Zur Person des Verfassers
Markus Priwratzky wurde am 13. Januar 1972 in Augsburg als Sohn der Eheleute Werner Walter und Ruth Priwratzky, ledige Müller geboren und ist in Langweid am Lech aufgewachsen und dort auch zur Schule gegangen. Durch seine Großeltern kam er mit den Zeugen Jehovas in Berührung und wurde mit Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft.
Nach dem Qualifizierten Hauptschulabschluss 1987 begann er eine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel bei der Karstadt AG in Augsburg, die er 1990 zu einem erfolgreichen Abschluss brachte. Im gleichen Jahr konvertierte er, mit Unterstützung einer Ordensschwester aus der Klinik Vincentinum in Augsburg, in die römisch-katholische Kirche und arbeitete ehrenamtlich in seiner Heimatpfarrei Langweid am Lech mit.
Von 1990 bis 1998 arbeitete er als kaufmännischer Angestellter in einer Supermarktkette und einer Teppichgroßhandlung in Gersthofen und Augsburg. 1998 trat er ins Priesterseminar Eichstätt ein und begann mit dem Theologiestudium an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt als außerordentlicher Hörer und Spätberufener. Nach dem Tode seiner Muter im Dezember 1998 und einer schweren Erkrankung wechselte er zum Wintersemester 2000/2001 an das Spätberufenenseminar Collegium Rudolphinum nach Heiligenkreuz um an der dortigen Philosophisch-Theologischen Hochschule der Zisterzienser seine Studien zu beenden und sich durch diverse Praktikas auf den Dienst als Diözesanpriester im Bistum Eichstätt vorzubereiten.
Seit April 2002 wohnt er mit seinem Vater in Augsburg im Stadtteil Hochzoll.
3
Vorwort
Bei der hier vorliegenden Forschungsarbeit handelt es sich um die überarbeitete und erweiterte Fassung meiner Studienabschlussarbeit an der Philosophische-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz in Niederösterreich. Zu Beginn ist es mir ein innerliches Bedürfnis einigen Personen für ihre Mithilfe bei der Erstellung dieser Arbeit zu danken.
H.H. Univ.-Prof. Dr. Erwin Möde, Ordinarius für Christliche Spritualität und Homiletik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, für die hervorragende Mentorenbegleitung.
H.H. Kaplan Christian Schlindwein, Maria Vesperbild, für die intensive theologische und spirituelle Begleitung der Arbeit.
H.H. Pater Herbert Diekmann SDB, Archivar der Norddeutschen Provinz der Salesianer Don Boscos in Köln, für die Bereitstellung wertvoller Literatur.
Frau Ost.Rin i.K. Franziska Schmid, Thannhausen, Gymnasiallehrerin am Dominikus-Ringeisen-Gymnasium in Ursberg für die grammatikalische Endkorrektur der Arbeit.
Ein ganz herzliches Vergelt´s Gott möchte ich an dieser Stelle allen sagen, die mich auf meinem Weg zum Priestertum unterstützen, besonders meinem Vater Werner Priwratzky, meiner Großmutter Erna Priwratzky und der Ehrwürdigen Sr. M. Augustina Hösel OSV.v.P. durch die ich zur katholischen Kirche gefunden habe, allen Verantwortlichen der Priesterausbildung in Eichstätt und Heiligenkreuz, allen Priestern die mich auf meinem Weg begleiten oder begleitet haben, sowie meinen Freunden, Bekannten, Wohltätern, Professoren und Lehrern.
Augsburg, Oktober 2004 Markus Priwratzky
4
Inhalt
5
O. Einleitung
9
1. Zur Biographie Don Boscos
13
1.1 Allgemeines 13
1.2 Kindheit und Jugend: Zwischen Hoffnungslosigkeit 13
und Gottvertrauen
1.3 Priesterausbildung: Schwierigkeiten und Lichtblicke 18
1.4 Sein priesterlicher Weg 19
1.5 Heiligsprechung: Der Kirche leuchtendes Vorbild 26
2. Wirtschaftliche, soziale, politische und kirchliche
27
Situation Italiens im 19. Jahrhundert
2.1 Wirtschaftliche Entwicklung: Ein skizzenhafter Überblick 27
2.2 Politische Wirren und Bedrohung des Kirchenstaates 29
2.2.1 Politische Unruhen: Auswirkungen der französischen 29
Revolution auf Italien und Europa
2.2.2 Bedrohung des Kirchenstaates: Ist das Papsttum in 30
der Krise?
3. Kirchenbild, Spiritualität und pastorale Praxis
33
bei Don Bosco
3.1 Die Ekklesiologische Grundüberzeugung Don Boscos 33
3.1.1 Allgemeine Einleitung 33
3.1.2 Exkurs: Der Theozentrismus im Denken Don Boscos 33
unter Berücksichtigung der Metaphysik des Thomas von Aquin
und der Theologie des Franz von Sales
3.1.3 Don Boscos Treue zum Papst 38
3.1.4 Kirche als universelles Heilsangebot 40
3.2 Die tragenden Säulen seiner Frömmigkeit 44
3.2.1 Der Gehorsam gegenüber Gott als Grundtugend seines 44
priesterlichen Lebens
3.2.2 Seine Eucharistische Frömmigkeit 45
3.2.3 Maria: Die Liebe eines Sohnes zu seiner Mutter 49
5
3.3 Die pastorale Praxis bei Don Bosco 50
3.3.1 Das Gebet als Quelle für sein pastorales Handeln 50
3.3.2 Die Gründung der Kongregation der Salesianer als 52
stringente Konsequenz seiner Spiritualität und seines
Kirchenbildes
4. Die Erziehungsmethode Don Boscos als
53
Schlüssel seiner pädagogischen Erfolge
4.1 Was verstehen wir unter der Pädagogik Don Boscos? 53
4.2 Die Notwendigkeit des Präventivsystems 55
4.2.1 Die industrielle Revolution und ihre Auswirkungen 55
auf die Kinder und Jugendlichen
4.2.2 Anthropologisches Grundverständnis bei Don Bosco 56
4.2.3 Ein pädagogisch-anthropologischer Exkurs zur 60
Pädagogik Georg Kerschensteiners, Ellen Keys,
Maria Montessoris und Mary Wards
4.2.3.1 Georg Kerschensteiner 60
4.2.3.2 Ellen Key 62
4.2.3.3 Maria Montessori 64
4.2.3.4 Mary Ward 67
4.2.3.5 Zusammenfassung 69
4.3 Das Präventivsystem als tragendes Element seiner Pädagogik 70
4.3.1 Worin besteht das Präventivsystem, und warum ist es 70
vorzuziehen?
4.3.2 Anwendung und Nutzen des Präventivsystems 74
4.4 Die erzieherischen Elemente 75
4.4.1 Hinführung 75
4.4.2 Gott - Ursache und Ziel der Pädagogik Don Boscos 75
4.4.3 Die Erziehung „in Liebenswürdigkeit“ 82
4.4.4 Die Erziehung in Freude, aus und zur Freude hin 86
4.4.5 Der salesianische Familiengedanke: Junge Menschen 88
brauchen eine Familie
4.4.6 Erziehen als Erlebnis: Freundschaften und der Wert der Bündnisse 90
4.5 Die Rolle des Erziehers 91
4.5.1 Der Priester 91
4.5.2 Der Laienbruder 93
4.5.3 Laien in der Vereinigung der Salesianischen Mitarbeiter 94
4.6 Zusammenfassung und Psycho-Spirituelle Deutung 95
6
5. Postmoderne Abwege der Heilssuche:
97
Fatale Attraktivität für Kinder und Jugendliche
5.1 Einleitende Gedanken 97
5.2 Schwierigkeiten bei der Neudefinition des Präventivsystems 97
im 21. Jahrhundert in Deutschland: Eine Einführung in post-
moderne Sichtweisen.
5.2.1 Klärungen zum Begriff „Postmoderne“ 97
5.2.2 Werte im Wandel der Zeit: Alles wertlos? 101
5.3 Patchwork-Jugend: Eine Analyse zur Situation der 110
jungen Menschen in Deutschland
5.3.1 Zum Begriff der „Patchwork-Jugend“ 110
5.3.2 Jugendbilder: Eine Differenzierung des Jugendbegriffs 111
5.3.3 Familienstrukturen: Liebe gesucht 114
5.3.4 Schule und Ausbildung: Lebensperspektiven 120
5.3.5 Freizeit: Alles „Fun“ oder was? 125
5.3.5.1 Ein kurzes Vorwort 125
5.3.5.2 Die Technobewegung 126
5.3.5.3 Das Erlebnis-Prinzip 131
5.3.5.4 Cliquen und öffentliche Plätze 133
5.3.6. Gott - Religion - Glaube 136
5.3.6.1 Haben Kinder und Jugendliche ein Bedürfnis nach 136
Religion und Spiritualität?
5.3.6.2 Geben wir jungen Menschen in der Kirche eine Heimat? 142
5.3.6.3 Konsequenzen 143
6. Die Pädagogik Don Boscos als spiritueller
145
Heilsweg für Kinder und Jugendliche in der
Postmoderne
6.1 Die Veränderungen in der Welt des 21. Jahrhunderts als 145
pastorale Herausforderung
6.2 Wie kann die Neuinterpretation des Präventivsystems zu 146
einem Heilsweg für Kinder und Jugendliche werden?
6.2.1 Das Erbe Don Boscos: Auftrag und Verpflichtung 146
6.2.2 Die eschatologische Dimension pastoralen Handelns 148
in der heutigen katholischen Jugendarbeit
6.2.3 Glaubenserneuerung, Sakramentenpastoral, Kinder- und Jugend- 153
gerechte Liturgie sowie Freizeitangebote als Grundpfeiler einer
erneuerten Jugendarbeit
6.2.3.1 Glaubenserneuerung durch Neuevangelisierung 153
6.2.3.2 Sakramentenpastoral 157
7
6.2.3.3 Kinder- und jugendgerechte Liturgie und Freizeitangebote 159
6.2.4 Einsatz in Kindergärten, Schulen und Internaten 165
6.2.5 Beherzter Umgang mit stark gefährdeten jungen Menschen 171
6.3 Die veränderten Anforderungen (nicht nur) an die Salesianer 174
Don Boscos und die Don-Bosco-Schwestern und die Salesianischen
Mitarbeiter
6.3.1 Glaube und Spiritualität: Der Glaube und das Gebet als Grund- 174
pfeiler einer erneuerten Jugendpastoral
6.3.2 Kirchlichkeit: Das „Sentire cum ecclesia“ und die Treue zum Papst 177
6.3.3 Gelebtes Glaubenszeugnis: Authentizität und „Weite des Herzens“ 181
6.3.4 Kindern und Jugendlichen eines spirituellen Heilsweg erschließen 186
helfen
6.3.4.1 Die Bildung einer katholischen Gegenbewegung zur 186
säkularisierten Welt
6.3.4.2 Eine „nachgehende Seelsorge“ 189
7. Zusammenfassung, Wertung und Ausblick
193
Ein eher persönliches Nachwort
196
Literaturverzeichnis
199
8
O. Einleitung
Idole und Stars haben eine geradezu magische Anziehungskraft auf junge Menschen, aber nicht nur auf Jugendliche wirken Idole oft lebensbestimmend, auch Erwachsene brauchen Vorbilder, Menschen, die sich im Leben bewährt haben, oder durch ihren Lebenswandel ansprechend wirken. Wer blickt nicht gern zu Menschen auf, die es verstehen, durch ihre Ausstrahlung den Erfolg an sich zu ziehen. Es ist zu beobachten, dass Geld, Macht, freigelebte Sexualität und all diese Dinge immer mehr das gesellschaftliche Leben und das Leben unserer Kinder und Jugendlichen bestimmen. Musikstars, Filmhelden, Angehörige von Königs- und Adelsfamilien sowie erfolgreiche Geschäftsleute bestimmen die Titelseiten auf unseren Illustrierten und sie diktieren die Medienlandschaft. Je mehr Skandale und Verrücktheiten sie zu bieten haben, um so beliebter scheinen sie bei den Menschen zu sein. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Werte und Wünsche der Menschen in den letzten Jahren verändert haben, wie sehr es unsere Gesellschaft solchen „Idolen“ ermöglicht hat, erfolgreich zu sein.
Im religiösen Leben gibt es Menschen und Gruppierungen, die wir wegen ihres Engagement bewundern. Der Eichstätter Bischof Dr. Walter Mixa schreibt in seinem Buch: „Mit Christus ins dritte Jahrtausend“:
„Wir katholischen Christen sind immer wieder überrascht, wenn wir feststellen, mit welcher Ausdauer und Zielstrebigkeit die Zeugen Jehovas für ihre Lehre eintreten. Stundenlang stehen sie an den wichtigsten Plätzen unserer Städte und scheuen sich nicht, bei Hausbesuchen die Bewohner mit ihrer Überzeugung bekannt zu machen. Immer wieder fällt uns auch auf, dass Muslime keine Angst haben, ihren Glauben zu bezeugen. Ob am Arbeitsplatz oder im Krankenhaus, in der Familie oder in der Freizeit, sie halten ihre Gebetszeiten ein; viele von ihnen rollen ihren Gebetsteppich aus und sprechen in Andacht ihr Gebet. Wir sind über einen derartigen Mut oftmals überrascht und teilweise auch beschämt. 1
Die christlichen Gemeinschaften in Europa, und insbesondere die römischkatholische Kirche, stehen vor einer großen Herausforderung, haben wir uns doch mit einem Glaubens- und Sittenzerfall auseinanderzusetzen, wie es ihn wohl noch nie in der Geschichte Europas gegeben hat. Freie oder
1
Mixa Walter: Mit Christus ins dritte Jahrtausend: Zuspruch und Herausforderung:
1. Auflage München: Don Bosco Verlag, 1998, S. 92
9
„selbstgestrickte“ Religiosität, Esoterik bzw. religiöse Gleichgültigkeit bestimmen unser christliches Abendland. Viele Menschen wenden sich von der katholischen Kirche ab, da sie Ansprüche und Forderungen an die Menschen stellt, die zum Teil unbequem sind. Glaubensromantik und Psychosekten sind von diesem Trend nicht berührt, im Gegenteil, sie können immer mehr Menschen für ihre Ideologien gewinnen. Das ist ein interessanter Aspekt, wenn es um die Frage geht: „Wie kann die katholische Kirche adäquat auf diese Entwicklung antworten?“
Friedrich Nietzsche, ein bedeutender Philosoph des 19. Jahrhunderts sagte einmal:
„Gott ist tot. - Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen. Wir haben ihn getötet, ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wohin bewegen wir uns? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Gott ist tot! Gott bleibt tot.“ 2
Ein Gedanke, der mich erschreckt und zugleich zu der Fragestellung veranlasst: „Will der postmoderne Mensch den christlichen Glauben überhaupt noch verkündet bekommen? Gibt es eine realistische Chance, die Länder Europas neu zu evangelisieren?“
Auf diese Fragen eine Antwort zu finden ist sicher schwer, es gibt zu viele Aspekte und persönliche Lebenssituationen der einzelnen Menschen zu beachten, doch möchte ich in dieser Arbeit einige Lösungsmodelle herausarbeiten und vorstellen und damit auf die Wichtigkeit einer ausgewogenen Kinder und Jugendpastoral hinweisen. Denn darin sehe ich einen Meilenstein in dem Bemühen, den christlichen Glauben für die Menschen neu entdeckbar und erfahrbar zu machen.
Wenn nun junge Menschen Vorbildern und Idolen zujubeln, warum nützen wir dann unseren reichen Schatz an Vorbildern nicht besser aus? Damit meine ich die Heiligen.
Vieles kann bei diesen besonderen Menschen rational und aus dem geschichtlichen Hintergrund heraus analysiert werden, vieles kann wissenschaftlich aufgearbeitet werden, doch möchte ich gleich zu Beginn der
2
Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, 1882 zitiert nach: Weischedel, Wilhelm:
Die philosophische Hintertreppe: Die großen Philosophen im Alltag und Denken, 1. Auflage
München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1975, S. 262
10
Arbeit auch ausdrücken, dass Don Bosco nicht nur rational und wissenschaftlich betrachtet werden kann, wenn man einen Gesamtüberblick über sein Leben und Werk gewinnen möchte. Don Bosco muss man auch mit dem Herzen und den Augen des Glaubens sehen, denn die Liebe, die er für Gott und die Jugend empfunden hat, kann sonst nur schwer erfasst werden. Was ich damit sagen
möchte, hat ein Hagiograph in die treffenden Worte gefasst:
„Menschen machen Heilige immer anders, als Gott sie gemacht hat.“ 3
Don Bosco ist weit davon entfernt, ein „kitschiger“ Heiliger zu sein, der auf einem Podest mit verklärtem Blick zum Himmel schaut; er stand mit beiden Füßen fest auf der Erde, ansonsten wäre sein Werk nicht möglich gewesen. Es wird äußerst interessant sein, zu sehen, wie dieser Priester seinen Glauben lebte. Wenn wir sein Leben genauer untersuchen, werden wir vielleicht einen tieferen Zugang zu Gott und die Verantwortlichen der Kirche einen neuen Anknüpfungspunkt für die Pastoral finden. In der Person des Heiligen sind viele Charismen vereinigt und es ist erstaunlich, dass er trotz und vielleicht gerade wegen seiner tiefen Frömmigkeit stets ein „Lausbub“ blieb. Er gehört sicher auch zu den großen Mystikern unter den Heiligen. Seine Träume und Visionen haben bis in unsere heutige Zeit ihre Bedeutung. Ferner möchte ich das Umfeld untersuchen, in welchem der Heilige lebte. Spannend wird sein, die Menschen näher zu betrachten, mit denen er zu tun hatte, und die wie er zur Heiligkeit gelangt sind. Vielleicht gelingt es mir mit dieser Arbeit, einen neuen Anstoß zu geben, wie Heiligkeit konkret aussehen kann.
Einen Schwerpunkt möchte ich auf die Erziehungsmethode der Heiligen legen. Das Untersuchen dieser „Pädagogik der Vorsorge“ kann uns heute bei der Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen eine große Hilfe sein. Wir beobachten es doch tagtäglich, dass Jugendliche in einer wertunsicheren Zeit eine Orientierung für ihr Leben suchen, die ihnen Erfüllung und Frieden gibt. Um die Wichtigkeit seines Werkes zu begreifen, möchte ich einen geschichtlichen Überblick über die politische, gesellschaftliche und kirchliche
Situation Italiens im 19. Jahrhundert geben.
Im letzten Teil wird es mir vor allem um die Frage gehen: „Wie kann eine geglückte Jugendpastoral heute aussehen?“ Anhand von persönlichen
3 Nigg, Walter: Don Bosco: Ein zeitloser Heiliger: 4. Auflage, München: Don Bosco Verlag,
1987 S. 7
11
Erlebnissen und anderen Erfahrungswerten möchte ich neue Seelsorge- konzepte und Möglichkeiten für die kirchliche Jugendarbeit vorstellen. In dieser Arbeit soll es vor allem darum gehen, die Idee Don Boscos für unsere Zeit zu erschließen, denn seine Erziehungsmethode nützt heute nicht viel, wenn seine Ideen nicht aufbereitet und auf die Bedürfnisse der heutigen Zeit abgestimmt werden. Deshalb gehe ich bei dieser Arbeit den ungewöhnlichen Weg, verschiedene Themenkomplexe (von denen es jeder einzelne verdient hätte, in einer ausführlichen wissenschaftlichen Arbeit behandelt zu werden), zu verknüpfen. Ganz bewusst werde ich versuchen, das „damals“ mit dem „heute“ zu verbinden. Eine Rückbesinnung auf die Ideen Don Boscos und auf die Wurzeln seines Wirkens möchte ich mit dieser Arbeit erreichen. Gedanken, die einen Ausblick darstellen, sollen die Arbeit abrunden.
So empfehle ich diese Arbeit der besonderen Fürsprache des heiligen Don Bosco an und hoffe, dass ich mit meinen Worten das auszudrücken vermag, was er uns heute gerne sagen möchte.
Christus gestern - heute - in Ewigkeit! Sein ist die Zeit!
12
1. Zur Biographie Don Boscos
1.1 Allgemeines
Heilige Menschen können sehr oft als Antwort Gottes auf die Bedürfnisse einer Zeit oder Epoche verstanden werden. Einmal sind es die Kranken, die besonders der Hilfe bedürfen (z.B. Vinzenz von Paul), ein anderes Mal sind es die Männer, die besondere Zuwendung und Seelsorge benötigen (z. B. Pater Rupert Mayer), ein anderes Mal warten die Heiden auf die Verkündigung des Evangeliums (z.B. Willibald), oder die Sterbenden und Ausgestoßenen warten auf Liebe (z.B. Mutter Teresa), oder die Kirche, ihre Orden und Institutionen sind reformbedürftig (z.B. Papst Johannes XXIII.). Bei Don Bosco war das nicht anders. Seine Zeit erforderte ein entschiedenes Eintreten für die Kinder und Jugendlichen, für die keiner Sorge tragen wollte oder konnte. In einem ersten Schritt möchte ich mich nun mit der Vita des Heiligen befassen, die uns die Hintergründe und Motivlage seines pastoralen Handelns zu erklären hilft.
1.2 Kindheit und Jugend: Zwischen Hoffnungslosigkeit und Gottvertrauen
Johannes wurde am 16. August des Jahres 1815 in einem kleinen Weiler namens Becchi, als Sohn des Franz Bosco und seiner Ehefrau Margareta geboren. Sein Vater war ein einfacher Bauer und seine Mutter eine schlichte Hausfrau. Neben seinem Bruder Josef lebte noch sein Stiefbruder Antonius und die Großmutter mit im Haus. Einen Tag nach der Geburt wurde er in der St. Andreas Kirche Castelnuovo d´ Asti getauft. 1817 starb der Vater an einer Lungenentzündung. Im gleichen Jahr hatte Piemont unter einer schlimmen Hungersnot zu leiden. Bereits mit vier Jahren musste er mitarbeiten. Seine Arbeit bestand darin, Holz zu spalten, Feuer zu machen, Wasser zu holen, Gemüse zu putzen, Stall zu misten, Kühe zu hüten. Johannes wurde Bauer. 4 Bei all seiner Arbeit blieb er dennoch Kind, mit einer besonderen Vorliebe für jegliches Abenteuer und Risiko.
4
Vgl. Birkelbauer, Anton: Don Bosco: Lebensbild eines ungewöhnlichen Heiligen:
1. Auflage München: Don Bosco Verlag, 1998, S. 13
13
Das tägliche Gebet gehörte ebenso zum Tagesplan der Familie wie die Arbeit. Frau Bosco versuchte ihre Kinder an eine gesunde Frömmigkeit zu gewöhnen. 5 In der Mutter Don Boscos begegnet uns eine Frau und Mutter, die ihre Berufung als Christin treu und bewusst gelebt hat. 6 Von ihr hatte er wesentliche Elemente seiner späteren Erziehungsmethode übernommen. Mutter Bosco begleitete ihren Sohn nicht nur durch das Gebet, sondern auch durch viele praktische Ratschläge, so wies sie ihn immer wieder auf die Würde des Priester-amtes hin und forderte ihn auf, sich dieser Berufung nie unwürdig zu zeigen. 7 Aus verschiedenen Quellen wissen wir, dass ihn seine Mutter auch ermahnt hat, „bodenständig“ zu bleiben, und zwar immer dann wenn, er in Gefahr war, dem Stolz zu verfallen. Anlässlich einer Predigt, die er als Subdiakon in der Gemeinde der Mutter halten durfte, tadelte sie ihn mit folgenden Worten:
„Johannes, es mag sein, dass die Leute dich loben, ich tue es nicht. Mir scheint, da war viel Eitelkeit mit im Spiel. Predige in Zukunft so schlicht und einfach, dass dich auch der ärmste Bauer versteht.“ 8
Die göttliche Vorsehung aber wollte sich seiner bedienen, wie die nachfolgende Erzählung zeigt. Im Alter von neun Jahren hatte er einen Traum, der sein weiteres Leben grundlegend bestimmen sollte.
Don Bosco erzählt:
„Ich befand mich in einem geräumigen Hof in der Nähe meines Heimathauses, wo eine große Jungenschar versammelt war. Einige lachten, andere spielten, und viele fluchten. Als ich das Fluchen hörte, stürzte ich mich auf sie und versuchte, sie mit Schlägen und harten Worten zum Schweigen zu bringen. Da erschien ein vornehm gekleideter Mann in reifem Alter mit strahlendem Gesicht. Er nannte mich beim Namen, befahl mir, mich an die Spitze der Kinder zu stellen, und sagte: „Nicht mit Schlägen, sondern durch Sanftmut und Liebe wirst du sie zu Freunden gewinnen. Fange sofort an, sie über die Hässlichkeit der Sünde und den Wert der Tugend zu belehren. „Verwirrt und erschrocken
6 Götzinger, Waltraud: Mama Margareta eine große Frau und Mutter: Lebensbild der Mutter
Don Boscos: Auflage Wien, Eigenverlag der Salesianer Don Boscos, 1992, S. 3
7 Vgl. Hünermann, Wilhelm: Don Bosco und seine Buben: 5. Auflage, Innsbruck-Wien:
Tyrolia Verlag, 1994, S. 65
8 Ebd. S. 70/71
14
antwortete ich, dass ich ein armes und unwissendes Kind sei, unfähig, über Religion zu diesen Buben zu sprechen.“ „Eben, weil es dir unmöglich scheint, musst du es möglich machen durch Gehorsam und dadurch, dass du dir Wissen aneignest.“ „Wo und mit welchen Mitteln kann ich mir Wissen aneignen?“ „Ich werde dir eine Lehrmeisterin geben“ - „Aber wer seid ihr, dass ihr in dieser Art mit mir reden könnt?“ - „Ich bin der Sohn derjenigen, die dreimal am Tag zu grüßen deine Mutter dich gelehrt hat.“
Ich sah neben dem Herrn eine majestätisch aussehende Frau in einem herrlich glänzenden Mantel. Sie merkte, dass ich von den Fragen vorher noch ganz verwirrt war, und bat mich, näher zu treten. Gütig nahm sie mich an der Hand. „Schau“, sagte sie. Ich schaute und merkte, dass alle Kinder verschwunden waren. An ihrer Stelle sah ich viele Ziegen, Hunde, Katzen, Bären und andere Tiere. „Siehst du, das ist dein Arbeitsfeld. Was du jetzt an diesen Tieren geschehen siehst, sollst du für deine Kinder tun. Werde demütig, tapfer und stark.“ Ich wendete meinen Blick und merkte, wie aus den Tieren fröhlich blökende Lämmer geworden waren, die um den Herrn und die Frau herumhüpften, als gäbe es ein Fest. Ich begann zu weinen und bat die Dame, mir alles zu erklären. Ich wusste ja nicht, was dies bedeuten sollte. Da legte sie mir die Hand auf den Kopf und sagte: „Zu gegebener Zeit wirst du alles verstehen. Als sie das gesagt hatte, erwachte ich [...]“ Der Traum beschäftigte mich so sehr, dass ich nicht mehr schlafen konnte.“ 9
Mit diesem Traum begann das „Apostolat“ des Johannes. Er hatte erkannt, dass er Gutes tun sollte. Wo immer Kinder waren, versammelte er sie um sich und spielte mit ihnen. Im Winter versammelten sich die Menschen im Stall, dort war auch Johannes, um ihnen vorzulesen. Im Frühjahr und Sommer musste er sich etwas einfallen lassen, das die Menschen begeisterte. Von Gauklern, Zirkusleuten und Zauberern, die in die Dörfer kamen, schaute er sich Kunststücke ab und führte sie zuhause vor. Als Eintritt verlangte er von den Besuchern ein Gebet, meist beteten die Anwesenden zusammen den Rosenkranz oder sie sangen Kirchenlieder.
15
Am 26. März 1826 durfte der junge Bosco die erste heilige Kommunion empfangen. An diesem Tag ist sein Wunsch, Priester zu werden, sicher weiter gewachsen. Es darf daher nicht verwundern, dass sich bereits die ersten Schwierigkeiten auf seinem Weg einstellten. Das Verhältnis zu seinem Stiefbruder Antonius war von je her angespannt, doch der Konflikt verschärfte sich, als er begann, bei dem Priester Don Josef Lacqua, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Antonius hielt das für einen Bauern für unnütz. Im Spätherbst des Jahres 1826 lernte er den Priester Josef Calosso kennen. Beide verstanden sich auf Anhieb, und so fand Johannes in diesem Priester seinen ersten wirklichen Förderer auf dem Weg zum Priestertum. Im Februar 1827 eskalierte der Konflikt zwischen den beiden Stiefbrüdern endgültig. Johannes las wie gewohnt in einem Buch, und darüber wurde sein Stiefbruder so wütend, dass die Mutter Angst hatte, er würde Johannes etwas antun. Sie sah also keinen anderen Ausweg als ihn in die Meierei Moglia, einem großen Bauerngut bei Moncucco zu schicken. Sooft es seine Zeit erlaubte, besuchte er Don Calosso, der ihm die Grundbegriffe des Lateinischen lehrte. Nach dem Tod dieses Priesters im Jahre 1830 entschied sich Mutter Bosco, die Güter aufzuteilen und Johannes einen Teil des Vermögens zu übereignen, was ihm zu einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit verhalf. Er konnte nun die öffentliche Schule in Castelnuovo besuchen. Für seinen Lebensunterhalt musste er weitgehendst selbst sorgen. Er arbeitete bei einem Schneider, einem Schuster und einem Zimmermann. Diese harte Schule bereitete ihn für seine spätere Aufgabe hervorragend vor, Schulen und Werkstätten für hunderte von Jugendlichen einzurichten. Nachdem ihm seine Mutter im Herbst 1831 überzeugt hatte, dass es besser wäre, Castelnuovo zu verlassen und die Schulausbildung in Chieri fortzusetzen, zog er in Becchi und Murialdo von Haus zu Haus und bat um Unterstützung für sein Studium. Aus diversen Quellen wissen wir, dass ihn diese Aktion sehr viel Überwindung gekostet hat. 10
Durch seine exzellente Auffassungsgabe und seinen unermüdlichen Fleiß konnte er rasche Fortschritte am Gymnasium machen.
In Chieri gründete er den „Bund der Fröhlichen“, „einen Freundeskreis, der sich verpflichtete, keine schlechten Reden anzuhören, geschweige denn zu führen, die religiösen und schulischen Verpflichtungen ernst zu nehmen und gemeinsam die
10
Vgl. Hünermann, Wilhelm: Don Bosco und seine Buben: a.a.O., S. 53/54
16
Freude zu pflegen [...]. In dieser Zeit reiften tiefe Freundschaften, die für die Entfaltung der Persönlichkeit Don Boscos von Bedeutung waren.“ 11
Es könnten nun mehrere Namen genannt werden, doch hatte ihn keiner so nachhaltig geprägt wie Luigi Comollo. Als er bei diesem schwächlich wirkenden Jungen die Tugenden entdeckt hatte, suchte er seine Freundschaft. Von ihm sagte er auch: „Von ihm habe ich gelernt, als Christ zu leben.“ 12
1834 bewarb sich Johannes Bosco bei den Franziskanern um Aufnahme in den Orden. Im Kloster wurde er einstimmig angenommen. Durch einen Hinweis wurde er auf den Priester und späteren Heiligen Josef Cafasso (1811-1860) aufmerksam, den er um Rat in der Frage seiner Berufung bat. Dieser 23-jährige Priester stand in Turin in bestem Ansehen und galt als begnadeter Seelenführer. Dieser riet ihm schließlich ins Priesterseminar einzutreten. Der hl. Don Cafasso war eng mit Don Bosco verbunden. Er war ihm Freund, Lehrer und geistlicher Begleiter. 13
Im Gehorsam gegenüber seinem Seelenführer und im Vertrauen auf Gottes Führung begann Johannes, nach bestandener Matura am Gymnasium 1835, seine Priesterausbildung im Seminar von Chieri. Mit diesem Zeitpunkt begann ein neuer Lebensabschnitt für den nach Vollkommenheit strebenden jungen Mann, der Gott sein ganzes Leben schenken wollte. Das folgende Zitat bringt in prägnanter Weise die Gesinnung dieses jungen Mannes auf den Punkt, der von Gott fasziniert und angerührt war.
„Mit dem Ausgang der Jugendzeit begann Johannes die Spannung zwischen Ideal und Leben auszugleichen. Er hatte sich zum Eintritt in das Seminar entschieden, war mit gleichgesinnten Freunden verbunden und fand nun für sein religiöses Leben jenen strafferen Rhythmus, den er für unerlässlich hielt, wenn er an den Altar treten wollte.“ 14
11
Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 28/29
12 Stella, Pietro: Don Bosco: Leben und Werk: aus dem Italienischen übersetzt von Karl
Pichler: 1. Auflage, München: Verlag Neue Stadt GmbH, 2000, S. 50
13 Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 47
14 Stella, Pietro: Don Bosco: a.a.O., S. 50
17
1.3 Priesterausbildung: Schwierigkeiten und Lichtblicke
Sechs Jahre von 1835 - 1841 verbrachte er im Priesterseminar von Chieri. Zwei Jahre sollten dem Studium der Philosophie und vier Jahre der Theologie dienen.
„Entgegen dem Anschein ist Don Bosco im Seminar wohl nicht immer zufrieden gewesen, und er dürfte Momente der Krise und der Unsicherheit durchlebt haben. Ein Grund dafür könnte gewesen sein, dass er die Sehnsucht nach dem Ordensleben nie ganz aufgegeben hat. Wir wissen nicht, was ihm eigentlich vorschwebte: die Flucht aus der Welt und die Weihe an Gott in einem klösterlichen Leben oder ein besonderes Apostolat in irgendeinem Orden oder religiösen Institut.“ 15
Sein Bewusstsein, von Gott zum Priestertum berufen zu sein, vertiefte sich, und damit verstärkte sich auch das Gefühl, dass für den Schritt an den Altar ein besonderes Streben nach Heiligkeit erforderlich sei. Das Jahr 1837 bildet hier einen entscheidenden Wendepunkt. Die Lektüre der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen während der Zeit seines Philosophiestudiums machte ihm klar, dass er sich von allen Gewohnheiten und Haltungen lösen musste, die mit der priesterlichen Lebensform unvereinbar schienen. Aus diesem Grund nahm er in unablässiger asketischer Anstrengung Entbehrungen auf sich. 16 Er musste besonders gegen den Jähzorn ankämpfen, wie folgendes Zitat deutlich zeigt.
„Don Giacomelli, einer seiner besten Kameraden im Seminar, erinnerte sich: „Man verstehe, wie sehr er ohne Tugend vom Zorn übermannt worden wäre. Keiner von uns Seminaristen, und wir waren viele, neige so zum Zorn wie er.“ 17
Den Kampf gegen die schlechten Neigungen nahm er sehr entschieden auf. Bereits 1835, jenem Jahr, an dem er die Soutane empfing, bat er still:
„Mein Gott, wie viel altes Zeug ist da noch abzulegen, beseitige in mir alle schlechten Gewohnheiten. Gib mir, mein Gott, dass ich ab jetzt einen neuen Menschen anziehe und ein Leben beginne, das ganz nach deinem Willen ausgerichtet ist.“ 18
16 Vgl. Ebd. S. 90
17 Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 14/15
18 Ebd. S. 34/35
18
Während seiner Seminarzeit lernte er den heiligen Franz von Sales kennen und lieben. Es kann sehr wohl festgestellt werden, dass Don Bosco ohne Franz von Sales nicht zu verstehen ist. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Priesterseminar befand sich die Kirche Philipp Neri, wo sich ein Bild des Franz von Sales befand.
„Der Heilige aus dem benachbarten Savoyen beeindruckte ihn nachhaltig, sein verstehendes Lächeln und seine nicht wankende Hoffnung bekam für Don Bosco schicksalshafte Bedeutung. Er besaß das Charisma der Seelenführung [...] genau wie er, der später das seelische Leben seiner Buben von innen her begriff.“ 19
Für den späteren Jugendapostel war die Güte, das Verstehen und das Verzeihen, wie Franz von Sales es praktizierte, ein Vorbild seines Erziehungssystems. Einen Gedanken hat Bosco dabei ganz bewusst in sein Erziehungskonzept integriert: „Mild im Vorgehen, aber fest in den Grundsätzen.“ 20 Sein Leitmotiv hat er ebenfalls von dem heiligen Bischof aus Genf übernommen: „Gib mir Seelen, alles Übrige magst Du mir nehmen.“ 21
Diese kurze Darstellung lässt uns erahnen, wie sehr Johannes Bosco von Franz von Sales geprägt war. Es ist daher nicht verwunderlich, dass er seiner neugegründeten Kongregation den Namen „Salesianer“ gab. Leider ist es mir im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter möglich, die fruchtbare Wechselbe-ziehung zwischen den beiden Heiligen näher darzustellen, da dieses Thema Stoff für eine Dissertation bieten würde. Darum möchte ich es bei diesem kurzen Exkurs belassen und im folgenden seinen priesterlichen Weg kurz skizzieren.
1.4 Sein priesterlicher Weg
1837 empfing der Seminarist Bosco die Tonsur und die „Ordines miniores“, die „niederen Weihen“; im gleichen Jahr wurde er noch zum Subdiakon und 1841 zum Diakon geweiht. 22
„Am 05. Juni 1841 wurde Johannes Bosco von Erzbischof Fransoni zum
19
Nigg, Walter: Don Bosco: a.a.O. S. 67/68
20 Ebd. S. 70
21 Ebd. S. 71
22 Vgl. Hünermann, Wilhelm: Don Bosco und seine Buben: a.a.O., S. 70/71
19
Priester geweiht. Er hatte es geschafft! Sein großer Lebenstraum ging endlich in Erfüllung. Aus Johannes Bosco ist Don Bosco geworden.“ 23
Seine Primiz feierte er am Dreifaltigkeitssonntag, nur von seinem Seelenführer Don Cafasso assistiert. Über diese Messe schrieb er später: „Ich kann sagen, dass dieser Dreifaltigkeitssonntag der schönste Tag meines Lebens war. 24 Seine Heimatprimiz fand statt am Fronleichnamstag 1841, also dem Donnerstag nach seiner Priesterweihe. Er nahm den Rat Don Cafassos an und ging für drei Jahre in das Turiner Priesterhaus, um sich noch mehr auf die Seelsorge vorzubereiten. Dort vertiefte er seine theologischen Studien (vor allem im Bereich der Moral- und Pastoraltheologie) und sammelte erste Erfahrungen in der Seelsorge. Dabei nahm er immer mehr die Situation der verwahrlosten Kinder und Jugendlichen Turins wahr und reagierte:
„Diese Jugendlichen brauchen eine Schule und eine Arbeit, die ihnen die Zukunft sichert. Sie müssen jung sein dürfen, das heißt, im Freien laufen und springen können, damit sie ihre Würde entdecken und sich verwirklichen können. 25
Bereits in dieser frühen Phase seines priesterlichen Wirkens finden sich die wichtigsten Grundansätze seiner späteren Erziehungsphilosophie, für das Wohl der Schwächsten, der Kinder und Jugendlichen.
Wieder sollte es ein Traum sein, der dem Heiligen den Weg in die Zukunft weisen sollte.
„In dieser Nacht 26 hatte ich einen Traum, der mir wie ein Anhang zu dem erschien, den ich mit neun Jahren hatte. Ich sah eine große Herde Wölfe und wollte fliehen. Aber eine Frau in Gestalt einer Hirtin gab mir ein Zeichen, diese eigenartige Herde zu begleiten. Sie ging voran. Dreimal machten wir Halt, und jedes Mal wandelte sich eine große Anzahl von Wölfen in Lämmer. Langsam
23
Brummer, Jürgen: Das Leben und Wirken des hl. Don Bosco und die Bedeutung seiner
pädagogischen Idee für die heutige kirchliche Jugendarbeit: Facharbeit für die Abschluss- an der Fachakademie für Gemeindepastoral in Neuburg/Donau, Langweid am Lech
2001, unveröffentlichtes Skriptum, S. 9
24 Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 46
25 Bosco, Teresio: Don Bosco: Sein Lebensweg - sein Lebenswerk: 2. Auflage München:
Don Bosco Verlag, 1989, S. 87
26 Wir befinden uns im Jahr 1841.
20
wurde ich so müde, dass ich mich setzen wollte, aber die Hirtin forderte mich auf, weiterzugehen. Plötzlich waren wir in einem Hof, der mit Säulengängen umgeben war. An dieser Stelle befand sich eine Kirche. Die Anzahl der Lämmer wurde ungeheuer groß. Es kamen zwar immer mehr Hirten dazu, um sie zu hüten, sie blieben aber nur kurz. Dann geschah unversehens etwas Seltsames: Viele Lämmer wandelten sich in Hirten und sorgten für die anderen Lämmer. 27 Jetzt forderte mich die Hirtin auf, meinen Blick nach Süden zu richten. Ich sah ein weites Feld „Schau noch einmal!“ sagte sie. Da sah ich eine wunderschöne Kirche. In ihrem Inneren befand sich ein weißes Band, auf dem mit großen Buchstaben geschrieben stand: „HIC DOMUS MEA, INDE GLORIA MEA 28 “ Zehn Zeilen später schließt Don Bosco: „Ich wollte erst nicht glauben, was ich sah, aber als sich die Dinge nach und nach verwirklichten, verstand ich es. Mehr noch, dieser Traum diente mir als Orientierung in meinen Entscheidungen. 29
Der 08. Dezember 1841 30 brachte die entscheidende Wende. Don Bosco war in der Franziskanerkirche, um dort die heilige Messe zu feiern. Ein verschüchterter Junge betrat die Sakristei, doch der Mesner warf ihn hinaus, weil der Bub nicht ministrieren konnte. Don Bosco ließ den Jungen zurückholen und begann ein Gespräch mit ihm. Bartholomäus Garelli war sein Name und mit dem ersten Ave Maria, das der Heilige mit dem Burschen betete, begann sein Jugendapostolat. Er gab dem Jungen Katechismusunterricht und lud ihn ein, mit Freunden wiederzukommen. Am darauffolgenden Sonntag brachte er fünf Freunde mit, am 25. März 1842 waren es bereits dreißig. 31
1844 verließ Bosco das Priesterkonvikt und ging mit seinem gegründeten „Oratorium“ 32 einer Jugendbegegnungsstätte für benachteiligte junge Menschen in den Turiner Stadtteil Valdocco. Nach verschiedenen Umbauarbeiten am sogenannten „Pinardi-Schuppen“ hatte das Oratorium ab Ostersonntag 1846
27 Vorausschauend auf die Gründung der Kongregation der Salesianer im Jahre 1858 zu
verstehen, 18 junge Männer aus dem Umfeld Don Boscos waren die „Gründungsmannschaft“
der Kongregation.
28 „Das ist mein Haus, von hier wird mein Ruhm ausgehen.”
29 Bosco, Teresio: Don Bosco: a.a.O., S. 100/101
30 Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria
31 Vgl. Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 65
32 Diesen Namen wählte er aus Verehrung zum heiligen Philipp Neri, der in Rom ebenfalls
ein Oratorium gegründet hatte.
21
eine bleibende Stätte gefunden. Im gleichen Jahr erkrankte der Jugendapostel an einer lebensbedrohenden Lungenentzündung, im Herbst 1846 kehrte er nach Turin zurück. Eine besondere Hilfe war für ihn, dass sich seine Mutter entschlossen hatte, zu ihm und seinen Schützlingen zu ziehen.
Am 02. Februar 1851 konnte Don Bosco vier jungen Männern die Soutane überreichen, sie hatten sich entschlossen, an der Seite Don Boscos für das Heil der Jugendlichen arbeiten zu wollen. Nach der Vollendung der Franz von Sales-Kirche, die am 20. Juni 1852 feierlich eingeweiht wurde, begann er sofort ein Heim für seine Schützlinge zu bauen und erweiterte damit die bisherige Anlage des Pinardi Hauses. Im Oktober 1853 zogen dort 75 Burschen ein. 33
Neben großen Gönnern, die er sicherlich hatte, gab es eine Reihe von Personen, die ihn wegen seiner sozialen und religiösen Jugendarbeit auszuschalten suchten. Einige Priester versuchten ihn sogar ins Irrenhaus zu bringen. Ihnen war die Art und Weise der Pädagogik ein Dorn im Auge, widersprach sie doch der gängigen Erziehungsphilosophie des 19. Jahrhunderts. 34 Auch die Waldenser, eine vorreformatorische protestantische Bewegung aus Frankreich, waren über Bosco nicht sonderlich erfreut. Sie versuchten in einer großen Werbeaktion preisgünstige Propagandaliteratur unter das Volk zu bringen und viele Katholiken abzuwerben. Darin sah der Heilige eine Gefahr für seine Jugendlichen. Kurz entschlossen organisierte er eine Gegenaktion und gab ab dem Jahr 1853 regelmäßig das Heft: „Der in der Religion gebildete Katholik“ heraus. Die Waldenser antworteten ihrerseits mit Morddrohungen. 35 Die Industriellen Turins, denen die soziale Jugendarbeit und die Arbeit der Kinder und Jugendlichen in den Werkstätten Don Boscos ein Dorn im Auge war, setzten ihm ebenfalls heftig zu.
Nach den ganzen Turbulenzen, wie die Revolutionswirren des Jahres 1848/49, die Choleraepidemie des Jahres 1854 und den Anfangsschwierigkeiten bei der Errichtung seines Jugendwerkes, strahlte die Verkündigung des Dogmas von der „ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ wie ein helles Licht in das Oratorium hinein. 36
33
Vgl. Hünermann, Wilhelm: Don Bosco und seine Buben: a.a.O., S. 139 - 142
34 Ebd. S. 101 - 104
35 Vgl. Bosco, Teresio: Don Bosco: a.a.O., S. 163 - 165
36 Vgl. Hünermann, Wilhelm: Don Bosco und seine Buben: a.a.O., S. 156
22
Im Jahre 1858 gründete Don Bosco die Kongregation der Salesianer. Da er auf erheblichen Widerstand des Erzbischofs von Turin stieß, entschloss er sich nach Rom zum Heiligen Vater zu gehen. Am 18. Februar 1858 reiste er nach Rom und wurde am 09. März von Papst Pius IX. herzlich empfangen. Dennoch sollte es noch weitere 16 Jahre dauern, bis die Ordensregel am 03. April 1874 approbiert wurde. 37
„Obwohl nun der Papst dem Seligen Achtung und Wohlwollen bezeigte und bei hervorragenden Prälaten in hohem Ansehen stand, konnte er doch hinsichtlich der Approbation der frommen Salesianischen Gesellschaft nichts erreichen. Einer der Vorschläge, die jetzt schon für das nächste allgemeine Konzil bearbeitet wurden, lautete: Ob die Approbation neuer religiöser Institute angebacht sei oder ob man nicht lieber solche, die den nämlichen Zweck hätten, miteinander vereinigen solle.“ 38
Es galt nun viele Schwierigkeiten zu überwinden; die wohl größte Herausforderung für den Heiligen bestand darin, die Kurie von der Notwendigkeit einer neuen Ordensgemeinschaft (Kongregation) zu überzeugen. 39
Am 18. Dezember 1859 versammelten sich 16 junge Männer und der Priester Alasconatti und erklärten ihre Bereitschaft, Salesianer zu werden. Am 14. Mai 1862 legten die ersten Salesianer ihre Ordensprofess ab. 40 Daraufhin erlebte die Gemeinschaft einen regelrechten Boom.
„Das Werk Don Boscos breitete sich rasch aus. Heime, Kirchen, Schulen und Lehrwerkstätten wurden zu Lebzeiten Don Boscos über Italien hinaus noch in Frankreich, Spanien, in einigen anderen Ländern Europas und in Südamerika gegründet. 1888, im Todesjahr des Heiligen, lebten und arbeiteten insgesamt 915 Salesianer zudem gab es 309 Novizen. 1998, 110 Jahre nach dem Tod Don Boscos, waren 17.500 Salesianer in 119 Ländern verzeichnet, unter ihnen 600 Novizen.“ 41
37
Vgl. Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 94
38 Lemoyne, Johann Baptist: Der selige Don Johannes Bosco: 1. deutsche Ausgabe, München:
Herausgegeben von der deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos: Druck und Verlag der
Salesianer, 1932, S. 73
39 Vgl. Ebd. S. 97/98 und 98-103
40 Vgl. Hünermann, Wilhelm: Don Bosco und seine Buben: a.a.O., S. 156
41 Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 94
23
Zusammen mit Maria Mazzarello, einer Näherin aus Mornese, die mit ihrem Heimatpfarrer Don Pestarino die „Fromme Vereinigung der Töchter der Maria Immaculata“ gegründet hatte sollte auch für Mädchen eine Hoffnungsstätte entstehen. Die jungen Frauen ermunterten sich zu einem entschiedenen christlichen Leben. Sie gaben Katechismusunterricht für die Kinder, pflegten Kranke und übernahmen kleine Dienste für die Bedürftigen. Sie wollten ein Leben in Jungfräulichkeit führen in tiefster Verbundenheit mit dem Eucharistischen Herrn und der Unbefleckten Jungfrau Maria. 42 Aus dieser Gruppe entwickelte sich 1866 nach anderen Angaben 1871, bzw. 1872 mit der Hilfe Don Boscos die Schwesterngemeinschaft „Institut der Töchter Maria, Hilfe der Christen.“ - Don-Bosco-Schwestern. Maria Domenica Mazzarello verfolgte das Ziel im salesianischen Geist Mädchen zu erziehen. In Don Bosco fand sie den Priester, der die gleichen Absichten wie sie verfolgte. „1874 wurde der Orden endgültig in die salesianische Gemeinschaft eingegliedert.“ 43 1888 gab es 390 Don-Bosco-Schwestern und 99 Novizinnen in 50 Niederlassungen. 1998 wirkten in 87 Ländern 16.200 Schwestern, unter ihnen 300 Novizinnen. 44
Maria Mazzarello kann als das weibliche „Pendant“ Don Boscos bezeichnet werden. Beim Studium ihrer Vita fällt auf, dass sie die eigentliche Gründerin der Don-Bosco-Schwestern war. Sie kann als ungewöhnlich starke Frau beschrieben werden, die sich ihrer Sendung sehr wohl bewusst war. Da es die innerkirchlichen Strukturen erforderte, dass ein Priester oder ein männlicher Ordensoberer sich einer neuen Schwesterngemeinschaft anzunehmen hatte, stellte Don Bosco die Schwestern unter seinen Schutz, bis die päpstliche Anerkennung erfolgte. Der Heilige wurde von Mazzarello in seinem Apostolat bestärkt, sie hatten beide die gleiche Sendung, und sie beide wollten ein Werk gründen, das selbstlos und barmherzig sein sollte. Sie hatte Don Boscos pastorales Wirken entscheidend mitgeprägt und hat entscheidenden Anteil am salesianischen Jugendwerk. Darum wäre es meiner Ansicht nach falsch, Maria Mazzarello als „Mitbegründerin der Don Bosco Schwestern zu betiteln. Leider wird in der einschlägigen Fachliteratur immer wieder dieser Termicus technicus
42 Vgl. Stella, Pietro: Don Bosco: a.a.O., S. 257/258
43 Karlinger, Felix: Die Heilige Maria Domenica Mazzarello (1837-1881): Festausgabe zum
100. Todestag der Heiligen: 1. Auflage Ensdorf: Salesianer Druckerei, 1981, S. 41
44 Vgl. Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 100/101
24
verwendet. Maria Mazzarello stellte den Typ Frau dar, den die Kirche damals brauchte, und auch heute noch braucht: eine Frau in der Kirche und mit der Kirche, die durch ihre Liebe und Treue mithilft, Menschen für Gott zu gewinnen. Papst Pius XII. hat sie gerade aus diesem Grund 1951 in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen.
Den sogenannten „Dritten Orden“, die Vereinigung der Salesianischen
Mitarbeiter, gründete Don Bosco 1850 als „Provisorische Union“, aus der 1876 die „Vereinigung der Salesianischen Mitarbeiter“ hervorging. Hier sollten Laien, Frauen und Männer jeden Standes, eine Mitwirkungsmöglichkeit an der Salesianischen Idee erhalten. Don Bosco sagte über sein Motiv:
“Daher kann man die Salesianische Vereinigung eine Art Dritten Orden nennen, mit dem Unterschied, dass in diesem die christliche Vollkommenheit in der Übung der Frömmigkeit gesehen wurde; hier bildet das hauptsächliche Ziel das tätige Leben.“ 45
1874 bat der Erzbischof von Buenos Aires Don Bosco dringend, einige Brüder nach Argentinien zu senden. Als Missionsgebiet sollten sie die Pampa von Patagonien im äußersten Süden Amerikas, übernehmen. Papst Pius IX. erteilte Don Bosco die Erlaubnis, einige Salesianer nach Argentinien zu senden. Am 01. November 1875 brachen 10 Salesianer, gestärkt mit dem Apostolischen Segen, nach Patagonien auf, um ihr Werk zu beginnen. Johannes Gagliero wurde er Obere der Missionstruppe. 1883 wurde das Gebiet zum Apostolischen Vikariat erklärt und Don Cagliero 46 der erste Apostolische Vikar. Papst Leo XIII. ernannte ihn zum Bischof dieses Gebietes. Später wurde er sogar Kardinal.
Ende August 1887 begann Don Bosco körperlich schwer abzubauen. Immer wieder befielen ihn heftige Kopfschmerzen und Fieberschübe. Am 28. Januar 1888 verschlimmerte sich sein Zustand und er äußerte in letzter Klarheit:
„Sag meinen Buben, dass ich sie im Himmel erwarte.“ 47
45
Unione Christiana, Turin 1874: zitiert nach Stella, Pietro: Don Bosco: a.a.O., S. 288
46 Johannes Cagliero war einer der ersten Buben die zu Don Bosco kamen, er kam mit 13
Jahren ins Oratorium und wurde mit sechsundvierzig Jahren Bischof über ein riesiges Gebiet.
47 Bosco, Teresio: Don Bosco: a.a.O., S. 224
25
Am 31. Januar 1888 gegen 2 Uhr nachts starb Don Bosco.
1.5 Heiligsprechung: Der Kirche leuchtendes Vorbild
Die Nachricht vom Tode des Turiner Jugendseelsorgers verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Viele wollten von ihm Abschied nehmen. Schon bald setzte eine innige Verehrung ein und der Seligsprechungsprozess wurde eingeleitet. Am 02. Juni 1929 sprach Papst Pius XI. Don Bosco selig. Am Ostersonntag, den 01. April 1934 wurde er vom gleichen Papst heiliggesprochen. Die gesamte Kirche feiert sein Gedächtnis am 31. Januar.
Mit diesen Gedanken schlagen wir ein neues Kapitel dieser Arbeit auf. Im folgenden soll das Umfeld näher betrachtet werden, in welchem der Heilige lebte und wirkte, um ein tieferes Verständnis seines Lebenswerkes zu erhalten.
26
2. Wirtschaftliche, soziale, politische und kirchliche
Situation Italiens im 19. Jahrhundert
2.1 Wirtschaftliche Entwicklung: Ein skizzenhafter Überblick
Verschiedene Faktoren bremsten die wirtschaftliche Entwicklung Italiens. Eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die vielen Kleinstaaten, Kriege und Aufstände hatten Ende des 18. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen. Missernten und das Fehlen von Rohstoffen für die Industrieanlagen verhinderten den Anschluss an die führenden Industriestaaten. 48 Doch wie sah es nun mit den jungen Menschen aus, wie kamen sie mit dieser Entwicklung zurecht?
„Jugendliche, die die Straßen, die Plätze und die Wiesen besetzten, Söhne armer Familien, oft arbeitsloser Eltern, ohne einen Beruf, ohne die Hoffnung, jemals einen zu haben; oder Jugendliche, die sich mit irgend etwas beschäftigten, nur um überleben, nur um die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern.“ 49
Die Hungersnot von 1817 verschlimmerte die Lage um ein vielfaches. Frost im Frühjahr und eine lange Trockenperiode im Sommer ließen die Ernte verlorengehen. Turin erlebte nun eine Invasion von Menschen 50 , eine Landflucht von ungeahntem Ausmaß; zurück blieben verwaiste Dörfer. Die Menschen ließen sich vor Kirchen und Palästen nieder und es bildeten sich riesige Elendsviertel. 51 Ein weiteres Problem stellte der hohe Analphabetismus dar. Etwa die Hälfte der Bevölkerung Piemonts konnte damals nicht lesen und schreiben. Im übrigen Italien lag die Zahl bei 78%. 52 Die sogenannte „industrielle Revolution“ stellte für die Bevölkerung Italiens, wie auch für Gesamt-Europa, eine große Herausforderung dar. Wie bereits berichtet, führten Missernten zu einer großen Landflucht, die Städte explodierten, die Industrie begann zu wachsen. Für das Volk aber brachte das keine Verbesserung, im Gegenteil. Die Industriellen hatten eine Menge billiger Arbeitskräfte bereitstehen; für jeden, der ging, standen schon zehn andere bereit. 53 Die Ausbeutung der Arbeiter war die logische Konsequenz. Bitterste Armut breitete sich aus. Erschwerend kam die politische Stimmung rund um die Einheits-bestrebungen zur Erlangung eines italienischen Einheitsstaates hinzu; es brodelte in der Bevölkerung. In dieser Situation war
48
Vgl. Bopp, Karl: Kirchenbild und pastorale Praxis bei Don Bosco: Eine pastoral- Studie zum Problem des Theorie-Praxis-Bezugs innerhalb der Praktischen
Theologie: 1. Auflage München: Don Bosco Verlag, 1992, S. 43f
27
nicht die Armut das entscheidende Problem, sondern die Hoffnungslosigkeit. 54 Die Bevölkerung litt zudem an den hohen Steuern, mit denen die Regierung die Menschen belastete. 55
„Die Wirtschaft kam zum Stillstand; viele Geschäfte mussten schließen; es gab zahlreiche Arbeitslose. Die Schuster und Schneider streikten wegen der niedrigen Löhne.“ 56
Dazu kam noch ein weiterer Aspekt:
„Gerade die Menschen auf dem Land suchten in den Städten nach einem Hoffnungsschimmer für ihr Leben. Sie wurden aber immer wieder tief enttäuscht.“ 57
Zudem war die italienische Bevölkerung seit dem Einmarsch Napoleons im Jahr 1796 nicht mehr zur Ruhe gekommen, das Volk am Boden zerstört. Der Ruf nach drastischen Veränderungen wurde immer lauter.
49
Stella, P.: Don Bosco nella storia ecconmice e sociale, S. 104; zitiert und übersetzt nach
Bopp, Karl, Ebd. S. 45
50 Vgl. Braido, Pietro: Junge Menschen ganzheitlich begleiten: Das pädagogische Anliegen
Don Boscos: 1. Auflage, München: Don Bosco Verlag, 1999, S. 24
51 Vgl. Bosco, Teresio: Don Bosco: a.a.O., S. 19
52 Vgl. Lill, R.: Geschichte Italiens in der Neuzeit, S. 181: zitiert nach Bopp, Karl, Ebd., S. 44
53 Vgl. Procacci Giuliano: Geschichte Italiens und der Italiener: unveränderter Nachdruck der
ersten Auflage, München: C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung (Oscar Beck), 1989, S. 254
54 Vgl. Nigg, Walter: Don Bosco: a.a.O., S. 17
55 Vgl. Bosco, Teresio: Don Bosco: a.a.O., S. 149
56 Ebd. S. 144
57 Brummer, Jürgen: Das Leben und Wirken des hl. Don Bosco: a.a.O., S. 9
28
2.2 Politische Wirren und Bedrohung des Kirchenstaates
2.2.1 Politische Unruhen: Auswirkungen der Französischen
Revolution auf Italien und Europa
Vor und während der Kindheit Boscos fegte ein politischer Sturm über Europa hinweg, der die damalige Welt in Atem hielt und aus den Fugen zu heben drohte und auch für die Kirche eine große Wende bringen sollte. 58 Begonnen hatte alles mit der Französischen Revolution, die 1789 Frankreich erschütterte und die Gewaltherrschaft der Jakobiner einläutete. Tausende Menschen hatten durch die Guillotine ihr Leben verloren. Schlagworte wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurden in Italien als neue politische Richtung propagiert. Langsam brach die Vorherrschaft der Königshäuser und der Aristokratie zusammen. 1794 ging die Regierungszeit der Jakobiner zu Ende, und für Italien begann eine sehr unruhige Zeit, nämlich die Herrschaft Napoleons, der Italien immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelte. 59 Nachdem die Völkerschlacht bei Leipzig im Jahre 1813 die Herrschaft Napoleons zunächst 60 beendet hatte, stand Italien vor einem großen Scherbenhaufen. Zu tief waren die Spuren, die die Herrschaft des Franzosen hinterlassen hatte. Es folgte die Zeit der „restaurativen Neuordnung“ Italiens durch den Wiener Kongress (1814-1815). 61 Von 1814 bis 1847 sollte die Neuordnung Italiens durch die Siegermächte dauern. Der Wiener Kongress endete mit der „Risorgimento-Erklärung“, der politisch-sozialen Erklärung zur Errichtung eines italienischen Nationalstaates. 62 Die gestürzten Könige kehrten aufgrund der Entscheidungen des Wiener Kongresses wieder zurück. Die Beschlüsse des Kongresses hatten auch zur Folge, dass Gesetze aufgehoben wurden, die den Bürgern ein Mitspracherecht eingeräumt hatten. Die Jugend schloss sich daraufhin in oppositionellen Gruppen und Bewegungen zusammen, die während der Revolutionsjahre 1848/1849 von entscheidender Bedeutung sein sollten. 63 Die
58
Vgl. Franzen, August: Kleine Kirchengeschichte: Hrsg: Bäumer, Remigius: 6. Auflage,
Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, 2000, S. 331
59 Vgl. Bosco, Teresio: Don Bosco: a.a.O., S. 20f
60 Das napoleonische Schreckgespenst wurde erst 1815 in Waterloo endgültig aus Europa
vertrieben.
61 Vgl. Bopp, Karl: Kirchenbild und pastorale Praxis bei Don Bosco: a.a.O., S. 39
62 Vgl. Bosco, Teresio: Don Bosco: a.a.O., S. 21f
63 Vgl. Procacci, Giuliano: Geschichte Italiens und der Italiener: a.a.O., S. 234ff
29
Italiener wollten endlich einen italienischen Einheitsstaat gründen, doch Österreich sperrte sich gegen dieses Vorhaben. Im Juli 1848 ging die Schlacht zwischen Piemont und Österreich für Piemont verloren. Am 06. August gab es einen Waffenstillstand mit Österreich. Die Hoffnung auf die Einheit Italiens war zunächst verloren gegangen. 64 Am 12. März 1849 drängte die politische Linke zu einer Wiederaufnahme des Krieges. Mit der Schlacht von Novara, am 23. März, war der Krieg verloren. König Carlo Alberto dankte ab. Um Piemont entstand langsam Italien, aber um einen sehr hohen Preis. 1859 musste Piemont Savoyen und Nizza an Frankreich abtreten. Im Jahre 1861 erklärte das Parlament des Königreiches Sardinien offiziell die Einheit Italiens, damit war das Ziel der „Risorgimento-Bewegung“ erreicht. 65 Don Bosco kommentierte die Ereignisse vor allem von 1849 mit den Worten:
„Das Jahr 1849 war schmerzlich und erfolglos und hatte schwere Anstrengungen und enorme Opfer gefordert.“ 66
Auch für die Kirche war diese Zeit nicht einfach, im folgenden wird die Frage zu erörtern sein, welche Auswirkungen die napoleonischen Wirren auf die Kirche und das Papsttum hatten.
2.2.2 Die Bedrohung des Kirchenstaates: Ist das Papsttum in
der Krise?
Ein Name ist untrennbar mit Napoleon verbunden: Papst Pius VII. 67 August Franzen schreibt in seiner „Kleinen Kirchengeschichte“:
„Um die Ordnung in Frankreich wiederherzustellen, schloss er (Napoleon) mit dem Papst am 15. Juli 1801 ein Konkordat. [...] Im geheimen fügte Napoleon dem Konkordat 77 „Organische Artikel“ bei, die zum Teil die Errungenschaften des Konkordates wieder rückgängig machten. [...] 1804 ließ sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen wählen; der Papst vollzog die Salbung, die Krone setzte sich Napoleon selbst auf.“ 68
64
Vgl. Bosco, Teresio: Don Bosco: a.a.O., S. 144ff
65 Vgl. Ebd. S. 150
66 Ebd. S. 149
67 Das Pontifikat von Pius VII. dauerte von 1800-1823
68 Franzen, August: Kleine Kirchengeschichte: a.a.O., S. 332f
30
1808 setzte er den Papst gefangen und der Kirchenstaat wurde dem Königreich Italien zugeschlagen. Durch die Ereignisse dieser Zeit beugten sich die Franzosen vor dem Papst und zollten ihm Loyalität und Verehrung. Am 24. Mai 1814 zog Pius VII. aus seinem Exilort Gaeta, körperlich und seelisch erschöpft in Rom ein. Mit dem Exil endete die weltliche Macht der Päpste. Napoleons Versuch, das Papsttum zum Werkzeug der Politik zu machen, scheiterte am Widerstand Pius VII. Das Papsttum erstarkte gerade in Frankreich. Die katholische Kirche Frankreichs galt bis dahin als antipäpstlich. Von 1814 bis 1848 blieb das Papsttum unbehelligt, im November wurde Papst Pius IX. 69 von italienischen Truppen gezwungen, ins Exil zu gehen. Nach 17 Monaten konnte er, mit der Hilfe Frankreichs nach Rom zurückkehren. 1850 wurde die kirchliche Gerichtsbarkeit im Königreich Savoyen aufgehoben. Die Spannungen zwischen piemontesischem Staat verschärften sich. 70 In diese schwierige Situation hinein, dogmatisierte das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870) die Unfehlbarkeit des Papstes 71 .
„In dem Maße, in dem die äußere, politische Macht des Papsttums dahinsank, wuchs sein innerkirchliches und moralisches Ansehen. 72
Damit erreichte der Konflikt zwischen liberalen Vertretern und den Vertretern des Ultramontanismus seinen Höhepunkt. 73 Don Bosco hatte den Papst im Vorfeld beschworen, dieses Dogma zu verkünden. 74
Am 20. September 1870 marschierten italienische Truppen in den Vatikan ein und machten den Papst zu einem „Gefangen des Vatikans“. Franzen bemerkt:
„Damit hatte der Kirchenstaat nach über tausendjährigem Bestand ein Ende gefunden.“ 75
Pius IX. war nun vor schwerwiegende Entscheidungen gestellt. Musste er doch um sein Leben fürchten.
„Als der Kirchenstaat überrannt wurde, stand Pius vor der Frage, ob er aus
69 Das Pontifikat des seligen Pius IX. dauerte von 1846-1878
70 Vgl. Bopp, Karl: Kirchenbild und pastorale Praxis bei Don Bosco: a.a.O., S. 40
71 Vgl. hierzu Franzen, August: Kleine Kirchengeschichte: a.a.O., S. 339ff
72 Ebd. S. 339
73 Vgl. Ebd. S. 339
74 Vgl. Nigg, Walter: Don Bosco: a.a.O., S. 91
75 Franzen, August: Kleine Kirchengeschichte: a.a.O., S. 338
31
Rom fliehen solle. Don Bosco riet ihm dringend, im Vatikan zu bleiben, ein unstreitig richtiger Vorschlag. Die Flucht hätte die ganze Lage noch mehr verwirrt, als sie ohnehin war.“ 76
Durch die Aufhebung und Enteignung der geistlichen Orden im Mai 1873 kam es zum endgültigen Bruch zwischen Staat und Papsttum. Pius IX. verbot den Katholiken 1874 jegliche Teilnahme am politischen Leben. Dieser Konflikt dauerte über 50 Jahre und konnte erst durch den Abschluss der Lateranverträge 1929 zwischen Pius XI. und Mussolini befriedigend gelöst werden. 77 Papst Johannes Paul II. hat als erster Papst nach diesem Konflikt im November 2002 eine Rede vor dem italienischen Parlament gehalten und so wieder eine freundschaftliche Atmosphäre zwischen dem Kirchenstaat und der italienischen Regierung begründet.
Nach diesem allgemeinen Überblick wird im nächsten Kapitel die Frage nach der Spiritualität des Heiligen, seine pastoralen Überzeugungen und sein Verständnis von Kirche zu erörtern sein. Neben dem soziokulturellen Einblick in die Lebenswelt der Italiener und ihrer Probleme im 19. Jahrhundert, wird dieses Kapitel die zweite zentrale Säule in dem Bemühen bilden, das Werk Don Boscos besser zu verstehen.
76
Nigg, Walter: Don Bosco: a.a.O., S. 91
77 Vgl. Bopp, Karl: Kirchenbild und pastorale Praxis bei Don Bosco: a.a.O., S. 40ff
32
3. Kirchenbild, Spiritualität und pastorale Praxis
3.1 Don Boscos ekklesiologische Grundüberzeugung
3.1.1 Allgemeine Einleitung
Johannes Bosco befindet sich in einer Linie mit allen Heiligen, die sich durch eine tiefe Liebe zur Kirche ausgezeichnet haben. Bei ihm finden wir drei Merkmale einer ekklesiologischen und dogmatischen Theologie.
1. Die Treue zum Papst, dem Nachfolger Petri, eingesetzt als Haupt der
Birkelbauer 79 kommt nachdem er drei wesentliche Punkte im spirituellen Denken Don Boscos aufgezählt hat zu einer grundlegenden Feststellung, die wir im folgenden noch vertiefen wollen.
„Diese drei Aspekte einer kirchlichen Grundhaltung stehen tief miteinander in Verbindung und treffen in der Person Jesu Christi zusammen, der als der Auferstandene Herr der Geschichte ist.“ 80
3.1.2 Exkurs: Der Theozentrismus im Denken Don Boscos
unter Berücksichtigung der Metaphysik des Thomas von
Aquin und der Theologie des Franz von Sales
Um seine Theologie besser verstehen zu können, ist es notwendig nach Gott und Jesus Christus in seinem Denken zu fragen. Seine Theologie ist ohne die Philosophische und Theologische Gotteslehre sowie der Christologie nicht denkbar. Die Frage nach Gott und nach Jesus Christus bildet gleichsam den
78
Vgl. Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 114
79 Pater Anton Birkelbauer SDB, geboren 1928 in Oberösterreich, Salesianer Don Boscos,
Erzieher und Leiter von Salesianereinrichtungen ist als Schriftleiter der „Salesianischen
Nachrichten“ in Wien tätig, Verfasser einiger Bücher und Kleinschriften über Don Bosco,
Koordinator für die Don Bosco Familie in Österreich.
80 Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 114
33
Schlüssel, um Eingang zum Wesen und Auftrag der Kirche 81 im Denken Don Boscos zu finden. In seinem Buch „Jesus von Nazaret“ führt Wolfgang Klausnitzer 82 in die Thematik der Christologie ein:
„Das Christentum hat - wie keine andere Religion - die Person des Gründers zum Inhalt des Glaubens gemacht. In der Sprache der Theologie heißt das: Der Verkünder (Jesus von Nazaret) ist zum Verkündigten (zum Messias oder Christus) geworden. [...] Die Antwort auf die Frage, die Jesus selbst an seine Jünger stellt (Mk 8,27.29): „Für wen halten mich die Menschen?“ Für wen haltet ihr mich?, entscheidet also, ob ein Mensch ein Christ ist.“ 83
Petrus wird als erster der Jünger das sogenannte Christusbekenntnis ablegen: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Mt 16,16). Er bekennt damit den Kern des christologischen Mysteriums. Don Bosco hat Jesus Christus auch als den menschgewordenen Gottessohn verstanden, 1855 schrieb er in einem Artikel:
“Christus ist der Lehrer der Weisheit. Auf die Frage: „Was sagte Jesus Christus von sich selbst?“ antwortete er: „Er sagte von sich selbst, dass er der eingeborene Sohn Gottes und der den Menschen versprochene Retter war, der vom Himmel auf die Erde kam, um die Menschen den Weg des Heiles zu lehren.“ 84
Wir bewegen uns zielstrebig auf den Kern allen christlichen Denkens und Seins zu - der Frage nach (der) Wahrheit. Die Frage nach (der) Wahrheit 85 ist im Grunde ihres Wesens eine Frage nach einer konkreten Person und nach göttlicher Offenbarung. Doch was verstehen wir unter göttlicher Offenbarung?
81
Vgl. Müller, Gerhard Ludwig: Katholische Dogmatik: Für Studium und Praxis der
Theologie: 5. Auflage Freiburg im Breisgau, Verlag Herder, 1995, S. 571
82 Wolfgang Klausnitzer, geboren 1950 ist Priester und Professor für Fundamentaltheologie
und Theologie der Ökumene an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität
Bamberg und Dozent für Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen
Hochschule Heiligenkreuz
83 Klausnitzer, Wolfgang: Jesus von Nazaret: Lehrer - Messias - Gottessohn: Reihe Topos
plus Taschenbücher Band 381 Hrsg. Beinert, Wolfgang: Regensburg: Verlag Friedrich Pustet,
2001, S. 9
84 Maniera facile per imparare la storia sacra zitiert nach: Desramaut, Francis: Don Bosco und
das geistliche Leben: a.a.O., S. 86f
85 z.B. Joh 14,6
34
„Offenbarung“ ist die zusammenfassende Bezeichnung für das im Alten und Neuen Testament bezeugte geschichtliche Heilswirken Gottes, das seinen Höhepunkt im Christusereignis hat. Die Offenbarung in Jesus Christus erschließt dem Glaubenden die Erkenntnis der Wirklichkeit Gottes als das Mysterium der Liebe, die Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist selber ist.“ 86
Der Mensch bedarf dieser göttlichen Offenbarung. Mit seiner Vernunft stößt er an eine Grenze, die er mit seinen natürlichen Fähigkeiten nicht überschreiten kann.
„Das philosophische Denken stellt [...] die Frage - es führt uns bis an eine Grenze, an welcher der Mensch schweigend die nicht mehr zu lichtende Dunkelheit schaut.!“ 87
Es ist dem Menschen mit Hilfe seiner Vernunft möglich, Gott als letztes Prinzip von allem, das heißt in den geschaffenen Dingen zu erkennen 88 , doch entzieht sich die Frage nach dem Wesen Gottes dem Erkenntnishorizont des Menschen. Thomas von Aquin wird diese Erkenntnis in seinen berühmten fünf „Gottesbeweisen“ 89 aufschließen, die das „Dasein“ Gottes, aber nicht sein „Wesen“ aufzeigen. 90 Thomas begründet damit das „Sein“ als das Zugrundeliegende alles Seienden und schreibt es allein Gott zu, der damit „für alle Dinge die Seinsursache ist“ (quod Deus sit omnibus causa essendi)“ 91
Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das für die thomistische Ontologie, die vollständige Ordnung allen Seins. Jedem Seienden ist von Gott seine Stellung und sein Ziel in der Seinsordnung zugewiesen, mehr noch: „alles Geschaffene wird in seinem Sein von Gott erhalten.“ 92
86
Müller, Gerhard Ludwig: Katholische Dogmatik: a.a.O., S. 45
87 Bochenski, Joseph M: Wege zum philosophischen Denken: Einführung in die Grundbe- 4. Auflage, Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, 1991, S. 91
88 Röm 1,20
89 „Sie schließen vom verursachten Sein der Weltdinge auf Ursachen zurück, zunächst auf
mittelbare, „zweite“ Ursachen (in den Dingen) und von ihnen auf eine „erste“
(transzendente) Ursache“ Seidl: Thomas von Aquin, Die Gottesbeweise, S. XXVI
90 Internet: www.p-moeller.de/thomismu.htm [Stand 25.06.2004] Peter Möller, S.2 von 6
91 Seidl, Horst (Hrsg.): Thomas von Aquin: Die Gottesbeweise in der „Summe gegen die
Heiden“ und der „Summe der Theologie“: Lateinisch-Deutsch: dritte, unveränderte Auflage,
Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1996, S. XXVII
92 Kunzmann, Peter u.a.: dtv-Atlas: Philosophie: 7., überarbeitete Auflage, München:
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, 1998, S. 83
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Die scholastische Philosophie versteht sich von einem „Finalitätsprinzip“ (von Gott) her. Dieses besagt nichts anderes als, dass alles Wirken (Gottes) zielgerichtet (auf ihn finalisiert) ist (omme agens agit propter finem). 93 Thomas wird an diesem theozentrischen Ordnungsprinzip streng festhalten. Dem wird das spätmittelalterliche und neuzeitliche Denken widersprechen und die Haltung vertreten, dass sich der Mensch sein Weltbild frei entwerfen könne. 94
Vom theozentrischen Finalitätsprinzip definiert sich die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus, 95 der zum Inbegriff der „Selbstmitteilung“ Gottes wurde und damit höchste Wahrheit repräsentiert 96 , da Gott selbst höchste Wahrheit und die Wahrheit der Wahrheiten ist. 97 Im 19. Jahrhundert gab es für den Großteil der Katholiken 98 noch keinen Zweifel daran, dass Gott die Welt geschaffen hat und Jesus Christus der Sohn Gottes, der Erlöser der Menschheit und der Retter der Welt ist.
Darum ging ihr Denken von Gott aus und kehrte zu Gott zurück.
Das bedeutet im Grunde, dass die Menschen von einem theozentrischen Denken bestimmt waren. Dieses Denken war nicht widervernünftig, denn als oberstes Prinzip der Scholastik steht die Auctoritas und die Ratio, also die Tradition und das sie durchdringende Denken. 99 Durch das Nachdenken (die Vernunft) wollte der Betrachter zum Grund (der Wahrheit - das Sein) der Dinge (Seiendes) vordringen und sie von ihrer Ursprünglichkeit (von innen) her begreifen und verstehen. 100
Bosco stand in dieser Tradition des philosophisch-theologischen Nachdenkens über Gott und seine Schöpfung. Rückblickend auf seine Biographie erscheint eine Stelle besonders erwähnenswert: Erinnern wir uns an die Situation als der
93 Vgl. Brugger, Walter: Philosophisches Wörterbuch: Sonderausgabe - 23., nach der neu
bearbeiteten 14. Auflage, Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, 1998, S. 109
94 Vgl. Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe: a.a.O., S. 95
95 Als wahrer Gott und wahrer Mensch verstanden.
96 Vgl. Klausnitzer, Wolfgang: Jesus von Nazaret: a.a.O., S. 11
97 Vgl. Müller, Gerhard Ludwig: Katholische Dogmatik: a.a.O., S. 48f
98 Natürlich hat der Geist der „Aufklärung“ einen radikalen Umbruch im Weltbild mit sich
gebracht. Der Grossteil der Katholiken blieb dem offenbarungsgebundenen Christentum treu
verbunden.
99 Vgl. Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie: Band I: Altertum und Mittelalter:
14. Auflage (Sonderausgabe), Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, 1980, S. 398
100 Vgl. Ebd. S. 396-408, 467-525
36
junge Bartholomäus Garelli die Sakristei der Franziskanerkirche betrat. 101
„Er (Don Bosco) begann mit dem Kreuzzeichen und sprach dann „von Gott, dem Schöpfer, und vom Ziel, für das er uns geschaffen hat.“ [...] Der Hinweis auf den Namen des Herrn, des Schöpfers und des Ziels, verweist auch auf das zugrundeliegende Denkschema: In der Unterweisung wird - im systematisierenden Blick auf die Wirklichkeit - Gott als logischer und ontologischer Grund der Wirklichkeit an den Anfang gesetzt.“ 102
An dieser Stelle sei das große geistliche Vorbild Don Boscos, der heilige Franz von Sales 103 erwähnt. 104 In Band 14 des Jahrbuches für salesianische Studien aus dem Jahr 1977 findet sich ein konkreter Hinweis auf den klassischen metaphysischen Aufbau der Theologie des Genfer Bischofs und Kirchenlehrers.
„Das erste ist Gott; er ist der Urgrund alles Seienden. Das zweite ist das Nichts; aus ihm wurde alles geschaffen.“ 105
Das scholastische Denken durchformte auch den „Gründer der salesianischen Idee“ 106 und hat mit Sicherheit zu einer Vertiefung im Denken Don Boscos geführt. Wir erhalten einen ersten Hinweis auf die Verwurzelung Don Boscos mit dem Denken des Franz von Sales. Im Verlauf dieser Arbeit werden wir noch andere Bereiche finden, die uns auf sein scholastisches Denken hinweisen werden. Nach diesen ersten Gedanken wollen wir uns jetzt mit den Hauptmerkmalen seiner ekklesiologisch-spirituellen und dogmatischen Theologie beschäftigen.
102 Stella, Pietro: Don Bosco: a.a.O., S. 128
103 Geboren 1567 in Savoyen, leistete Franz von Sales als Priester entsagungsvolle Arbeit
unter den Anhängern des Calvins am Genfer See und wurde 1602 Bischof von Genf mit Sitz
in Annecy. Seine zahlreichen Schriften für Kleriker und Laien verbinden geistliche und
weltliche Kultur. Zusammen mit der hl. Johanna Franziska von Chantal gründete er den
Orden von der Heimsuchung Mariä. Gestorben am 28.12.1622 in Lyon.
104 Vgl. Valentini, Eugenio SDB: La salesianita di Don Bosco: in Jahrbuch für salesianische
Studien: Band 6: Arbeitsgemeinschaft für salesianische Studien (Hrsg.), Eichstätt, Franz-Sales-Verlag, 1968, S. 56-96
105 Pocetto, Alexander T. OSFS: Die salesianische Anthropologie: in: Jahrbuch für
salesianische Studien: Band 14: Arbeitsgemeinschaft für salesianische Studien (Hrsg.),
Eichstätt: Franz-Sales-Verlag, 1977, S. 38
106 Vgl. Laun, Andreas: Der Salesianische Liebesbegriff: Nächstenliebe-Heilige Freundschaft-
37
3.1.3. Don Boscos Treue zum Papst
Seine Treue zum Nachfolger Petri, dem römischen Papst, kann vor allem aus dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts verstanden werden. Die antirömische „waldensische“ Propaganda“, die Römische Frage der Jahre 1848/49, die Gründung der salesianischen Gemeinschaft und die Theorie einer eng um den Papst gescharten Kirche, machten Eindruck auf ihn. 107
„Wer mit dem Papst verbunden ist, ist es auch mit Christus, und wer diese Bindung löst, erleidet Schiffbruch im stürmischen Meer des Irrtums und geht elend zugrunde.“ 108
Diese Aussage darf aber nicht zu dem Eindruck führen, Don Bosco habe sich nur deswegen auf die Seite der Päpste gestellt, weil diese seine Kongregation gefördert haben. Nein, er sah in den Päpsten die legitimen Nachfolger des heiligen Petrus, zollte ihnen daher Loyalität und Verehrung. Im Papsttum sah er einen unerschütterlichen Garant für die Bewahrung des Glaubens, gerade in einer Zeit immer weiter fortschreitender Säkularisierung. 109 Das Dogma, dass Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins frei von der Erbsünde und jeder persönlichen Sünde war, steigerte das Ansehen des Papsttums, warf aber einige Fragen bezüglich der Vollmacht des Papstes auf.
„Er 110 entschied damit einen theologischen Schulstreit, der jahrhundertelang vor allem die Dominikaner und die Franziskaner beschäftigt hatte, zugunsten der letzteren. Nicht also die Sache, sondern nur die Art der Verkündigung war neu: Es war keine Konzilsentscheidung, sondern eine Ex-Cathedra-Definition des Papstes. Sie musste das Problem neu zur Diskussion stellen, inwieweit der Papst allein, ohne Konzil, unfehlbare Glaubenswahrheiten entscheiden und verkünden könne. Damit war das eine große Thema des I. Vatikanischen Konzils bereits angeschnitten.“ 111
107
Vgl. Desramaut, Francis: Don Bosco und das geistliche Leben: übersetzt im Auftrag des
Provinzialates der Salesianer Don Boscos in Wien: Auflage 1971, ohne Angabe eines
Verlages oder Druckerei, als Manuskript gedruckt, S. 100
108 Provinzial Seelbach, Theodor (Hrsg.): Don Bosco spricht: Gesammelte Aussprüche aus
dem Leben des Heiligen Johannes Bosco: 1. Auflage, Ensdorf/Opf.: als Manuskript gedruckt
in der Salesianer-Buchdruckerei, 1955, S. 172
109 Vgl. Franzen, August: Kleine Kirchengeschichte: a.a.O., S. 331-345
110 Hier ist der selige Papst Pius IX. (1846-1878) gemeint.
111 Franzen, August: Kleine Kirchengeschichte: a.a.O., S. 339
38
Für den Turiner Jugenderzieher war die Verkündigung dieses marianischen Dogmas ein weiterer Grund, sich ganz hinter den Mann, der in den Schuhen des Fischers stand, zu stellen. Wie an anderer Stelle erwähnt, trat Don Bosco 112 für die Verkündigung des Dogmas von Primat und Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen ein. Auch wenn sich hier ultramontane Ansätze finden, war er dennoch bestrebt dem Papst Vorschläge für das Wohl der Kirche zu machen.
„Die Kontakte des älteren Don Bosco zu Leo XIII. zeigen, dass er bei aller Ehrerbietung und Unterwürfigkeit sich das Recht herausnimmt, dem Papst aus seiner Sicht Vorschläge zum Wohl der Kirche zu machen.“ 113
Dieses Zitat verdeutlicht, dass es ihm nicht um einen „blinden und unvernünftigen“ Gehorsam ging, sondern um eine durchaus „mündige“ Verantwortung als Christ und Priester. Dieser Gedanke findet sich bei Birkelbauer. Er zitiert einen Brief Don Boscos aus dem Jahre 1878 an Papst Leo XIII.:
„Diese neuen Institutionen (Sozialeinrichtungen etc...) brauchen Hilfe, Unterstützung und Förderung durch den, den der Heilige Geist einsetzte, um die Kirche Gottes zu leiten und zu regieren: Er (der Papst) möge also folgendes beachten: Förderung und Bildung der geistlichen Berufe: Sammlung der zerstreuten Ordensleute und Wiederherstellung der regulären Ordnung; Beistand, Förderung und Leitung der neuen Kongregationen (Orden); denn so wird man Arbeiter für die Diözesen, für die religiösen Institute und für die Missionen in den fernen Ländern haben.“ 114
Birkelbauer bringt im Anschluss an dieses Briefzitat eine sehr pointierte Zusammenfassung:
„Klar und unmissverständlich kommt zum Abschluss dieses Briefes die Auffassung Don Boscos zum Papstamt zum Ausdruck wie auch sein mündiger Gehorsam dem Papst gegenüber.“ 115
113 Birkelbauer, Anton: Don Bosco: a.a.O., S. 116f
114 Ebd. S. 117
115 Ebd. S. 117
39
Er sah den obersten Primat des Papstes in den Worten Jesu in Mt. 16,18f 116 begründet. Damit blieb er der Theologie verbunden, die davon überzeugt war, dass die Vollmacht, die Jesus dem Petrus gab, nicht mit dessen Tod erloschen war, sondern auf die römischen Päpste, seine Nachfolger, übergehe. 117
„Daraus wird klar ersichtlich, dass Don Bosco von einem absoluten Jurisdiktionsprimat der Päpste über die anderen Mitglieder der Kirche ausgeht. Diese absolute Vollmacht in Sachen Religion verleiht dem Papsttum eine exklusive Heilsbedeutung, wie sie eigentlich nur Christus bzw. Gott selbst zukommt.“ 118
Don Boscos Werk verstand sich ganz in und auf Jesus Christus gegründet, der seine Gegenwart in der Kirche bis zum Ende der Zeiten verheißen hat. 119 Das Papsttum war für den Turiner der entscheidende Garant für die wahre Überlieferung des katholischen Glaubens und stellte somit eine beruhigende Kontinuität bei der Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi dar. Don Bosco war in diesem Sinne „konservativ“, das lateinische Wort „conservare“ (bewahren, retten), gewinnt hier eine exklusive Bedeutung und führt uns gleichzeitig zur Kirche im Denken des Heiligen.
3.1.4. Kirche als universelles Heilsangebot
Heute würden wir auf der Grundlage des II. Vatikanischen Konzils, insbesondere der dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“, in einigen Punkten ein differenziertes Kirchenbild vertreten. Nicht zuletzt die reformatorischen Auseinandersetzungen mit Hus und Luther im 15. und 16. Jahrhundert prägte das Bild der katholischen Kirche,
„das in seiner spezifisch apologetischen Ausrichtung auch das 19. Jahrhundert bestimmte.“ 120
116
“Ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und
die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des
Himmelreiches geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden
sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“
117 Vgl. Bopp, Karl: Kirchenbild und pastorale Praxis bei Don Bosco: a.a.O., S. 113
118 Ebd. S. 114
119 Vgl. Mt 28, 16ff
120 Ebd. S. 46
40
Arbeit zitieren:
Markus Priwratzky, 2004, Die Pädagogik Don Boscos damals und heute: Ein spiritueller Heilsweg für Kinder und Jugendliche in der Postmoderne, München, GRIN Verlag GmbH
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