Inhalt
1 Vorbemerkungen 3
2 Antonie Buddenbrook 5
3 Elisabeth Buddenbrook 16
4 Clara Buddenbrook 22
5 Gerda Buddenbrook 25
6 Klothilde Buddenbrook 29
7 Ida Jungmann 32
8 Schlussbetrachtungen 35
2
1 Vorbemerkungen
Der vorliegenden Arbeit über die Frauenfiguren in den „Buddenbrooks“ (nachfolgend der Einfachheit halber ohne Anführungsstriche) möchte ich einige Worte voranstellen. Dies erscheint mir insofern nicht unwichtig, als dass dieses Thema in der Literaturwissenschaft bisher noch nicht annähernd soviel Anerkennung gefunden hat wie zum Beispiel die männlichen Figuren oder das sogenannte Verfallssujet, also der hier beschriebene Untergang einer gesamten Dynastie. Die Beschäftigung hiermit bietet sich ja durch den Untertitel „Verfall einer Familie“ ohne weiteres an.
Als ich mit den Recherchen zu dieser Arbeit über die Frauenfiguren begann, war mir noch gar nicht bewusst, was für einen großen Anteil sie an der Geschichte dieser fiktiven Lübecker Kaufmannsfamilie haben. Natürlich hatte ich das Buch schon zweimal gelesen, und natürlich waren mir die einzelnen weiblichen Hauptfiguren ein Begriff. Allerdings muss ich gestehen, dass ich ihre Rollen bis dato immer unterschätzt hatte. Erst als ich explizit darauf achtete, fiel mir auf, dass ohne sie die gesamte literarische Konstruktion dieses Romans in sich zusammenfallen würde wie ein Kartenhaus.
An den Anfang jedes Kapitels habe ich eine kurze Beschreibung der zu behandelnden Person gestellt.
Die Konstruktion der physischen Gegebenheiten der Frauen wird jeweils unter „ .1. Äußerliches Erscheinungsbild“ dargestellt. Dabei wird klar werden, wie liebevoll die Beschriebenen zum Teil gestaltet wurden. Weiterhin geben die Kapitel eine Sicht auf die Charaktere der Figuren (jeweils „ .2. Charakter“).
Die Kapitel geben auch eine Übersicht über die Ereignisse um die jeweilige Person (jeweils „ .3. Geschichte“). Sie zeigen auf, wie geschickt Thomas Mann die Frauen, insbesondere Tony Buddenbrook, einsetzt, um die Handlung voranzutreiben. Dieser Teil der Kapitel ist teilweise sehr umfangreich, was sowohl der Häufigkeit der Geschehnisse um diese Personen als auch der Tatsache geschuldet ist, dass ohne Kenntnis dieser persönlichen Geschichte die Charakterisierung nicht verständlich wäre.
3
Der jeweils vierte Unterpunkt der Kapitel enthält ein Fazit ( .4. Fazit). In diesem Fazit wird die Rolle, die die eben abgehandelte Figur für den Roman und seine Handlung spielt, untersucht und mit dem Verfall der Familie in Verbindung gebracht.
Zur Literatur möchte ich sagen, dass ich auf Sekundärliteratur verzichtet habe, verzichten musste. Denn wie bereits erwähnt, ist dieses Thema nicht annähernd so weit bearbeitet, wie ich angenommen hatte. Ganz im Gegenteil, weder die Recherche im Bibliothekskatalog, noch die im Internet brachten auch nur einigermaßen befriedigende Ergebnisse hervor. Da die Frauenfiguren in den Buddenbrooks aber ein so weites Feld offen lassen für eigene Interpretationen, ist es im Nachhinein nicht so tragisch. Somit konnte ich meinen eigenen Vermutungen und Gedanken völlig freien Lauf lassen, ohne von außen in bestimmte Richtungen beeinflusst zu werden.
4
2 Antonie Buddenbrook
Antonie (Tony) Buddenbrook ist zweifellos die liebenswerteste und dominanteste Frauenfigur in den Buddenbrooks, wobei die Dominanz hier mehr auf die Häufigkeit der Erwähnung als auf den Charakter bezogen ist.
2.1. Äußeres Erscheinungsbild
Tony ist als kleines Mädchen der ganze Stolz der Familie. Sie ist ein hübsches kleines Mädchen, „zartgebaut“ 1 mit blonden Locken und „graublauen Augen“ 2 . Später dann, als die ersten Verehrer auftauchen, weiß sie wohl um ihre Schönheit. Immer wieder wird ihre etwas hervorstehende Oberlippe erwähnt, die sie sehr effektiv einzusetzen weiß, entweder als Ausdruck des Unmuts oder als Vorzeichen eines Tränenbaches. Ein Zusatzbonus im Ausdruck ist ihre Zungenspitze, die sie gern an der Oberlippe spielen lässt, um auszudrücken, dass sie etwas pikant findet oder sich selbst verschlagen.
Tony hat eine ganz eigene Art, würdevoll aussehen zu wollen. Sie reckt den Kopf nach oben und versucht dabei, das Kinn trotzdem auf die Brust zu drücken. Beim Versuch, dies nachzustellen, erkannte ich, dass dabei eine Kopfhaltung ähnlich wie auf dem berühmten Bild des „Schokoladenmädchens“ von Lionhard entsteht.
Als verheiratete Frau hat sie ihr offensichtliches Selbstbewusstsein nicht eingebüßt. Trotz allem verrät der „naive und unwissende Ausdruck ihres Mundes [...], daß diese Ganze Würde etwas unendlich Kindliches, Harmloses und Spielerisches war.“ 3
Neben ihrem Hang zum Luxus hat Tony auch einen Hang zur neuesten Mode. Für sie ist es selbstverständlich, immer á la mode gekleidet zu sein.
2.2. Charakter
Auf ewig ein selbstbewusstes, kleines Mädchen, ist Tony in dem naiven Wunsch gefangen, ihrer Familie die größtmögliche Ehre zu bringen.
1 Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/M., 51.
Auflage 2001., S. 7.
2 Ebda.
3 Ebda., S. 204.
5
Sie bewahrt sich bis ins reife Alter eine gewisse kindliche Altklugheit und ihre Fähigkeit, sich allen Gefühlsausbrüchen völlig hinzugeben. Außerdem geht ihr die Fähigkeit, sich mit wirklich ernsthaften Dingen zu beschäftigen, völlig ab. Sie weigert sich, solche Sachen auch nur annähernd als Erwachsene zu betrachten. An alles geht sie mit kindlicher Unbekümmertheit heran oder spielt eine ihrer zahlreichen Rollen. Tony liebt den Luxus, je mehr, desto besser. Sie liebt es, Hausangestellte zu haben und diese ein wenig herumzuscheuchen, natürlich immer mit der gebotenen Vornehmheit.
Der Wunsch ihrer Eltern, Grünlich zu ehelichen, entsetzt sie zwar anfangs, allerdings gewinnt sie dadurch eine derart wichtige Position in der Familie, dass sie „mit Wohlgefallen“ 4 erfüllt ist. Sie begibt sich zum Nachdenken nach Travemünde, wo sie Morten kennenlernt. Von ihm erfährt sie vieles aus der realen Welt außerhalb ihres Elternhauses, vor allem Politisches. Die Äußerungen, die Morten in ihrer Gegenwart macht, speichert sie in ihrem Gedächtnis fest ab und aktiviert sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Sein Schimpfen auf den Adel und ihre verklärte Sicht auf diesen Stand zitiert sie des öfteren, genauso seine Bemerkungen über das ländliche Essen und die gute Luft. Auch seine Formulierung „auf den Steinen sitzen“ 5 , die dafür steht „vereinsamt [zu] sein und sich [zu] langweilen“ 6 , übernimmt sie. Eine ihrer Lieblingsbemerkungen ist „Ich bin eine Gans“ 7 , später dann „Damals war ich eine Gans“ 8 .
Auch weist sie nach ihrer zweiten Ehe gern darauf hin, dass sie nun eine vom Leben gestählte Frau sei.
Ihre Tochter aus erster Ehe, Erika, hat für sie den großen Makel, ihrem Vater allzu ähnlich zu sehen. Die Erziehung überlässt sie einer Kinderfrau, was ihr Mann mit der Bemerkung versieht, sie wäre nicht kinderlieb. 9 Wahrscheinlicher ist es, dass sie die Kindererziehung einfach ebenso hält,
5 Ebda., S. 129.
6 Ebda., S. 133.
7 Ebda., S. 125.
8 Ebda., z.B. S. 234.
9 Ebda., S. 198.
6
wie sie es gewohnt ist. In ihren Kreisen sind Kinderfrauen eben Alltag, alles andere wäre nicht vornehm.
Grünlich wirft ihr weiterhin ihre „Sucht nach Bedienung und Aufwand“ 10 vor, die Tony als gute Erziehung verteidigt 11 . Sie sieht darin keinerlei Verwerflichkeit: „Ihr ausgeprägter Familiensinn entfremdete sie nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung und machte, daß sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre Eigenschaften feststellte und anerkannte...ohne Unterschied und ohne den Versuch, sie zu korrigieren. Sie war, ohne es selbst zu wissen, der Meinung, daß jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstück, eine Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor man in jedem Falle Respekt haben müsse.“ 12
Nach der Trennung von Grünlich bringt Tony immer wieder die Rede darauf und erklärt unermüdlich, wie sehr außerstande er gewesen sei, seine Familie zu ernähren. Sie hat geradezu Spaß daran, das Opfer zu spielen. Das macht den Eindruck, dass sie ständig versucht, ihre „Schande“ zu relativieren und die Schuld daran ihrem Ex-Mann zuzuschieben und nach Aufmerksamkeit ringt, die ihr beweisen soll, dass ihre Familie von ihrer Unschuld am Ende der Ehe überzeugt ist. Vielleicht ist es auch eine stille Stichelei, die ihren Eltern zeigen soll, dass sie damals falsch gelegen haben, als sie Tony zu dieser Ehe drängten. Jedenfalls lebt sie diese Rolle in allen Facetten aus: sie redet ständig davon, sie kleidet sich dunkel, sie trägt ihr Haar wie ein Mädchen und sie bleibt zuhause 13 . Der wirkliche Vorteil, den sie aus der Sache zieht, ist die Verbesserung des Verhältnisses zu ihrem Vater 14 . Dieser hat ein schlechtes Gewissen, weil er ja doch in gewissem Sinne schuld an der ganzen Blamage ist. Deshalb kümmert er sich so sehr um seine Tochter wie noch nie zuvor in seinem Leben. Das wiederum gibt Tony natürlich wieder den Ansporn, diese Rolle so lange als möglich auszuspielen.
Nach der rechtskräftigen Scheidung besteht sie darauf, dies selbst in die Familienpapiere - deren Pflege sie später übernimmt - eintragen zu dürfen.
11 Ebda.
12 Ebda., S. 203.
13 Ebda., S. 231.
14 Ebda., S. 232.
7
Arbeit zitieren:
Juliane Weuffen, 2003, Die Frauenfiguren im Roman "Die Buddenbrooks" von Thomas Mann, München, GRIN Verlag GmbH
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