Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre
Inhaltsverzeichnis
V o r b e m e r k u n g S e i t e 5
Wissenschaftlicher Teil
1 D e r B e g r i f f H e i m a t S e i t e 7
1.1 Brockhaus Enzyklopädie 1931 7
1.2 Brockhaus Enzyklopädie 1954 7
1.3 Universallexikon 2004 7
1.4 Klaus Weigelt 1984 Heimat und Nation. 8
Zur Geschichte und Identität der Deutschen
1.5 Die gesellschaftspolitische Lage nach 1945 8
1.5.1 Thematisierung der Thematik Heimat im Film 10
2. Der Heimatfilm 10
2.1 Die Entstehung des Films 10
2.1.1 Die Entstehung des deutschen Films 11
2.2 Der Berg- und Skifilm der 20er Jahre 11
2.3 Die „Blut und Boden“ Filme 13
der Nationalsozialisten
2.4 Der Heimatfilm der 50er Jahre 14
2.4.1 Die Wurzeln und die Namensgebung 14
2.4.2 Entwicklung, Bedeutung und Erfolg 14
2.5 Einteilung der Heimatfilme in drei Phasen 18
2.6 Überblick über die Heimatfilmforschung 19
2.6.1 Willi Höfig: Der deutsche Heimatfilm 19
1947 - 1960
2.6.2 Gerhard Bliersbach: So grün war die Heide 20
2.6.3 Tina Andrea Greis: Der bundesdeutsche 20
Heimatfilm der fünfziger Jahre
2.6.4 Jürgen Trimborn: Der deutsche Heimatfilm 20
der fünfziger Jahre
2.6.5 Weitere Literatur 20
3. Die Handlungsstränge der Heimatfilme 21
und inhaltliche Aspekte
3.1 Die Handlungsstränge der Heimatfilme 21
3.1.1 Handlungsstrang 1: Umgang mit der Natur 21
2
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre
3.1.2 Handlungsstrang 2: Liebesgeschichte 22
(Dreiecksbeziehung)
3.1.2.1 Exemplarisch am Film 22
„Der Förster vom Silberwald“
3.1.2.2 Exemplarisch am Film 23
„Ein Stück vom Himmel“
3.1.2.3 Exemplarisch am Film 24
„Schwarzwaldmädel“
3.1.3 Die Verwechslung als Handlungsstütze 25
3.2 Inhaltliche Aspekte 25
3.2.1 Die Stellung der Frau 25
3.2.2 Die Besetzung der Hauptrollen 26
3.2.3 Die Erziehung 27
3.2.4 Die familiären Strukturen 27
3.2.5 Das Verhältnis zwischen Natur und Mensch 28
3.2.6 Die Gegenüberstellung von Stadt und Land 29
4. Die Funktion der Heimatfilme 30
4.1 Vermittlung von Werten und Normen 30
4.2 Die Integration von Flüchtlingen 31
4.3 Urlaubsersatz 32
5 R e s ü m e e S e i t e 3
6. Die systematische Filmanalyse 34
6.1. Die verschiedenen Einstellungsgrößen 35
6.2 Die verschiedenen Einstellungsperspektiven 36
6.3 Die verschiedenen Kamerabewegungen 37
6.4 Sequenzprotokoll „Schwarzwaldmädel“ 37
6.5 Dialogliste dreier Szenen aus 42
„Der Förster vom Silberwald“
Didaktischer Teil
7. Der Heimatfilm im Geschichtsunterricht 46
7.1 Voraussetzungen und erforderliche 48
Kenntnisse beim Filmeinsatz
7.2 Der Bezug zum aktuellen Bildungsplan 50
der Realschule
3
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre
____________________________________________________________________ 7.3 Der Bezug zum zukünftigen Bildungsplan Seite 51 der Realschule 7.4 Die Behandlung der 50er Jahre im Schulbuch Seite 51
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s S e i t e 5 3
Auswahlfilmographie Seite 56
A n h a n g S e i t e 5 7
4
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre
____________________________________________________________________ Vorbemerkung
Denkt man an die Heimatfilme der 50er, so fallen einem Personen wie das Schwarzwaldmädel oder der Förster vom Silberwald und beeindruckende Landschaften, beispielsweise Heide, Schwarzwald und insbesondere die Alpen ein. Man denkt an seichte Handlungsstränge und imposante Naturaufnahmen, an Liebe, Wilderer und Förster, die mit ihrer Klugheit und Umsichtigkeit die Natur und die Landbevölkerung vor der Zerstörung retten.
Umso mehr mag es deshalb für manchen unerklärbar sein, wie dieses Genre sich zu damaliger Zeit einen solch großen Zuspruch beim Publikum erarbeiten konnte und diesen teilweise auch heute noch hat, denkt man nur an die ständigen Wiederholungen im Fernsehen. Ein Erfolg, den kein anderer Filmtyp in der Filmgeschichte der Bundesrepublik jemals wiederholen konnte und deren Zuschauerzahlen wahrscheinlich für immer unerreicht werden bleiben, lockte doch allein der „Förster vom Silberwald“ zwischen 1955 und 1958 22 Millionen Zuschauer ins Kino 2 und das gegen die Konkurrenz von Filmklassikern wie „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), „Das verflixte 7. Jahr“ (1955) oder „Die zwölf Geschworenen“ (1957). Vergleicht man diese Zahlen mit heutigen erfolgreichen deutschen Filmen, etwa „Good by Lenin“ den bisher gut 6,3 Millionen 3 sahen, bekommt man einen ungefähren Anhaltspunkt über den Publikumserfolg dieser Filme. Diesem Genre würde man aber nicht gerecht werden, wenn man sich dieser Betrachtungsweise anschließen würde. Sicherlich werden die Vorurteile beim oberflächlichen Betrachten dieser Filme zunächst bestätigt. Unbestreitbar sind diese Filme alle nach dem gleichen Muster aufgebaut und natürlich kann nicht von einer Handlung auf hohem Niveau gesprochen werden, doch gerade hinter dem Trivialem verbirgt sich mehr als sich auf den ersten Blick erkennen lässt - nämlich das Lebensgefühl einer ganzen Gesellschaft mit all ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen, der Wunsch nach anerkannten Werten und stabilen Institutionen.
Die Filme verraten mindestens genauso viel über die damaligen Verhältnisse, als beispielsweise Dokumentationen oder Augenzeugenberichte, die oftmals ein zu verzerrtes und subjektives Bild wiedergeben. Die Heimatfilme sind nicht nur als bloße Unterhaltung zu verstehen, sondern erfüllten zu damaliger Zeit unterschiedlichste
2 Vgl. Höfig, Willi, 1973: Der bundesdeutsche Heimatfilm 1947 - 1960. Stuttgart: Ferdinand Enke. S. 176.
3 Vgl. http://www.charts-surfer.de/cgi-bin/kinochart.cgi
5
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre ____________________________________________________________________ Funktionen. Darin ist auch der Erfolg der Filme zu suchen und die Chance, für die Geschichtswissenschaft und ihrer Didaktik, eine weitere historische Quelle zu erschließen - eine Quelle der bisher relativ wenig Achtung geschenkt wurde. Im Gegensatz zu den Berg- und Skifilmen der 20er Jahre und den „Blut und Boden“ Filmen des Dritten Reiches, die jeweils ausgiebig untersucht wurden, findet man zum bundesdeutschen Heimatfilm der 50er Jahre noch relativ wenig Literatur und das obwohl der Heimatfilm teilweise eine Entwicklungslinie mit den eben genannten Filmtypen bildet.
Auch im Geschichtsunterricht wird dem Spielfilm im Allgemeinen und dem Heimatfilm im Speziellen äußerst wenig Beachtung geschenkt. Dabei kann mit einem Spielfilm bei Schülern vielleicht mehr erreicht werden, als mit dem Einsatz anderer Medien, denn hier werden die Schüler in einem Bereich angesprochen, der ihnen vertraut ist. Bis heute beschränkt sich aber der Einsatz des Mediums Films im Geschichtsunterricht fast ausschließlich auf Propaganda- und allenfalls Dokumentarfilme. 4
Deshalb möchte ich in dieser Arbeit versuchen, näher hinter die Fassade der „seichten Heimatstreifen“ zu blicken. Ein besonderes Augenmerk soll dabei die Fragestellung nach der Entstehung dieses deutschen Phänomens und deren Funktion für die damalige Gesellschaft einnehmen. Nicht die Auswertung von Statistiken, die den Erfolg der Filme beweisen, soll im Vordergrund stehen, sondern die Frage nach dem Warum.
4 Vgl. Szöllösi-Janze, Margit, 1993: “Aussuchen und abschießen“ - der Heimatfilm der fünfziger Jahre als historische Quelle. In: GESCHICHTE IN WISSENSCHAFT UND UNTERRICHT. Heft 5. S. 308.
6
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre ____________________________________________________________________
Wissenschaftlicher Teil
1. Der Begriff Heimat
1.1 Brockhaus Enzyklopädie 1931
„Ursprünglich Geburtsort oder der Ort, an dem eine Person ihr Heim (domicilium) hat. Diese Zugehörigkeit war in früheren Zeiten und z.T. noch bis in das 20. Jahr-hundert für die ganzen Rechtsverhältnisse bestimmend. Allmählich wurde die Bezeichnung Heimat zu einem Begriff im Rechtssinn mit bestimmten Auswirkungen (...). In der Gegenwart wird die Bezeichnung Heimat auch gleichbedeutend mit Va-terland, Staat, gebraucht (z.B. heimatlos).“ 5
1.2 Brockhaus Enzyklopädie 1954
„Allgemein die Umwelt, mit der der Einzelne durch Geburt und Lebensumstände verwachsen ist (...) im Deutschen begreift das Wort eine Gemütsbindung ein, das Daheim-Geborgensein. Naturnahe Verhältnisse, verkehrsferne, abgeschlossene Lage fördern das Heimatgefühl; es ist jedoch weder auf die Naturlandschaft noch etwa auf die schöne Landschaft beschränkt. (...) Die Klein- und Mittelstadt mit lokalem Geschichtsbewusstsein bietet seit alters ein günstiges Klima für Heimatliebe und Heimattreue. (...) auch moderne Industriestädte können zur Heimat werden. (...) Ebensowenig sind Familie und Herkunft für das Heimatbewusstsein wesensnotwendig; Wahlheimat hat es immer gegeben; Kinder von Heimatvertriebenen können schnell heimisch werden, wenn die Umstände günstig sind. Andererseits kann Heimweh nach der verlorenen Heimat sich bis zur körperlichen Krankheitserscheinung steigern.“ 6
1.3 Universallexikon 2004
„Der geographisch einheitlich erlebte Raum (Landschaft, Siedlungsform), mit dem sich der Mensch durch Geburt, Tradition und Lebensweise besonders verbunden fühlt, in dem seine Persönlichkeit maßgeblich geprägt wurde und seine ersten entscheidenden sozialen Beziehungen zustande kamen. Die Heimat erfährt regelmäßig
5 Vgl. Der Große Brockhaus, 1931 15 : Leipzig: Brockhaus Verlag. S. 324f.
6 Vgl. Der Große Brockhaus, 1954 16 : Wiesbaden: Brockhaus Verlag. S. 351.
7
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre ____________________________________________________________________ in Zeiten persönlicher und sozialer Krisen Aufwertung bei gleichzeitiger partieller Ablehnung von Lebensformen der industriellen Massengesellschaft.“ 7
1.4 Klaus Weigelt 1984 Heimat und Nation. Zur Geschichte und Identität der Deutschen
Besonders das Gefühl von Geborgenheit und die Bindung an einen bestimmten Platz wird bei der Definition von Heimat in den Vordergrund gestellt, ja sogar idealisiert. Mit Heimat wird ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit suggeriert. Weigelt schreibt dazu: „Heimat ist die Erfahrung, als Mensch angenommen zu sein, (...) irgendwohin zu gehören, wo man willkommen ist, wo man geliebt und geachtet wird, (...) Geborgenheit kann es nur geben, wo der Mensch sich in dieser angenommen und damit auch in seiner Würde geachtet weiß.“ 8
1.5 Die gesellschaftliche Lage nach 1945
Betrachtet man dazu die gesellschaftspolitische Lage in der sich Westdeutschland nach 1945 befunden hat, so kann das Heimatgefühl, jenes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, bei einem Großteil der Bevölkerung nicht aufgekommen sein. Zwar emigrierten in den ersten Nachkriegsjahren gut 800 000 Deutsche vor allem in die USA, doch wurde dieser Wegzug durch die große Anzahl an Flüchtlingen und Heimatvertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten und der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bei Weitem aufgefangen. Die große Anzahl belastete die bestehende gesellschaftspolitische Ordnung. So wuchs die Zahl jener, die sich eine neue Heimat suchen mussten, zwischen 1950 und 1960 von 8 auf über 13 Millionen an, was einem Viertel der Gesamtbevölkerung entsprach. 9 Die Gesellschaft kann also in ihrer Art als äußerst mobil bezeichnet werden, jedoch mobil nur aufgrund von „Flucht und Vertreibung, Hunger, Kälte und Not“ 10 . Aber auch für die Menschen, die nicht auf der Suche nach einer neuen Heimat waren, ergaben sich allerhand Probleme. Der Kampf um alltägliche Dinge, um Wohnung, Kleidung, Arbeit und Nahrung, Gegenstände, die existentiell zum Leben benötigt wurden, stand auf der Tagesordnung. Ganz im Gegensatz zu der Mobilität in der Gesellschaft, stand die Mobilität in der
7 Vgl. Bertelsmann Lexikon Institut, 2003: Universallexikon 2004. München: Wissen Media. S. 365.
8 Vgl. Bastian, Andrea, 1995: Der Heimat-Begriff. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung in verschiedenen Funktionsbereichen der deutschen Sprache. Tübingen: Max Niemeyer. S. 34.
9 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), 1997: Deutschland in den fünfziger Jahren. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. S. 5.
10 Vgl. Plato, Alexander von / Leh, Almut, 1997: Ein unglaublicher Frühling. Erfahrene Geschichte im Nachkriegsdeutschland 1945-1948. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. S. 23.
8
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre ____________________________________________________________________ Politik. Die Bevölkerung siedelte sich, aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt, in der „ungefährlichen Mitte“ 11 an, politisches Engagement war somit kaum vorhanden. Zu den Millionen von Flüchtlingen und Vertrieben aus den Ostgebieten und der SBZ kamen nochmals eine große Anzahl, die innerhalb der BRD eine neue Heimat suchen mussten, sei es durch den Verlust der Wohnung oder anderen Umständen die unmittelbar oder mittelbar aus dem vorangegangen Krieg resultierten. Die behördliche Zuweisung von Flüchtlingen und Vertriebenen auf Wohnraum von „Alteingesessenen“, belastete die ohnehin schon sehr angespannte Situation zusätzlich. Auch der in der Bundesrepublik durchgeführte Lastenausgleich, die Aufteilung der Kriegsfolgelasten zwischen Flüchtlingen und Einheimischen, trug in diese Richtung bei. Jedoch schaffte es die Nachkriegsgesellschaft in den 50er Jahren trotz aller anfänglichen Probleme sich zu einer relativ homogenen Gesellschaft zu formen. Das Gefühl, den Krieg zusammen verloren zu haben und nun auch „gemeinsam die Ärmel hochkrempeln zu müssen“ 12 war dabei ein wesentlicher Faktor. Die sich als günstig entwickelnden wirtschaftlichen Verhältnisse beschleunigten diesen Prozess sicherlich noch zunehmend.
Wie in der Definition des Brockhaus schon angeklungen, reduziert sich der Heimatbegriff oftmals an einen bestimmten Ort bzw. an eine Landschaft, in dem sich der Mensch frei entfalten kann und in dem er selbst zu seiner Identität findet. Nur in jenem Raum, in welchem er dieses Gefühl verspürt, ist es ihm möglich zu leben und letztlich auch zu überleben. Fehlt ihm diese Grundlage, so kann sich das Heimweh „bis zur körperlichen Krankheitserscheinung steigern“. 13 Allen diesen Menschen, gleich ob Flüchtling oder Einheimischer, war aber zu Beginn der 50er eines gemeinsam: Der Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit. Dieser Wunsch nach all den Erfahrungen, welche die Nationalsozialisten und mit ihnen auch der Krieg brachten, war ungemein stark. Besonders stark natürlich in der Gruppe der Vertriebenen, mussten sie doch ihre angestammte Heimat aufgeben und nun versuchen in ihren neuen Heimat eben jene Werte, wie Sicherheit und Geborgenheit, wieder zu finden. Der Film versuchte dabei zu helfen.
11 Ebenda: S. 24.
12 Ebenda: S. 32.
13 Siehe 6.
9
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre ____________________________________________________________________
1.5.1 Thematisierung der Thematik Heimat im Film
Überträgt man die Definition, wie sie in den 50er Jahren allgemein gültig war 14 , auf das Genre des Heimatfilms, so kann man daraus eine erste Funktion des Films ableiten und zugleich auch einen ersten Erklärungsversuch für den ungeheuren Erfolg finden. Die Vermittlung eines neuen Heimatgefühls für all jene, die ihre eigentliche Heimat erst verloren hatten, war ein wesentlicher Bestandteil. Vergleicht man dazu die Handlungsplätze, an denen jene Filme gedreht wurden, so lässt sich eine Mischung zwischen Alpenpanorama, mitteldeutschen Landschaften und norddeutschen Heide- und Moorlandschaften feststellen. 15 Auch wenn heute oftmals nur noch die zugegebenermaßen beeindruckenden Alpenaufnahmen in unserem Bewusstsein vor-handen sind, so reduzierte sich dies damals nicht nur auf diesen Schauplatz. Vielmehr lässt sich feststellen, dass alle Landschaften, in denen Vertreibung stattfand, ihren Gegenpol im bundesdeutschen Heimatfilm fanden. So sind beispielsweise die ostpreußischen Gebiete auf die norddeutschen Heidelandschaften, Schlesien und das Sudetenland auf die deutschen Mittelgebirgslandschaften übertragbar. Aber nicht nur das Wiederfinden der alten Heimat im Film, sondern auch das Finden einer neuen Heimat in der Realität konnte auf diese Weise ermöglicht werden.
2. Der Heimatfilm
Der Erfolg von Heimatfilmen der 50er Jahre beschränkte sich ausnahmslos auf den deutschsprachigen Raum. Dies ergibt sich aus der Entstehungsgeschichte dieses Filmgenres. So steht er teilweise in einer Entwicklungslinie zu den Berg- und Skifilmen der 20er Jahre und frühen 30er Jahre und deren Nachfolger, der „Blut und Boden“ Propaganda während der Zeit des Nationalsozialismus.
2.1 Die Entstehung des Films
Mit der Entwicklung der Fotographie Mitte des 19. Jahrhunderts begannen auch Versuche, die Bilder in Bewegung zu versetzen. Was in den 80er Jahren erstmals auch gelang. Unabhängig voneinander entwickelten der Amerikaner Eadweard Muybridge, der Franzose Etienne-Jules Marey und der Deutsche Ottomar Anschütz Geräte, welche in der Lage waren, Fotographien in Bewegung zu setzen. Die ersten Filme
14 Siehe 6.
15 Vgl. Höfig: S. 185.
10
Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre ____________________________________________________________________ entstanden aber erst gut 10 Jahre später: 1892 schaffte es Thomas Alva Edison einen ersten Kinetoskopen zu erfinden, der in Frankreich durch die Gebrüder Lumière weiterentwickelt wurde. Zu gleicher Zeit gelang es Max Skladanowsky in Deutschland eigenständig eine erste Filmkamera zu entwickeln. Am 19. März 1895 drehten die Gebrüder Lumière den ersten Film der Geschichte, indem sie die Arbeiter beim Verlassen der Lumièreschen Fabrik aufnahmen. Die erste öffentliche Filmvorführung wurde von Skladanowsky am 1. November 1895 in Berlin abgehalten.
2.1.1 Die Entstehung des deutschen Films
Mit der Erfindung des „Bioskop“ durch Skladanowsky entstand die deutsche Filmwirtschaft. Aufgenommen wurden zunächst nur Szenen aus dem Alltagslaben (Aufnahmen vom Berliner Alexanderplatz 1896) oder Aktualitäten (Kaiserflottenparade von Helgoland 1904), die aber teilweise aufgrund der technischen Voraussetzungen noch nachgespielt werden müssen. 1903 gelingt es mit der Entwicklung des „Biophon“ durch Oskar Messter, erste „Tonbilder“ abzuspielen. Eine Erfindung, die es ermöglichte, den gezeigten Filmen einen Ton über ein angeschlossenes Grammophon synchron hinzuzufügen. Die ohnehin schon im Aufschwung befindliche Filmwirtschaft erhielt dadurch einen weiteren enormen Schub. Die Begeisterung der Menschen für das neue Medium war dementsprechend auch beispiellos. Gab es 1905 in Berlin 16 ständige Kinos, so wuchs deren Zahl bis April 1913 auf 206 an. 16 Mehr und mehr gingen die kurzen szenischen Aufnahmen in Spielfilme über und erste Stars wurden geboren, beispielsweise die Dänin Asta Nielsen, die durch ihr Arrangement bei der berlinerischen Union-Film zu Weltruhm kommt. 17 Die nun entstehenden Spielfilme lassen sich immer stärker in verschiedene Kategorien einordnen - die einzelnen Filmgenres entstehen.
2.2 Der Berg- und Skifilm der 20er Jahre
Eines der nun aufkommenden Genres bildete der Berg- und Skifilm. Der Anfang wurde dabei in den frühen 20er Jahren durch Arnold Fanck gemacht. Fancks Filme besitzen letztendlich nur ein Thema, die „Anbetung der wilden Natur“ 18 . Die gespiel-
16 Vgl.Jacobsen, Wolfgang, 1993: Frühgeschichte des deutschen Films. In: Jacobsen, Wolfgang u.a. (Hg.): Geschichte des deutschen Films. Stuttgart: Metzler. S. 20.
17 Vgl. Riess, Curt, 1956: Das gab’s nur einmal. Das Buch der schönsten Filme unseres Lebens. Hamburg: Verlag der Sternbücher. S. 36.
18 Vgl. Greis, Tina Andrea, 1992: Der bundesdeutsche Heimatfilm der fünfziger Jahre. Frankfurt am Main: Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. S. 19.
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Jürgen Bader, 2004, Der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre und dessen Einsatz im Geschichtsunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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