Bilder der Vergänglichkeit in der Lyrik des Andreas Gryphius
Inhaltsverzeichnis
I Das Vanitas- Motiv Seite 1
Biblischer Ursprung des Vanitas- Motivs Erläuterung
politische und gesellschaftliche Umstände des Barock
Überleitung zum Vanitaserlebnis in der Lyrik des
Andreas Gryphius
II Vergänglichkeitsmetaphorik und Bildarsenal Seite 3
Gryphius Vergänglichkeitsmetaphorik und das dazugehörige
Repertoire an Motiven finden hier Erläuterung
III Wirkung und Interessen Seite 11
Untersuchung von Gryphius Vergänglichkeitsmetaphorik
am Beispiel seiner Gedichten Es ist alles eitel und
Menschliches Elende
das Carpe diem und der Tod als Positivum
IV Bibliographie Seite 15
Das Vanitas- Motiv
Das seit dem frühen Mittelalter verbreitete und vor Allem die Barockdichtung kennzeichnende Vanitas- Motiv findet seinen Ursprung im Alten Testament:
„vanitas vanitatum, et omnia vanitas“
(lat.: “Eitelkeit der Eitelkeiten, und alles ist eitel”, oder “Alles ist eitel”)
so lautet das Zitat aus Prediger Salomo 1,2 und 12,8.
Die auch von Hiob und den Psalmen verkündete Vergänglichkeit hält dem Menschen die Vergeblichkeit all seines Strebens, die Nutzlosigkeit von Macht, Ruhm, Geld, Wissen, Können, Schönheit und Glück, im Hinblick auf die Allmacht des Todes vor Augen und betrachtet den Tod selbst als integralen Bestandteil des Lebens. Hiermit korrespondiert das „Memento mori“ (lat.: “Gedenke des Todes“), die Mahnung, sich Gott hinzugeben, ein tugendhaftes und frommes Leben zu führen und jederzeit auf das Sterben vorbereitet zu sein.
Dass das Vanitas-Motiv in der Kunst des Barock, insbesondere der Lyrik, zu solcher Geltung gelangte, hat unmittelbar mit der Grundstimmung jener Epoche zu tun: Barock meint eine Zeit religiöser und gesellschaftlicher Umbrüche, existenzieller Ängste und Todeserfahrungen. Der Dreißigjährige Krieg (1616- 1648) und wiederkehrende Pestepidemien hatten in Deutschland ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Aber nicht nur Kriegsleid und das Erlebnis massenhaften Sterbens - zwei Drittel der deutschen Bevölkerung kam um - drückte die Menschen, sondern auch große soziale Ungerechtigkeit. Den kostspieligen Repräsentationsstil der absolutistischen deutschen Fürsten finanzierten die Landesherren zum großen Teil, indem sie der Bevölkerung horrende Steuern abverlangte und die Leibeigenschaftsordnung verschärften. Wissenschaftliche und geographische Entdeckungen und neue ökonomische Strukturen vermittelte den Menschen das Gefühl, aus gewohnten ständischen Bindungen herauszufallen und religiösen, sowie politischen Mächten ausgeliefert zu sein.
Doch gerade das Bewusstsein der Vergänglichkeit alles Irdischen, der Sinnlosigkeit allen Bemühens und die Allgegenwart des Todes forderte, das Leben im Diesseits zu genießen und sich alltäglichen Sinnesfreuden hinzugeben:
„Der Mensch des Barock“ –heißt es in Marianne Mischkes Abhandlung über den Wandel im Umgang mit dem Tod in der abendländischen Geschichte- „schwelgte zwischen einem fast zwanghaften Drang zu Gegensätzen: Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit, Diesseitsfreude und Jenseitssehnsucht, (…) Erotik und religiöse Askese, (…) Schönheit und Verwesung, Glück und Unglück wurden in fast wollüstiger Gier erlebt“ “ 1
Aus diesen Gegensätzen speisen sich die Motive und Topoi der Kunst des barocken Jahrhunderts, sowohl in bildnerischen Darstellungen, als auch in der Literatur und insbesondere in der Lyrik.
Als wohl bedeutendsten vanitatischen Lyriker kann man Andreas Gryphius (1616- 1664) bezeichnen: „Das Vanitaserlebnis hat in Deutschland seinen ergreifendsten und überzeugendsten Ausdruck in den Gedichten des Andreas Gryphius gefunden.“ 2 Die Not des 17. Jahrhunderts hat in seiner Dichtung Spuren hinterlassen, denn als Kind seiner Zeit hatte er sehr früh das Leid von Krieg und Krankheit am eigenen Leib erfahren.
Victor Manheimer, Verfasser des Werkes „Die Lyrik des Andreas Gryphius“ 3 erkennt diese Umstände zwar als bedrückend an, behauptet aber nichtsdestotrotz, „dass Gryphius von Hause aus merkwürdig schweres Blut gehabt“ habe. Des Weitern führt er aus: „Bei zerknirschter Selbstquälerei blieb er nicht stehen; mit einer wahren voluptas dolendi [lat.: schmerzliche Lust] wühlte er sich in die Vanitas alles Irdischen.“ Die Eitelkeit sei „geradezu Zentrum, Ausgangs- und Endpunkt aller seiner Gedanken.“ Abschließend zitiert er, wohl eher scherzhaft, Palm 4 : „Was hätten wir erwarten dürfen, wenn Gryphius nicht so früh gestorben wäre? (…) –Variationen über das Thema vanitas vanitatum vanitas.“ In der Tat war Andreas Gryphius, schon ohne älter als 48 Jahre geworden zu sein, sehr variationsreich. Für die in der Vergänglichkeitsmetaphorik typische provozierende Gegenüberstellung von Leben und Tod in einem Bild hat er sich 1 Laue, Georg: „Memento mori“. München: Eigenverlag, 2002 2 Beckmann, Adelheid: „Motive und Formen der deutschen Lyrik des 17. Jahrhunderts und ihre Entsprechungen in der französischen Lyrik seit Ronsard“. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1960 3 Manheimer, Victor: „Die Lyrik des Andreas Gryphius“. Berlin: Weidmannsche Buchhandlung,
1904 4 Palm, Hermann: „Beiträge zur Geschichte der deutschen Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts“. Breslau, 1877
ein Repertoire an Motiven angeeignet, welche, in jeweils abgewandelter Form, regelmäßig wiederkehren und im Folgenden ausgeführt werden sollen.
Vergänglichkeitsmetaphorik und Bildarsenal
Dass Andreas Gryphius sich schon seit seiner Kindheit beständig und eingehend mit dem Thema Vanitas beschäftigt hat, lehrte Manheimer und lässt dadurch die Tatsache, dass der Lyriker Gryphius einige seiner Allegorien häufig repetiert weniger wunderlich erscheinen: Er „musste sich selbst und die Bilder der Tradition, die bei ihm bald wie Füllphrasen, bald gehäuft und bald ganz schlicht und erlebt herauskommen, immer von Neuem wiederholen.“ 1 In „Die barocke Bildlichkeit und ihre Kritiker“ 2 stellt auch Manfred Windfuhr fest: „Gryphius scheut sich nicht vor dem Selbstzitat“ und greift seinerseits Fricke 3 auf, der „die zunächst unbegrenzt erscheinende Bildfülle auf nur dreißig Stofffelder zurückführen“ konnte und feststellte, „dass einige Hauptbilder erstaunlich häufig wiederkehren.“ In Gryphius Dichtung zählte dieser 200 Blumen-, 160 Gewitter- und 125 Haus- beziehungsweise Schlossmetaphern. Als Vorlage für seine Blumen- aber auch Grasmetaphorik diente die Bibel, überdies hinaus jedoch ist kein Zusammenhang von der Lyrik des Andreas Gryphius und der Patristik, der Allegorese des Mittelalters oder der Emblematik des barocken Jahrhunderts auszumachen. „Was die Psalmen, das Buch Hiob und das Buch der Weisheit in dieser Hinsicht enthalten“, führt Dietrich Walter Jöns in „Das Sinnen-Bild“ 4 aus (und spielt damit auf Bilder der Vergänglichkeit an), erscheint bei Gryphius „gleichsam als Summierung und Potenzierung alles dessen.“ 1 Manheimer, Victor: „Die Lyrik des Andreas Gryphius“. Berlin: Weidmannsche Buchhandlung,
1904 2 Windfuhr, Manfred: „Die barocke Bildlichkeit und ihre Kritiker“. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1966 3 Fricke, Gerhard: „Die Bildlichkeit in der Dichtung des Andreas Gryphius. Materialien und Studien zum Formproblem des deutschen Literaturbarock“. Berlin, 1933 4 Jöns, Dietrich, Walter: „Das „Sinnen-Bild“. Studien zur allegorischen Bildlichkeit bei Andreas Gryphius“. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1966
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Carolin Catharina Wolf, 2004, Bilder der Vergänglichkeit in der Lyrik des Andreas Gryphius, Munich, GRIN Publishing GmbH
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