Inhalt:
1. Einleitung 3
2. Joachim du Bellay: Les Antiquitéz de Rome 4
2.1 Du Bellay - Dichter zwischen Renaissance und Barock 5
2.2 Erste Begegnung - Antiquitéz III 8
2.3 Trost aus Ruinen - Antiquitéz VII 10
3. Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise. 13
3.1 Rom als Ort der Wiedergeburt 14
3.2 Symbiose von Alt und Neu 16
3.3 Das zentrale Motiv des Sehens 18
4. Schlusswort 21
5. Literaturverzeichnis 22
2
1. Einleitung
Mit dem Städtena men Rom verknüpfen sich verschiedene Vorstellungen. Zum einem die Erinnerung an das mächtige, antike Imperium, dem caput mundi, das im Mittelalter von byzantinischen Kaisern weitergeführt und zum Krönungsort der deutschen Kaiser wurde. Die Stadt der (katho lischen) Christenheit, in der der Papst seinen Sitz hat und über die Ecclesia Roma das Weltreich weiterführte. ‚Römisch’ assoziert neben den antiken Tugenden und Werten, wie Demokratie und militärische Kraft und Disziplin auch den „Sittenverfall, [...] zu Dekadenz und Denunziantentum, Verschwendungssucht, [...] Caesarenwahn“ 1 bis hin zum Mord. Rom hat zu allen Zeiten Dichter inspiriert. Die ewige Stadt ist in den verschiedensten Formen literarisch verarbeitet worden seit der Antike und von Römern selbst und von Reisenden bis hin in unserer Zeit.
Johann Wolfgang von Goethe und Joachim Du Bellay haben auf den ersten Blick nur wenig gemeinsam. Beide wirkten in verschiedenen Zeiten und am Beginn neuer Strömungen. Du Bellay schrieb der Renaissance verpflichtet und unter den Einflüssen des Barock. Goethe verließ Weimar und seine Sturm und Drang Phase, um sich selbst und zum klassischen Schaffen zu finden. Beide verbindet die Erfahrung einer Reise nach Italien mit Halt in Rom, der Stadt ihrer teils verschiedenen, teils ähnlichen Vorstellungen und Erwartungen. Du Bellay kannte die Stadt aus dem Studium antiker Autoren. Goethe erfuhr von Rom schon früh aus den Erzählungen des Vaters, der italienischen Einrichtung des Elternhauses, wie den aufgehängten Prospekte 2 und durch das Lesen klassisch-antiker Werke, die zum Bildungskanon der Zeit gehörten. Beide Dichter erlebten und verarbeiteten ihren Romaufenthalt und ihre Eindrücke auf unterschiedliche Art und Weise. Goethe schrieb erst viele Jahre später sein Reisetagebuch für die Öffentlichkeit, wohingegen Du Bellay bereits zu Beginn seines Aufenthaltes in Rom die Sonettsammlung Les Antiqitéz de Rome verfasste. Ich möchte in der folgenden Betrachtung zunächst jeweils die Werke im literarhistorischen Kontext einzeln vorstellen und dann miteinander in Bezug setzen. Zuerst werde ich anhand zweier Sonette aus den Antiquitéz de Rome 3 Du Bellays Rombild entwickeln und dieses in der Betrachtung Goethes Romaufenthalt in der Italienischen Reise einbeziehend vergleichen.
1 Kytzler, Bernhard: S. 2.
2 Vgl. Einem, Herbert von: S. 50.
3 Ich beziehe mich auf die Übersetzung der Gedichtsammlung von Ernst Deger, im Vergleich mit der Frank-Rutger Hausmanns’ und dem französischem Original.
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2. Joachim Du Bellay: Les Antiquitéz de Rome.
Ebenso wie Johann Wolfgang von Goethe war Du Bellay nach Rom geflüchtet, um sich selbst und sein Dichtertum zu finden. Von 1553 bis 1557 befand sich Joachim Du Bellay, der dem Kardinal Jean Du Bellay in diplomatischer Mission begleitete, in Rom. Doch er bezeichnete die Begegnung mit der Stadt als „den Aufbruch eines seelischen Geschwürs, das er schon lange in sich trug, und den Ausbruch einer Krise, die sich mit jedem Tag verschärfte.“ 4 Rom verstärkte die melancholische Stimmung des Dichters. 5 Alles um ihn zeugte von vergangener Größe, Verfall und Tod.
„Rom war für ihn nach vier Jahren zur Krankheit geworden, von der er nur in der heimatlichen Luft genesen konnte.“ 6 Du Bellay verlässt 1557 die Stadt, wobei zum einem „vom Heimweh nach der ‚douce France’ bewegt“ 7 und zum anderen privates Unglück ihn quälte.
Die Gedichtsammlung Les Antiquitéz de Rome erschien 1558 in Paris. 8 Zu dieser Zeit war er bereits ein angesehener Dichter und führendes Mitglied der Dichterschule La Pléiade. 9 Der Zyklus besteht aus zwei Teilen: aus den 32 Sonetten der Ruinen Roms und 15 weiteren unter dem Titel Songe. Letztere bilden eine eigenständige Vision. Zusammen konstituieren sie ein „lyrische[s] Kunstwerk und [...] politische[..] Dichtung“ 10 . Gewidmet ist das Werk König Heinrich II. Im Widmungsgedicht am Anfang der Sammlung umreißt der Autor die Thematik. Dargestellt werden soll nicht nur der Verfall Roms, sondern auch das Bewahren der geistigen antiken Güter und das Wiedererlangen französischer Stärke anhand des antiken Vorbilds. Die Sonette sollen demnach nicht nur Klage und „larmoyantes Schwelgen in der Vergangenheit“ 11 wiedergeben, sondern zugleich Spiegel Du Bellays Erfahrungen und Erkenntnisse der französischen Gegenwart sein. Der Autor zeichnet im Zyklus Parallelen zwischen dem Untergang Roms durch innere Unruhen und Bürgerkriege sowie den drohenden Religionskriegen in Frankreich.
4 Zit. n. Deger, Ernst: S. 17.
5 Walter Rehm bezeichnet den Aufenthalt Du Bellays in Rom als „Zeit der Verbannung“, in der der depressive Dichter noch tiefer in melancholische Stimmung geriet (Vgl. Rehm, Walter (1960): S. 89f).
6 Deger, Ernst: S. 15.
7 Rehm, Walter (1960): S. 89.
8 Entstanden sind sie zu Beginn des Romaufenthalts. Vgl. Schwaderer, Richard: S. 175.
9 Vgl. Hausmann, Frank-Rutger: S. 3f.
10 Ebd.
11 Ebd. S. 5.
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Die Besonderheit der Lyrik liegt in „der Symbiose humanistischen Denkens mit modernerem Lebensgefühl“ 12 . Mit diesem Zyklus erweiterte Du Bellay das thematische Spektrum des Sonetts, was zuvor von der Liebeslyrik in Petrarkischer Tradition geprägt war, wie zum Beispiel die Gedichtsammlung L’Olive. In den Antiquitéz greift er auf italienische, lateinische und neulateinische Vorbilder zurück. 13 Diese übersetzte er jedoch nicht bloß, sondern erweiterte sie inhaltlich wie formal. Anführen lässt sich hier ein Zitat Walter Mönchs: „Oft verblassen die fremden Vorbilder, und Du Bellays Nachahmungen erhalten oft die vitale, prägende Lebenskraft die bis in andere fremde Literaturen wirkt.“ 14
2.1 Du Bellay - Dichter zwischen Renaissance und Barock
Du Bellay lebte und wirkte in der Epoche der Renaissance. Diese bemühte sich allgemein um die Wiederentdeckung des klassischen Altertums. In der Aneignung antiker Bildung und Traditionen erhoffte man sich eine Verbesserung der gegenwärtigen Lage der eigenen Kultur. Es bestand hinsichtlich der Gegenwart eine pessimistische Grundhaltung, indem diese als Form der Dekadenz verstanden wurde, der nur durch die ‚Wiedergeburt’ der Antike abgeholfen werden konnte. 15 Das Verhältnis von Tod und Wiedergeburt prägt die Renaissance zur eigenständigen Epoche. Die Antike galt als abgeschlossene, vergangene Ära, die erst in der Klage als etwas Verlorenes wiedergeboren werden konnte. 16 Du Bellay gehörte dem Dichterkreis La Pléiade an. Gemeinsames Ziel war eine Aufwertung und Weiterentwicklung der französischen Dichtung in der Nachahmung antiker Vorbilder, sowie in der produktiver Aufnahme von Poetik aus der dichterischen Praxis der italienischen Renaissance, wie zum Beispiel Dantes, Boccaccios und vor allem Petrarcas Werke. Im Geist des Humanismus gebildet, sahen die Dichter der Pléiade „die Möglichkeit, die französische Dichtung nach dem Modell der antiken Vorbilder zu reformieren, wenn nicht gar zu revolutionieren.“ 17
12 Deger, Ernst: S. 16.
13 Hausmann nennt Horaz, Vergil, Properz, Ovid, Petrarca, Buchanan, Janus Vitalis, Castiglione. Ausführlicher zu den Vorbildern vgl. Richard Schwaderer: Das Verhältnis des Lyrikers Joachim Du Bellay zu seinen Vorbildern. Das Problem der »Imitatio«. Diss. Würzburg 1968.
14 Mönch, Walter: S. 123.
15 Vgl. Krüger, Reinhard: S. 7.
16 Vgl. Vinken, Barbara: S. 87.
17 Krüger, Reinhard: S. 63.
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Joachim Du Bellay wird als Melancholiker betrachtet und als „Gestalter von Werden und Vergehen, von der Unbeständigkeit irdischen Glücks, von Größe und Zerfall, von apokalyptischer Endzeitlichkeit.“ 18 Der Zyklus der Antiquitéz trägt barocke Ansätze:
„[D]e[n] Zug zum Großen, Gewaltigen, römische Macht und Pracht, römisches
Pathos, das langsam im Barockjahrhundert wieder zur Weltherrschaft, zu einem neuen »imperium Romanum« in Frankreich, dem Erben Roms, antritt.“ 19
Gleichfalls zeugt der immer wieder kehrende Topos der Vergänglichkeit alles Irdischen im Gedichtzyklus von barocker Lebensanschauung. Die Geisteshaltung der Melancholie gehörte zur Lebensauffassung der Renaissance sowie zum Barock und wurde dementsprechend literarisch verarbeitet. Du Bellays elegischer Grundton entspringt dieser Disposition. Das gilt ebenso seiner neuplatonischen und humanistischen Grundüberzeugung. „Das für die Renaissance bezeichnende Denken, das zugleich Begriffe der Periodizität und des wachstumsmäßigen Ablaufs umschließt, beherrscht auch Du Bellays historische Sicht.“ 20 Er war sehr belesen, „betrieb unermüdlich das Studium der Antike, übersetzte und dichtete lateinische Verse“ 21 . Für die Pléiade war die Antike die zeugende Kraft, die der französischen Literatur zu neuem Leben verhelfen sollte. Hierbei war vor allem die italienische Literatur als Vorbild zu sehen.
Du Bellay und seine Dichterschule verbanden ihre Vorstellungen von der griechischrömischen Antike mit der christlichen Heilswahrheit. Rom war die Residenzstadt des Papstes und zugleich die einstige Hauptstadt des größten abendländischen Imperiums und Krönungsort der deutschen Kaiser. „Rom verkörperte die Symbiose von Antike und Christentum“ 22 .
Im 16. Jahrhundert war die einstige Größe nur noch zu erahnen. Architektonisch bestand Rom aus Ruinen und die Kurie „war eine Brutstätte von Korruption und Intrigen und bot ein Bild menschlicher Schwächen, die Universalmonarchie war de facto inexistent.“ 23 In der Renaissance war Rom zwar zur Hauptstadt der Künste geworden, jedoch wurde der künstlerische Reichtum mit Schulden finanziert. 24
18 Hausmann, Frank-Rutger: S. 1.
19 Rehm, Walter (1960): S. 116.
20 Deger, Ernst: S. 19.
21 Ebd. S. 13.
22 Hausmann, Frank-Rutger: S. 3.
23 Ebd. S. 4.
24 Vgl. Rom zur Zeit der Renaissance und des Barock. In: PC-Bibliothek Brockhaus-Wissen 2004.
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Arbeit zitieren:
Doreen Czekalla, 2004, Das Rombild Joachim Du Bellays und Johann Wolfgang von Goethes anhand ausgewählter Texte, München, GRIN Verlag GmbH
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