Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS. 2
EINLEITUNG. 3
ERICH KÄSTNER - EINE KURZE BIOGRAPHIE 4
„EMIL UND DIE DETEKTIVE“ - FLANEUR-LITERATUR? 5
VOM ERZÄHLEN UND VOM WEGLASSEN 8
Vom erzählen und vom weglassen - am Beispiel Nollendorfplatz. 9
Vom erzählen und vom weglassen: am Beispiel Verkehr. 12
EMIL ´S NEUSTADT IN BERLIN - (KLEINER DISKURS ZUM THEMA
ATMOSPH ÄRISCHE WAHRNEHMUNG) 13
SCHLUSSBETRACHTUNG. 15
LITERATURANGABEN. 18
2
Einleitung
Ich möchte mich in dieser Arbeit primär mit dem Phänomen der Großstadtbeschreibung und der damit verbundenen Empfindung der Atmosphäre in Erich Kästners Kinderroman >Emil und die Detektive> befassen.
Wie nimmt man generell eine Atmosphäre wahr? Wie viel der Erklärung, der Beschreibung braucht es um etwas bildlich vor sich zu sehen? Teilweise reicht ein kleines Detail, ein Geruch, ein Geräusch um sich die komplette leibliche Wahrnehmung einer Gefühlswelt zu vergegenwärtigen, um sie zu erinnern. Der Geruch einer Zahnarztpraxis etwa. Über diesen Geruch assoziieren wir Erinnerungen an ehemalige Arztbesuche, erinnern das Geräusch des Bohrers, erinnern die beklemmende Atmosphäre, inklusive Herzklopfen und schweißnasser Hände.
Um sich dem Autor etwas zu nähern werde ich eine, stark gekürzte, tabellarische Biographie an den Anfang setzen. Hier werden wir lesen, welche Zeit Kästner in Berlin verbracht hat, und dass er sehr spät erst Vater wurde (was bei der Anzahl der Kinderbücher, die er schrieb, eventuell verwunderlich scheint.)
Wie nun also wird uns Erich Kästner die Atmosphäre des Berlins der 20er Jahre in seinem Kinderroman „Emil und die Detektive“ spüren lassen? Was verrät er, was lässt er weg? Ich habe versucht, mir anhand von Sekundärliteratur, ein Bild dieses Berlins von vor mehr als 80 Jahren zu machen. Ein Bild von einem Berlin welches ich so nicht kenne. Das Berlin was sich mir aus vielen Feuilleton-Veröffentlichungen der 20er Jahre (Joseph Roth in Berlin) 1 erschloss ist nicht zwingend das, was uns Kästner in seinem Kinderroman zeichnet, aber gerade der Vergleich scheint interessant und untersuchenswert.
1 Bienert, Michael, Hrsg. : „Joseph Roth in Berlin - Ein Lesebuch für Spaziergänger“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996, 4. Auflage 1999
3
Erich Kästner - eine kurze Biographie
Lebens- und Schaffensdaten (Auswahl) 2
1899
Geburt am 23. Februar in Dresden 1906
Einschulung in die Volksschule 1917-18 Militärdienst 1919
Ende der Schulzeit, Abitur, Studienbeginn in Leipzig 1921/22 Wintersemester in Berlin 1922-1925
Studium in Leipzig (Germanistik, Geschichte, Philosophie und Theatergeschichte) Werkstudent, Nebentätigkeit bei Leipziger Zeitungen 1925 Doktorexamen 1927
Übersiedlung nach Berlin. Theaterkritiker und freier Mitarbeiter an Zeitungen und Zeitschriften. 1929
>Emil und die Detektive> erscheint 1931
>Fabian - Die Geschichte eines Moralisten> und >Pünktchen und Anton< erscheinen. 1933
Bücherverbrennung. Publikationsverbot in Deutschland. >Das fliegende Klassenzimmer< erscheint noch. Ab 1933
Weit reichendes Schreibverbot innerhalb Deutschlands, ab 1942 auch im Ausland 1934
Kontosperrung und erste Verhaftung durch die Gestapo in Berlin >Drei Männer im Schnee< erscheint in der Schweiz 1935
>Emil und die drei Zwillinge< erscheint in der Schweiz 1937 zweite Verhaftung. 1938
Reise nach London und Rückkehr wegen Kriegsgefahr
2 alle biographischen Angaben aus
Doderer Klaus: „Erich Kästner Lebensphasen - politisches Engagement - literarisches Wirken, Juventa Verlag, Weinheim und München, 2002
4
1943
Premiere des Münchhausen-Films. Drehbuch unter Pseudonym. 1944
Ausbombung in Berlin. Kästner zieht zu Luiselotte ‚Enderle. Kästners Freunde Erich Ohser und Erich Knauf werden verhaftet, Ohser begeht Selbstmord, Knauf wird hingerichtet 1945
Flucht mit Ufa-Filmteam aus Berlin nach Tirol. Nach Kriegsende mit Luiselotte Enderle nach München 1945-1974 in München 1946
Reise nach Berlin und Dresden, Wiedersehen mit den ‚Eltern 1949
>Das doppelte Lottchen< und >Die Konferenz der Tiere< erscheinen 1954
Drehbücher zum >Fliegenden Klassenzimmer<, Neuverfilmung von >Emil und die Detektive< 1957
Kästner erhält den Georg Büchner-Preis in Darmstadt
Der Sohn Thomas aus der Verbindung mit Friedel Siebert wird geboren. >Als ich ein kleiner Junge war< erscheint 1960
Verleihung der internationalen Hans-Christian-Andersen-Medaille, des so genannten „Kleinen Literatur-Nobelpreises“ auf dem Kongress des Internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch in Luxemburg. 1963
>Der kleine Mann<, für seinen Sohn geschrieben, erscheint 1967
Sein letztes Kinderbuch, >Der kleine Mann und die kleine Miss< erscheint 1969
von ihm selbst herausgegeben erscheinen seine >Gesammelte Schriften für Erwachsene< in 8 Bänden 1974
am 29. Juli Tod in einem Münchner Krankenhaus
„Emil und die Detektive“ - Flaneur-Literatur?
Michel de Certeau denkt den Raum der Stadt aus der Figuration des Gehens. Die Schritte, die das Gehen ausmachen, sind für ihn Qualitäten, die eine Beziehung ausdrücken und deshalb nur als Singularitäten begriffen werden können. Das Gehen ist ein Vorübergehen, etwas nicht nur körperlich-motorisches, etwas nicht nur Ziel gerichtetes. „Der Akt des Gehens ist für das urbane System das, was die Äußerung (der Sprechakt) für die Sprache oder für formulierte Aussagen ist“ 3
3 Certeau, Michel de:1980, Kunst des Handelns. Berlin 1988, S. 189
5
Emil Tischbein erläuft sich sein Berlin. Zu Fuß, oder mit Hilfe von Straßenbahn und Taxi. Freilich läuft er nicht mit dem Bewusstsein die Stadt zu erfahren, denn er ist abgelenkt, hat keine Zeit um sich länger mit dem urbanen Leben auseinanderzusetzen: „Diese Autos! Sie drängten sich hastig an der Straßenbahn vorbei; hupten, quiekten, streckten rote Zeiger links und rechts heraus, bogen um die Ecke; andere Autos schoben sich nach. So ein Krach! Und die vielen Menschen auf den Fußsteigen! Und von allen Seiten Straßenbahnen, Fuhrwerke, zweistöckige Autobusse! Zeitungsverkäufer an allen Ecken. Wunderbare Schaufenster mit Blumen, Früchten, Büchern, goldenen Uhren, Kleidern und seidener Wäsche. Und hohe, hohe Häuser. Das war also Berlin. Emil hätte sich gern alles in größter Ruhe betrachtet. Aber er hatte keine Zeit dazu.“ 4 So wichtig für Emil die Stimmung (und Gestimmtheit) für das Erleben der Stadt ist 5 so ist er doch selbst in seiner Denkhaltung von einer Stimmung gefangen, die ihm keine Vorstellung vom zweckfreien, langsamen, herumstreunenden Schlendern erlaubt. Der Lärm, die vielen Menschen, das Verkehrschaos, das Überangebot an Konsumartikeln werden positiv aufgenommen; nicht die Großstadt an sich ist schlecht, sondern die Gleichgültigkeit ihrer erwachsenen Bewohner. Emil hat eine Mission. Er muss das Geld, welches ihm gestohlen wurde, wieder bekommen. 6
Emil nimmt nicht bewusst die Rolle eines Spaziergängers ein, wie beispielsweise Joseph Roth, namhafter Journalist dieser Zeit im Berlin der 20er Jahre: „Was kümmert mich, den Spaziergänger, der die Diagonale eines späten Frühlingstages durchmarschiert, die große ‚Tragödie der Weltgeschichte, die in den Leitartikeln der Blätter niedergelegt ist? Und nicht einmal das Schicksal eines Menschen, der ein Held sein könnte einer Tragödie, der sein Weib verloren hat oder eine Erbschaft angetreten oder seine Frau betrügt oder überhaupt mit irgend etwas Pathetischem in Zusammenhang steht. Jedes Pathos ist im Angesicht der mikroskopischen
4 Kästner, Emil: „Emil und die Detektive“, S. 67, 148. Auflage
5 „Die Stadt war so groß. Und Emil war so klein. Und kein Mensch wollte wissen, warum er kein Geld hatte, und warum er nicht wusste, wo er aussteigen sollte. Vier Millionen Menschen lebten in Berlin, und keiner interessierte sich für Emil Tischbein.“ Kästner, E. S. 71, 148. Auflage
6 „Emil wusste, wie seine Mutter monatelang geschuftet hatte, um die hundertvierzig Mark für die Großmutter zu sparen und um ihn nach Berlin schicken zu können. ... In Berlin konnte er nicht bleiben. Nach Hause durfte er nicht fahren...“ Kästner, E. S. 60, 148. Auflage
6
Arbeit zitieren:
Silke Mühl, 2004, Atmosphärische Wahrnehmung des Berlins der 20er Jahre aus Sicht von Erich Kästners Emil in 'Emil und die Detektive', München, GRIN Verlag GmbH
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