Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zurück zum Ursprung
2.1 Gegenüberstellung der Edwardian Time und der Welt 4
Im Jahr 1969
2.2 Suche nach einem geordneten Leben und Sicherheit 5
3. Religion 9
3.1 Religion in Audens Leben 9
3.2 Reli gion in Audens Werken 10
3.3 Audens religiöser Konservatismus 11
3.4 Audens Interesse an anderen Religionen und 12
theologischen Ansichten
4. Bildung 14
4.1 Audens Beziehung zur Bildung 14
4.2 Audens eigene Lehrtätigkeit 16
4.3 Sprache 18
4.4 Literatur 20
4.41 Schreibstile 20
4.42 Audens eigene Schreibtätigkeit 21
5. Schlussbetrachtung 23
6. Bibliographie 24
2
1. Einleitung
Wie auch andere Gedichte des Autors und Literaturprofessors, W.H. Auden, präsentiert auch „Doggerel by a Senior Citizen“ eine Vielfalt der Themen, mit denen er sich zu Lebzeiten beschäftigt hat. Zu diesen gehören unter anderem die Bereiche Religion, Literatur, Kunst, Musik, Sex aber auch Sprache und Bildung. Wenn man sich seine Biographie ein wenig genauer anschaut, wird deutlich, dass diese Themen nicht nur Audens letzten Lebensabschnitt, in dem auch dieses Gedicht entstanden ist, geprägt hat, sondern sein ganzes Leben. Gleichzeit wird dann auch eine gewisse Verbindung zwischen Lebensbeginn, Audens Kindheit und Jugend, und seinem Lebensende erkennbar.
In dieser Hausarbeit möchte ich zum einen den Bereich ‚Zurück zum Ursprung’ behandeln. Dieser beinhaltet den starken Einfluss seiner Erziehung und seines ursprünglichen Umfeldes, der sich besonders in der Literatur seiner Spätphase niedergeschlagen hat. Dort distanziert er sich wieder ein Stück weit von seinem extrem liberalen Lebensstil und wendet sich einem etwas konservativerem und traditionellerem zu, wie er ihn schon zuvor bei seinen Eltern kennen gelernt hatte.
Darüber hinaus möchte ich auf einige Themenbereiche genauer eingehen, mit denen sich W.H. Auden intensiv beschäftigt hat. Aufgrund der Komplexität dieser Bereiche werde ich mich exemplarisch auf die Aspekte Religion und Bildung konzentrieren. Der Bereich Bildung umfasst auch seine eigene Lehrtätigkeit, sowie Audens Auffassung von Literatur und Sprache sowie sein Umgang damit.
Im Wesentlichen möchte ich dabei Parallelen zwischen seinem Gedicht und seiner Biographie hervorheben, aber auch Bezug nehmen auf andere von ihm verfasste Gedichte, Texte, Interviews, Zitate sowie in der Sekundärliteratur vertretene Ansichten.
3
2. Zurück zum Ursprung
2.1 Gegenüberstellung der Edwardian Times und der Welt im Jahr 1969
„Doggerel by A Senior Citizen“ 1 (DBASC) entstand in Audens letzten Lebensjahren, in denen er in vieler Hinsicht sein Leben reflektierte und seine Meinung revidierte. In diesem Gedicht wird das Jahr 1969 in etliche Aspekte seiner Kindheitszeit, der Edwardian Time, gegenüber gestellt. Es stellt sich die Frage: sind Auden und das Lyrische-Ich identisch, bzw. in wie weit identifiziert Auden sich mit ihm.
Während das Lyrische -Ich 1969 nicht als seine Heimat bezeichnen kann (Z.2) verbindet es mit seiner Welt die Kraft, das Chaos von sich fern zu halten. Auch wenn die Edwardian Times, die ihm diese Kraft zu geben scheint, nur in den Zeilen fünf und sechs direkt angesprochen werden, so wird doch immer wieder Bezug darauf genommen. Alle wesentlichen Kindheitserinnerungen und -prägungen Audens falle n in diese Epoche, also die Zeit zwischen 1901 und 1914, so zum Beispiel das Ritual vor den Mahlzeiten Dankgebete zu sprechen oder seine Vertrautheit mit Ölfunzeln. Die Assoziationen des Lyrischen-Ichs mit dieser Zeit sind ausschließlich positiv. So verbindet es mit ihnen edenhafte Landschaften (Z.5) und große Badezimmer, die ein gewisses Vermögen und materielle Sicherheit widerspiegeln. „The England of Edward VII stands out in the mind of a later generation as an era of peace and prosperity.” 2
Im Gegensatz dazu scheint dem Lyrischen-Ich das Leben im Jahr 1969 fremd. Keine der Neuerungen kann, seiner Meinung nach, den alten und traditionellen Gegenstücken das Wasser reichen. So werden zum Beispiel praktische Motoren in Autos und Flugzeugen mit von Wasserkraft betriebenen Maschinen verglichen, eine Glühbirne mit einer Ölfunzel. Diesen kann er mehr Respekt entgegn bringen 3 . Es wird nicht nur deutlich, dass das Lyrische-Ich sämtliche Neuerungen ablehnt, sondern auch, dass es ohne sie, dafür aber weiter in seiner Tradition, leben möchte. Dazu gehört zum
1 Verfasst im Mai 1969, u.a. veröffentlicht in Auden, Epistle to a Godson and other poems, London: Faber and Faber 1972; Auden, Collected Longer Poems, London: Faber and Faber 1968
2 Nowell-Smith, Simon, Edwardian England . 9101-1914, London: Oxford University Press 1964, S. 105
3 DBASC, Z.9- 16
4
Beispiel, dass es weiterhin für Waren in bar bezahlen möchte, anstatt eine Kreditkarte 4 zu verwenden. Obwohl sein Verstand verlangt diese Fortschritte zu würdigen (Z.13), da manche Neuerungen doch hilfreich sind (Z.10), sagt er, dass sie profan seien, also säkular und nicht biblisch.
2.2 Suche nach einem geordneten Leben und Sicherheit
Die Frage ‚Wo ist mein zuhause, das mir Kraft und Sicherheit gibt?’ scheint in diesem Gedicht ein zentrales Thema zu sein 5 . Viele Wörter, die eine Sehnsucht ausdrücken sind enthalten, so zum Beispiel „of which I dream“, „Eden“, mit dem die Christenheit das ewige Leben im Paradies verbindet, aber auch „at home“, ein Synonym für Heimat und einem Ort der Geborgenheit. Dieser Wunsch, in einer Welt zu leben, die das Lyrische-Ich sein nennen kann, scheint ihm nur in Verbindung mit den Edwardian Times erfüllbar, da es sich nur dort wirklich zu hause fühlen kann, wo alles echt und wirklich ist (Z. 55 f). Gleichzeitig sehnt sich das Lyrische-Ich aber auch nach Routine und Sicherheit um gegen das Chaos anzukämpfen (Z.4).
In Audens Kindheit hatte seine Familie einige Traditionen, die den Glauben betrafen 6 ; aber auch viele andere Lebensbereiche waren durchorganisiert und liefen immer nach dem selben Schema ab. Diese Tradition, Routine und Sicherheit verlor Auden, als er sich von seiner Familie abnabelte und gegen ihre Vorstellungen rebellierte 7 . Er führte später ein sehr liberales Leben, um sich nicht nur von dem Lebensstil seiner Eltern, sondern auch dem der britischen Gesellschaft allgemein zu distanzieren. Ein Teil der Rebellion war zum Beispiel seine Emigration in die Staaten im Jahre 1939. Sein Ziel war es, dem konservativen Großbritannien zu entfliehen. 20 Jahre später sagte er darüber:
England is terribly provincial- it’s all this family business. I know exactly why Guy Burgess went to Moscow. It wasn’t enough to be a queer or a drunk. He had to revolt still more to break away from it all. That’s just what I’ve done by becoming an American citizen. […] I also find criticism in England very provincial. In the literary world in England, you have to know who’s married to whom, and who’s
4 Dies war 1969 eine relativ neue Entwicklung. Die ersten Kreditkarten wurden erst 1950 vom Dimes -Club verwendet.
5 DBASC, Z. 3 f
6 ebd., Z. 8 ,Vgl. Osborne, Charles, W.H. Auden, The Life of a Poet, London: The Rainbird Publishing Group Limited, 1980, S. 14
7 ebd., Z. 17
5
slept with whom and who hasn’t. It’s a tiny jungle. America is so much larger. 8
Seine regelmäßigen Umzüge, aber auch die Tatsache, dass er viel reiste und häufig mehrere Wohnsitze in verschiedenen Städten und Ländern zur gleichen Zeit hatte, schafften ihm wenig Möglichkeiten ein Sicherheits- und Heimatgefühl zu entwickeln. Hinzu kamen seine häufig wechselnden sexuellen Beziehungen, die nicht auf Verbindlichkeit basierten und ihm daher auch keinen inneren Halt bieten konnten. Auch seine lang-jährigen Beziehungen zu Christopher Isherwood und Chester Kallman hatten keinen Ausschließlichkeitsanspruc h, da jeder von ihnen zusätzliche Sexualpartner hatte. Damit vermied Auden es, sich seiner Freiheit berauben zu lassen. Später jedoch musste er feststellen, dass die von ihm gelebte Freiheit und Anonymität auch Schattenseiten hat: Einsamkeit. Diese veranlasste ihn 1972 wieder zurück nach Oxford zu ziehen, wo ihm von der Universität ein Cottage angeboten worden war. Besonders in seinen letzten Lebensjahren sehnte er sich wieder zurück nach Verbindlichkeit, Sicherheit und einer verbindlichen Lebensgemeinschaft 9 , die er mit seiner Kindheit und der Edwardian Time assoziierte.
Trotz des Gegensatzes zum gängigen Zeitgeist, der die Modernisierung befürwortet, betont das Lyrische-Ich in der letzten Strophe des Gedichtes, dass es sich selber nicht für entfremdet hä lt, sondern nur damit zu kämpfen hat, dass es sich am wohlsten fühlt, mit dem was real ist 10 . Real entspricht, seiner Ansicht nach, also dem alten und traditionellen Lebensstil. Folglich ist die Welt im Jahre 1969 in seinen Augen nicht mehr Realität.
Im Laufe der Jahre revidierte W.H. Auden sein Bild von sich selber und kehrte auch in dieser Hinsicht zu seinen Wurzeln zurück. Er sah sich nicht mehr als so wichtig, wie zu dem Zeitpunkt als er sich „Minor Atlanic Goethe“ nannte 11 . Dies wird deutlich, wenn man sich die Überschrift des Gedichtes anschaut, die er gewählt hat. Dort bezeichnete er das Lyrische-Ich, mit dem er sich stark identifiziert, lediglich als „Senior Citizen“ und auch in Zeile 54 nur als „sworn citize“. Diese Veränderung der Sichtweise beschreibt auch Lucy Mc Diarmid: „Subordinating his ego and his creative genius to a communal
8 Auden, W.H., The Dyer’s Hand. And other essays, London: Faber and Faber 1962, S. 179
9 So machte Auden Hanna Arendt im November 1070 einen Heiratsantrag. Davenport-Hines, Richard, Auden, London: Heinemann 1995, S. 334
10 DBASC, Z. 53- 56
11 Davenport-Hines, Auden, S. 299
6
effort, the artist becomes simply a citizen.” 12 Aber auch Auden bestätigte die Relativierung seiner eigenen Sichtweise:
It’s not that I go back on my opinions. But I’ve become very sceptical about engage poetry. Political social history would be no different if Dante, Michelangelo, Byron had never lived. The arts can’t do anything about this. Only political action and straight journalistic reportage can. I feel a little guilty about some things I wrote in the thirties. Nothing I wrote against Hitler prevented one Jew being killed. Nothing I wrote made the war stop a minute sooner. The most a writer can do is what Dr. Johnson once said: ‘the aim of writing is to enable readers a little better to enjoy life or a little better to endure it.’ 13
Auch seine Einstellung zur Homosexualität änderte sich im Laufe der Zeit. Während sie zu-nächst u.a. ein Zeichen seiner Rebellion war 14 , befand er sich später in einem Zwiespalt. Zum einen fühlte er sich zu Männern hingezogen 15 , zum anderen konnte er Homosexualität nicht gutheißen. „His reading of Freudian and other psychological theorists had given him the sense that homosexuality was immature and indicative of arrested emotional develop-ment.“ 16
Besonders als viele seiner Freunde und Bekannten starben und er darüber hinaus auch Alterserscheinungen an seinem eigenen Körper wahrnahm, wurde ihm seine eigene Vergänglichkeit neu vor Augen geführt. In seinem „Prologue at Sixty“ , in dem er sich mit dem Thema älter werden und Tod auseinander setzte, schrieb er in:
Flesh must fall through fated time
from birth to death, both unwilled, but Spirit may climb otherwise from a death, in faith freely chosen, to resurrection, a re-beginning. 17
Hier spielte auch sein Glaube eine Rolle, der ihm Sicherheit und Zuversicht bot und zu dem er wieder zurückkehrte. Für ihn schien klar, was nach dem Tod passieren würde. Auch wenn er den Alterungsprozess gerne umgehen mochte, so akzeptierte er doch,
12 Mc Diarmid, Lucy, Auden’s Abologies for Poetry, Princeton: Princeton University Press 1990, S. 160
13 Bozorth, Game of Knowledge, S. 76
14 siehe Fußnote 8
15 „Auden explained [...] that his only prejudice against women was a physical one ‚I am not disgusted but sincerely puzzled at what the attraction is (like watching a game of cricket for the first time.”; Osborne, Charles, W.H. Auden,
the Life of a Poet, London: The Rainbird Publishing Group Limited 1980, S. 90f
16 Auden, Dyer’s Hand, S. 68; Vgl. “There still lingers in my mind the idea of something indecent in a mutual homosexual relation” Vgl.: „Auden is also generalizing from his longstanding view of homosexuality as a condition
of arrested development.“, Bozorth, Richard R., Auden’s Game of Knowledge Poetry and the Meaning of
Homosexuality, Columbia: Columbia University Press 2001, S. 169
17 Auden, Gedichte Poems, Wien: Europaverlag 1973, ”Prologue at Sixty”, S. 158- 154, Z. 36-40
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A. Dörpinghaus, 2002, Wiederkehrende Motive und biographische Beziehungen im Wer W.H. Audens, exemplarisch aufgezeigt an 'Doggerel By A Senior Citizen', München, GRIN Verlag GmbH
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