Das Frauenbild in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre
Von Jasmin Weitzel
Inhalt:
1. Einleitung
2. Vorspann
2.1 Aussagen Goethes über die Frauen
2.2 Zwei grundlegende Frauenbilder
2.3 Bemerkungen
3. Hauptteil Die Frauen im Roman
3.1 Marianne eine junge Heuchlerin
3.2 Barbara oder die Abhängige
3.3 Fr Melina Die Entschlossene
3.4 Philine und das Carpe diem
3.5 Mignon das androgyne Wesen
3.6 Die Gräfin als Gefangene ihrer Verhältnisse
3.7 Die wagemutige Baronesse
3.8 Aurelia eine kranke Seele
3.9 Friederike Helene Unger (1754 1813) Bekenntnisse einer schönen Seele
3.10 Therese die wahre Amazone
3.11 Margarete eine vielfache Mutter
3.12 Natalie die schöne Amazone
3.13 Andere Frauenfiguren
3.14 Kommentar
4. Fazit
Quellenangaben
1. Einleitung
Im Vorspann dieser Hausarbeit werde ich zuerst Goethes Auffassung über die Frauen anhand einiger Zitate darlegen. Anschließend werde ich zwei für den Roman grundlegende Frauenbilder Goethes darstellen. Zum einen das traditionelle Frauenbild, welches nicht zuletzt auf Jean- Jacques Rousseau begründet ist und während der Goethezeit vorherrscht, zum anderen die Idee der Gleichberechtigung von Mann und Frau, welche durch Goethes Idee vom emanzipierten Menschen, verdeutlicht werden soll.
Nach einer Bemerkung dazu, werde ich zum Hauptteil dieser Hausarbeit übergehen und mich mit den wichtigsten Frauenbilder des Romans “Wilhelm Meisters Lehrjahre” beschäftigen, um anschließend einen Kommentar dazu abgeben.
Im Fazit soll anschließend die Frage geklärt werden, ob man das Frauenbild, welches Goethe durch seinen Roman darstellen will positiv oder negativ einordnen kann und wie der Roman in bezug auf seine Zeit gesehen werden kann. Schließlich soll geklärt werden, ob das von Goethe dargestellte Frauenbild nicht sogar ein Schritt in ein Zeitalter der Frauenemanzipation ist.
Ich möchte darauf hinweisen, dass ich aufgrund der verschiedenen Ausgaben des Buches „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ Zitate direkt wiederhole und die Stellenangabe folgendermaßen abkürze:
Z.B. Buch 5 Kapitel 3 = [B5K3]
Zitate des Buches „Der androgyne Mensch“ werde ich mit genauen Seitenangaben versehen.
2. Vors pann
2.1 Aussagen Goethes über Frauen
a. Ein Brief von 1767 an seine Schwester Cornelia, er bittet sie:
So wenig als möglich zu lesen, viel zu schreiben; allein nichts als Briefe, und das wenn es sein könnte, wahre Briefe an mich, die Sprachen immer fort zu treiben und die Haushaltung, wie nicht weniger die Kochkunst zu studieren, auch Dich zum Zeitvertreibe auf dem Klavier zu üben, denn dieses sind alles Dinge, die ein Mädgen, die meine Schülerin werden soll notwendig besitzen muss: die Sprachen ausgenommen, die Du als einen besonderen Vorzug
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besitzest: Ferner verlange ich, dass Du Dich im Tanzen perfektionierst [...] so garantiere ich meinen Kopf, Du sollst in einem kleinen Jahre das vernünftigste, artigste, angenehmste Mädgen, nicht nur in Frankfurt, sondern im ganzen Reich sein. [Zunächst sei aus dem Brief des Leipziger Studenten an die Schwester Cornelia vom 12. bis 14. Oktober 1767 die Stelle zitiert, wo er, angewandt auf Cornelia, sein Ideal der Mädchenerziehung entwirft. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S.21]
b. Immer ist das Mädchen so beschäftigt und reifet im Stillen
Häuslicher Tugend entgegen, den klugen Mann zu beglücken.
Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewisslich ein Kochbuch. [„Weibliche Arbeit“ definiert Goethe in der „Zweiten Epistel“, einem fragmentarischen Lehrgedicht aus dem Jahre 1795, als die Arbeit in Küche, Keller, Nähstube und Garten. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 21]
c. Die Weiber haben das Eigene, dass sie das Fertige zu ihren Absichten verarbeiten und verbrauchen. Das Wissen, die Erfahrung des Mannes nehmen sie als ein Fertiges und schmücken sich und anderes damit. [...] Der Mann schafft und erwirbt, die Frau verwendet’s: das ist auch im intellektuellen Sinne das Gesetz, unter dem beide Naturen stehen. [November 1806, Friedrich Wilhelm Riemer: Mitteilungen über Goethe. Auf Grund der Ausgabe von 1841 und des handschriftlichen Nachlasses hrsg. v. Arthur Pollmer Leipzig 1921. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S.19]
d. WAS gibst du dir mit Lieb und Ehre
Und andern Dingen so viel Pein!
Wenn ein tüchtiger S** nur wäre, Die Weiber würden sämtlich zufrieden sein.
[Boshaftes Epigramm des alten Dichters um 1806. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 23]
e. Weiber haben keine Ironie, können nicht von sich selbst lassen. [...] und sie können es nicht, weil sie bedürftiger, abhängiger sind als die Männer. [ 07.12.1808, Friedrich Wilhelm Riemer: Mitteilungen über Goethe. Auf Grund der Ausgabe von 1841 und des handschriftlichen Nachlasses hrsg. v. Arthur Pollmer Leipzig 1921. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 19]
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f. Die Verhältnisse mit Frauen allein können doch das Leben nicht ausfüllen und führen zu gar zu vielen Verwicklungen, Qualen und Leiden, die uns aufreiben, oder zur vollkommenen Leere. [ Gesprächsaufzeichnungen Boisserées aus dem Jahre 1815. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 24]
g. 1826 erkennt Goethe:
Jede Frau schließt die andre aus, ihrer Natur nach: denn von jeder wird alles gefordert, was dem ganzen Geschlechte zu leisten obliegt. Nicht so verhält es sich mit den Männern. Der Mann verlangt den Mann; er würde sich einen zweiten erschaffen, wenn es keinen gäbe: Eine Frau könnte eine Ewigkeit leben, ohne daran zu denken, sich ihresgleichen hervorzubringen. [ These des Gehilfen aus den „Wahlverwandtschaften“ (Goethe) 1826. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 25]
h. 1827 schreibt Goethe:
Ich wünsche mir eine hübsche Frau, Die nicht alles nähme gar zu genau, Doch aber zugleich am besten verstände, Wie ich mich selbst am besten befände.
[ 1827 schließlich formuliert der alte Goethe in der Form eines Epigramms sein Ideal einer Ehefrau. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 21]
i. Eines Tages sagte (der Kupferstecher) Stock: Goethe, meine Töchter wachsen nun heran, was meinst du, worin soll ich die Mädchen unterrichten lassen? In nichts anderem, erwiderte Goethe, als in der Wirtschaft. Lass sie gute Köchinnen werden, dass wird für ihre künftigen Männer das beste sein. Der Vater befolgte diesen Rat, und nicht ohne Empfindlichkeit versicherte mir die ältere Schwester, dass sie dies Goethen immer nachgetragen habe, und dass sie infolge dieses Rates ihre ganze Ausbildung (als Malerin) mit der größten Mühe sich selbst habe erwerben müssen. [ Gustav Parthey überliefert aus Goethes Leipziger Zeit die charakteristische Anekdote. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 20]
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j. Die Frauen [...] sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. [ Überliefert durch Gespräche mit Eckermann aus dem Jahre 1828. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 20]
k. Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren oder in mir entstanden, Gott weiß wie. Meine dargestellten Frauencharaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind. [ Überliefert durch Gespräche mit Eckermann aus dem Jahre 1828. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 24]
l. Ach, wenn ein Frauenzimmer schlafe, da müsse man froh sein! [22.07.1831, Friedrich Wilhelm Riemer: Mitteilungen über Goethe. Auf Grund der Ausgabe von 1841 und des handschriftlichen Nachlasses hrsg. v. Arthur Pollmer Leipzig 1921. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S. 19]
2.2 Zwei grundlegende Frauenbilder
a) Traditionelles Frauenbild
Das traditionelles Frauenbild reicht bis in die Goethezeit hinein und wird von der Geschlechtertheorie, die Jean-Jacques Rousseau begründet hat, durchzogen. Goethes Frauenbild ist von dieser Geschlechtertheorie merklich tief geprägt. Aus den Naturgesetzen, dass Männer „ aktiv und stark“ seien und Frauen „ passiv und schwach“ folgert Rousseau:
„dass die Frau eigens dazu geschaffen ist, dem Mann zu gefallen“ [ Jean-Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung, hrsg. eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Martin Rang, unter Mitarbeit des Herausgebers aus dem Französischen übertragen von Eleonore Sckommodau, Stuttgart 1980. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S.76 f.]
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und weil Mädchen und Knaben nach entgegengesetzten Prinzipien erzogen werden sollten:
„So muss sich die ganze Erziehung der Frauen im Hinblick auf die Männer vollziehen. Ihnen gefallen, ihnen nützlich sein, sich von ihnen lieben und achten lassen, sie großziehen, solange sie jung sind, als Männer für sie sorgen, sie beraten, sie trösten, ihnen ein angenehmes und süßes Dasein bereiten: das sind die Pflichten der Frauen zu allen Zeiten, das ist es, was man sie vo n Kindheit an lehren muß.“ [ Jean-Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung, hrsg. eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Martin Rang, unter Mitarbeit des Herausgebers aus dem Französischen übertragen von Eleonore Sckommodau, Stuttgart 1980. Zitiert nach Helmut Fuhrmann, der androgyne Mensch, Königshausen und Neumann 1995, S.76 f.]
Welt/ Geist (Geschichte) Mann Frau
Haus/ Familie
(Quelle Graphik: Der androgyne Mensch, Helmut Fuhrmann, Königshausen und Neumann 1995, S. 78)
Ein Verhältnis zum Geist und zur Welt wird der Frau verweigert. Sie wird damit aus der Geschichte ausgeblendet. Das traditionelle Frauenbild beschreibt die Mädchen-, Mütter- und Hausfrauengestalten des Romans „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.
b) Goethes Idee von der Emanzipation des Menschen
Goethes Idee von der Emanzipation des Menschen beruht auf der Tatsache, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind und somit zu ebenbürtigen Menschen werden.
Welt/Geist (Geschichte)
Mann Frau
Haus/ Familie
(Quelle Graphik: Der androgyne Mensch, Helmut Fuhrmann, Königshausen und Neumann 1995, S. 81)
Die Frau hat ein eigenes Verhältnis zu Welt und zum Geist, sie tritt damit in die Geschichte ein und wird zur ebenbürtigen Partnerin des Mannes. Goethes Idee einer emanzipierten Menschheit, wird im Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre durch die Amazonen- und Musefiguren dargestellt.
2.3 Bemerkungen
In Goethes Aussagen über die Frauen lässt sich ein grundsätzliches Prinzip, auch Unterscheidungsprinzip, von Mann und Frau erkennen. Goethe stellt die Frauen als die Bedürftigen, die Empfangenden, die Aneignenden und die Abhängigen dar. Frauen benutzen ihr Herz und sollen ihren Verstand nicht benutzen. Die Domänen der Frau sind Haus und Familie. Die Frau ist im kleinen tätig und ihr Beruf ist es den Mann glücklich zu machen. Die Arbeit der Frau findet in der Küche, im Keller, in der Nähstube, im Garten und mit den Kindern statt.
Im Gegensatz dazu steht der Mann. Er zeichnet sich durch seine reiche, gebende, schöpferische und selbstverständige Lebensform aus. Er hat im Gegensatz zur Frau Verstand und Vernunft und soll sein Herz nicht benutzen. Das Reich des Mannes ist die Welt und die Gesellschaft, da er im großen wirken soll. Der Mann ist durch seinen Mut und durch seine Selbstbestimmtheit gezeichnet.
Erst durch Goethes Idee einer emanzipierten Menschheit wird klar, dass das traditionelle Frauenbild nur ein Mythos sein kann, dass Frauen, die diesem traditionellen Bilde entsprechen, nicht geboren werden, sondern durch Erziehung sozial hergestellt werden. Ebenso das Bild des Mannes. Erst durch Goethes Idee einer emanzipierten Menschheit kommt das traditionelle Frauenbild ins schwanken und muss überdacht werden.
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3. Hauptteil – Die Frauen im Roman
In Goethes Roman “Wilhelm Meisters Lehrjahre“ wird der Leser mit einer Vielzahl von Frauen konfrontiert. Da die einzelne Auflistung und Beschreibung aller Frauen den Rahmen dieser Hausarbeit in die Länge ziehen würde, möchte ich hier nur die interessantesten Frauenbilder des Romans aufführen.
3.1 Marianne, eine junge Heuchlerin?
Wilhelm Meisters Liebe zu Mariannen stellt sich für den Leser in den Kapitel eins bis sechzehn des ersten Buches als unerschütterlich dar. Wilhelm sieht Mariannen sehr verträumt und naiv, sie wird als liebenswürdig, leidenschaftlich, zärtlich, „reizendes Mädchen“ und als „das lieblichste Geschöpf“ [B1K3] darstellt. Seine Liebe zu Mariannen ist so stark, dass er fast geblendet zu sein scheint, wenn er sagt, dass er dieses zärtliche, gute, liebliche Geschöpf so sehr liebe, dass er jeden Augenblick seines Lebens verdrieße, welchen er ohne sie zugebracht habe [B1K6]. Tatsächlich ergibt sich für den Leser des Romans ein anderes Bild von Mariannen. Mariannen befindet sich in einem großen Zwiespalt. Sie liebt Wilhelm und bringt ihm ihre ganzen Gefühle, ihre ganze Liebe entgegen, wäre da nicht noch Norberg wäre das junge Glück auch perfekt, aber Mariannen sieht in Wilhelm keine finanzielle Absicherung, da dieser ja nur der Sohn eines Kaufmanns ist. Aus diesem Grund hat sie ein Verhältnis mit Norberg, weil dieser ein reicher Kaufmann ist und sie finanziell aushalten kann, was Mariannen nicht zuletzt an den Geschenken festmacht, die sie und Barbara von ihm erhalten. Norberg ist für Mariannen eine Art Vernunftentscheidung, Wilhelm wäre die Gefühlsentscheidung Mariannes, dies beruht nicht zuletzt auf Barbara, welche doch sehr offensichtlich mehr in Mariannes Leben zu entscheiden hat, als diese selbst entscheidet.
Mariannes Trauer über das Unglück sich bald zugunsten Norbergs (finanzielles Wohl) von Wilhelm (der Liebe/ Gefühle) trennen zu müssen zieht sich dur ch das komplette erste Buch des Romans und wird besonders in den Gesprächen mit Barbara deutlich. Man erkennt, dass Mariannen besonders durch Barbara, welche ihr sogar zu zwei Liebhabern rät als Mariannen wieder weint, beeinflussbar ist [B1K12].
Mariannen findet keinen Mut ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, wie beispielsweise Fr. Melina. Selbst am Ende des ersten Buches , als die Wahrheit ans Licht kommt, kann Mariannen
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Jasmin Weitzel, 2002, Das Frauenbild in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", Munich, GRIN Publishing GmbH
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