter der Darstellung der Eigenschaften des Schattens auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene und der Frage, in wieweit diese im „Peter Schlemihl“ eine Brechung erfahren. Wichtig ist hierbei vorab die klare Unterscheidung zwischen Eigenschatten und Schlagschatten. Der
1 Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten. Varianten eines literarischen Motivs. Stuttgart 1978.
2 Zit. nach Max Sydow (Hrsg.): Chamissos Werke. Dritter Teil. Berlin, S.150 - 151.
3 Vgl.: Ebd.: S. 151.
4 Vgl. insb.: Thomas Mann: Gesammelte Werke in 12 Bänden. Band IX. Reden und Aufsätze. Oldenburg 1960, S. 56: „Der Schatten ist im ‚Peter Schlemihl‘ zum Symbol aller bürgerlichen Solidität und menschlichen Zugehörigkeit geworden.“
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erste bezeichnet den Schatten, der neben dem Schlaglicht auf dem angestrahlten Objekt selbst erscheint. Letzterer denjenigen Schatten, den ein Gegenstand auf die ihn umgebenden Körper oder Flächen projiziert. Von eben diesem Schlagschatten, bzw. dessen Abwesenheit, ist in „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“ die Rede. Die Urschr ift des „Schlemihl“ trägt den später gestrichenen, wissenschaftlich anmutenden Untertitel „Als Beitrag zur Lehre des Schlagschattens“ 5 . Welche physikalische Definition steht hinter der Bezeichnung Schlagschatten? Rolf Günther Renner gibt folgende Bestimmung:
[...] ein Schlagschatten [entsteht], wenn ein opaker Körper von einer Lichtquelle bestrahlt wird, die größer als er selbst ist. Der so entstehende tiefe Kernschatten und der ihn umgebende Halbschatten bilden zusammen den Schlagschatten. Weil dessen Größe und die Relation zwischen Kern- und Halbschatten von der Größe der Lichtquelle wie des bestrahlten Objekts und zugleich von ihrer Entfernung zueinander abhängig sind, also veränderliche Größen darstellen, ist die physikalische Bestimmung des Schlagschattens Ergebnis einer willkürlichen geometrischen Projektion. Sie entsteht, wenn man den Schattenkegel durch eine senkrecht zu seiner Achse gehaltene Ebene durchschneidet; je näher diese Ebene an den bestrahlten Körper herangerückt wird, desto schärfer ist die Kontur des Schlagschattens. 6
Sowohl aus dem von Chamisso verwendeten Zitat als auch aus der Beschreibung Renners geht hervor, dass das Vorhandensein eines Schlagschattens eine Lichtquelle und einen schattenwerfenden Körper voraussetzt. Die Größe des Körpers, der den Schatten wirft, ist geometrisch bestimmbar. Größe und Form des Schattens, den dieser Körper wirft und mit dem er fest verbunden ist, ist jedoch abhängig von oben genannten Variablen wie die Größe des Körpers, die der Lichtquelle, deren Stellung zueinander etc. Ein Körper kann demnach eine unendliche Menge unterschiedlicher Schattenprojektionen haben. Neben dieses Merkmal der Variabilität oder auch Veränderlichkeit des Schattens treten die Eigenschaften Zweidimensionalität, Immaterialität und Farb- und Strukturlosigkeit. Schatten entsteht nur durch Anwesenheit von Licht, ist selbst jedoch durch Abwesenheit von Licht definiert.
In unserer alltäglichen Wahrnehmung der uns umgebenden Dinge erscheinen Schatten als Diskontinuität der Beleuchtung, und selten sind es die Schatten selbst, die unsere Aufmerksamkeit in Form bewusst gerichteter Wahrnehmung erlangen. 7 Gleichwohl ermöglichen es uns erst die Eigenschatten der
5 Zit. nach Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten: Varianten eines literarischen Motivs, S. 43.
6 R. G. Renner: Schrift der Natur und Zeichen des Selbst. Peter Schlemihls wundersame Geschichte im Zusammenhang mit Chamissos Texten. In: DVjs 65, 1991, S. 655.
7 Vgl.: Heinz Brüggemann: Peter Schlemihls wundersame Geschichte der Wahrnehmung. Würzburg 1999, S. 163.
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Alexandra Lisson, 2001, Physikalische und wahrnehmbare Eigenschaften des Schattens als Ansatzspunkt zur Deutung "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte", Munich, GRIN Publishing GmbH
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