Inhalt
Einleitung 3
1 Zur Bedeutung der Wahrnehmung für das Denken 4
2 Die Vermögen des leidenden Verstandes 10
3 Die Vermögen der tätigen Vernunft 16
Zusammenfassung und Kritik 24
Literatur 28
2
Einleitung
In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, den inneren Zusammenhang von menschlichem Wahrnehmen und Denken nachzuzeichnen, der die Schriften des Aristoteles durchzieht. Dabei werden physiologische, erkenntnistheoretische, ontologische und ansatzweise auch metaphysische Ansichten des Philosophen auf diese Fragestellung hin durchleuchtet. Die Interpretation erfolgt vor dem Hintergrund der Schriften eines neuzeitlichen Denkers, René Descartes. Dabei soll keinesfalls ein umfassender Vergleich der aristotelischen Schriften mit dem Rationalismus der Neuzeit angestrengt werden; vielmehr geht es darum, die Charakteristik der aristotelischen Erkenntnistheorie vor der Folie eines diametral entgegen gesetzten Denkens stärker zu konturieren und ihre Distanz zu Erklärungsansätzen der Neuzeit deutlich zu machen. Im ersten Abschnitt der Arbeit werden die Wahrnehmungsvermögen nach Aristoteles vorgestellt, wobei sich zwei wesentliche Besonderheiten zeigen lassen: Zum einen nimmt Aristoteles’ Bestimmung von sinnlicher Erkenntnis ihren Anstoß bei der Gegenstandswelt, zum anderen ist bereits die Wahrnehmung in die Interpretation der Sinnesdaten involviert. Der zweite Abschnitt behandelt den leidenden Verstand. Der Schlüsselbegriff für diese psychische Instanz liegt für Aristoteles im Vorstellungsvermögen und der spezifischen Ausprägung seiner Ansicht der Wahrnehmungswelt. Im dritten Abschnitt der Arbeit folgt die Erörterung der tätigen Vernunft, jenes Seelenteils also, der nach Aristoteles nur dem Menschen zukommt. Es zeigt sich auch hier, dass Aristoteles das Denkvermögen keinesfalls unabhängig von Wahrnehmungsvermögen und -inhalten sieht, sondern vielmehr eine Kongruenz von Wahrnehmungswelt und Denkseele als möglich herausstellt. Die Ergebnisse der Arbeit werden abschließend zusammengefasst und vor dem Hintergrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnis bewertet.
3
1 Zur Bedeutung der Wahrnehmung für das Denken
Ein Charakteristikum des aristotelischen Denkens liegt in der engen Verknüpfung des Denkens mit der Wahrnehmung. Bereits die einleitenden Sätze der Metaphysik weisen hierauf hin, wenn das Streben nach Wissen, das in der Natur des Menschen angelegt sei, mit seiner „Liebe zu den Sinneswahrnehmungen” belegt wird. 1 In seiner Schrift Über Träume bezeichnet Aristoteles das Wahrnehmungs- neben dem Denkvermögen als die ausschließlichen Ursachen menschlicher Erkenntnis. 2 Ein methodischer Zweifel am Wahrheitsgehalt sinnlicher Erfahrung, wie sie etwa dem Discours de la Méthode bei René Descartes zu eigen ist 3 , läge Aristoteles völlig fern. Wenn der neuzeitliche Denker lediglich Gedanken, Einbildung und Gedächtnis (pensée, imagination, m émoire) als Vermögen der menschlichen Vernunft begreift und die Wahrnehmung dabei ausklammert 4 , wird nach dem Verständnis des Stagiriten ein wesentlicher Bestandteil des Vernunftvermögens ignoriert.
Dabei ist das Wahrnehmungsvermögen bei Aristoteles an einen Teil der Seele gebunden, der den Menschen und Tieren gemein ist, den Pflanzen hingegen fehlt. 5 Eine erste Annäherung an das Wahrnehmungsvermögen bei Tieren und Menschen kann über die Fähigkeit zum Ortswechsel, d.h. zur Bewegung, versucht werden. Die Motivation hierzu liegt im Strebevermögen von Mensch und Tier, das über Lust bzw. Unlust zur Aufsuche von Nahrungsquellen anregt. Um sich auf die Hunger und Durst stillenden Nahrungsmittel hinzubewegen, müssen Menschen und Tiere diese zunächst einmal wahrnehmen können. 6 Pflanzen, deren Nahrungsaufnahme nicht auf die Ortsveränderung angewiesen ist,
1 Vgl. Met. 980.
2 Vgl. Insomn. 458b.
3 Vgl. René Descartes: Discours de la Méthode (1637). Übersetzt und herausgegeben von Lüder
Gräbe, Hamburg, 1960 (ND 1969). S. 52ff. Die Ablehnung sinnlicher Wahrnehmung als Quelle der
menschlichen Erkenntnis findet sich explizit auch in den Meditationes de prima philosophia. Vgl.
hierzu René Descartes (1641): Meditationes de prima philosophia. Übersetzt und herausgegeben von
Lüder Gräbe, Hamburg, 3. Aufl. 1992. S. 39ff.
4 Vgl. René Descartes: Discours de la Méthode. S. 4f.
5 Vgl. An. 414a.
6 Vgl. An. 414b.
4
bedürfen in der teleologischen Perspektive des Aristoteles auch keines Wahrnehmungsvermögens, zu ihrem Erhalt genügt die Nährseele, die er allem Lebendigen zuschreibt. 7
In dieser pyramidalen Betrachtungsweise, die von grundlegenden Vermögen ausgeht und allem Lebendigen zuschreibt, um dann zu komplexeren Fähigkeiten überzugehen und diese dann nur noch wenigen Lebensformen zuzubilligen, wird auch die Hierarchie verständlich, in der Aristoteles die verschiedenen Anlagen zur sinnlichen Wahrnehmung sieht. Als basal nimmt er den Tastsinn an, den er jedem tierischen Lebewesen zuschreibt. 8 Unwillkürlich drängt sich dem modernen Leser die Vorstellung von Pantoffeltierchen auf, bei denen Wahrnehmung und Eigenbewegung gleichermaßen über die Membran des Ektoplasmas vermittelt werden. Den Geruchs- und Geschmackssinn stellt Aristoteles in engen Zusammenhang zueinander und zum Tastsinn. 9 Er plausibilisiert diese Betrachtung durch eine enge Verknüpfung der olfaktorischen und gustatorischen Vermögen mit der Nahrungsaufnahme, die bei sich bewegenden Lebewesen (Tieren und Menschen) notwendig mit örtlicher Veränderung und dem hierzu notwendigen Tastsinn verknüpft ist. 10
Das Sehen wie auch das Hören sieht Aristoteles in einer engeren Verbindung mit dem Denken, das er ausschließlich dem zur Vernunft f ähigen Lebewesen, dem Menschen zuschreibt. Hinsichtlich des Sehsinnes begründet er die übergeordnete Stellung damit, dass dieser der Differenzierung nach unterschiedlichen Objekten dient. 11 Umgekehrt bedeutet dies für ihn auch, dass die Zusammengehörigkeit verschiedener Merkmale zu
7 Vgl. An. 414a.
8 Vgl. An. 415a.
9 Vgl. Sens. 440b ff.
10 In seiner Schrift Über die Sinneswahrnehmung geht Aristoteles soweit, dass er den
Geschmackssinn der Nährseele zuschreibt. (Vgl. hierzu Sens. 436b) Der Geruchssinn nimmt für ihn
eine mittlere Stellung zwischen den niederen Sinnesorganen (Tasten, Schmecken) und den höheren
Vermögen (Hören, Sehen) ein. Er begründet dies vom Objekt der Sinneswahrnehmung her. Zwar
vermittelt der Geruch Lust und Unlust, die zur Nahrungsaufnahme oder -vermeidung dienen, aber
dient gleichermaßen zur Aufnahme von Wohlgerüchen, die um ihrer selbst willen als angenehm oder
unangenehm empfunden werden, ohne dass sie dabei von der Nährseele auf ihre Tauglichkeit zur
Ernährung überprüft würden. Vgl. hierzu Sens. 443b ff.
11 Vgl. Met. 980a.
5
einem Gegenstand zwar nicht direkt durch den Sehsinn vermittelt wird, wohl aber wesentliche Indizien für die Identifizierung eines Gegenstandes wie etwa die gemeinsame Bewegung von sinnlich gegebenen Daten aus der visuellen Erfahrung herrühren. 12 Wenn auch der Sehsinn für Aristoteles an der Spitze aller Wahrnehmungsvermögen steht, so unterstreicht er doch die Bedeutung des Gehörs vor allem aufgrund dessen, dass es zur Aufnahme von Wissen(schaft) befähigt: „Daher sind von denen, die seit ihrer Geburt je einen dieser beiden Sinne [Sehen oder Hören, d. Verf.] entbehren müssen, die Blinden vernünftiger als die Taubstummen.” Wer (wie ein Blinder) hören kann, ist zur Aufnahme von Lehre und zum Lernen fähig, der Taube hingegen ist auf seine vereinzelte visuelle Wahrnehmung angewiesen, ohne dass er je unterrichtet werden könnte. 13 Auffällig an der Rangordnung unter den verschiedenen Sinnesvermögen ist, dass Aristoteles sich hierbei an den Gegenständen der Wahrnehmung und ihren Funktionen für die hierarchisch verstandenen Seelenteile orientiert. Hier bestätigt sich die Einschätzung von Hubertus Busche, der unter Berufung auf die aristotelische Bestimmung des Wahrgenommenen in De anima davon ausgeht, dass Aristoteles „von dem her, was vom Objekt ausgeht” 14 , seinen Ansatz wählt. Klaus Oehler spricht in diesem Zusammenhang vom „Zwingcharakter des Seienden” 15 . Allein schon aus diesem Grunde ist verständlich, dass Aristoteles die konstruktivistisch anmutende Betrachtungsweise, der ontologische Status eines Gegenstandes könne nur in Relation zum Betrachter festgestellt werden, schroff ablehnt. 16
12 Als „gemeinsame Merkmale” bezeichnet Aristoteles „Gestalt, Größe, Bewegung, Zahl” (Sens. 437a)
Dabei kommt der (visuell wahrnehmbaren) gemeinsamen Bewegung ein besonderer Stellenwert zu.
(vgl. An. 425a)
13 Die heute übliche Wissensaufnahme über den Akt des Lesens, wofür ja das visuelle
Wahrnehmungsvermögen ausschlaggebend wäre, ist Aristoteles fremd. Lernen bedeutet für ihn die
akustische Aufnahme einer Vorlesung oder die diskursive Auseinandersetzung nach dem Vorbild
der Lehrveranstaltungen innerhalb der Akademie. Vgl. hierzu Georg Picht: Aristoteles „De anima”,
Stuttgart 1987. S. 8ff.
14 Hubertus Busche: Die interpretierende Kraft der Aisthesis. Wahrheit und Irrtum der Wahrnehmung
bei Aristoteles. In: Günther Figal: Interpretationen der Wahrheit. Tübingen 2002. S. 116.
15 Klaus Oehler: Die Lehre vom Noetischen und Dianoetischen Denken bei Platon und Aristoteles.
München, 2. Aufl. 1985. S. 188.
16 Vgl. Met. 1011a f. Um dieses Verdikt allerdings zu begründen, bedient sich Aristoteles allerdings
nicht der menschlichen Wahrnehmungsvermögen, sondern beruft sich auf den dem noetischen
Denken innewohnenden Satz vom ausgeschlossenen Dritten.
6
Dabei sind f ür Aristoteles Wahrnehmungsgegenstand und Wahrnehmung keinesfalls identisch. Er grenzt sich ausdrücklich von anderen Naturphilosophen ab, die die Existenz eines Sinneseindrucks notwendig von derjenigen eines Sinnesvermögens abhängig machen. 17 Zur Begründung f ür die Abweisung einer notwendigen Verbindung und zur Gewährleistung eines vom sinnlich Wahrnehmenden unabhängigen Objektes rekurriert er auf die Kategorien des Möglichen und des Wirklichen. Er macht dies am Beispiel akustischer Wahrnehmung deutlich. Das zum Klangbilden Fähige besitzt die Potenz zum klingen, es aktualisiert (verwirklicht) diese im Klang. Das zur Wahrnehmung fähige Gehör kann dann und nur dann, wenn das Klingende wirklich einen Ton aussendet, die entsprechende akustische Wahrnehmung machen und damit wirklich, d.h. nicht nur der Möglichkeit nach hören. 18 Mithin können Wahrnehmungsvermögen und -objekt nicht ein und dasselbe sein.
Vermittelt wird die Wahrnehmung des Wahrnehmbaren über Bewegung, wobei die Übertragung durch ein Medium (Luft oder Wasser) erfolgt. 19 Das Sinnesorgan erfährt die Bewegung, die von einem Gegenstand ausgeht, in Form eines Erleidens. Aristoteles unterscheidet jedoch das Sinnesorgan von dem Wahrnehmen selbst. Das Organ selbst erfährt eine durchaus materiell zu verstehende Berührung vom Wahrgenommenen, etwa durch Schall oder Licht. Das Wahrnehmungsvermögen selbst bleibt von dieser materiebehafteten Affizierung frei; es nimmt den Gegenstand lediglich seiner Form nach wahr. Für Aristoteles wird aus dieser Differenzierung erklärbar, warum das Übermaß einer Wahrnehmung das entsprechende Sinnesorgan (zer-)stören kann: Der unmittelbare Ansturm von Materie, der nicht mehr von einem der Form nach erkennenden Vermögen bewältigt werden kann, führt dazu, dass das Sinnesorgan empfindlich gestört oder sogar vernichtet wird. 20 Dieser recht schwer nachzuvollziehende Gedankengang l ässt sich am
17 Vgl. An. 426a.
18 Vgl. An. 425b f.
19 Vgl. An. 417a ff. Für Aristoteles scheint die Bewegung des Wahrnehmbaren durch ein Medium
hindurch eine notwendige Bedingung für seine Wahrnehmung darzustellen. Er verweist darauf, dass
ein Gegenstand, der auf ein Sinnesorgan gelegt wird, nicht wahrgenommen wird. (vgl. An. 421a) Das
Medium selbst bleibt für Aristoteles stets unsichtbar: „Wenn dieses [das Medium, der Verf.] leer
wird, so wird nicht nur nicht deutlich, sondern überhaupt nichts gesehen.” (An. 419a)
20 Vgl. An. 424a f.
7
Beispiel der akustischen Wahrnehmung am ehesten verstehehen: Ein Klang wird gemeinhin als Relation verschiedener Töne (Terz, Quarte, Quinte o.ä.) wahrgenommen. Mit Aristoteles ließe sich hier von der Form eines Tones sprechen, wobei den Klängen analog die materiell gedachten Schallwellen im Medium der Luft entsprächen. Wenn nun ein einzelner Ton, z.B. der Schlag einer Pauke, besonders laut ist, so verhindert er die Wahrnehmung der Relation von T önen, die Form des Klanges, im menschlichen echotischen Wahrnehmungsvermögen. Im Extremfall kann das Trommelfell als materielles Hörorgan des Menschen von einem zu lauten Ton sogar Schaden nehmen. Bezeichnend für das aristotelische Denken ist, dass bei dieser Differenzierung von Wahrnehmungsorgan und Wahrnehmungsvermögen keinerlei Instanz angenommen wird, die hier vermittelnd tätig würde. Das physiologische Substrat hierfür wird erst neuzeitlich bei Descartes erwähnt und bei den menschlichen Nerven angesiedelt. 21 Wohl aber sieht auch Aristoteles die Notwendigkeit, dass die sinnlichen Erfahrungen der verschiedenen hierfür zuständigen Organe und Vermögen einer Verbindung untereinander bedürfen, um das zu ermöglichen, was wir heute als Objektwahrnehmung bezeichnen. 22 Zunächst einmal k önnte man annehmen, dass die R ückführbarkeit verschiedener Sinnesdaten auf ein und denselben Gegenstand aus der gemeinsamen Bewegung geschlossen wird. Diesen Weg verfolgt auch Aristoteles. 23 Jedoch wird das Problem der Objektwahrnehmung f ür ihn dadurch nicht vollständig gelöst, denn die je einzelnen Sinnesorgane und Wahrnehmungsvermögen können „Bewegung, Ruhe, Gestalt, Größe, Zahl, Eines” nur akzidentell wahrnehmen. 24 So würde die gemeinsame Bewegung nur als etwas mehr oder minder Zufälliges erfasst, ohne dass die substantielle Zusammengehörigkeit erkennbar w ürde. Ein derartiger Schluss ist extrem
21 Vgl. René Descartes: Die Leidenschaften der Seele (1659). Herausgeben und übersetzt von Klaus
Hammacher, Hamburg 1984. S. 39. Bei Descartes bleibt jedoch in diesem Zusammenhang
ausgeklammert, inwieweit Perzeptionen als materiell bestimmt gedacht werden m üssen. Die
Differenzierung nach Form und Materie, für Aristoteles ein wesentliches Merkmal zur Ermöglichung
von Wahrnehmung, wird von Descartes gar nicht erst problematisiert, sodass er auf Seiten dessen,
was eigentlich wahrgenommenen wird, vergleichsweise unbestimmt bleibt.
22 Für einen Überblick über den derzeitigen Stand der diesbezüglichen Forschung siehe E. Bruce
Goldstein: Wahrnehmungspsychologie. Heidelberg / Berlin, 2. dt. Auflage 2002, S. 184ff.
23 Vgl. An. 425a.
24 Vgl. ebd.
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Arbeit zitieren:
Thomas Eimer, 2004, Der Zusammenhang von Wahrnehmung und Denkvermögen bei Aristoteles, München, GRIN Verlag GmbH
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