1. Einleitung Offensichtlich leben wir in einer Zeit mit neuen Gegebenheiten. Neue Konfrontationen, neue Möglichkeiten sowie neuartige Verwirrungen dürften ein Kennzeichen dieser „neuen“ Zeit sein. Eine Vielzahl von Beratungsbüchern und Selbsthilfegruppenangeboten gibt zumindest einen Hinweis oder stellt ein Indiz für eine Veränderung dar, mit der der Einzelne offensichtlich Probleme hat, aus eigenen Stücken zurechtzukommen. Solche Beratungs- und Hilfsinstitutionen beschränken s ich dabei nicht auf offenkundige Problemfelder wie Drogen- oder Alkoholmissbrauch, wobei deren Ausdruck natürlich ebenfalls auf eine anderweitige Ursache hinweist, die wiederum ein Indiz für eine veränderte Lebenssituation darstellen könnte, sondern richten sich ebenfalls an Menschen, die objektiv keinerlei Problem zu haben scheinen. Beratungsbücher wie „Mut zum Glück“ oder „Wie meistere ich mein Leben?“ sind lediglich direkte und gezielte Ausdrucksvarianten. Der Boom und die Beschäftigung mit der indischen Yogalehre, mit spirituellen Dingen, mit fremdartigen Religionen, mit bestimmten körpereigenen Energiepunkten und weiteren Dingen dieser Art, welche sich nicht nur bei gewollter und gezielter Suche finden lassen, sondern in aller Selbstverständlichkeit in seriösen Frauen- wie auch Männermagazinen zu finden sind, dürfte allein aus gesteigertem Interesse nicht zu erklären sein. Vielmehr dürfte sich hierin eine Suche ausdrücken: nämlich die Suche des Subjekts nach Orientierung, einem Halt oder einer gewissheitsstiftenden Funktion. Eine solche Suche wiederum müsste folglich einen Hinweis auf ein gestörtes Subjekt-Sein bzw. auf einen Zustand der Verwirrung darstellen.
Auch in der Popkultur fallen vermehrt Produkte auf, die eine solche Verwirrung thematisieren bzw. mit ihr spielen. Filme wie „Being John Malkovich“, „Fight Club“, „Existenz“ oder „Memento“ sind nur einige Beispiele, die sich mit dem Subjekt und seiner Identität beschäftigen. Dabei geht es letztlich immer, wenn auch in Form von Unterhaltung, welche sicherlich keinen analytischen oder wissenschaftlichen Anspruch erhebt, um die Konstitution des Subjekts. Die Frage ist demnach: Wie wird das Subjekt gebildet? oder Wie bildet sich das Subjekt?
Dies sind Fragen, die letztlich auch bei den häufigen plakativen modischen Trendtipps wie „Seien Sie einfach Sie selbst“ oder „Entrümpeln Sie Ihr Leben“ eine Rolle spielen. Offensichtlich ist es also nicht mehr selbstverständlich, Selbst zu sein. Voraussetzung ist demnach eine ungeheure Fülle von nicht zu ordnender Umwelt, die es zu „entrümpeln“ gilt. Damit ist allerdings immer schon ein sogenannter „Neuanfang“ implizit. Bedeutend ist also, die in diesen Tipps erwähnte Möglichkeit eines erneuerten Subjekts. Subjekt-Sein und Identität wären so
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austauschbare und beliebige Komponenten, die jederzeit, sozusagen im Schnelldurchlauf, verändert werden können.
Wenn diese Ursache in der überall zitierten postmodernen Kultur begründet liegt, so gilt es diese näher anzuschauen. Der Terminus „Postmoderne“ wurde in den letzten Jahren geradezu inflationär verwendet, um noch die einfachsten Dinge, wie z.B. die Besonderheit eines Kochrezeptes, zu betonen. Als beliebig verwendbares Modewort hat der Begriff allerdings mittlerweile seinen Höhepunkt überschritten und taucht, besonders auc h in den Feuilleton-Teilen von Zeitungen, in abnehmendem Maße auf. Besonders interessieren im Zusammenhang mit dieser Arbeit natürlich die möglichen Auswirkungen auf das Subjekt.
Zunächst muss daher kurz auf das Subjekt als solches eingegangen werden. Im Rahmen dieser Arbeit kann natürlich nicht die Fülle des Diskurses über das Subjekt berücksichtigt werden. An dieser Stelle soll es lediglich darum gehen, eine kurze Definition des Verständnisses von einem Subjekt wiederzugeben.
2. Kurze Erläuterung der Vorstellung von einem Subjekt Emile Durkheim, einer der Begründer der Sozialwissenschaften, schrieb über die Person, dass erst ihre Autonomität sie zu einer Person mache: „Eine Person zu sein, bedeutet, eine autonome Quelle des Handelns zu sein.“ (Durkheim zit. n. Sonntag 1999: 13) Damit ist auch schon der Hauptpunkt der Überlegungen zum Subjekt gegeben: das eigenständige Handeln.
Eine Definition im Sinne Durkheims nimmt Isaiah Berlin vor. Er verknüpft Subjekt-Sein und Subjektivität zu dem Wunsch des Einzelne n „sein eigener Herr zu sein. Ich möchte, dass mein Leben und meine Entscheidungen von mir selbst abhängen und nicht von irgendwelchen äußeren Mächten. Ich möchte meinem eigenen Willen, nicht dem anderer Menschen folgen. Ich will Subjekt, nicht Objekt sein.“ (Berlin zit. n. Zima 2000: 6) Autonomes Handeln steht hiernach im Vordergrund. Berlin unterscheidet zwischen einem Subjekt, welches ‚frei’ handeln könne, und einem Objekt, mit welchem etwas geschehe. Die passive Aneignung vorgefertigter und schnell vergänglicher Lebenskonzepte gefährde damit das Subjekt als solches.
Eine solche Subjektdefinition durch Autonomität geht letztlich zurück auf Réne Descartes (15961650). Descartes selbst hat zwar niemals den Subjektbegriff verwendet, dennoch liegt der absolute Bezugspunkt seiner Ausführungen auf dem Ich. Das Ich stellt nach Descartes die erste und absolute Gewissheit dar und wird damit zur grundsätzlichen Bedingung aller Erkenntnis
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selbst. Über die Grundlage des Zweifels gegenüber allem Wissbaren gelangt Descartes zu einer Selbst-Erkenntnis. Zwar könne alles bezweifelt werden, doch sei der feststehende Punkt aus dem aller Zweifel hervorgehe das denkende Ich. Unbezweifelbar sei daher das Denken des Ich. Dieses Denken könne nicht von dem Ich getrennt werden, vielmehr zeige das Denken das Ich erst auf. So gelangt Descartes zu seiner berühmten Aussage: „Je pense, donc je suis!“ Implizit ist hierin die radikale Trennung von Körper und Geist, denn die Erkenntnis beruht auf der Wahrnehmung des Geistes. Der Mensch wird damit entleiblicht. Dennoch wird der Mensch durch diese Trennung auf den Weg der Selbstermächtigung gesetzt, denn das Ich erscheint nun als zu konstituierendes. (vgl. Ricken 1999: 47/48) Auch Kant bezog sich auf einen solchermaßen verstandenen Subjektbegriff, als er die Notwendigkeit der Erziehung des Menschen betonte. Erziehung mache den Menschen erst zum Menschen, so Kant. In seiner Selbst-Entfaltung benötige der Mensch eine pädagogische Unterstützung. Die Erziehung sei die Grundvoraussetzung zur Freiheit selbst. Und diese Freiheit beruhe auf der Moralisierung. (vgl. Ricken 1999: 94) Eine sich hieraus entwickelte neuzeitliche Subjekttheorie lässt sich nach Norbert Ricken in drei Punkte gliedern: 1. Erkenntnistheoretisch: Ein sich konstituierendes Bewusstsein liegt zugrunde. Subjekt-Sein bedeutet Handlungstheoretisch-praktisch: Das Subjekt-Sein zeigt sich als praktische Freiheit. Die Selbsttätigkeit d.h. die Selbstbestimmung machen ein Subjekt aus. 3. Ethisch-moralisch: Das Subjekt wird als eigene ‚Würde’ geschätzt. Selbstbewusstsein, Freiheit und Würde seien daher mit dem Subjektbegriff verbunden. (vgl. Ricken 1999: 59) Auf diesem Subjektverständnis beruht auch der erziehungswissenschaftliche Impetus Wilhelm von Humboldts. Nach Humboldt ist Bildung als das eigentliche Ziel des Menschen zu verstehen, in dem Sinne, dass der Mensch „seine Kräfte zu einem Ganzen“ entwickeln soll. Humboldt geht es um die Entfaltung der Gesamtheit der Fähigkeiten und Potenziale. Nicht zu verwechseln ist dieser Ansatz mit dem Begriff der Ausbildung, denn mit Bildung meint Humboldt die Bildung des Menschen zu einem Menschen – also die Konstituierung des Subjekts. Dabei müsse das Ich mit der Welt, in der es stehe, in Verbindung treten, d.h. eine wechselseitige Verknüpfung erfahren. (vgl. Koller 1999: 52) Wenn der Philosoph Rüdiger Safranski heute von der Selbstgestaltungsfreiheit spricht und damit die Chancen des Einzelnen meint, selbst zu etwas Ganzem zu werden, dann bewegt er sich in diesem Traditionsrahmen. So bezeichnet er Bildung als die Kraft der Gestaltung des eigenen
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Lebens. Bildung sei als Entfaltung ein Selbstzweck. (vgl. Safranski 2003: 113) Identität begreift Zima weiterführend als das Objekt des fühlenden, denkenden, sprechenden und handelnden Subjekts. Das Subjekt eigne sich Identität an. (vgl. Zima 2000: 24) Die Attribute werden zu Verben, weil sie eine Aktivität ausdrücken. Die unter der Aktivität eingeordneten zentralen Begriffe sind demnach: fühlen, denken, sprechen und handeln. Dies setzt wiederum den Außenkontakt voraus, denn „Identität entsteht in einem dialogischen Prozeß, wird aber in unserer Kultur monologisch gedeutet“. (Keupp 1998: 13) Wie steht es also mit diesen Kriterien in der sog. Postmoderne? Schließlich verkündete Jean Baudrillard radikal den ‚Tod des Subjekts’. Um dies genauer zu untersuchen, möchte ich allerdings zunächst für ein besseres Verständnis auf die Geschichte des Begriffs „Postmoderne“ kurz eingehen.
3. Zum Begriff „Postmoderne“ Das Adjektiv ‚postmodern’ tritt das erste Mal 1870 in England auf. Ein Salonmaler namens Chapmann benutzte das Adjektiv, um das Ziel seiner Malerei zu definieren. Die Verwendung des Begriffs blieb jedoch ebenso folgenlos für die heutige Postmoderne-Debatte wie die des deutschen Kulturkritikers Rudolf Pannwitz. Dieser spricht in seinem 1917 erschienenen Buch DIE KRISIS DER EUROPÄISCHEN KULTUR von einem ‚postmodernen Menschen’, den er deutlich in Bezug auf Nietzsches ‚Übermenschen’ konzipiert.
Der Literaturwissenschaftler Federico de Oníz ist es, der zum ersten Mal das Substantiv ‚Postmoderne’ verwendet. De Oníz verwendet den Begriff ‚Postmoderne’ als Zwischenschritt einer Steigerungsform der Moderne. Die ‚Ultramoderne’ stellt hierbei den Höhepunkt an Beschleunigung und Intensivierung der Moderne dar. (vgl. Welsch 1988: 8) Auch wenn die drei bisher aufgezeigten Verwendungen der Begriffe ‚postmodern’ und ‚Postmoderne’, wie Welsch formuliert, „ohne nachhaltige Wirkung“ (Welsch 1988: 8) geblieben sind, so lassen sich doch aus ihnen auch für den weiteren Verlauf interessante Komponenten ableiten. Bei Chapman (1870) geht es um die Brechung einer bestimmten kulturell-ästhetischen Dominanz, Pannwitz (1917) behandelt ein neues Menschenbild und de Oníz fügt die Komponenten Intensivierung und Beschleunigung hinzu.
Der eigentliche Ausgangspunkt des heutigen Verständnisses von Postmoderne findet in den USA der späten 50er Jahre im Bereich der Literatur statt. Hier entsteht nun eine Debatte über postmoderne Literatur, die zunächst eine negative Konnotation erhält. Positiv umgewertet wird
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Christoph Kohlhöfer, 2004, Das Subjekt und sein Name in der Kultur der Postmoderne - Subjekt-Bildung in der Postmoderne, Munich, GRIN Publishing GmbH
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