Inhaltsverzeichnis
1 Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes 3
2 Anthropologie und Literatur 6
2.1 Die Lehre vom Menschen im 18. Jahrhundert - Anthropologie als
Erfahrungswissenschaft 7
2.2 Das Menschenbild der Erfahrungsseelenkunde 10
2.2.1 Konzeption und Zielsetzung des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde 10
2.2.2 Bestimmung des Krankheitsbegriffs 16
2.3 Die literarische Darstellung der individuellen Lebensgeschichte als
Medium zur Erforschung des Menschen 20
2.3.1 Literarische Anthropologie 20
2.3.2 Strukturelle und inhaltliche Aspekte des psychologischen
Entwicklungsromans 24
2.3.3 Erzählerische Vorgehensweise im Anton Reiser 26
2.3.4 Selbstbeobachtung als Quelle der Menschenkunde in Erfahrungsseelen-
kunde und psychologischem Roman’ 29
3 Rekonstruktion der Entstehung des Charakters Anton Reisers 31
3.1 Zum Verhältnis von Veranlagung und Umwelteinfluss 31
3.2 Die Bedeutung der Erfahrungen Anton Reisers für die Konstitution
seines Charakters 37
3.2.1 Frühkindliche Erfahrungen: Elternhaus und Lehrzeit 37
3.2.2 Schule 48
3.2.3 Pädagogisch-didaktische Intention 57
4 Schlussbetrachtung: Das Menschenbild im Anton Reiser 66
5 Literaturverzeichnis 70
2
1 Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes
Dem Leitsatz folgend, „die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften“ 1 , rekonstruiert Karl Philipp Moritz in seinem ‚psychologischen Roman’ Anton Reiser die Entwicklung des Charakters der gleichnamigen Hauptfigur in der wechselseitigen Beeinflussung von persönlichen Anlagen und äußeren Lebensumständen. Nachdem Fragmente der Lebensgeschichte Anton Reisers bereits 1784 im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde 2 , der von Moritz herausgegebenen ersten deutschen Zeitschrift für empirisch-analytische Psychologie, veröffentlicht wurden, erschien der ‚psychologische Roman’ von 1785 bis 1790 in vier Teilen. Der erste Teil erschien 1785, die Teile 2 und 3 im Jahr 1786, der vierte und letzte Teil 1790.
Dass der hier geschilderte Lebensgang Antons in außergewöhnlich hohem Maße auf der persönlichen Geschichte des Verfassers beruht, dass die auftretenden Personen, die Verhältnisse und Örtlichkeiten zutreffend benannt und beschrieben sind, ist von der Forschung nachgewiesen worden. 3 Der Untertitel Ein psychologischer Roman weist jedoch darauf hin, dass der Text nicht allein als autobiographisches Dokument gelesen werden will. 4 Die Zuordnung des Textes zur epischen Gattung des Romans, die im späten 18. Jahrhundert eine Aufwertung erfährt, macht zum einen deutlich, dass die Berücksichtigung der Erzählstrukturen für das Verständnis des Textes notwendig ist. Zum anderen rückt der Zusatz ‚psychologisch’ die Lebensgeschichte Antons in die Nähe jener ‚Fallgeschichten‘ wie sie im Magazin veröffentlicht wurden und betont den erfahrungsseelenkundlichen
1 Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Mit einem Nachwort hg.
v. Wolfgang Martens. Stuttgart 1972, S. 6. Zitiert wird im Folgenden im laufenden Text
nach dieser Ausgabe unter Angabe der Abkürzung AR und der entsprechenden Seitenzahl.
2 GNOTHI SAUTON oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Ge-
lehrte und Ungelehrte. Mit Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde hg. v. Karl Philipp
Moritz I-X (1783-93). Nachdruck in 10 Bänden, hg. v. Petra und Uwe Nettelbeck. Nördlin-
gen 1986. Zitatbelege erfolgen nach dieser Ausgabe künftig im laufenden Text unter
Angabe der Abkürzung MzE, der Band- und Stückangabe sowie der Seitenzahl.
3 Vgl.: Eybisch, Hugo: Untersuchungen zur Lebensgeschichte von Karl Philipp Moritz und
zur Kritik seiner Autobiographie. Leipzig 1909. Auf alle einmal vollständig belegten Titel
wird im Folgenden abgekürzt mit Nachname und Erscheinungsjahr verwiesen.
4 Zur Schwierigkeit der eindeutigen Gattungszuweisung vergleiche die neuere Arbeit von
Hans Esselborn: Der gespaltene Autor. Anton Reiser zwischen autobiographischem Roman
und psychologischer Fallgeschichte. - In: Recherches Germanique 25 (1995) H. 1, S. 69-
90.
3
Anspruch des Verfassers. 5 Schon im Untertitel deutet sich also an, dass der Text ohne Rückgriff auf zeitgenössische psychologisch-anthropologische und poetologische Konzeptionen nicht hinreichend erfasst werden kann. Bevor sich die vorliegende Arbeit der eigentlichen Textanalyse zuwenden kann, ist daher eine Einordnung in den psychologisch-anthropologischen und literartheoretischen Diskurs der Zeit notwendig. Sowohl im Anton Reiser als auch in der psychologischen Zeitschrift steht der Mensch in seiner individuellen, psychischen Beschaffenheit und in seinen konkreten Lebensverhältnissen im Mittelpunkt des Interesses. Diese neue Aufmerksamkeit auf den Menschen am Ende der Aufklärung steht im Zusammenhang mit der sich in dieser Zeit neu konstituierenden Anthropologie als Wissenschaft vom Menschen. Es sollen daher die Entstehung und die Gegenstände der Anthropologie im deutschen 18. Jahrhundert skizziert werden und der Frage nachgegangen werden, welche Mittel zur Beförderung der Menschenkenntnis 6 , in deren Dienst ‚psychologischer Roman’ und Magazin gleichermaßen stehen, als geeignet angesehen wurden. Der enge Zusammenhang zwischen Anton Reiser und dem psychologischen Programm der Erfahrungsseelenkunde ist in der Forschung vielfach belegt: 7 Moritz‘ ‚psychologischer Roman’ stellt die literarische Umsetzung erfah-rungsseelenkundlicher Grundsätze dar. Übereinstimmungen finden sich jedoch nicht allein auf der inhaltlichen Ebene, sondern betreffen auch die formale, erzählerische Vorgehensweise bei der Vermittlung der Psyche Antons. So kann die Programmschrift des Magazins, die Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre 8 , als theoretische Begründung der Erzählstrukturen
5 Vgl.: Meier, Albert: Karl Philipp Moritz. Stuttgart 2000, S. 225f.
6 Im 18. Jahrhundert wurden Menschenkenntnis und Selbstkenntnis vielfach als Ursprung
aller Erkenntnis, als Quelle für Glück und Zufriedenheit bezeichnet. Vgl.: Historisches
Wörterbuch der Philosophie, hg. v. J. Ritter u. K. Gründer. Bd. 5, Darmstadt 1980, Sp.
1117.
7 Vgl. beispielsweise: Bezold, Raimund: Popularphilosophie und Erfahrungsseelenkunde
im Werk von Karl Philipp Moritz. Würzburg 1984, S. 177: „Als erzählte Figur ist Anton
Reiser Konkretion allgemein erfahrungsseelenkundlichen Wissens“; Kaiser, Marita: Zum
Verhältnis von Karl Philipp Moritz‘ psychologischer Anthropologie und literarischer
Selbstdarstellung. - In: Barkhoff, J./ Sagarra, E. (Hg.): Anthropologie und Literatur um
1800. München 1992, S. 128; Müller, Lothar: Die kranke Seele und das Licht der Erkennt-
nis. Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser. Frankfurt a. M. 1987, S. 85.
8 Moritz, Karl Philipp: Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre. - In: K. Ph. Moritz:
Werke in drei Bänden, hg. v. Horst Günther. Bd. 3: Erfahrung, Sprache, Denken. Frankfurt
a. M. 1981, S. 85-99. Zitatbelege nach dieser Ausgabe unter Angabe der Abkürzung A und
der Seitenzahl künftig im laufenden Text.
4
im Anton Reiser angesehen werden. 9 Die Frage nach dem Menschenbild im Anton Reiser kann aufgrund dieses konstitutiven Zusammenhangs nicht ohne Berücksichtigung des der Erfahrungsseelenkunde zugrunde liegenden anthropologischen Konzeptes beantwortet werden. Das Menschenbild der Erfahrungsseelenkunde offenbart sich insbesondere in der Konzeption und der Zielsetzung des Magazins sowie in der Bestimmung des Krankheitsbegriffs.
Dass Moritz zur Schilderung der Lebensgeschichte Antons die Erzählform des Romans gewählt hat, ist im Kontext der Aufwertung des Romans als literarische Gattung am Ende des 18. Jahrhunderts zu sehen. Diese Aufwertung wiederum liegt in einer neuen Sichtweise auf den Menschen, einem Wandel im Menschenbild begründet: Das moralische Interesse am Menschen wird durch ein psychologisches abgelöst, da weniger nach dem Wert und der normativen Geltung als nach der empirischen Entstehung und Entwicklung der Meinungen, Taten und Leiden des einzelnen Menschen gefragt wird. 10 Einen wichtigen Beitrag zur Etablierung des Romans als psychologisch-anthropologische Gattung leistet der 1774 erschienene Versuch über den Roman von Friedrich von Blanckenburg. Diese erste selbständige Romantheorie, die wir in Deutschland besitzen, betrachtet den modernen Roman - Vorbild ist hier Christoph Martin Wielands Geschichte des Agathon (1766/ 67) - als das „geeignetste Instrument, das Innere des Menschen in einer lückenlosen Kette von Kausalbegründungen nicht nur darzustellen, sondern diese Motivierungen durch Anschauung und Reflexion in ihrem ganzen Umfange selbst sichtbar zu machen.“ 11 Die Tatsache, dass Moritz’ ‚psychologischer Roman’ Formulierungen enthält, die sich im Versuch Blanckenburgs wörtlich wieder finden, 12 bestätigt die Einbettung des Textes in den romanpoetologischen Diskurs der Zeit. Gleich in der Vorrede zum ersten Teil des Anton Reiser greift der Erzähler mit der
9 Vgl.: Simonis, Anette: Kindheit in Romanen um 1800. Bielefeld 1993, S. 26; Vgl. auch
Schrimpf, H. J.: Karl Philipp Moritz. Stuttgart 1980, S. 51: „Moritz‘ analysierende und die
Kausalzusammenhänge zurückverfolgende Erzählweise entspricht genau dem Verfahrens-muster und der Fragetechnik des Erfahrungsseelenkundlers.“
10 Vgl.: Riedel, Wolfgang: Anthropologie und Literatur in der deutschen Spätaufklärung.
Tübingen 1994, S. 133.
11 Schrimpf, H. J.: Moritz. Anton Reiser. - In: Wiese, Benno von (Hg.): Der deutsche Ro-
man. Vom Barock bis zur Gegenwart. Düsseldorf 1963, S. 100.
12 Vgl.: Ebd., S. 99-102.
5
angekündigten Schilderung der „innere(n) Geschichte des Menschen“ (AR 6) einen zentralen Begriff der Romantheorie Blanckenburgs auf. Die wichtigsten strukturellen und inhaltlichen Merkmale, die der Roman als anthropologisch-psychologische Gattung herausbildet, sollen in der vorliegenden Arbeit - insoweit sie für die erzählerische Vorgehensweise und die Darstellungsabsicht des Anton Reiser bedeutsam sind - anhand der Praxis Wielands und der Theorie Blanckenburgs aufgezeigt werden. Im Zentrum des ‚psychologischen Romans’ steht die innere Biographie des Protagonisten Anton Reiser, bei deren Darstellung es dem Erzähler besonders auf das „anfänglich klein und unbedeutend“ Scheinende ankommt, das oft im „Fortgang des Lebens sehr wichtig werden kann“ (AR 6). Vermittels einer Analyse des Romans wird aufgezeigt, welche gesellschaftlich-sozialen, ideologisch-religiösen und individualpsychologischen Faktoren der Erzähler für die Entstehung der psychischen Konstitution Antons verantwortlich sieht. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Kindheitsphase und die frühe Jugend Antons, da hier der Darstellung des Anton Reiser zufolge die entscheidenden Prägungen stattfinden, die den späteren Lebensweg des Protagonisten bestimmen.
Indem in der Textanalyse die Faktoren, denen maßgeblicher Einfluss auf die charakterliche Entwicklung des Protagonisten zugeschrieben wird, herausgestellt werden, wird zugleich das im Roman vertretene Menschenbild sichtbar.
6
2 Anthropologie und Literatur
2.1 Die Lehre vom Menschen im 18. Jahrhundert - Anthropologie
als Erfahrungswissenschaft
Der Begriff Anthropologie ist eine neuzeitliche Schöpfung. Er stellt eine Zusammensetzung der griechischen Worte ánthropos ‚Mensch‘ und lógos ‚Rede‘, bzw. ‚Wort‘ dar. Im klassischen Griechisch belegt ist nur anthropológos, was soviel wie ‚über andere Menschen reden‘ bedeutet. Das Wort anthropologia existiert überhaupt erst seit dem 16. Jahrhundert und bekommt hier seinen modernen Sinn als ‚doctrina humanae naturae‘, als Lehre vom (Wesen des) Menschen. 13 Über den Menschen, über sein Wesen und seine Natur hatte man schon in verschiedenen Zusammenhängen nachgedacht, aber als eine eigene wissenschaftliche Disziplin, die den Namen Anthropologie trägt, entsteht sie erst im 18. Jahrhundert. 14 Auf welchem Weg erfolgt die Herausbildung der Wissenschaft vom Menschen, in welcher Tradition steht sie und welcher Methoden bedient sie sich? Die Entstehung der philosophischen Anthropologie lässt sich im Wesentlich auf eine Wende zur Lebenswelt und Natur und damit auf eine Distanzierung von Metaphysik, Naturwissenschaft und Geschichtsphilosophie, d. h. auf ein Misstrauen gegenüber den drei repräsentativsten Organen der Vernunft, zurückführen. 15 Im 18. Jahrhundert wird Anthropologie vor allem innerhalb der deutschen Schulphilosophie Titel einer philosophischen Disziplin, die sich der Erforschung der Natur des Menschen unter verschiedenstem Aspekt widmete. Im Zuge der Herausbildung der Anthropologie als philosophische Wissenschaft „emanzipiert sich die Schulphilosophie aus der theologisch orientierten metaphysischen Tradition und stellt sich der Frage: wie ist der Mensch zu bestimmen, wenn nicht (mehr) durch Metaphysik und (noch) nicht durch mathematisch-experimentelle Naturwissenschaft?“ 16 Der
13 Vgl.: Literarische Anthropologie. - In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft,
hg. v. H. Fricke u. a. Bd. 2. Berlin/ New York 2000, S. 432-434.
14 Vgl.: Dülmen, Richard van: Die Entdeckung des Individuums 1500-1800. Frankfurt a. M.
1997, S. 79f.
15 Vgl.: Marquard, Odo: Zur Geschichte des Begriffs ‚Anthropologie’ seit dem Ende des
18. Jahrhunderts. - In: Ders.: Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Frankfurt a.
M. 1973, S. 218 (Anm.).
16 Marquard, Odo: Artikel „Anthropologie“. - In: Historisches Wörterbuch der Philosophie.
Hg. v. J. Ritter u. K. Gründer, Bd. 1, Basel/ Darmstadt 1971, Sp. 363.
7
Aufstieg der Anthropologie bedeutet damit zugleich den Fall der Metaphysik; 17 die Bestimmung des Menschen findet nicht mehr im metaphysischtheologischen Diskurs statt, denn die philosophische Anthropologie entwickelt sich
zu jener Philosophie des Menschen, die nicht (metaphysisch) auf Spekulation und nicht (physikalistisch) auf Mathematik und Experiment setzen will, sondern auf Naturbeschreibung und Lebenserfahrung ihre Menschenkenntnis stützt. 18
‚Naturbeschreibungen’ und ‚Lebenserfahrungen’ treten an die Stelle von Metaphysik und Naturwissenschaft. Diese Veränderung des philosophischen Interesses, die Marquard als „Wende zur Lebenswelt“ 19 beschreibt, ist eine erste Bedingung dafür, dass die philosophische Anthropologie entsteht und an Bedeutung gewinnt. 20 Zweite Bedingung für die Entstehung dieser Disziplin ist die „Wende zur Natur durch Abkehr von der Geschichtsphilosophie“ 21 .
Welches sind nun die Themenfelder und Gegenstände der sich neu konstituierenden Disziplin, die sich dem Menschen auf dem Weg der Erfahrung und Beobachtung zu nähern sucht? Welche Aspekte des Menschen sind vor allem am Ende der Aufklärung Gegenstand des Interesses? Das Themenfeld der Wissenschaft vom Menschen ist breit gefächert: Die „neue Philosophie der menschlichen Erfahrung“ befasst sich mit der „Untersuchung psychischer Wahrnehmungsvermögen, der individuellen Empfindungen und des Verhältnisses von Leib und Seele“ 22 . Auch diejenigen Bereiche der Erfahrung sollen erfasst werden, die als nicht verstandesgestützt gelten. Hierzu gehören u. a. Akte der Sinneswahrnehmung, physiologische Prozesse, Empfindungen und Nervenreize. 23 Insbesondere die Untersuchung pathologischer Zustände wird als viel versprechender Weg zur Menschener-forschung angesehen. 24
17 Vgl.: Schings, Hans-Jürgen: Melancholie und Aufklärung. Melancholiker und ihre Kriti-
ker in Erfahrungsseelenkunde und Literatur des 18. Jahrhunderts. Stuttgart 1977, S. 25.
18 Marquard (1971), Sp. 364.
19 Marquard (1973), S. 125.
20 Vgl.: Ebd., S. 124.
21 Ebd., S. 125.
22 Alt (1996), S. 8.
23 Vgl.: Ebd., S. 8.
24 Vgl.: Schings (1977), S. 17.
8
Zum Hauptthema der Anthropologie wird die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Zusammenhang von Leib und Seele: Anthropologie ist die neue populäre Wissenschaft des 18. Jh.; sie befaßt sich mit dem ‚ganzen Menschen‘ als einem leib-seelischen Ensemble; sie will im Gegensatz zu den herrschenden Denktraditionen die alte Aufspaltung von Sinnlichem und Vernunft in ein ‚commercium mentis et corporis‘, eine Verbindung von Leib und Seele, umdeuten. 25 Die Besonderheit der anthropologischen Rede vom Menschen im 18. Jahr-hundert besteht darin, dass „sie von seiner Vernunft und vom ‚Anderen‘ dieser Vernunft, von Leib und Trieb [...] zugleich spricht, und vor allem, daß sie beides, Geist und Körper gleich ernst nimmt.“ 26 Ernst Platner sorgt mit seiner Anthropologie für Ärzte und Weltweise von 1772 für terminologische Verbindlichkeit, indem er eine Anthropologie als Einheit von Physiologie und Psychologie fordert. 27 Seine Wissenschaft vom Menschen will „Körper und Seele in ihren gegenseitigen Verhältnissen, Einschränkungen und Beziehungen“ thematisieren; sie will wissen, „was die Natur aus dem Menschen macht.“ 28 Dieser Begriff von Anthropologie war der die deutsche Spätaufklärung bestimmende. 29 Karl Philipp Moritz nimmt in seinem Beitrag zur Erforschung des Menschen die Leitprinzipien der Anthropologie des späten 18. Jahrhundert auf. 30 Schon der Titel der psychologischen Zeitschrift, Magazin zur Erfahrungs-seelenkunde, macht den zentralen Stellenwert der Erfahrungen für diese Wissenschaft vom Menschen deutlich. Unter vorläufiger Aussparung von Urteil und Theorie geht es um die Beobachtung und Beschreibung des individuellen Falls. Dabei wird die Beobachtung des eigenen Ich zum bevorzugten, weil authentischsten Gegenstand der Beobachtung. 31 Neben dem Interesse für den konkreten Fall und der Orientierung an Erfahrung und Beobachtung findet sich der dezidiert aufklärerische Anspruch, öffentlichen Nutzen zu erzielen. Auch die deutliche Tendenz, bevorzugt die pathologi-
25 Pfotenhauer,Helmut: Literarische Anthropologie. Selbstbiographien und ihre Geschichte
- am Leitfaden des Leibes. Stuttgart 1987, S. 1.
26 Riedel (1994), S. 95.
27 Vgl.: Schings (1977), S. 24.
28 Ernst Platner: Anthropologie für Ärzte und Weltweise. Erster Theil (nicht mehr erschie-
nen) Leipzig 1772, S. XVII, zitiert nach Riedel (1994), S. 104f.
29 Vgl.: Riedel (1994), S. 105.
30 Vgl.: Schings (1977), S. 30.
31 Vgl.: Ebd., S. 28.
9
schen Seiten der Natur des Menschen zu beobachten und zu beschreibenim Magazin finden sich in den ersten fünf Jahrgängen beinahe ausschließlich Beiträge zur Rubrik der „Seelenkrankheitskunde“ 32 - stimmt mit der gängigen anthropologischen Praxis der Spätaufklärung überein. Im Magazin und im ‚psychologischen Roman’ wird der Einfluss des Körpers auf die Seele zwar nicht völlig ignoriert, aber in erster Linie wird „nach einer rein psychologischen Erklärung der Seelenkrankheiten“ 33 gesucht. Angestrebt wird eine genetische Herleitung der Krankheitssymptome zum Zwecke der Heilung. Umgesetzt findet sich diese Forderung im Anton Reiser, wo die Seelenkrankheit auf ihre erste Ursache, die Kindheitserfahrungen des Protagonisten, zurückgeführt wird.
2.2 Das Menschenbild der Erfahrungsseelenkunde
2.2.1 Konzeption und Zielsetzung des Magazins zur Erfahrungssee-
lenkunde
Karl Philipp Moritz betritt mit der Herausgabe des Magazins zur Erfah-rungsseelenkunde das Problemfeld der menschlichen Seele und ihrer wissenschaftlichen Erforschung. 34 Unter späterer Mitarbeit von Carl Friedrich Pockels und Salomon Maimon wird das Magazin von 1783 bis 1793 in zehn Bänden zu je drei Stücken herausgegebenen. Zwischen dem ‚psychologischen Roman’ Anton Reiser und dem Magazin besteht ein konstitutiver Zusammenhang: Die Herausgabe der Zeitschrift umschließt die Entstehung des literarischen Textes zeitlich; Moritz hat im Jahre 1784, also noch vor Erscheinen des Romans, Fragmente aus Anton Reisers Lebensgeschichte 35 ,
32 Vgl.: Meier (2000), S. 110.
33 Art.: Psychologie. - In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 7. 1989, Sp. 1604.
34 Über Vorläufer und Einflüsse auf Moritz‘ Projekt der Erfahrungsseelenkunde informiert
ausführlich: Bezold (1984), S. 116-149.
35 Fragment aus Anton Reisers Lebensgeschichte (MzE II, 1, 62-77); Fortsetzung aus Anton
Reisers Lebensgeschichte (MzE II, 2, 119-129).
10
darunter den Aufsatz Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit (MzE I, 1, 50-54) im Magazin abgedruckt. 36
Inhaltlich wie formal stellt der Anton Reiser die literarische Umsetzung er-fahrungsseelenkundlicher Grundsätze dar. 37 Die Frage nach dem Menschenbild im Roman kann aufgrund dieses sowohl engen inhaltlichen als auch entstehungsgeschichtlichen Zusammenhangs nicht ohne Berücksichtigung des anthropologischen Konzeptes, das der von Moritz im Magazin betriebenen Erfahrungsseelenkunde zugrunde liegt, beantwortet werden. Im vorliegenden Kapitel soll daher das Menschenbild der Erfah-rungsseelenkunde in seinen Grundzügen herausgearbeitet werden. Ausgegangen wird hierbei im Wesentlichen von der Ankündigungsschrift, Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre 38 , in der die wissenschaftliche Konzeption und die Zielsetzungen des Magazins vorgestellt werden, sowie von den im ersten Band des Magazins abgedruckten Grundlinien zu einem ohngefähren Entwurf in Rücksicht auf die Seelenkrankheitskunde. Der hier vertretene Krankheits- bzw. Gesundheitsbegriff liegt dem im Roman entwickelten Krankheitsbild der Figur des Anton Reiser zugrunde. Der „Erforschung und Betrachtung“ des Menschen selbst ist Moritz‘ Projekt gewidmet; denn, so fragt er als typischer Vertreter seiner Zeit 39 in der Vor-
36 Allediese Vorabdrucke sind im Anhang der Reclam-Ausgabe des Anton Reiser abge-
druckt. Der Vorabdruck von Fragmenten in der psychologischen Zeitschrift lässt darauf
schließen, dass der Anton Reiser zunächst als Beispielfall aus dem Bereich „Seelenkrank-heitskunde“ oder „Seelennaturkunde“ des Magazins konzipiert war. Vgl.: Schrimpf
(1980a), S. 35.
37 „Analytisch reflektierende empirische Psychologie ist das strukturierende Prinzip der au-
tobiographischen Erzählung.“ Schrimpf (1980a), S. 35; Vgl. in der vorliegenden Arbeit die
Verweise auf den Forschungsstand: Anm. 7 und 9.
38 Der Aufsatz Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre wurde 1782 zum Anlass der
„Jubelfeier des Werderschen Gymnasiums“ als eigenständiger Widmungsdruck veröffent-licht und unter dem Titel Vorschlag zu einem Magazin einer Erfarungs-Seelenkunde in die
Zeitschrift Deutsches Museum aufgenommen. Eine Kurzfassung wurde unter dem Titel An-kündigung eines Magazins der Erfahrungsseelenkunde im Berlinischen Magazin der
Künste und Wissenschaften und in der ‚gemeinnützigen Wochenschrift‘ Allerneueste Man-
nigfaltigkeiten verbreitet. Vgl.: Meier (2000), S. 104; Die Umbenennung von
„Experimentalseelenkunde“, ein Begriff der auf Johann Gottlieb Krügers Experimental-
Seelenlehre (1756) zurückgeht, in „Erfahrungsseelenkunde“ erfolgt auf den Rat Moses
Mendelssohns hin. Sie trägt der methodischen Vorgehensweise dieser Wissenschaft Rech-
nung: Nicht Experimente bilden die Basis des Magazins, sondern Beobachtungen und
Sammlung von Fakten, die nach Christian Wolff in den Bereich der Erfahrung und nicht in
den des Versuchs fallen. Vgl.: Bezold (1984), S. 133; Vgl. auch Liliane Weissberg: Erfah-
rungsseelenkunde als Akkulturation: Philosophie, Wissenschaft und Lebensgeschichte bei
Salomon Maimon. - In: Schings, H.-J. (Hg.): Der ganze Mensch. Anthropologie und Lite-
ratur im 18. Jahrhundert. DFG-Symposium 1992. Stuttgart/ Weimar 1994, hier S. 299.
39 Die eingehende Beschäftigung des Menschen mit sich selbst und die Betonung der
menschlichen Individualität erreichen im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Vgl.: Groli-
11
rede zum ersten Band der Zeitschrift, „was ist dem Menschen wichtiger als der Mensch?“ (MzE I, 1, 7) Auch im Anton Reiser rückt der Mensch in den Mittelpunkt des Interesses, denn die Schilderung der Lebensgeschichte folgt dem Leitsatz „die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles Dasein wichtiger zu machen.“ (AR 6) Der Mensch in seiner individuellen Beschaffenheit, von dem Moritz „ohne jede Einschränkung oder ständische Differenzierung“ 40 spricht, wird zum Maß aller Dinge. Diese neue Aufmerksamkeit aufs Individuum kann als das „Ergebnis eines Modernisierungsprozesses im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, in dem sich ein allmählicher Übergang von der ständischen (stratifikatorischen) zur funktionsorientierten (‚bürgerlichen’) Gesellschaft vollzieht“ 41 , betrachtet werden. Die Unbestimmtheit des sich herausbildenden modernen Subjekts wird „in unterschiedlichen Varianten philosophischer, psychologischer, anthropologischer und literarischer Diskurse zu bestimmen versucht“ 42 .
Die detaillierte Rekonstruktion der inneren Geschichte des Helden im Verhältnis zu den äußeren Gegebenheiten im Anton Reiser stellt den Versuch Moritz’ dar, im Rückgriff auf zeitgenössische psychologische, anthropologische und literarische Diskurse zu bestimmen, wie menschliche Individualität entsteht. Damit sucht auch der Anton Reiser, den Moritz selbst als „die stärkste Sammlung von Beobachtungen der menschlichen Seele“ bezeichnet, die er „zu machen Gelegenheit gehabt habe“ (MzE IV, 3, 195), einen Beitrag zur Bestimmung des Menschen 43 zu leisten.
mund, Josef: Das Menschenbild in den autobiographischen Schriften Karl Philipp Moritz’.
Eine Untersuchung zum Selbstverständnis des Menschen in der Goethezeit. Zürich 1967, S.
13.
40 Kaulen, Heinrich: Erinnertes Leid. Karl Philipp Moritz: „Anton Reiser“. - In: Literatur in
Wissenschaft und Unterricht 15 (1982), S. 142.
41 Voßkamp, Wilhelm: Poetik der Beobachtung. Karl Philipp Moritz’ „Anton Reiser“ zwi-
schen Autobiographie und Bildungsroman. - In: Études Germaniques 51 (1996), S. 472.
42 Ebd.
43 „Das Thema der ‚Bestimmung des Menschen’ war […] eine der bedeutendsten Leitideen
der gesamten aufklärerischen Bewegung in Deutschland. […] Eine Vielzahl von Motiven
und Interessen lag dem Ausdruck ‚Bestimmung des Menschen’ zugrunde. Sie äußerten sich
in letzter Instanz in der Frage nach dem Menschen, nach seinem Zweck in der Welt, und
zwar als Mensch, als Bürger und als Mitglied der Gesellschaft, nach seinem Verhältnis zu
Gott sowie nach der Totalität seiner moralischen und physischen Beschaffenheit.“
D’Alessandro, Guiseppe: Die Wiederkehr eines Leitworts. Die „Bestimmung des Men-
schen als theologische, anthropologische und geschichtsphilosophische Frage der deutschen
Spätaufklärung. - In: Hinske, Norbert (Hg.): Die Bestimmung des Menschen. Hamburg
1999, S. 21f.
12
Schon ab 1782 wirbt Moritz mit dem programmatischen Aufsatz Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre für sein „ehrgeizig angelegtes For-schungsvorhaben, mit dem er die psychologisch Interessierten Deutschlands auf einer gemeinsamen Plattform organisieren wollte.“ 44 Durch die Sammlung von psychologischen Fallgeschichten verschiedenster Ausrichtung in einer Zeitschrift sollte die breite Palette menschlichen Verhaltens zunächst einmal unter bestimmten Rubriken 45 gesammelt und nicht „eher Reflexionen angestellt [werden] bis eine hinlängliche Anzahl Fakten da sind, und dann am Ende dieses alles einmal zu einem zweckmäßigen Ganzen geordnet“ (A 90) werden. Ausgangspunkt der sich als Erfahrungswissenschaft verstehenden Seelenkunde sind Beobachtungen; 46 es sollen „Fakta, und kein moralisches Geschwätz“ (MzE I, 1, 8) geliefert werden. Mit dieser Forderung richtet sich Moritz gegen eine vorschnelle, vernunftbestimmte moralische Beurteilung menschlichen Verhaltens. 47 Unter Fakten versteht er beispielsweise „eigne wahrhafte Lebensbeschreibungen, oder Beobachtungen über sich selber“, „Beßrungsgeschichten von Jünglingen, und Erwachsenen in jedem Alter“ (A 89), „Charaktere und Gesinnungen aus vorzüglich guten Romanen und dramatischen Stücken [...]. Vorzüglich aber Beobachtungen aus der wirklichen Welt“ (A 90). Auf das bloße Zusammentragen von Fakten bleibt das wissenschaftliche Programm des Magazins jedoch nicht beschränkt, denn der hier stattfindende Austausch von Erfahrungen und Beobachtungen soll zu allgemeinen Erkenntnissen führen: Dann müßten aber schlechterdings nur wirkliche Fakta darin abgedruckt werden, und wer sie einsendete, müßte der Versuchung widerstehen, Reflexionen einzuweben, so würde es sich vielleicht von selber fügen, daß mehrere nach und nach eingesandte Fakta einen bisher zweifelhaften Satz endlich bestätigen, oder einen anderen einschränken [...] Dann ist es vollendet, wenn alle Ausnahmen bemerkt sind, wenn die Fakta sich immer so einfinden, daß sie keine Ausnahme mehr von der Regel machen. (A 90f.)
45 Auf Moses Mendelssohns Anregung hin übernimmt Moritz die Einteilungen der Arznei-
wissenschaften für die Erfahrungsseelenkunde, indem er die Aufsätze im Magazin unter die
„Rubriken der Seelennaturkunde, Seelenkrankheitskunde, Seelenzeichenkunde, Seelendiätä-
tik“ (MzE I, 1, 8) ordnet.
46 Vgl.: Bezold (1984), S. 167.
47 Vgl.: Bennholdt-Thomsen, Anke/ Guzzoni, Alfredo: Der „Asoziale“ in der Literatur um
1800. Königstein/ Ts. 1979, S. 38. (1979 b)
13
Auf diesem Weg könne „das menschliche Geschlecht durch sich selber mit sich selber bekannter werden, und sich zu einem höhern Grad der Vollkommenheit emporschwingen“ (A 90). Mehrung der Menschenkenntnis um der Vervollkommnung der Gattung Mensch willen ist das hehre Ziel, das sich Moritz mit der Inangriffnahme seines Projekts der Erfahrungsseelen-kunde setzt. Der Glaube an die prinzipielle Vervollkommnungs- und Verbesserungsfähigkeit des Menschen, der hier zu Tage tritt, steht deutlich im Zeichen des aufklärerischen Fortschrittsoptimismus. Der Weg ins Innere des Menschen erfolgt zunächst über Selbstbeobachtung und Selbsterfahrung sowie „moralische Ärzte“, die nicht wie die Vernunftmoral von den „Individuis“ abstrahieren, sondern „spezielle Beobachtungen“ (A 88) anstellen. 48 Moritz stellt einen engen Zusammenhang zwischen Beobachtung, Selbsterkenntnis und dauerhaftem Glücklichsein her. So ist für ihn die durch Selbstbeobachtung gewonnene „Erkenntnis seiner selbst“ (A 90) Bedingung dafür, dass der einzelne Mensch vollkommener und damit zugleich glücklicher und zufriedener werde. Glücklich könne der Mensch aber nur sein, wenn er geistig gesund sei. Dieser Erkenntnis verdankt sich die therapeutische Ausrichtung des Magazins, die insbesondere in den Rubriken zur „Seelendiätätik“ 49 und „Seelenheilkunde“ zum Tragen kommt. Im ersten Band schreibt Moritz im Vorwort der Rubrik zur „Seelendiätätik“: Wer also fortdauernd glücklich zu seyn wünscht, muß sich aus sorgfältigen Beobachtungen über sich selbst, nach und nach seine eigne Seelendiätätik abstrahiren, und in dieser heilsamen Wissenschaft immer vollkommener zu werden suchen. (MzE I, 1, 85)
Moritz’ Psychologie steht im Dienste der Beförderung der Menschenkenntnis. Maßstab für sein Erkenntnisinteresse an der Seele ist das individuelle Glück des Einzelnen, das wiederum die Voraussetzung für die Glückseligkeit aller Menschen darstellt. 50 Das Neue an Moritz’ Projekt liegt nicht in
48
Vgl.: Müller, Götz: Die Einbildungskraft im Wechsel der Diskurse. Annotationen zu A-
dam Bernd, Karl Philipp Moritz und Jean Paul. - In: Schings, H.-J. (Hg.): Der ganze
Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert. DFG-Symposion 1992. Stuttgart/
Weimar 1994, S. 708.
49 „Die Seelendiätätik lehrt entweder, wie der gesunde Zustand der Seele erhalten, oder der
kranke Zustand derselben zum Theil gemildert oder behoben werden kann, und in diesem
letztern Falle schlägt sie in das Fach der Seelenheilkunde […].“ (MzE I, 1, 83)
50 Vgl.: Bennholdt-Thomsen, Anke/ Guzzoni, Alfredo: Nachwort zum Magazin zur Erfah-
rungsseelenkunde. - In: Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde hg. v. Carl
Philipp Moritz. 10 Bde. Berlin 1783-1793. Faksimile-Druck nach dem Original von 1783,
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der methodischen Vorgehensweise und der übergeordneten Zielsetzung, sondern in der therapeutischen Ausrichtung begründet. Insbesondere die Krankheiten der Seele gelten als aufschlussreich, „weil sie ex negativo auf das, was Gesundheit, Glück, Zufriedenheit sein könnte verweisen und helfen, es zu erreichen.“ 51 Das Glück des Einzelmenschen sucht Moritz im Magazin zu erreichen, indem er krankhafte Seelenzustände beschreibt, die Ursachen analysiert und therapeutische Vorschläge macht. 52 Neben der therapeutischen verfolgt Moritz auch eine pädagogischdidaktische Zielsetzung: Moritz spricht in den Aussichten deutlich als Pädagoge 53 , denn es geht ihm - wie er einleitend bemerkt - um die „moralische Bildung des jugendlichen Herzens“ (A87):
„Was ist nötiger, in ein junges Herz einzudringen, als die Kenntnis dieses Herzens, und was ist schwerer, als eben dieses!“ (A 87) Um auf den jugendlichen Menschen einwirken zu können, ist Moritz’ Ansicht nach die Kenntnis des Herzens notwendige Voraussetzung. Auf die Hindernisse, die sich hierbei in den Weg stellen, kommt er direkt zu sprechen: Die Gesetze der Höflichkeit sind es, die dazu führen, dass der Mensch schon von frühester Jugend an lernt, sich zu verstellen, so „daß das Gepräge der Seele von dem Angesichte des Menschen schon so früh verwischt“ (A87) wird. Dies erschwert es dem Beobachter, zum Herzen vorzudringen. Der Ton, die Mienen, die Worte sind nicht mehr „natürlicher Ausdruck der Empfindung“ (A 88), sondern vielmehr Produkt der Sozialisation des Menschen. Auf diese Weise wird mit der Zeit ein „dichter Vorhang“ (A 88) gewebt, den der Blick des Beobachters der Herzen nicht mehr so leicht zu durchdringen vermag. Gerade dem Schulmann sind laut Moritz aber viele Gelegenheiten gegeben, „Beobachtungen über den Menschen anzustellen“, da er gegenüber dem Erzieher „den Vorteil der Mannigfaltigkeit der Subjekte“ (A 97) habe und somit Vergleiche anstellen könne. Abgeleitet aus seinen eigenen Erfahrungen als Lehrer, gibt Moritz im Folgenden an Schulmänner gerichtete Anweisungen zur Schülerbeobachtung und fordert dazu auf, diese
hg. v. Anke Bennholdt-Thomsen u. Alfredo Guzzoni. Lindau 1979, Bd. 10, S. 1-65, hier S.
1. [1979 a]
51 Bennhold-Thomsen/ Guzzoni (1979 a), S. 4.
52 Vgl.: Ebd., S. 5.
53 Moritz erhält im November 1778 eine Anstellung als Lehrer an der unteren Schule des
Berlinischen Gymnasiums und wird dort 1779 Konrektor. Später erhält er einen Lehrauf-
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Arbeit zitieren:
Alexandra Lisson, 2003, Das Menschenbild in Karl Philipp Moritz' psychologischem Roman "Anton Reiser", München, GRIN Verlag GmbH
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