Lässt das Verwirrspiel um Identitäten in Kleists Amphitryon eine lebensbejahende Sicht auf die Welt und die in ihr lebenden Menschen zu? Scheitert und zerbricht Amphitryon oder findet das Drama im nun eines Besseren belehrten Feldherrn ein glückliches Ende?
Amphitryon selbst bildet den Schwerpunkt der Arbeit. Es gilt, die Figur des Amphitryon von innen und außen zu beleuchten um den Konflikt um seine Identität in Augenschein nehmen zu können. Die Außensicht erfolgt ergänzend über seine Gattin Alkmene.
Es wird auch um die Frage gehen, ob Amphitryon sein Selbstbewusstsein in einem zu untersuchenden, mehrdeutigen Sinn erhalten kann, oder ob es ohne das Einlenken des Göttervaters schließlich zum völligen Identitätsverfall kommen müsste.
Kann in einer Welt, deren Zerbrechlichkeit Kleist exemplarisch verdeutlicht mit dem egomanischen, unheilvollen Treiben der Götter, das eigene Selbst noch Halt bieten? Ist das Selbst das einzige, das nicht vom Menschen getrennt werden kann? Oder ist es so zerbrechlich wie alles andere unserer Wahrnehmung?
Inhaltsverzeichnis
1. Die Sicherheit im eigenen Ich – Trost oder Trugschluss?
2. Die Innensicht – Ein Feldherr zwischen Selbstbewusstsein und Wahnsinn?
3. Die Außensicht – Wahrnehmung des Anderen zwischen Konstruktion und Wirklichkeit
4. Selbstbild und Selbstbewusstsein – Amphitryon als Experiment mit philosophischen Dimensionen
5. Schlussbetrachtungen – Auf der Suche nach Halt in einer zerbrechlichen Welt
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Identitäts- und Bewusstseinsproblem in Heinrich von Kleists "Amphitryon". Dabei wird analysiert, ob die Figuren trotz der durch göttliche Eingriffe forcierten Identitätsverwirrung und der Brüchigkeit der Realität ein stabiles Selbstbewusstsein bewahren können oder ob sie an der existentiellen Krise scheitern.
- Analyse der inneren psychischen Verfassung des Feldherrn Amphitryon.
- Untersuchung der Rolle der Wahrnehmung und der Konstruktion von Wirklichkeit durch andere Figuren.
- Auseinandersetzung mit philosophischen Identitätskonzepten (u.a. Descartes, Kant, Lacan).
- Diskussion des Spannungsfeldes zwischen sozialer Identität und innerem Selbst.
Auszug aus dem Buch
Die Innensicht – Ein Feldherr zwischen Selbstbewusstsein und Wahnsinn?
Zunächst einmal mangelt es Amphitryon nicht an Selbstbewusstsein im Sinne von Wertschätzung der eigenen Persönlichkeit. Sein erster Auftritt im zweiten Akt mit Sosias strotzt vor Autoritätsgehabe und Selbstgefälligkeit. Das Erlebnis, das Sosias wiedergibt, tut er als Geschwätz ab und in seinen Deutungen darüber nimmt er teilweise sein eigenes bevorstehendes Schicksal auf ironische Weise voraus:
Woher entspringt dies Irrgeschwätz? Der Wischwasch?
Ists Träumerei? Ist es Betrunkenheit?
Gehirnverrückung? Oder solls ein Scherz sein?
(…)
Ich bin Verrückt selbst, solchen Wischwasch anzuhören.
Unnützes, marklos-albernes Gewäsch,
In dem kein Menschensinn ist, und Verstand.
(…)
(II/1)
In der Konfrontation mit Alkmene wird das göttliche Verwirrspiel nun zum Teil seiner Wirklichkeit gemacht. Die dem Sosias zuvor zugeschriebenen Gründe für derartige Begebenheiten wendet er nun auch auf diese Situation an, allerdings ist es nicht er selbst, den er in Frage stellt, sondern seine Gattin. Sie soll aufhören zu scherzen. Sie soll sich ihres Verstandes besinnen oder einsehen, dass sie geträumt habe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Sicherheit im eigenen Ich – Trost oder Trugschluss?: Einleitung in die Fragestellung zur Identitätskrise in Kleists Drama und Überblick über die herangezogene Sekundärliteratur.
2. Die Innensicht – Ein Feldherr zwischen Selbstbewusstsein und Wahnsinn?: Analyse der psychologischen Reaktion Amphitryons auf den Verlust seiner sozialen Rolle und seine Versuche, seine Identität gegen den göttlichen Einfluss zu behaupten.
3. Die Außensicht – Wahrnehmung des Anderen zwischen Konstruktion und Wirklichkeit?: Untersuchung, wie Alkmene und Sosias den Feldherrn wahrnehmen und warum ihre subjektiven Konstruktionen des "Amphitryon" von der Realität abweichen.
4. Selbstbild und Selbstbewusstsein – Amphitryon als Experiment mit philosophischen Dimensionen: Philosophische Einordnung des Identitätsproblems unter Einbeziehung von Modellen zu Leib-Seele-Beziehungen und der Konstruktion von Wirklichkeit.
5. Schlussbetrachtungen – Auf der Suche nach Halt in einer zerbrechlichen Welt: Fazit zur Frage, ob das Ende des Dramas eine echte Läuterung darstellt oder lediglich einen pragmatischen Rückfall in die gesellschaftliche Normalität.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Amphitryon, Identität, Selbstbewusstsein, Persönlichkeit, Wahrnehmung, Wirklichkeit, Wahnsinn, soziale Rolle, Subjektivität, philosophische Dimension, Identitätskrise, Literaturanalyse, Existentialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Identitäts- und Bewusstseinsproblem der Hauptfigur in Kleists Drama "Amphitryon" unter dem Aspekt, wie das Selbst auf extreme Erschütterungen reagiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Spannungsfeld zwischen der sozialen Identität (Status, Ehre) und dem inneren, scheinbar unzerstörbaren Selbst sowie die Frage der perspektivischen Konstruktion von Wirklichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Arbeit verfolgt die Forschungsfrage, ob der Protagonist Amphitryon an der Identitätskrise zerbricht oder ob er sein Selbstbewusstsein als "ungeteiltes Wesen" bewahren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit verschiedenen Ansätzen der Sekundärliteratur vergleicht und philosophische sowie psychologische Konzepte einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Amphitryons Innenperspektive, der Fremdwahrnehmung durch andere Figuren sowie eine philosophische Reflexion über die Stabilität der Persönlichkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Identität, Selbstbewusstsein, Wahrnehmung, Wirklichkeit, Konstruktion, Isolation und der existenzielle Zweifel.
Inwieweit spielt der Charakter des Sosias eine Rolle für die Argumentation?
Sosias dient als komisches Pendant, um zu verdeutlichen, dass Identität eine Frage der Perspektive ist, und er liefert ein Beispiel für ein rein an leiblichen Bedürfnissen orientiertes Selbstbild.
Wie bewertet die Arbeit das Ende des Dramas?
Das Ende wird kritisch als "pragmatische Normalisierung" bewertet; die Autorin/der Autor empfindet den schnellen Rückfall in den alten Status als unbefriedigend und fragwürdig gegenüber der existentiellen Erschütterung.
- Quote paper
- Nicole Geilen (Author), 2004, Selbstbild und Bewusstsein - Kleists Amphitryon als Wanderung am Abgrund der Realitäten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29716