Inhalt:
Abk ürzungsverzeichnis. 4
1. Einleitung. 5
2. Propaganda der Defensive: Kampf um die Moral im Herbst 1943 7
2.1 Die historische Ausgangslage 7
2.2 Der strategische Bombenkrieg der Alliierten 7
2.3 Die Bombardierungen von Hannover und Kassel im Herbst 1943 8
2.4 Der Luftkrieg als Herausforderung der Propaganda. 9
2.4.1 Goebbels Strategie der „neuen Realistik“ 10
2.4.2 Taktische Unklarheiten: Aufhetzen oder beruhigen? 11
3. Goebbels Reden in Kassel und Hannover 15
3.1 Indoktrination der Partei - Der Appell der Kasseler Amtswalter 15
3.1.1 Kraft durch Furcht 19
3.1.2 Das „Wunder der Vergeltung“ 21
3.2 Großkundgebung vor der Bevölkerung in Hannover 22
3.2.1 Der 9. November 1918 als „positive Erfahrung“ 23
3.2.2 Italien als abschreckendes Beispiel 25
3.3 Zusammenfassung: Parallelen und Unterschiede beider Reden. 25
4. Rezeption und Verbreitung der Reden in den Medien 28
4.1 Berichterstattung vor Ort: Die Tageszeitungen in Hannover 29
4.2 Berichterstattung in den Regionen und im gesamten Reich. 30
5. Fazit: Die Reden des Propagandaministers als lokales Großereignis. 32
Literaturverzeichnis 34
Anhang. 36
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1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der nationalsozialistischen Propaganda in der von deutschen Rückschlagen und Niederlagen gekennzeichneten Kriegssituation des Herbstes 1943. Die Analyse bezieht sich in erster Linie auf zwei Reden, die Propagandaminister Goebbels im November 1943 in Kassel und Hannover gehalten hat. Dabei stehen die allgemeinen 1 und besonderen Darstellungen, Argumenten und Implikationen im Vordergrund, die Goebbels an einen Teil der Bevölkerung richtet, der durch vorausgegangene schwere Luftangriffe unmittelbar die zerstörerischen Konsequenzen des von Goebbels propagierten totalen Kriegs erfahren hatte. Die Leitfrage lautet also: Wie reagiert die Propaganda angesichts der zunehmenden Bombenangriffe auf deutsche Städte?, oder weniger allgemein: In welcher Weise bedient sich Goebbels des Mediums der öffentlichen Rede, um auf die Menschen an der „Heimatfront“ einzuwirken?
In (kommunikations-) historischen Untersuchungen zu Goebbels und der nationalsozialistischen Propaganda haben die öffentlichen Reden bislang selten das Hauptaugenmerk auf sich gezogen. Zwar liegt seit 1972 eine umfassende (wenn auch nicht vollständige) kritische Edition von Helmut Heiber vor; Arbeiten wie die von Iring Fetscher 2 , die sich zentral mit den Reden befassen, bilden jedoch nach wie vor die Ausnahme. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass trotz der geschickten Nutzung medial vermittelter Kommunikation (v.a. Radio, Wochenschauen) durch die NS-Propaganda die öffentliche Rede auf Massenveranstaltungen ein wesentliches Element der Beeinflussung der Bevölkerung blieb. Dies gilt umso mehr für die Zeit nach er Winterkrise 1941/42, als die Glaubwürdigkeit und damit die Wirksamkeit der Medien aufgrund der offensichtlich gelenkten Vorspiegelung falscher Tatsachen abnahm (vgl. Bohse 1988, 50). Zwar lässt sich hieraus nicht ableiten, dass die Wichtigkeit und Wirksamkeit der Reden in gleichem Maße zunahm 3 . Für einen geschickten Redner wie Goebbels bestand jedoch im öffentlichen Auftritt die Möglichkeit, die Argumentation intensiver und suggestiver auf das Publikum wirken zu lassen, als dies etwa in gedruckten Texten möglich war. 4
1 Allgemein im Sinne der längerfristigen Propagandastrategie und hinsichtlich anderer Äußerungen und Publikationen Goebbels.
2 Iring Fetscher: Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast 1943. 'Wollt Ihr den totalen Krieg?', Hamburg 1998.
3 Allgemein hatten Vorträge des Volksbildungswerks eine bessere Resonanz als sonstige Propagandaveranstaltungen. Im SD-Bericht zu Inlandsfragen vom 8. November 1943 heißt es: „Es wird [aber] übereinstimmend festgestellt, dass die Bedeutung solcher Vorträge, wenn sie nach Thema und Redner geschickt
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In der Untersuchung sollen die spezifischen Merkmale der Kommunikationssituation beider Reden dargestellt und vergleichend analysiert werden. Dazu wird zunächst auf die allgemeine Kriegslage im November 1943 und auf die jeweiligen Zustände in Kassel und Hannover eingegangen. Dann werden die Reden selbst hinsichtlich ihrer Argumentation und der Kommunikationsabsichten Goebbels vergleichend untersucht. Dabei wird angenommen, dass ein grundsätzlicher Unterschied der Kommunikationssituation beider Reden besteht: In Kassel spricht Goebbels in erster Linie vor Parteifunktionären, in Hannover handelte es sich dagegen um eine Massenkundgebung vor einem breitgefächerten zivilen Publikum. Gerade weil Ausgangslage und Zeitpunkt beider Reden nahezu deckungsgleich sind kann im Vergleich herausgearbeitet werden, auf welche spezifische Weise Goebbels auf seine unterschiedlichen Publika eingeht, wo die Parallelen und Unterschiede seiner Argumentation liegen. In einem weiteren Schr itt wird die Darstellung der Reden im Medienverbund der lokalen und überregionalen Medien rekonstruiert. Dabei ist zu fragen, welche Bilder der Reden und ihrer für das Regime schwierigen Thematik in einer breiteren Öffentlichkeit durch den Filter der Meinungslenkung erzeugt werden sollen, welche Bewertung sie hinsichtlich ihrer Bedeutung erfahren und wie die Streuung der Mediendarstellung in den verschiedenen Verbreitungsgebieten variiert (dazu s. Anhang 1).
ausgewählt und durchgeführt würden, nicht unterschätzt werden dürfen. Nach zahlreichen Beobachtungen würde gerade von Vorträgen Volksgenossen aller Schichten erfasst und angesprochen, die heute nur noch mit gewissen inneren Widerständen in politische Propagandaveranstaltungen zu bringen seien.“ (Boberach 1984, 5965-5966)
4 „Im Gegensatz zu Hitlers Reden lassen sich die seines Propagandaministers als formal durchaus ansprechende Texte lesen - klar aufgebaut, von logischer Stringenz der Gedankenführung, raffiniert komponiert und stilistis ch ausgefeilt. Diese Texte verstand er alsdann aufs wirkungsvollste umzusetzen, wobei er bis zuletzt als nüchtern kalkulierender und glänzend agierender Regisseur und Schauspieler in einer Person arbeitete.“ (Wende 1994, 960)
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2. Propaganda der Defensive: Kampf um die Moral im Herbst 1943
2.1 Die historische Ausgangslage
Das Jahr 1943 markierte nicht nur zeitlich den ungefähren Mittelpunkt des Zweiten Weltkriegs. An seinem Anfang stand als Wendepunkt die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad am 31. Januar, die aus der Rückschau den Anfang vom Ende des NS-Staates markiert. Die militärischen Misserfolge der Achsenmächte setzten sich insbesondere mit der Kapitulation der „Heeresgruppe Afrika“ am 13. Mai fort. Im Juli 1943 brach die Achse Deutschland-Italien mit dem Sturz Mussolinis. Dieser bedeutete für Deutschland nicht nur den Verlust eines Verbündeten, sondern auch die Eröffnung einer weiteren Front durch die Landung der Alliierten in Süditalien und die Kriegserklärung Italiens an Deutschland am 13. Oktober 1943. Mussolini konnte zwar am 12. September von deutschen Truppen befreit und als Führer einer formalen Gegenregierung eingesetzt werden - politisch, militärisch und auch propagandistisch war der Sturz Mussolinis ein Schock. Er bedeutete ein Menetekel für die nationalsozialistische Führung, zeigte sich doch, dass in einem kriegsmüden Land die Führungspositionen unsicher und gefährdet waren. Nicht zuletzt weckte der Staatsstreich Befürchtungen hinsichtlich des nationalsozialistischen Traumas des 9. November 1918, obwohl und gerade weil die Politiker um Hitler immer wieder betonten, dass ich sich ein solcher Umsturz im NS-Staat nicht wiederholen könne.
2.2 Der strategische Bombenkrieg der Alliierten
Mit dem Sommer 1943 bekam die deutschen Führung, vor allem aber die Zivilbevö lkerung den Beginn eines neuen Abschnittes alliierter Kriegsführung heftig zu spüren: die systematische Bombardierung deutscher Städte. Diese vergleichsweise neue militärische Kampfweise wirkte sich auf das Leben von Millionen von Zivilisten aus. „Die Forderung der Verfechter des totalen Krieges, auch die ‚Heimatfront’ in den Krieg uneingeschränkt mit einzubeziehen, wurde erst jetzt auf ungeahnte Weise verwirklicht.“ (Wehler 2003, 931) Bereits 1942 hatte es massive Bombenangriffe gegeben, etwa gegen Rostock, Lübeck und Köln. Die Flächenbombardementstrategie des Bomber Commands seit dem Februar 1942 sah den verstärkten Einsatz von Brandbomben vor, was zu schweren Zerstörungen der militärisch- industriellen und zivilen Zielorte führte. Mit der „Casablanca-Direktive“ vom 21. Januar 1943 einigten sich Briten und Amerikaner auf ein gemeinsames Konzept für den
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strategischen Bombenkrieg. Das Ziel, so wurde formuliert, sei „die fortschreitende Zerstörung und Paralysierung des deutschen militärischen, industriellen und wirtschaftlichen Systems und die Demoralisierung des deutschen Volkes bis zu Unfähigkeit zu bewaffnetem Widerstand“ (zitiert nach Boog et. al. 2001, 4).
Im Juni 1943 näherte sich die Zahl der Luftkriegstoten erstmals den 10.000 - diese Zahl entspricht etwa der Gesamtzahl der Opfer der Jahre 1941 und 1942. 5 Im Sommer 1943 erfolgten konzentrierte Angriffe auf Städte des Ruhrgebietes und des Rheinlands, vor allem auf Essen als Hauptsitz der Krupp-Werke („Battle of the Ruhr“, 5. März bis 14. Juli 1943).
Einen noch zerstörerischer waren die Bombardierungen von Hamburg vom 25. Juli bis 3. August 1943. Die Operation „Gomorrha“ forderte zwischen 35.000 und 40.000 Menschenleben.
2.3 Die Bombardierungen von Hannover und Kassel im Herbst 1943
Auch Kassel und Hannover standen von Anfang an auf der Liste der zu bombardierenden Städte. Beide Städte waren schon in der „Blitzweek“ der US-Air Force vom 25. bis 30. Juli 1943 6 z.T. wiederholt angegriffen worden.
Hannover wurde darüber hinaus durch mehrere Nachtangriffe im September und Oktober 1943 7 stark zerstört. Am 8./9. Oktober 1943 verwüstete ein Bombenangriff das Zentrum von Hannover, wobei auch die Continental- Gummiwerke und das Hanomag-Werk beschädigt wurden. Bei dem Angriff wurden etwa 1.200 Menschen getötet und über 3.000 verletzt (Boog et. al. 2001, 42).
Nach Hamburg wurde Kassel am 22./23. Oktober 1943 von dem schwersten Angriff in der Serie der „Battle of Hamburg“ getroffen. Die Stadt war ein Zentrum der Rüstungsindustrie und deshalb vom Bomber Command schon seit 1940 als eines der fünf wichtigsten Ziele der deutschen Flugzeug-industrie ausgemacht worden. In den Fieseler-Werken wurden verschiedene Flugzeugtypen und die als Wunderwaffe geplante Flugbombe V 1 produziert. Zudem waren die Henschel-Werke einer der wichtigsten Geschütz- und Panzerhersteller der Wehrmacht, sie betrieben in Kassel drei Fertigungsstätten. „In den Augen des Bomber
5 Nach Angaben des Allgemeinen Wehrmachtsamtes für 1941 3.253 Tote, 1942 6.825 Tote. Im Juni 1943 nach Angaben des Statistischen Reichsamtes 9.004 Tote (Groehler 1990, 317)
6 Angriff auf Hannover am 26.07.1943 mit 121 Flugzeugen und 133,8 Tonnen Bombenlast, Angriffe auf Kassel am 28. und 30.07.1943 mit insgesamt 368 Flugzeugen und 416,4 Tonnen Bombenlast (Groehler 1990, 128)
7 Die Angriffe erfolgten am 22./23.09., 27./28.09., 8./9.10. und 18./19.10
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Commands war Kassel damit sowohl eine zentrale Rüstungsstätte als auch aufgrund seiner Bebauung ein hervorragend geeignetes Ziel des auf die Innenstadt zu konzentrierenden Flächenbombardements“ (Groehler 1990, 140) Bereits am 6. Oktober flog die Royal Air Force einen Großangriff mit 540 Bombern, der 115 Tote und fast 4.000 zerstörte und beschädigte Gebäude hinterließ, obwohl der Hauptschlag nur die Vororte getroffen hatte. Am 22./23. Oktober erfolgte der schwerste Schlag durch einen Flächenangriff auf die Stadtmitte. Die Bombenlast von 385 Flugzeugen entfachte einen Feuersturm, der mindestens 6.000 Menschen das Leben kostete. Das waren 2,65 Prozent von 226.000 Einwohnern, im Verhältnis 0,2 Prozent mehr als in Hamburg. Etwa 59 Prozent der bebauten Fläche wurden vernichtet, 75 Prozent der Einwohner wurden infolge des Bombardements obdachlos. 8
2.4 Der Luftkrieg als Herausforderung der Propaganda
Die immer schwereren Bombenschäden an deutschen Städten und Rüstungsproduktionsstätten, die hohen zivilen Verluste des Bombenkriegs und das offensichtliche Versagen der deutschen Luftwaffe und Luftabwehr bedeuteten für die NS-Führung nicht nur ein wachsendes militärisches Problem. Nach den Angriffen auf Hamburg hatte Goebbels noch in seinen Tagesaufzeichnungen geschrieben: „Die Haltung der Hamburger Bevölkerung wird von der ganzen neutralen Presse nur bewundert. In der Tat scheinen die Hambur ger hier eine Musterleistung an innerer Festigkeit fertiggebracht zu haben.“ (Goebbels Tagesaufzeichnungen vom 3.08.1943, in: Fröhlich (Hg.) 1993, Teil II, Bd. 9, S. 208)
Doch zwei Monate später muss selbst Goebbels anerkennen, dass die Zermürbungsstrategie der Alliierten Erfolge zeigt. In seinen Notaten heißt es am 14. Oktober 1943: Mir wird ein neuer SD-Bericht über die innere Stimmung vorgelegt. Das deutsche Volk ist danach von einem gewissen fatalistischen Gefühl erfüllt. Die Sorgen über Sorgen, die über die Nation hereinbrechen, haben das Empfinden dafür etwas abgestumpft. Es herrscht dem Krieg gegenüber eine allgemeine Müdigkeit [...] Nur der Luftkrieg wird im Augenblick als außerordentlich schwer empfunden, weil die Bevölkerung unmittelbar damit in Berührung kommt und in Mitleidenschaft gezogen wird.
(Goebbels Tagesaufzeichnungen vom 14.10.1943, in: Fröhlich (Hg.) 1993, Teil II, Bd. 10, S. 105)
Für die Propaganda bedeutete diese Entwicklung eine außerordentliche Herausforderung. Die Kapitulation am Ende des Ersten Weltkriegs, nach nationalsozialistischer Lesart das Resultat
8 Alle Zahlenangaben aus Groehler 1990, 140 - 147
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Arbeit zitieren:
Jan Tilman Günther, 2004, Propaganda der Krise: Goebbels Reden 1943, München, GRIN Verlag GmbH
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