Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung. 2
1. Darstellung. 3
1.1. Philosophenkönige. 4
1.1.1. Was ist ein Philosoph? 5
1.1.2. Das Gleichnis vom Staatsschiff. 5
1.1.3. Die Verderbnisse der philosophischen Naturanlagen. 6
1.1.4. Die Philosophie und der Staat. 6
1.2. Die höchsten Wissenschaften: Die Idee des Guten. 7
1.2.1. Das Sonnengleichnis. 8
1.2.2. Das Liniengleichnis. 9
1.2.3. Das Höhlengleichnis. 9
1.3. Ausbildungspraxis. 11
1.3.1. Das platonische Curriculum. 11
2. Interpretation. 12
2.1. Vom Staat zum Menschen. 13
2.2. Erziehung zum Philosophen. 14
2.3. Vom Menschen zum Staat. 16
2.4. Folgerungen. 17
3. Fazit. 18
4. Literaturverzeichnis 20
Platons Polite a í „ist kein politisches Werk, wie die Leute behaupten, die die Bücher nur nach dem Titel beurteilen: es ist die schönste Abhandlung über die Erziehung, die jemals geschrieben wurde.“ 1 Dass sich in der Polite a í auch pädagogische Gedanken finden lassen, wird wahrscheinlich von keinem Interpreten bestritten. In dieser Arbeit aber soll - in der Hoffnung, auf ROUSSEAUS Urteil, zumindest bis zum Beweis des Gegenteils vertrauen zu können - eine grundsätzlich pädagogische Perspektive eingenommen werden. Eingestanden sei, dass durch eine solche, im Grunde willkürliche und erkenntnisleitende Entscheidung die Interpretationsbreite eingeschränkt und die Auseinandersetzung mit den Problemen einer staatsphilosophischen Auslegung der Politei/ a umgangen wird. Andererseits hilft die Beschränkung der Perspektive dabei, Relevantes im Auge zu behalten und sich nicht von Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen. Die Polite a í ist ein so komplexes und umfangreiches Werk, dass auch eine Beschränkung der Perspektive das Problem der Textauswahl und des Anfangs nicht zu lösen vermag. Glücklicherweise markiert Platon selbst den Abschnitt seines Werkes, in dem er auf den Weg verweist, „diese Dinge in der denkbar größten Schärfe zu erkennen“ (504b) 2 , womit aber „nur der philosophische Bildungsweg selbst gemeint sein kann“ 3 . Thema der vorliegenden Arbeit sei deshalb dieser philosophische Bildungsweg, wie er sich in Bezug auf 504d entfaltet: „Ein solcher [Wächter des Staates und der Gesetze] muß also den längeren Weg einschlagen und sich ebenso große Anstrengungen im Lernen zumuten wie in den Leibesübungen; andernfalls wird er [...] niemals den Gipfel der höchsten und unerläßlichsten Wissenschaft erreichen.“ Wie aber und wohin führt der „längere Weg“? Was ist der „Gipfel der höchsten und unerläßlichsten Wissenschaft“? Wie ist Platons philosophischer Bildungsweg zu bewerten?
1 JEAN JACQUES ROUSSEAU (1991): Emil oder über die Erziehung, S. 13.
2 Angaben in Klammern ohne Hinweis auf den Verfasser und das Werk verweisen auf: PLATON (1961): Der Staat.
3 WERNER JAEGER (1955): Paideia. Die Formung des griechischen Menschen, S. 3.
1
0. Einleitung
Platons Hauptwerk, der Politei/ a, interpretativ auch nur einigermaßen gerecht zu werden, ist sicherlich kein einfaches Unternehmen. Angemessen ließe es sich wahrscheinlich nur als Ganzes unter Berücksichtigung seines inneren Verweiszusammenhangs interpretieren. Auch wenn sich ein solches Vorgehen an dieser Stelle aus pragmatischen Gründen verbietet, kann so zumindest die Skepsis gegen eine eklektische oder punktuelle Lektüre begründet werden, mit der unweigerlich die Gefahr einer beliebigen Interpretation verbunden wäre. Das Ziel dieser Arbeit soll deshalb darin liegen zumindest einem Gedankengang Platons zu folgen, dessen Bearbeitung durch die vorher erwähnte Perspektivenbeschränkung möglich werden sollte. Natürlich bedingt ein solches Vorgehen einen gewissen Detailverlust und sind eher Ergebnisse zur Oberflächen- als zur Tiefenstruktur zu erwarten. Andererseits könnte gerade ein Oberflächenbild Hinweise auf die markanten Stellen des Gedankenganges sichtbar machen. Um ein methodisch sauberes Vorgehen zu ermöglichen, soll sich die Annäherung an die Politei/ a in drei Schritten vollziehen. Zunächst soll in einem darstellenden Teil (1.) das Material für die Interpretation (2.) bereitgestellt werden, bevor im Fazit (3.) eine kurze Verbindung zur aktuellen Diskussion gezogen wird. Zuvor allerdings ist der Abschnitt zu bestimmen, der den eingangs erwähnten Vers sinnvoll in einen Argumentationsstrang einbezieht und ihn von anderen Strängen abgrenzt. Folgt man Otto Apelt bei seiner Gliederung der Politei/ a beginnt der zu untersuchende Abschnitt, den Apelt mit 'die Herrscherfrage' betitelt,
2
mit Vers 471c und endet mit 541b. 4 Wolfgang Kersting teilt die Verse 473b bis 541b in zwei Teile ein ('Die Notwendigkeit der Philosophenherrschaft' (473b-519b) und 'Der Ausbildungsgang der Philosophen' (519a-541b)). 5 Warum Kersting erst 473b eine Zäsur setzt, erscheint nicht einsichtig, da Platon in 471c („sowohl dieses wie auch das Vorhergehende wollen wir als richtig anerkennen“) und stärker nochmal in 471e („alles andere wollen wir auf sich beruhen lassen“) den Abschluss des vorangehenden Themas markiert. Unstrittig ist dagegen das Ende 541b („deine Frage scheint mir damit erledigt zu sein“). Der hier zu untersuchende Abschnitt erstreckt sich damit von Vers 471c bis 541b. Abschließend sei darauf hingewiesen, dass aus Gründen der Lesbarkeit und Übersichtlichkeit das generische Maskulinum als Kollektivbezeichnung verwendet wird. Dieser Hinweis schließt nach 540c („Denn glaube nicht, daß das, was ich gesagt habe, irgendwie mehr von den Männern gilt als von all den Frauen im Staat“) auch die von Platon gemachten Aussagen mit ein.
1. Darstellung
Nachdem der Frage nach der Verwirklichungsmöglichkeit eines gerechten Staates mehrfach ausgewichen worden war (vgl. 458a und 466d), will sich Glaukon nicht länger vertrösten lassen und endlich darauf zu sprechen kommen, „ob es eine solche Verfassung überhaupt geben könne, und auf welche Weise sie jemals möglich sei“ (471c) beziehungsweise, „daß sie möglich ist und wie sie möglich ist“ (471e). „[A]lles andere“ sollten die Gesprächspartner „auf sich beruhen lassen.“ (471e). Hiermit ist das Thema für den zu untersuchenden Abschnitt gestellt. Auch wenn die Frage nach der Gerechtigkeit nicht aus den Augen verloren wird, geht es grundsätzlich nicht mehr um theoretische oder skizzenhafte Bemühungen um den gerechten Staat, sondern um die Frage nach dessen konkreter Umsetzung: Was müsste geschehen, was müsste sich ändern, damit ein gerechter Staat Wirklichkeit werden kann?
Sokrates stellt klar, dass mit dieser Frage der heikelste Punkt seiner Arbeit berührt wird, der das ganze Projekt unter einer Welle zu begraben drohe und zunichte machen könnte (vgl. 472a). Doch selbst wenn diese Gefahr überwunden wäre, müsse man damit zufrieden sein, wenn das „Musterbild“ (472c) des gerechten Menschen
4 Vgl. PLATON (1961): Der Staat, S. LIX.
5 Vgl. WOLFGANG KERSTING (1999): Platons »Staat«, S.IX.
3
nicht in jeder Weise dem Ideal des Wesens der Gerechtigkeit entspräche, sondern „wenn er ihr so nahe wie möglich kommt und im Vergleich zu anderem am meisten mit ihr gemein hat.“ (472b f.). Gleiches gelte auch für den gerechten Staat, der dem ideal konstruierten nur „so nahe wie möglich“(473b) kommen könne. Unter diesen Voraussetzungen glaubt Sokrates, „dass eine einzige Veränderung diesen Wandel [zum gerechten Staat] herbeizuführen vermag, freilich keine kleine noch auch eine leichte, aber doch mögliche“ (473c).
Wenn der Leser bis zu dieser Stelle Sokrates mehrfachen Ausflüchten und Einschränkungen gefolgt ist, sollte er nun hinreichend auf das Folgende vorbereitet sein. „Seine Neugier ist geweckt und seine Aufmerksamkeit ist aufs Höchste gespannt. Er ist gewappnet, er weiß daß ihn Ungewöhnliches, Sensationelles, Ungeheuerliches gar erwartet“ 6 .
1.1. Philosophenkönige
"Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten oder die heutigen sogenannten Könige und Gewalthaber sich aufrichtig und gründlich mit Philosophie befassen und dies beides in eines zusammenfällt, politische Macht und Philosophie [...] gibt es [...] kein Ende des Unheils für die Staaten [...], auch nicht für das Menschengeschlecht überhaupt, und auch unsere Staatsverfassung, die wir jetzt erörtert haben, wird nicht eher, so weit wie überhaupt möglich, entstehen und das Tageslicht erblicken." (473d)
Dass diese „abenteuerliche Behauptung“ 7 wahrscheinlich nicht auf unmittelbare Einsicht und Zustimmung stößt, ist auch Sokrates klar (vgl. 474b). Zunächst müsse deshalb gezeigt werden, „daß es den einen von Natur zukommt sich mit Philosophie zu befassen und im Staat die führende Stellung einzunehmen, dem anderen dagegen, sich von ihr fern zu halten und den Führenden zu folgen“ (474b f.). Hierzu wiederum sei es zunächst notwendig „eine genaue Bestimmung darüber zu geben, was wir eigentlich unter Philosophen verstehen“ (474b).
6 A.a.O., S. 187.
7 A.a.O., S. 190.
4
Arbeit zitieren:
Magister Artium Markus Szczesny, 2003, Totale Erziehung?, München, GRIN Verlag GmbH
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