Gender und Migration
Inhaltsverzeichnis
1 Die Bedeutung von internationaler Migration zu Beginn des 21 Jahrhunderts 3
1.1 Was ist Migration 3
1.2 Internationale Migration: Zahlen regionale Unterschiede und Trends 5
2 Warum Menschen wandern Theorien zu Migration 7
2.1 Neoklassische Ökonomie 8
2.2 Theorie des dualen Arbeitsmarktes 8
2.3 The New Economics of Migration 9
2.4 Weltsystemtheorie und Neomarxismus 9
2.5 Migrationsnetzwerke 10
2.6 Transnationale Räume und Identitäten 11
3 Die Ausblendung sowie Sichtbarmachung von Frauen in der Migrationsforschung
12
3.1 Wo sind die Migrantinnen 13
3.2 Gender als analytische Kategorie 17
3.3 Erklärungsansätze zu weiblicher Migration 22
3.4.1 Neoklassik 22
3.4.2 Behaviorismus 23
3.4.3 Strukturalismus 23
3.4.4 Haushaltsstrategien 23
3.4 Migrantinnen als Opfer von Diskriminierungen 24
4 Konstruktion und Rekonstruktion der Geschlechterrollen in der internationalen
Migration 27
4.1 (Re)konstruierte Weiblichkeit und Männlichkeit 27
4.2 Die wechselseitige Beeinflussung von Geschlechterbeziehungen und
Migrationsprozess 29
4.2.1 Noch im Herkunftsland 29
4.2.2 Der Grenzübertritt 30
4.2.3 Im Aufnahmeland 30
5 Gender Migration und Entwicklung 31
5.1 Klassifizierung von Bevölkerungsbewegungen in Entwicklungsländern 31
5.1.1 Migrationsziel 31
5.1.2 Migrationsdauer 33
5.1.3 Migrationsform 33
5.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede geschlechtsspezifischer
Migrationsmuster in Entwicklungsländern 34
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5.3 Thesen zur Einwanderung von Frauen aus Entwicklungsländern in
Industrieländer 36
6 Abschließende Bemerkungen 37
6.1 Fazit: Die femina migrans als global player 37
6.2 Zukünftige Richtungen einer gendersensiblen Migrationsforschung 38
6.3 Lehren für die Politik 38
Quellen 40
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Migration ist das Thema des ausklingenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts geworden und steht im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit. Manche ExpertInnen bezeichnen unsere Zeit sogar als „the age of migration“ schlechthin (z.B. Castles/Miller 1998). Denn nebst Kapital, Gütern und Informationen strömen heute auch Menschen in bisher nie gekanntem Ausmaß über nationale Grenzen. MigrantInnen werden somit zum Spiegelbild von gesellschaftlicher Veränderung, Internationalisierung und Globalisierung. Aber nicht nur kausale Zusammenhänge, sondern auch Widersprüche prägen die Beziehung zwischen Migration und Globalisierung: Während Globalisierung zur Mobilisierung von Menschenmassen beiträgt, sind die meisten Staaten bestrebt, den Zuzug von MigrantInnen einzudämmen und gemäß den jeweiligen sozial-, arbeitsmarktpolitischen und ideologischen Zielen zu steuern (vgl.
Hödl/Husa/Parnreiter/Stacher 2000:16). Hillmann (1996:1) spricht von einer ständig wachsenden Zahl von BewohnerInnen eines imaginären „siebten Kontinents“, also von Menschen, die bestenfalls in transnationale Haushalte integriert und schlimmstenfalls auf der Flucht oder in Flüchtlingscamps untergebracht sind. Doch unterscheidet sich die internationale Migration der letzten Jahrzehnte tatsächlich gravierend in ihrem Volumen und ihren Wachstumsraten von früheren Migrationsbewegungen? Vor Klärung dieser Frage anhand aktueller Zahlen, Fakten und Trends scheint eine Beschäftigung mit dem Begriff „Migration“ angebracht.
1.1 Was ist Migration?
Sämtliche Flucht- und Wanderungsbewegungen, im Zuge derer sich der Lebensschwerpunkt von Menschen räumlich verlagert, lassen sich unter den (vom Lateinischen „migratio“ abgeleiteten) Begriff „Migration“ subsumieren (vgl. Krennerich 2000:519). Hillmann zufolge (1996:14f) kann Migration als ein Teilaspekt von räumlicher Mobilität verstanden werden, der in der Regel einen Wohnungswechsel
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und (anders als etwa bei der Sonderform „Tourismus“) die völlige Loslösung des/der Migranten/in von seinem/ihrem üblichen Lebenszusammenhang impliziert. Migrationen können nach verschiedenen Aspekten unterschieden werden (vgl. Hillmann 1996:1517):
• Raum: Wanderungen innerhalb der Landesgrenzen werden als „Binnenmigration“ bezeichnet. Diese umfasst ihrerseits die Land-Land-Migration, die Land-Stadt-Migration (am häufigsten auftretende Form, Stichworte Landflucht/Urbanisierung), die Stadt-Land-Migration sowie die Migration zwischen und innerhalb von Städten. Im Fall von grenzüberschreitender Migration, sogenannter „internationaler Migration“, muss der Wandernde größere räumliche und politische Barrieren überwinden und somit in irgendeiner Art mehr Macht als der intern Wandernde besitzen. 1 Wanderungen zwischen zwei Kontinenten nennt man „interkontinental“. Wenn die Wanderungsrichtung zurück ins Heimatland weist, spricht man von „Remigration“ bzw. Rückwanderung. Unter „Transmigration“ versteht man die vorübergehende Migration in ein Land mit dem Ziel der Weiterwanderung in ein anderes.
• Dauer: Nach zeitlichen Aspekten können Migrationen in saisonale bzw. temporäre und permanente bzw. stationäre gegliedert werden.
• (Un)freiwilligkeit: Zum reaktiven, unfreiwilligen Bereich der internationalen Wanderung zählen Flüchtlinge, Opfer von Umweltkatastrophen, ethnischen Konflikten und Bürgerkriegen sowie staatenlose und umgesiedelte Personen. Die Spannweite im aktiven, freiwilligen Bereich reicht von Arbeitsmigration über Familienzusammenführung bis zu Spionage.
• Umfang: Hier differenziert man zwischen Einzel- oder Individualwanderung, Gruppen- oder Kollektivwanderung und Massenwanderung.
1 Auch wenn Binnenwanderungen vergleichsweise weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen als internationale Wanderungen, kann von einer grundsätzlichen Vergleichbarkeit, etwa die Ursachen betreffend, ausgegangen werden. Faktoren wie Arbeitskräftenachfrage, Einschluss/Ausschluss aus sozialen Netzen, eigene Ressourcen, räumliche Entfernungen, Geschlechterrollen und wirtschaftliche Konjunktur können bei der Entscheidung, sich Binnen- oder internationalen Wanderungen anzuschließen, eine Rolle spielen (vgl. Parnreiter 2000:44).
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• Typen: Als Beispiele seien angeführt ungehinderte Wanderung (etwa innerhalb der Europäischen Union), Arbeitsmigration und der komplexe Bereich der Formen illegaler/irregulärer/undokumentierter Migration.
1.2 Internationale Migration: Zahlen, regionale Unterschiede
und Trends
Angaben über den Umfang von Bevölkerungsbewegungen auf globaler Ebene sind stets mit Vorsicht zu genießen, da erstens in vielen Staaten internationale MigrantInnen nicht kontinuierlich registriert werden oder die entsprechenden Daten 2 nicht ausgewertet bzw. publiziert werden; zweitens variieren Erhebungsumfang und -kriterien zum Teil erheblich; drittens können Wanderungsdaten statistisch verzerrt werden, indem etwa Grenzen über Menschen wandern (vgl. Hödl/Husa/Parnreiter/Stacher 2000:10). Schätzungen zufolge lebten 1990 rund 120 Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtslandes, was gegenüber 1965 eine Steigerung um 60 Prozent bedeutet. Da jedoch das jährliche Durchschnittswachstum des „migration stock“ (= jene Personen, die zum jeweiligen Erfassungszeitpunkt außerhalb ihres Herkunftslandes lebten) nur knapp über der Wachstumsrate der Weltbevölkerung liegt, ist der Anteil der MigrantInnen an der Gesamtbevölkerung zwischen 1965 und 1990 nur von 2,1 auf 2,3 Prozent gestiegen. Für die Jahrtausendwende liegt der Anteil laut Expertenschätzungen bei 2,5 Prozent bzw. 150 Millionen außerhalb des Geburtslandes oder dem Land ihrer Staatsbürgerschaft lebenden Menschen. Angesichts dieser Zahlen gilt es jedoch zu beachten, dass die Zahl undokumentierter MigrantInnen wahrscheinlich zumindest jener der dokumentierten entspricht. Weiters bleiben Binnenwanderungen unberücksichtigt, die weltweit betrachtet aber grenzüberschreitende Migrationen deutlich übersteigen (vgl. Hödl/Husa/Parnreiter/Stacher 2000:9f).
Die traditionelle Unterscheidung zwischen Einwanderungs-, Auswanderungs- und Transitländern lässt sich nicht länger aufrechterhalten, da die Dynamik der internationalen Migration in den letzten Jahren regionalen Schwankungen unterlag. In den G7-Staaten, den wohlhabendsten Staaten der Welt, hielt sich Mitte der 1990er Jahre zwar ein knappes Drittel der gesamten internationalen MigrantInnen auf, doch den
2 Laut Hillmann (1996:18) werden drei Arten von Datenquellen zur Erfassung räumlicher
Mobilitätsvorgänge verwendet: Zensusdaten, Bevölkerungsregister und Sample-Surveys.
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größten Anteil an der Migrationsbeschleunigung weisen die Länder des Südens auf: Südasien, Westasien, Afrika südlich der Sahara, Südost- und Ostasien. Vor allem die Öl exportierenden Staaten und die „newly industrializing countries“ sind zu neuen Zuwanderungszielen geworden. Veränderte politische und ökonomische Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass in einst klassische Auswanderungsländer wie Italien, Spanien und Irland frühere EmigrantInnen rückwandern und andererseits Menschen aus Südosteuropa, Asien und Afrika neu zuwandern. Gleichzeitig erleben klassische Einwanderungsstaaten wie die USA und Kanada Verschiebungen hinsichtlich der Herkunft der Zuwanderer (vgl. Hödl/Husa/Parnreiter/Stacher 2000:12f). Castles/Miller (1998:8f) nennen folgende fünf Trends für die Migrationsbewegungen der nächsten 20 Jahre:
• Globalisierung der Migration: Immer mehr Staaten werden als Zuwanderungsziele von Menschen mit wirtschaftlich, sozial und kulturell sehr unterschiedlichem Hintergrund angesteuert.
• Anwachsen der Migration: In allen großen Regionen der Erde wird dadurch der Druck auf die Politik der Aufnahmeländer verstärkt.
• Differenzierung der Migration: Verschiedene Migrationstypen bestehen nebeneinander (Arbeitsmigration, Flucht, etc.).
• Feminisierung der Migration: Frauen spielen bei der Arbeitsmigration eine zunehmend bedeutende Rolle und dominieren in den Fluchtbewegungen. (Detaillierte Ausführungen zu dieser Thematik folgen.)
• Politisierung der Migration: Sämtliche Politiken eines Landes (z.B. Innen-oder Sicherheitspolitik) sowie bilaterale und regionale Beziehungen werden von Migrationsprozessen beeinflusst.
Die eben aufgezeigten Trends machen deutlich, wie sehr migratorische Prozesse unsere Gegenwartsgesellschaft durchdringen. Es ist anzunehmen, dass sich auch in den kommenden Jahren die Industrieländer gegen MigrantInnen abzuschotten versuchen werden, dass soziale Verteilungskonflikte an Schärfe gewinnen und sich durch Massenmedien und Politik geschürte Bedrohungsängste ausweiten werden. Gleichzeitig stehen auch die Herkunftsländer der MigrantInnen vor Schwierigkeiten, etwa
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Alternativen zum Verlust von Humankapital („brain drain“) zu finden. Dennoch sollte meiner Ansicht nach internationale Migration weniger als „Weltordnungsproblem ersten Ranges“ (Nuscheler 1995:25) betrachtet werden, sondern vielmehr als ein Charakteristikum unserer Zeit, das die internationale Staatengemeinschaft, aber auch einzelne Staaten vor große Herausforderungen stellt (vgl. Krennerich 2000:520).
Essenziell für ein besseres Verständnis von Wanderungsbewegungen ist die Migrationsforschung: Sie soll Ursachen und Funktionen von Migration erhellen, systemische Zusammenhänge und reale Entwicklungen offen legen. Auf dieser Basis können das aktuelle Migrationsgeschehen begriffen, Ziele, Möglichkeiten und Resultate der Politik abgeschätzt und emanzipatorische Alternativen entwickelt werden (vgl. Hödl/Husa/Parnreiter/Stacher 2000:21).
Nichts erscheint logischer, als dass Menschen wegen Armut, Arbeitslosigkeit, Lohndifferenzen und besserer Zukunftsperspektiven wandern. Doch solche Binsenweisheiten erklären Migrationsdynamiken völlig unzureichend, denn: Warum wandern Hunderte Millionen unter der Armutsgrenze lebende Menschen nicht aus Entwicklungsländern aus? In den 1980er Jahren fand ein Paradigmenwechsel in der Migrationstheorie statt, der auch zu einer größeren Vielfalt an Forschungsmethoden führte: Zu quantitativen Techniken und ökonometrischen Modellen traten Methoden der empirischen Sozialforschung, ethnographisch-anthropologische Arbeitsweisen und Praktiken der Geschichtswissenschaften (Oral History) hinzu (vgl. Parnreiter 2000:25f). Die derzeit wichtigsten Migrationstheorien sollen nun zusammengefasst und kritisch betrachtet werden. Vorausgeschickt sei, dass keiner der folgenden Ansätze für sich allein Wanderungsbewegungen zur Gänze zu erklären vermag; vielmehr führt eine Kombination der verschiedenen Theorien zu einem besseren Verständnis von Migration.
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2.1 Neoklassische Ökonomie
Dieses Konzept zur Erklärung von Migration geht auf Ernest G. Ravensteins „Gesetze der Wanderung“ von 1885 zurück und ist somit das älteste der hier vorgestellten Modelle. Wanderungen resultieren auf der Makroebene aus einer Ungleichzeitigkeit von Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften. Ein großes Potenzial an Arbeitskräften geht mit niedrigen Löhnen einher bzw. umgekehrt. Auf der Mikroebene entscheidet sich das an Gewinnmaximierung orientierte Individuum zu einer Wanderung an Orte mit höheren Löhnen. Durch Migration entsteht somit eine Balance zwischen Löhnen und Arbeitskräften. Dem Experten George J. Borjas zufolge treten zu Einkommensunterschieden Faktoren wie finanzielle Möglichkeiten, Alter, Beruf, politischer Hintergrund oder familiäre Beziehungen seitens der MigrantInnen und realisierbares Einkommen, Arbeitslosenrate oder die Integrationspolitik seitens des Einwanderungslandes hinzu (vgl. Parnreiter 2000:27f).
Allerdings ist der Erklärungswert der neoklassischen Migrationstheorie bzw. der Push-und Pull-Modelle aus folgenden Gründen recht beschränkt: Erstens sind diese Ansätze ahistorisch bzw. statisch – Push- und Pull-Faktoren werden als gegeben hingenommen. Weiters eignen sie sich nicht dazu, aktuelle oder gar künftige Entwicklungen zu erfassen: Es ist eine empirisch belegbare Tatsache, dass Armut in zahlreichen Ländern nicht zu Emigration führt, während in anderen Staaten Wirtschaftswachstum mit höheren Wanderungsraten einhergeht. Schließlich fehlen zusätzliche Variablen zur Erklärung dafür, warum Armut, Lohndifferenziale oder Arbeitskräftemangel eben nicht immer Wanderungen auslösen (vgl. Parnreiter 2000:45f).
2.2 Theorie des dualen Arbeitsmarktes
Dieses hauptsächlich vom Ökonomen Michael J. Piore vertretene Konzept basiert auf der Erkenntnis, dass Arbeitsmärkte in industriellen Gesellschaften in „gute“ und „schlechte“ Segmente gespalten sind. Einheimische Arbeitskräfte meiden das sekundäre Arbeitsmarktsegment, welches durch hohe Instabilität, schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne und ein geringes Sozialprestige gekennzeichnet ist. (Angeworbene) ImmigrantInnen sind besonders geeignet, jene „dead-end-jobs“ anzunehmen, weil sie in der Regel fest mit ihrer Rückkehr ins Heimatland rechnen und der Lohnarbeit daher
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Quote paper:
MMag. M.A. Gisela Spreitzhofer, 2004, Gender und Migration, Munich, GRIN Publishing GmbH
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