Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Geburt und Kindheit - Unbewusste Prägung 4
3. Die geruchliche Welt - Vereinzelung und Realitätsentfremdung 7
4. Geniegedanke und Größenphantasie S.10
5. Stabilisierung des Größenselbst und Allmachtgedanken S.11
6. Scheitern und Selbstzerstörung S.15
7. Schlussbemerkung S.16
8. Literaturverzeichnis S.17
1
1. Einleitung
1 erzählt Pat-In seinem Roman Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders rick Süskind die Geschichte eines Menschen ohne Eigengeruch, der aber paradoxerweise mit einem genialem Geruchssinn ausgestattet ist. Im Laufe seines Lebens tötet dieser 26 Mädchen und verarbeitet ihren Duft zu einem absoluten Parfum, mit dessen Hilfe er seiner Hinrichtung entgeht. Mit dem Duftwasser „über und über besprenkelt“ wird er auf dem Friedhof, der auch seine Geburtsstätte ist, bacchanalisch verspeist.
Mit weltweit 6 Millionen aufgelegten Exemplaren, davon 1,5 Millionen allein in 2 , avancierte Süskinds Roman zum Verkaufserfolg und Kritikerlieb-Deutschland
ling. Trotzdem setzt sich der Roman durch die für die postmoderne Literatur kennzeichnende Intertextualität vom Trivialen ab. Lobend hervorgehoben werden die Gewandtheit des Erzählens, der Umgang mit der literarischen Tradition, sowie die Synthese aus Kriminal-, Bildungs- und Künstlerroman. Den im Text befindlichen mythologischen, religiösen und historischen Bezüge und auch der Erörterung des Geniebegriffs sind in Zusammenhang mit dem Roman zahlreiche Abhandlungen gewidmet.
Weniger beleuchtet ist die subtile und detaillierte Konstruktion der Hauptfigur. Obwohl der Protagonist Grenouille eine Kunstfigur darstellt, die psychologisch nicht fassbar ist, weist der Roman Entwicklungsstationen im Leben dieser Figur auf, die symbolisch mit der psychoanalytischen Theoriebildung verknüpft sind. Der Roman entwirft mit seiner Hauptfigur das komplexe, weitgehend kohärente Bild einer narzißtischen Persönlichkeit, die bestrebt ist ihr fragiles Selbst durch den Aufbau eines Größenselbst zu stabilisieren. Dies ist nicht offensichtlich, sondern wird vielmehr unter der Oberfläche des Erzählten sichtbar. Ebenso ist die Hauptfigur mit Verhaltensmerkmalen und Eigenschaften ausgestattet, die wenn sie auch phantastisch sein mögen, auf psychologischer Ebene plausibel erscheinen.
1 Süskind, Patrick: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: 1985
2 Vgl. Matzkowski: Erläuterungen zu Patrick Süskind. Das Parfum, S. 16.
2
Laut Frizen dürfte es Grenouilles genetische Veranlagung - wie die Mutter so der Sohn - sein, die schon am Tag seiner Geburt seinen Charakter festlegt und ihn später dazu befähigt, zum Massenmörder von 26 jungfräulichen Mädchen zu werden:
„Da wird im Jahre 1738 ein Monstrum geboren, - nein nicht geboren, sondern wörtlich aus dem Mutterbauch in die Welt geworfen, abgenabelt nämlich auf dem Fischmarkt und nahe dem Friedhof in einem Gebrodel von verwesenden Fisch, Blut und Kot, und von der nicht minder monströsen Mutter für tot liegengelassen.“ 3 Auch wenn Grenouilles Wesen mit seiner Geburtsstunde besiegelt scheint, bettet Süskind seinen Protagonisten in ein Netz einer nachvollziehbaren psychologischenSymbolik.
2. Geburt und Kindheit - Unbewußte Prägung
Anhand der Szenen mit der Mutter verdeutlicht Süskind gleich zu Anfang das Motiv der Ablehnung, das die Kindheit des Protagonisten prägen soll. Die Mutter will nur „daß der Schmerz aufhöre“ und „die eklige Geburt so rasch als mög- 4 unddas „Ding“ (8), so wie ihre vier Halbtot- und lich hinter sich bringen“ (7f.)
Totgeburten zuvor, mit dem Fischgekröse verschwinden lassen. In dem Glauben das Kind sei tot, wendet sie sich von ihm ab und gibt dem Neugeborenen nicht einmal die Chance als Lebewesen, das es von totem Fischabfall trennen würde, erkannt und anerkannt zu werden.
Ein Neugeborenes reagiert, nach Freud, aus seinem Paradies im Bauch der Mutter plötzlich vertrieben, darauf mit Angst und Wut. Diese Angst ensteht aus dem Gefühl, aus einem wohligen Zustand der Sicherheit und Geborgenheit, in der die Bedürfnisse vollständig und sofort befriedigt werden, herausgerissen zu sein und in eine völlig unbekannte neue Welt einzutauchen. Gemildert wird diese panische Angst, wenn die Mutter das Kleine liebevoll an sich nimmt. Durch
3 Werner Frizen: Das gute Buch für Jedermann oder Verus Prometheus. Patrick Süskinds Roman
Das Parfum, in Deutsche Vierteljahresschrift. 68, 1994; S. 759.
4 Seitenzahlen im Text verweisen auf: Patrick Süskind, Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders.
Zürich: 1985
3
sie gewinnt das Neugeborene eine Ahnung, dass das Gute ihm auch von außen zur Verfügung stehen kann. Eine so funktionierende symbiotische Beziehung 5 schafft im Kind ein Urvertauen.
Da Grenouilles erste Erfahrungen die der Ablehnung, der Gleichgültigkeit und der mangelnden Fürsorge sind, ist es nachvollziehbar, daß der Schrei, mit dem er auf sich aufmerksam macht, „kein instinktiver Schrei nach Mitleid und Liebe“, sondern ein Schrei der Entscheidung „gegen die Liebe und dennoch für das Leben“(28) ist.
Neben dem Fehlen der warmherzigen Mutter ist der familiäre Kontext des Protagonisten auch durch eine Abwesenheit des biologischen Vaters gekennzeichnet. Dieser wird im gesamten Roman nicht erwähnt. Pater Terrier, der eine potentielle Vaterfigur darstellen könnte, gibt sich nur kurz derartigen Gefühlen hin, die er darauf aber sofort verwirft:
„Zerstoben das sentimentale Idyll von Vater und Sohn und duftender Mutter. Wie weggerissen der gemütlich umhüllende Gedankenschleier, den er sich um das Kind und sich selbst zurechtphantasiert hatte [...] (23)
Die Funktion des Vaters, der nach psychoanalytischer Theoriebildung das familiäre Dreieck vervollständigt, besteht darin, das Kind aus der Symbiose mit der 6 und -Strukturen in ihm zu errichten, die Mutter zu treiben und die Ich-Grenzen
es zur Realitätsbewältigung braucht. Auf eine fehlende Realitätsbewältigung der Hauptfigur kommt der Roman ausgiebig zurück.
Die ersten Lebensjahre des Protagonisten sind geprägt durch rasch wechselnde, instabile Sozialbeziehungen, die auf mangelnder Liebe beruhen. Süskind gestattet der Hauptfigur keine Bezugsperson, die nur annähernd die symbiotische Funktion einer Mutterrolle übernehmen könnte.Der Autor unterstützt dieses Argument insoweit, dass er Pater Terrier, in dessen Obhut Grenouille gerät, folgende Worte zu einer Amme sagen läßt:
[...] Andererseits ist es nicht gut ein Kind so herumzuschubsen. Wer weiß, ob es mit anderer Milch so gut gedeiht wie mit deiner. Es ist den Duft deiner Brust gewöhnt, musst du wissen, und den Schlag deines Herzens.“ (13)
5 Vergl. Freud: Abriß der Psychoanalyse. Einführende Darstellungen. Frankfurt a. Main: 1994
6 Das Ich hat die Aufgabe zwischen dem Es (Das Ererbte, Das konstitutionell Festgelegte, Die Trie-
be) und der Außenwelt zu vermitteln. Es wird hauptsächlich durch das selbst Erlebte, das Akziden-
tielle und Aktuelle bestimmt. (vergl. Freud, Abriß der Psychoanalyse, Kap. 1, S.42)
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Arbeit zitieren:
Eileen Seifert, 2003, Die Symbolik der Hauptfigur in Verbindung mit der psychologisch-psychoanalytischen Theoriebildung in Patrick Süskinds Roman "Das Parfum", München, GRIN Verlag GmbH
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