I. Einleitung
Das Ende des Films „The man who wasn´t there“ zeigt den Protagonisten Ed in einer Todeszelle, bereit zur Hinrichtung. Die Zelle ist konturlos weiß, nur der elektrische Stuhl, der Henker und ein Fenster mit Zeugen der Hinrichtung sind zu sehen. Ed setzt sich auf den Stuhl, sein Arm wird rasiert während im Voice over die letzten Gedanken Eds für den Zuschauer ersichtlich werden: Er hat keine Angst. Eine weiße Lichtwelle überflutet das Filmbild und Ed gelingt endlich die Flucht aus einer Welt, in der er eigentlich nie wirklich existierte: „The man who wasn´t there“.
In einer Szene des Films betont die Voice over-Stimme Eds: „Ich war ein Gespenst. Ich sah niemanden, niemand sah mich“. Doch wie kann der Protagonist eines Films nicht vorhanden sein? Was sind die Gründe für Eds „Schattendasein“? Und mit welchen Mitteln wird „der Mann, der nicht da war“ im Film dargestellt? Diese Fragen werden in der vorliegenden Filmanalyse durch eine Personenanalyse des Protagonisten Ed zu beantworten versucht. Außerdem soll in dieser Arbeit herausgestellt werden, welche außergewöhnliche Stellung die Figur Ed Cranes, die als Zuschauer und Protagonist gleichermaßen agiert, innerhalb des Films aufweist.
II. Analyse
2.1. Ed als Zuschauer seines eigenen Lebens
Schon in der Eingangssequenz im Friseurladen wird Ed Crane durch seinen Kommentar, die Voice over, eingeführt. Und gleich zu Beginn tritt durch die Voice over ein entscheidendes Wesensmerkmal Eds zutage: „Ich, ich rede nicht viel. Ich schneide nur die Haare.“ Ab diesem Moment ist ersichtlich, dass sich die Kommunikation im Film auf wenige Dialogzeilen beschränken wird. Lediglich durch die Voice over werden die Gedanken Ed Cranes sichtbar. Aber Ed ist nicht nur ein passiver Gesprächspartner. Passivität scheint bei genauerer Betrachtung die Tugend des Protagonisten zu sein. Er war nicht in der Armee während des Zweiten Weltkriegs wegen Untauglichkeit, „wegen seiner Plattfüße“ wie seine Frau Doris bei einer „Gesellschaft“ unter Lachen preisgibt. In einer Szene des Films trägt Ed seine Frau nach einer Hochzeitsfeier in Doris´ Familie ins Bett und erzählt (beziehungsweise die Voice over), während er seine Frau anschaut, von seiner Heirat und wie er Doris „über einen Freund“ kennen lernte. „Nur ein paar Wochen später schlug sie vor, zu heiraten. „Es gefiel ihr, dass ich nicht viel redete“. In den Vierziger Jahren, in denen der Film spie lt, war der Heiratsantrag einer Frau mehr als ungewöhnlich. Auch in dieser Situation reagiert Ed nur, ohne selbst zu agieren.
„Früher oder später braucht jeder einen Haarschnitt“ meint Ed (die Voice over) in einer Szene im Friseursalon nachdem er aus dem Gefängnis zurückkommt. Doch für Ed scheint diese Weisheit wohl nicht zu gelten: Er verändert sich weder äußerlich noch in seinen Handlungen oder besser gesagt seinen Nicht-Handlungen. Ed isst nicht, etwa bei dem ersten Zusammentreffen mit dem Anwalt Riedenschneider. Er trinkt nicht, auch wenn es ihm angeboten wird. Er hatte schon „seit vielen Jahren keinen Geschlechtsverkehr mehr“ mit seiner Frau erklärt Ed dem erstaunten Gerichtsmediziner, nachdem der Ed von der Schwangerschaft seiner Frau berichtete. Und selbst im seinem Traum, den Ed kurz vor dem Aufprall des Wagens nach seinem Unfall mit Birdy hat, ignoriert ihn seine Frau, während beide auf der Couch sitzen und ergreift zuvor die Initiative, indem sie einen Vertreter von ihrem Grundstück vertreibt. Ein weiterer Grund, warum die Identifikation mit dem Protagonisten Ed kaum gelingt, ist die Tatsache, dass er sich selbst nicht mit sich identifizieren kann. Auch diese Problematik wird bereits in der Eingangssequenz eingeführt: Ed sieht sich nicht als Friseur. Er sei nur durch Zufall an diese Arbeit gekommen, durch Heirat (nebenbei ein weiterer passiver Akt). Doch außer Friseur ist Ed nichts und außer Frisieren kann Ed nichts: Ed scheint also schon für sich selbst gar nicht vorhanden zu sein. Und auch alle anderen Personen im Film sehen Ed lediglich als „den Friseur“. Bei dem Geschäftsmann Greaton Tolliver, der Ed „ohne [seinen] Kittel gar nicht [erkennt]“, stellt sich Ed im Hotel als „der Friseur“ vor. Und auch Doris´ Verwandte bei der italienischen Hochzeit kennen Ed nicht mir Namen, sondern sehen in ihm den Friseur. Diese Tatsache wird mit einem etwas mitleidig klingenden „Das ist gute Arbeit“ quittiert. Auch Doris´ Anwalt Riedenschneider empfängt ihn bei ihrem ersten Aufeina ndertreffen in einem Café mit den Worten: „Sind sie Crane? Sie sind Friseur, stimmt´s?“, als wäre diese Tatsache auf seine Stirn tätowiert. Und auch seine Einstellung diesem Beruf gegenüber kommen schnell zum Vorschein: „Halten Sie immer schön den Mund. Ich übernehm das Reden. Ich bin Anwalt, sie sind Friseur, sie wissen gar nichts.“
Dieses Identifikationsproblem mit sich selbst nimmt jedoch noch größere Ausmaße an. Denn Ed verfasst an mehreren Stellen des Films philosophische Abhandlungen über die Haare, die er, wie sich da herausstellt, für etwas ganz besonderes hält. Beim Schneiden der Haare eines Jungen sagt er zu Franky, dem Hauptfriseur: „Es wächst einfach immer weiter. Es ist ein Teil von uns und wir schneiden es ab und werfen es weg“. Und auch bei seinem Unfall mit Birdy gelten Eds l etzte Gedanken seinen Haaren, wenn die Voice over meint: „Ich dachte daran, was mir ein Bestattungsunternehmer einmal sagte. Dass die Haare noch ein bisschen weiter wachsen. [...] Und wann merkt das Haar, dass die Seele nicht mehr da ist?“ In diesen Auge nblicken scheint sich Ed selbst mit seinem Beruf zu identifizieren, vielleicht sogar mehr als
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Arbeit zitieren:
Katja Schirmer, 2004, "The man who wasn´t there" - eine Filmanalyse unter narrativem Gesichtspunkt, München, GRIN Verlag GmbH
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