Summary
Die nachfolgende Arbeit setzt sich mit dem Phänomen des Selbstverletzenden Verhaltens (SVV) auseinander. Dabei liegt der Fokus auf der Zielgruppe von jugendlichen Mädchen, da diese Verhaltensweise vorwiegend beim weiblichen Geschlecht verzeichnet wird und deren Beginn häufig mit Eintritt in die Pubertät einhergeht.
Durch diese Arbeit soll eine Antwort darauf gefunden werden, ob und wie Selbstverletzendes Verhalten eine Bewältigungsstrategie für Mädchen sein kann und welche Möglichkeiten und Grenzen es im Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit gibt, mit Betroffenen zu arbeiten. Nach der Einleitung und Hinführung zur Thematik findet eine erste Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit des Selbstverletzenden Verhaltens statt. Da verschiedene, unterschiedlich bewertete Synonyme in der Literatur verwendet werden, wird in diesem ersten Kapitel begründet, warum die Autorin fortlaufend den Begriff des Selbstverletzenden Verhaltens verwendet.
Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Phänomenologie von Selbstverletzendem Verhalten. Nach einer kurzen diagnostischen Zuordnung werden verschiedenen Formen von Selbstverletzendem Verhalten skizziert, wobei der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der offenen Selbstverletzung liegt.
Da Selbstverletzungen in aller Regel nach traumatischen Erfahrungen in Erscheinung treten, wird dann der Versuch gemacht, diesen Zusammenhang aus unterschiedlichen Bereichen zu beleuchten.
Im Anschluss daran werden verschiedenen Motive aufgezeigt, die Betroffene dazu bringen, sich selbst zu verletzen. Einen großen Bereich nehmen dann die interpersonalen und intrapersonalen Funktionen von Selbstverletzendem Verhalten ein, die den LeserInnen die Tatsache näher bringen sollen, dass auch selbstschädigende Verhaltensweisen zur Bewältigung bestimmter Situationen herangezogen werden und trotz destruktiver Anteile als entlastend empfunden werden können.
Das Kapitel schließt mit verschiedenen Aspekten, wie z.B. der Symbolik, der Geschlechtsspezifität oder dem Suchtcharakter von selbstverletzendem Verhalten ab. Im dritten Kapitel werden verschiedene Theorien dargestellt, die Erklärungsansätze bieten sollen, warum und wie es zu Selbstverletzendem Verhalten bei jugendlichen Mädchen kommen kann.
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Das vierte Kapitel soll Aufschluss darüber geben, wie im Alltag der Sozialen Arbeit mit Betroffenen von Selbstverletzendem Verhalten umgegangen werden kann bzw. soll und welche speziellen Aufgaben SozialarbeiterInnen dabei zukommen. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein Resümee über die Auseinandersetzung mit der dargestellten Thematik.
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Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung 8-10
1. Begrifflichkeit von Selbstverletzendem Verhalten 11-12
2. Phänomenologie des Selbstverletzenden Verhaltens 13-43
2.1 Diagnostische Zuordnung 13-15
2.2 Formen von Selbstverletzendem Verhalten 15-21
2.2.1 Offenes Selbstverletzendes Verhalten 16-18
2.2.2 Heimliches bzw. artifizielles Selbstverletzendes Verhalten 18-19
2.2.3 Erweiterte artifizielle Erkrankungen als spezifische Formen 19-21
von Selbstverletzendem Verhalten
2.2.3.1 Münchhausen-Syndrom 19-20
2.2.3.2 Münchhausen by - proxy - Syndrom 20-21
2.3 Selbstverletzendes Verhalten als Traumafolge 21-29
2.3.1 Selbstwert und Körperbild 23-25
2.3.2 Selbstverletzendes Verhalten nach psychischer und / oder 25-26
physischer Misshandlung
2.3.3 Selbstverletzendes Verhalten nach sexuellem Missbrauch 26-29
2.4 Motive für Selbstverletzendes Verhalten 29-30
2.5 Psychodynamische Funktionen von Selbstverletzendem Verhalten 31-37
2.5.1 Intrapersonale Funktionen 31-34
2.5.1.1 Selbstverletzendes Verhalten als Selbstfürsorge 31-32
und Ressource
2.5.1.2 Selbstverletzendes Verhalten als Ventil 32
2.5.1.3 Selbstverletzendes Verhalten als Antidepressivum 32
2.5.1.4 Selbstverletzendes Verhalten als Antidissoziativum 33
5
2.5.2 Interpersonale Funktionen 35-37
2.6 Betroffene Körperstellen und Häufigkeit von Selbstverletzendem 37 Verhalten
2.7 Symbolik von Selbstverletzendem Verhalten 38-42 2.7.1 Blut 38 2.7.2 Haut 38-39 2.7.3 Wundversorgung 39-40
2.7.4 Schmerzempfinden und Gefühlswahrnehmung 40-41 2.7.5 Spannungsbogen 41-42
2.8 Geschlechtsspezifität bei Selbstverletzendem Verhalten 42
2.9 Suchtcharakter von Selbstverletzendem Verhalten 42-43
3. Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten als mögliche 44-64 Bewältigungsstrategie
3.1 Pubertät und Adoleszenz aus entwicklungspsychologischer Sicht 44-48
3.2 Beeinflussende Faktoren auf Selbstverletzendes Verhalten 48-52 aus feministischer Sicht
3.2.1 Geschlechtsspezifischer Umgang mit Aggression im 48-51 Rahmen der Sozialisation 3.2.2 Mutter-Tochter-Beziehung 51-52
6
3.3 Erklärungsansatz nach der Bindungstheorie 52-56
3.4 Erklärungsansatz nach den Aggressionstheorien 56-62 3.4.1 Die Triebtheorie 56-57
3.4.2 Die Frustrations-Aggressionstheorie 57-59 3.4.3 Die Lerntheorie 59-62
3.5 Der Körper als Übergangsobjekt bzw. die Objektbeziehung 62-64
4. Umgang mit Selbstverletzendem Verhalten im Alltag der 65-75 Sozialen Arbeit
4.1 Handlungsorte 65
4.2 Aufgaben im professionellen Umgang mit Selbstverletzendem 65-71 Verhalten
4.2.1 Aufbau einer tragfähigen Beziehung und 67-68 Begleitung der Betroffnen
4.2.2 Ressourcenerschließung und Hilfe bei der Alltagsbewältigung 68
4.2.3 Auf- und Ausbau sozialer Netzwerke 69-70 4.2.4 Arbeit mit Angehörigen 70
4.2.5 Fort- und Weiterbildungen für SozialpädagogInnen 70-71 4.2.6 Öffentlichkeitsarbeit 71
4.3 Therapiemöglichkeiten 71-74
4.3.1 Psychoanalytisch orientierte Therapie 71 4.3.2 Physiotherapie 72 4.3.3 Gestalttherapie 73-74
4.4 Ausblick 74-75 5. Resümee 76-77
Literaturverzeichnis 78-81
Erklärung 82
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Einleitung
Es ist für Menschen eine alltägliche Erfahrung, durch Aktivitäten wie Duschen oder Bewegung den eigenen Körper intensiv zu spüren und dadurch in der Regel ein körperliches und psychisches Wohlbefinden zu erzeugen. Dies geschieht vor allem dann, wenn Körper und Geist eine Einheit bilden.
Jedoch gibt es auch Menschen, die keine gute bzw. überhaupt keine Beziehung zu ihrem Körper spüren können und deshalb Wege suchen, wieder einen Zugang zu sich zu bekommen. Eine Möglichkeit, diese Schwelle zu überwinden, sehen Betroffene von Selbstverletzendem Verhalten (im Folgenden mit SVV abgekürzt) darin, sich selber Schmerzen und Verletzungen zuzufügen, was für Nicht-Betroffene ein Paradoxon zu sein scheint, mit Hilfe von selbsterzeugten, stärkeren Schmerzen, Linderung von einem anderen Schmerz zu bekommen. Ebenso fällt es uns schwer, nachzuvollziehen, dass der Anblick des eigenen Blutes für bestimmte Menschen Erleichterung bieten kann.
Das Erzeugen und Empfinden von Schmerz, sowie die jeweilige Intention, warum und wie Schmerzen verursacht werden, wird von Menschen sehr individuell wahrgenommen. Genauso ist es auch mit der Einschätzung, wann ein Verhalten als destruktiv und selbstschädigend gilt und wann nicht.
Für die einen beginnt SVV z.B. schon bei regelmäßigem Nikotin- oder Alkoholkonsum, für andere gelten gezielte körperliche Veränderungen z.B. durch Piercings und Tätowierungen oder durch Bodybuilding als Selbstschädigung und wieder andere erkennen selbstzugefügte Verletzungen erst dann als destruktiv an, wenn sie medizinisch versorgt werden müssen. Hier wird deutlich, dass die Übergänge zwischen den verschiedenen Formen von selbstzugefügten Verletzungen und die Bewertung von konstruktivem bzw. destruktivem Verhalten fließend sind.
SVV ist kein Phänomen der heutigen Zeit, man denke nur an die Selbstgeißelung im Mittelalter, an die Blutsbrüderschaft der Indianer oder auch an die Verformung der Füße zu so genannten „Lotus-Füßen“ der Frauen in China. Und auch in frühen Lexika wird diese Verhaltensweise bereits erwähnt.
8
Exkurs:
Das Institut für Sexualforschung in Wien gab 1928 ein „Sammelwerk sittengeschichtlicher Bilddokumente aller Völker und Zeiten“ heraus, in dem in Band 1 (S.780)„Selbstverwundung“ wie folgt definiert wurde: „In den südlichen Ländern ist heute die S. [Selbstverwundung], Schlagen des Kopfes, Ausreißen der Haare u. a., meist ein Zeichen der Trauer. Daneben aber erscheint sie, namentlich in Afrika, auch als Liebeszeichen, ja als Liebeswerbungsmittel. Die aufgeschlitzte Haut des Werbers bedeutet: ich liebe Dich.
In diesen Zusammenhang gehört auch die flagellantische Liebesparade, die uns die Gräfin d`Aulnay 1685 aus Spanien beschrieben hat. Die schönen Spanierinnen nehmen sie von ihren Fenstern aus ab, und je heftiger das Blut des Geliebten dabei fließt, desto sicherer fühlen sie sich seiner Zuneigung.“ Da SVV meist im privaten Raum stattfindet, ist es schwer zu erfassen, wie viele Personen betroffen sind und welche Kriterien charakteristisch sein könnten. Pembroke (in: Stratenwerth 1999, S.84) berichtet von 100 000 Menschen, die jährlich in England wegen SVV behandelt werden. Zudem gilt SVV dort als häufigste Ursache von Behandlungen bei Patientinnen in Notfallambulanzen.
Conterio und Favazza (in: www.versteckte-scham.de, Stand: Februar 2004; Eckhardt 1994, S.43f)) schätzen, dass 750 von 100 000 AmerikanerInnen selbstverletzendes Verhalten zeigen:
„Neuere Schätzungen geben an, dass 1000 von 100000, oder 1% der amerikanischen Bevölkerung sich selbst verletzen. In ihrem Bericht von 1986 beschreiben sie [Conterio/Favazza], daß 97% der Betroffenen weiblich sind und sie erstellten ein "Portrait" des typischen SVV-lers. Er ist weiblich, Mitte zwanzig bis Anfang dreißig, und verletzt sich seit dem Teenageralter, entstammt häufig der Mittel- oder oberen Mittelschicht, ist intelligent, gut erzogen und in seiner Vergangenheit finden sich häufig Erlebnisse des sexuellen Mißbrauchs,
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oder Familien, in denen mindestens ein Elternteil Alkoholiker war. Zudem leiden sie häufiger zusätzlich an Eßstörungen.“
Aus der verwendeten Literatur konnten leider nur wenige Angaben über Häufigkeiten in Deutschland gefunden werden. Das mag vielleicht daran liegen, dass SVV hier noch nicht als eigenes Krankheitsbild gesehen wird, sondern in der Regel in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen oder Störungen in Erscheinung tritt.
Herpertz und Saß (1994) sprechen von einer Prävalenz von 2% alles 15-35-Jährigen, die sich selbst verletzen. Bei psychiatrischen Patientinnen vermuten sie sogar über 4%. Warum mehr Frauen als Männer betroffen sind (nach Eckhardt in: Wiesse/Joraschky 1998, S.16 sind 80% der Betroffenen Frauen), wird unter dem Aspekt der Sozialisation unter Punkt 3 näher ausgeführt.
Da theoretisch alle Altergruppen von SVV betroffen sein können (auch kleine Kinder zeigen Verhaltensweisen, die SVV zugeordnet werden können, z.B. Kopf gegen harte Unterlagen schlagen) und die jeweiligen Motive dafür differieren, beschäftigt sich diese Arbeit vorwiegend mit SVV bei Mädchen im Jugendalter, zumal dieser Entwicklungsabschnitt auch in der Literatur (u.a. Laufer/Laufer 1989; Eckhardt 1994) am häufigsten mit SVV bzw. mit dessen Beginn in Verbindung gebracht wird.
Aufgrund dieses geschlechtsspezifischen Aspekts wird in dieser Arbeit auch die weibliche Schreibweise bevorzugt.
Das Phänomen des SVV kann als multifaktoriell bezeichnet werden, weil dieses Verhalten nicht einwandfrei einer bestimmten Störung oder Erkrankung zugeordnet werden kann und die Hintergründe von SVV sehr unterschiedlich sind. Aus der Literatur wird jedoch deutlich, dass in vielen Fällen ein Zusammenhang zwischen frühen traumatischen Ereignissen und SVV hergestellt werden kann. Dieser Aspekt wird unter 2.3 verdeutlicht.
Die vorliegende Arbeit will sich nun den Hintergründen von SVV annähern und wird sich mit der Frage befassen, warum vor allem Frauen sich selbst verletzen, welche Motive und Ursachen hinter diesem Verhalten stehen und wie die Soziale Arbeit mit SVV umgehen und arbeiten kann.
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1. Begrifflichkeit von Selbstverletzendem Verhalten (SVV)
Der Begriff „Selbstverletzendes Verhalten“ wurde von Brezovsky und Tameling geprägt (vgl. Sachsse 1997, S.36) und ermöglicht eine beschreibende, nicht emotional belastete Benennung der Symptomatik.
Formulierungen wie Selbstbeschädigung, selbstdestruktives Verhalten, Autoaggressionen oder Para-Suizid können zum einen eine bewertende und verurteilende Aussage implizieren, was die Gefahr hervorruft, die selbstfürsorglichen Anteile von SVV nicht entsprechend würdigen zu können, und zum anderen Bereiche von destruktiven Verhaltensweisen beinhalten, die nicht Thema dieser Arbeit sein sollen.
Subkowski (2002, S.7) spricht von „autoaggressiven Akten“, die gegen den eigenen Körper als Folge einer mangelnden inneren Abgrenzung gegenüber der Außenwelt eine Wendung der Gewalt nach innen nach sich ziehen.
Levenkron (2001, S.21f) sieht in SVV eine Verletzungsform, die in den seltensten Fällen lebensgefährlich ist und die daraus resultierenden Wunden befinden sich meist an Körperteilen, die leicht zu verbergen sind. Langfristige Schäden beschränken sich seiner Meinung nach in der Regel auf bleibende Narben.
Des Weiteren betont er die Notwendigkeit, SVV von Gruppenritualen oder modischen Verhaltensweisen unter Jugendlichen abzugrenzen, die zwar auch mit Schmerz und Verletzung einhergehen können, jedoch nicht einer psychischen Krankheit zugeschrieben werden können.
„Wenn jemand beschließt, einen Körperteil zu piercen oder tätowieren zu lassen, empfindet er diese Eingriffe als schmerzhaft und unangenehm. Manche Leute fühlen sich dabei sogar ziemlich elend, aber das ist Teil des „Geschäfts“: Wenn sie die Tätowierung wollen, müssen sie eben den Schmerz erdulden. Eine Person, die sich selbst verletzt, befindet sich dagegen meistens in einem Trancezustand und sucht den Schmerz und das Blut. Sie denkt kaum darüber nach, wie ihre Haut später aussehen wird.
Ein Mädchen, das sich selbst verletzt, handelt nicht nach den Normen einer bestimmten Gruppe: Sie plant ihr Vorgehen nicht, sondern ist überwältigt von dem Zwang, so handeln zu müssen, und folgt dabei keiner bewussten Absicht. Sie
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sucht bei ihrer Selbstverletzung den körperlichen Schmerz - der den noch schmerzlicheren psychischen Zustand übertüncht.“ (Levenkron 2001, S.22f) Auf der Internetseite für Betroffene von SVV „www.versteckte-scham.de (Stand: Februar 2004) werden Winchel und Stanley (1991) zitiert, die unter SVV Folgendes verstehen: ...“die Absicht der absichtlichen Schädigung des eigenen Körpers. Die Verletzung fügt man sich selbst zu, ohne die Hilfe einer weiteren Person, und die Verletzung ist ernst genug, eine Gewebeschädigung (wie z.B. Narben) hervorzurufen.
Handlungen, die mit bewußten suizidalen Absichten ausgeführt werden, oder verbunden sind mit sexueller Erregung sind ausgeschlossen.“ Eher umgangssprachig und salopp wird für SVV auch der Begriff „Ritzen“ verwendet. Meiner Meinung nach wird jedoch dieses Synonym den zum Teil schwerwiegenden Verletzungen nicht gerecht und verharmlost in vielen Fällen diese Form des Selbstschädigenden Verhaltens.
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2. Phänomenologie des Selbstverletzenden Verhaltens (SVV)
2.1 Diagnostische Zuordnung
SVV kann u.a. im Zuge verschiedener psychischer oder psychosomatischer Störungen bzw. Erkrankungen als ein Symptom auftreten, oder auch eine Ausdrucksform nach traumatischen Erfahrungen (vgl. 2.3) sein. SVV als alleinige Erscheinung findet in der Fachliteratur bisher keine Erwähnung.
Da sich diese Arbeit nur mit dem Symptom der Selbstverletzung beschäftigt, werden aus Kapazitätsgründen hier nur einige Störungen erwähnt, die häufig im Zusammenhang mit SVV genannt werden.
Zum einen wäre dies die Borderline- Persönlichkeitsstörung, die nach dem DSM-IV durch SVV als eines von neun Kriterien charakterisiert wird. Da heißt es unter anderem:
„Personen mit Borderline Persönlichkeitsstörung neigen zu wiederholten Suizidhandlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder auch zu Selbstverletzungsverhalten.
... Den selbstschädigenden Handlungen gehen gewöhnlich Erlebnisse drohender Trennung oder Zurückweisung voraus oder aber Erwartungen, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen.
Selbstverletzungen können im Rahmen von dissoziativen Erfahrungen auftreten. Sie haben oft ein Gefühl von Entlastung zur Folge, indem sie die Fähigkeit bestätigen, fühlen zu können, oder aber indem sie dazu dienen, für das Gefühl von Schlechtsein zu büßen.“
Herpertz und Saß weisen in Ackermann (2002, S.23) jedoch darauf hin, dass die Diagnostik der offenen Selbstverletzung in den derzeitigen Klassifikationssystemen, wie z.B. dem DSM-IV noch nicht zufrieden stellend geklärt ist und noch keine klare Zuordnung vorgenommen wurde.
Auch wenn es Parallelen zwischen SVV und der Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt, sollte mit der Diagnose vorsichtig umgegangen werden, um Stigmatisierungen der betroffenen Personen zu vermeiden. Zudem kann nicht automatisch ein Umkehrschluss zwischen diesen beiden Störungsformen formuliert werden.
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Levenkron (2001, S.24) sieht in der fehlenden Zuordnung von SVV die Gefahr, dass trotz des schweren, körperlich gefährlichen und psychisch belastenden Verhaltens die Problematik nur zweitrangig behandelt wird. Deshalb schlägt er folgende Kriterien für eine Diagnose von SVV vor:
- „wiederholtes Verletzen der eigenen Haut durch Schneiden oder Verbrennen,
- ein Gefühl der Anspannung unmittelbar vor dem entsprechenden Handeln,
- der körperliche Schmerz geht einher mit Gefühlen von Entspannung, Befriedigung und einer angenehmen Betäubtheit,
- das Gefühl von Scham und Angst vor sozialer Ächtung bewirkt, dass der Betroffene versucht, Narben, Blut oder andere Anzeichen für das selbstzerstörerische Verhalten zu verbergen.“
Neben der Borderline-Störung werden auch häufig Essstörungen (Magersucht, Bulimie, Esssucht) erwähnt, die auch als eine Form von SVV gesehen werden können und häufig parallel dazu auftreten. Jedoch kommt es hier, wie auch bei Suchterkrankungen erst durch die jeweilige schädigende Verhaltensweise im Krankheitsverlauf zu einer spezifischen Form von Selbstverletzung (vgl. Eckhardt in: Wiesse/Joraschky 1998, S.10). Aber auch die Selbstverletzung im eigentlichen Sinne kann bei Personen mit Essstörungen vermehrt auftreten, was u.a. darauf zurückzuführen ist, dass auch Essstörungen häufig die Folge traumatischer Erfahrungen sind.
Wichtig zu erwähnen ist hier, dass sich diese Erscheinungen nicht gegenseitig bedingen müssen, also darf nicht gefolgert werden, dass jede Person mit einer Essstörung auch selbstverletzende Neigungen hat oder umgekehrt jede Person mit SVV auch unter einer Essstörung leidet.
Gemeinsamkeiten bei beiden Erkrankungen lassen sich dennoch nicht leugnen. Sowohl bei SSV, als auch bei Essstörungen findet eine, zum Teil bewusste Schädigung des Körpers statt, wobei der Bezug zu ihm als gestört betrachtet werden kann. Der Körper wird zum Ausdrucksmittel eines inneren Zwiespalts.
Diese schädigenden Verhaltensweisen drücken den Wunsch aus, die Kontrolle über sich und den Körper wiederzuerlangen und die eigenen Gefühle wieder bewältigen zu können. Des Weiteren lassen, wie schon kurz erwähnt, mehrere Diskussionen (Sachsse in: Ackermann 2002, S.31; Eckhardt in: Egle u.a. 1997, S.265f) den Schluss zu, dass traumatische
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Erfahrungen häufig als Erfahrungshintergründe für diese Verhaltensweisen festgemacht werden können (vgl. 2.3).
2.2 Formen von Selbstverletzendem Verhalten (SVV)
Der Begriff der Selbstverletzung steht für eine Vielzahl von Handlungen, durch die dem eigenen Körper Schaden zugefügt wird. Dabei ist das Bewusstsein über die Schädigung zum Teil sehr subjektiv.
Auch der derzeitige Trend zu Schönheitsoperationen, Piercings, Tattoos bis hin zu exzessiver, sportlicher Betätigung (u.a. Extremsportarten) könnte als eine Form von SVV, zumindest indirekt verstanden werden. Die Abgrenzung zu einem schädigenden Verhalten ist jedoch schwierig.
Klosinski (1999, S.14, S.24) unterscheidet zwischen offener Selbstverletzung und artifizieller Erkrankung.
Die artifizielle Erkrankung bzw. Störung unterteilt er in folgende Untergruppen:
- „artifizielle Krankheit im engeren Sinn (Vortäuschung, Erfinden von Beschwerden)
- künstliche Verschlimmerung eines bestehenden Krankheitszeichens (künstliches Erzeugen von Symptomen, um Patientenrolle einzunehmen)
- Münchhausen
- Münchhausen by-proxy bei Kindern
- Münchhausen by-proxy bei Erwachsenen“
Diese Arbeit beschäftigt sich aus Kapazitätsgründen nicht mit nahezu „alltäglichen“ Formen von SVV, wie oben erwähnt, sondern setzt ihren Schwerpunkt auf Formen der offenen und heimlichen Selbstverletzung, die im Rahmen eines multifaktoriellen Ursachengeflechts auftreten. Um jedoch einen möglichst großen Überblick über dieses Phänomen zu bekommen, werden im Anschluss an die häufigsten Formen von SVV auch einige erweiterte Formen skizziert.
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2.2.1 Offenes Selbstverletzendes Verhalten (SVV)
Unter offener Selbstverletzung, in der Dermatologie auch als Para-Artefakte bezeichnet, werden die Formen von SVV verstanden, die bewusst herbeigeführt werden und dies, nach Eckhardt (1994, S.10)
...“meist in Zuständen innerer Leere, Anspannung, Verzweiflung und Depression.“
Derartige Verhaltensweisen können in sehr unterschiedlichen Phänomenen zum Ausdruck kommen.
Koch und Resch (in: Subkowski 2002, S.163) nennen die häufigsten Arten:
- „Schneiden, Verbrennen und Verbrühen, Stechen, Kratzen der Haut
- Öffnen verheilender Wunden und Aufbeißen der Mundschleimhaut
- Exzessives Nägelkauen und Nagelbettreißen
- Verätzen der Haut mit Chemikalien
- Einnahme geringer (nicht tödlicher Mengen) giftiger Substanzen
- Ausreißen der Körperbehaarung
- Schlagen bis hin zu Blutergüssen und Knochenbrüchen
- Abschnüren einzelner Körperteile, um deren Durchblutung zu behindern
- Blut ablassen
- Körperfremde Substanzen injizieren
- Metallische Gegenstände schlucken“
Eckhardt (in: Egle u.a. 1997, S.259) ergänzt die Definition dieser offenen Erkrankung mit dem Aspekt, dass derartige Verletzungen zunächst ohne suizidale Absicht geschehen und dass sie häufig sucht- bzw. zwanghaften Charakter haben und die autoaggressiven Impulse somit von den Betroffenen nur bedingt kontrolliert werden können.
Im Gegensatz zu artifiziellen Erkrankungen, bei denen die Betroffenen die Selbstbeteiligung an der Verursachung der Verletzungen vehement leugnen, stehen in der Regel Betroffene, die sich offen selbst verletzen zu dieser Handlung, was z.B. bei der Erstversorgung der Wunden
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Arbeit zitieren:
Cornelia Fetzer, 2004, Selbstverletzendes Verhalten - eine Bewältigungsstrategie?, München, GRIN Verlag GmbH
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