Ludwig-Maximilian-Universität München
Eingereicht am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminar im WS 2003/2004: Carl Zuckmayer/ Stücke
Fachsemester: 05
Stigmata in der Gesellschaft
von: Claudia Haslauer
INHALTSÜBERSICHT
I. EINLEITUNG 4
A. Stigmata in der Gesellschaft 4
B. Methodischer Ansatz zur vorliegenden Arbeit 5
II. CARL ZUCKMAYER, DER HAUPTMANN VON KÖPENIK (1931) 7
A. Inhaltliche Kriterien des Dramas 7
B. Gesellschaft und Individuum 8
1. Identitätsproblematik Wilhelm Voigts 9
2. Soziale Krise des Protagonisten 10
III. ALFRED DÖBLIN, BERLIN ALEXANDERPLATZ (1929) 12
A. Thematische Aspekte des Großstadtromans 12
B. Kriminalität und Gewalt 13
1. Gewalt als Leitmotiv und Stigmata des Protagonisten 14
2. Das Leiden Biberkopfs und seine Erlösung 16
IV. VERGLEICHENDE DARSTELLUNG DER BEIDEN WERKE 18
V. FAZIT 20
A. Thematische Zusammenfassung 20
B. Persönliches Resumé 21
VI. LITERATURVERZEICHNIS 23
I. EINLEITUNG
A. Stigmata in der Gesellschaft
Die Menschen kennen einander nicht leicht,
selbst mit dem besten Willen und Vorsatz;
nun tritt noch der böse Wille hinzu,
der alles entstellt.1
Johann Wolfgang von Goethe
Es ist schon lange kein Phänomen mehr, dass die Gesellschaft das Individuum aufgrund von seinen Merkmalen und Eigenschaften charakterisiert und einstuft. Die Sozialpsychologie unterscheidet zwischen körperlichen, psychischen, charakterlichen und sozialen Merkmalen einer Person, die in der Fachsprache als ′Stigmata′ bekannt sind. Negative Stigmata rufen Ablehnung, Beklemmung oder Unbehagen bei Dritten hervor und entwerten das Gesellschaftsbild eines Stigmaträgers. Der Sozialwissenschaftler, Ervin Goffmann, unterscheidet zwischen sichtbaren und unsichtbaren Stigmata eines Individuums, von denen letztere für die nachfolgende Arbeit von Bedeutung sein werden. Träger von unsichtbaren Stigmata, wie beispielsweise Psychiatriepatienten, ehemalige Gefängnisinsassen oder Arbeitslose haben es schwer sich in die Gesellschaft zu integrieren. Der Versuch, in der Gesellschaft nicht als Stigmaträger erkannt zu werden, ist oft vergeblich. 2 Sobald an einem Individuum ein entsprechend negativ definiertes Merkmal wahrgenommen wird, wird von diesem Merkmal auf weitere unvorteilhafte Eigenschaften des Individuums geschlossen, so dass sich daraus eine Art von Teufelskreis ergibt.
Für Stigmata ist nun charakteristisch, daß einmal das vorhandene Merkmal in bestimmter negativer Weise definiert wird, und daß zum anderen über das Merkmal hinaus dem Merkmalsträger weitere ebenfalls negative Eigenschaften zugeschrieben werden, die mit dem tatsächlich gegebenen Merkmal objektiv nichts zu tun haben.3 Negative Stigmata sind immer verbunden mit einer gesellschaftlichen Norm, von der das Individuum abweicht. Als ′Normen′ bezeichnet man Richtlinien und Regeln, die jedes Individuum in der Gesellschaft einhalten muss, wenn es diesen entsprechen will. In der folgenden Arbeit wird eine Gesellschaftsordnung aufgezeigt, die Arbeitslose und ehemalige Gefängnisinsassen als Träger negativer Stigmata definiert und ihnen ein normwidriges Verhalten unterstellt. Der Kampf des Individuums gegen diese gesellschaftlichen Vorurteile wird dabei genauso Gegenstand der Arbeit sein, wie die daraus resultierenden Krisen des Individuums.
B. Methodischer Ansatz zur vorliegenden Arbeit
Als Primärtexte werden für die Erläuterung des im Kapitel A angesprochenen gesellschaftlichen Konflikts das Drama von Carl Zuckmayer, Der Hauptmann von Köpenik, mit dem Untertitel „Ein deutsches Märchen in drei Akten“ (1931) und der Großstadtroman von Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz, mit dem Untertitel „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ (1929) herangezogen. Durch eine vergleichende Darstellung beider Werke soll folgende These belegt werden: Verschiedene sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, dass Stigmaträger dazu tendieren, ihr Stigma anzunehmen und ein ihren Eigenschaften zugeschriebenes Selbstbild zu entwickeln. 4 Aufgrund des „Konformitätsdrucks“5 neigen Stigmatisierte auch häufig dazu, diejenigen Verhaltensweisen zu übernehmen, die bei ihnen vermutet werden. Entsprechend paßt sich ihr Selbstbild mit der Zeit den Zuschreibungen sowie den Bedingungen ihrer sozialen Situation an.6
In dem Werk von Carl Zuckmayer kristallisiert sich der Konflikt des stigmatisierten Individuums vor allem mit der Gesellschaft heraus, das beim Versuch sich in diese einzugliedern, auf unüberwindbare gesellschaftliche Normen stößt. Aufgrund seines Stigmas „ehemaliger Gefängnisinsasse“ muss sich der Protagonist, Wilhelm Voigt, mit den Vorurteilen, die die Gesellschaft mit diesem Stigma verbindet, auseinandersetzen. Alfred Döblin schildert im Gegensatz zu Zuckmayer den in der These angesprochenen Konformitätsdruck des Individuums. Der Protagonist nimmt die Eigenschaften seines Stigmas an und lebt die Verhaltensweisen, die man mit diesem verbindet (Gewalt und Kriminalität) aus. Schwerpunktmäßig bezieht sich die folgende Arbeit auf drei wesentliche Kapitel. Im zweiten Kapitel wird das Drama Zuckmayers von seine r formalen Seite bis hin zu den Motiven und Hintergründen, die den Protagonisten zu einem Stigmaträger machen, textimmanent untersucht. Die formale Untersuchung wird die sozialen Folgen und Problemfelder des Individuums demonstrieren. Das dritte Kapitel widmet sich dem Großstadtroman Döblins, mit dem analog wie bei Zuckmayer verfahren wird. Im vierten Kapitel werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Stigmaträger aufgeführt und in eine Verbindung miteinander gebracht. Die Arbeit endet im fünften Kapitel mit einer thematischen Zusammenfassung und einer persönlichen Stellungnahme.
II. Carl Zuckmayer, Der Hauptmann von Köpenik (1931)
A. Inhaltliche Kriterien des Dramas
[...]
1 Artemis/Winkler, Mit Goethe durch das Jahr 1993 (München 1992),S.133
2 Bökenkrüger, W./Stempell, H., Wörterbuch der Sozialpolitik –zur Erläuterung sozial-rechtlicher Begriffe (Köln 1961), Band II
3 Hohmeier, J., „Stigmatisierung als sozialer Definitionsprozeß“, In: Brusten, M., Hohmeier, J. Stigmatisierung1- Zur Produktion gesellschaftlicher Randgruppen (Darmstadt 1975), S. 7
4 Höhmann, P, Zur Integration marginaler Gruppen. Eine Studie im Vorfeld abweichenden Verhaltens (Regensburg 1972), Band 1, S.143ff
5 Hohmeier, J., „Stigmatisierung als sozialer Definitionsprozeß“, In: Brusten, M., Hohmeier, J. Stigmatisierung1- Zur Produktion gesellschaftlicher Randgruppen (Darmstadt 1975), S. 15
6 ebenda
Arbeit zitieren:
M.A. Claudia Haslauer, 2004, Stigmata in der Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Invertierung vs. Komplexisierung - Die Konzepte des Brautwerbungsschem...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hauptseminararbeit, 26 Seiten
Die Interpretation der Hortforderung unter dem triuwe-Gesichtspunkt de...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 18 Seiten
Das Selbstkonzept - Vergleich der Ansätze zur Selbstkonzeptforschung v...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hauptseminararbeit, 10 Seiten
Faust und der Teufel - Figur, Rolle und Funktion des Mephistopheles in...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 27 Seiten
Claudia Haslauer hat den Text Stigmata in der Gesellschaft veröffentlicht
Claudia Haslauer hat einen neuen Text hochgeladen
The Three Stigmata of Friedrich Nietzsche: Political Physiology in the...
Nandita Biswas-Mellamphy
0 Kommentare