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Inhaltsverzeichnis
1 MATRIARCHATSFORSCHUNG: EIN ZEITGEMÄßES THEMA? 2
2 EINIGE „KLASSIKER“ DER MATRIARCHATSDEBATTE 3
2.1 JOSEPH-FRANÇOIS LAFITAU 4
2.2 JOHANN JAKOB BACHOFEN 4
2.3 LEWIS HENRY MORGAN 6
2.4 JOHN FERGUSON MCLENNAN 6
2.5 EDWARD ALEXANDER WESTERMARCK 7
2.6 WILHELM WUNDT 7
2.7 FRIEDRICH ENGELS 8
2.8 MATHILDE VAERTING 9
2.9 BERTHA ECKSTEIN-DIENER 9
3 NEUERE ANSÄTZE: MATRIARCHATE ALS HERRSCHAFTSFREIE
RÄUME 10
3.1 DEFINITION VON MATRIARCHAT 11
3.2 EMPIRISCHE ZUGÄNGE 13
3.3 THEORETISCHE ZUGÄNGE 15
4 WIE DAS PATRIARCHAT DAS MATRIARCHAT BESIEGTE 19
5 BEISPIELE MATRIARCHALER GESELLSCHAFTEN AUS
MESOAMERIKA 21
5.1 DAS „GOLDENE VOLK“ DER CUNA 22
5.2 JUCHITÁN - EIN STÄDTISCHES MATRIARCHAT 23
5.3 ZUSAMMENFASSUNG DER STRUKTUR MATRIARCHALER GESELLSCHAFTEN IN
MESOAMERIKA 26
6 CONCLUSIO 26
QUELLEN 28
LITERATUR 28
INTERNET 29
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1 Matriarchatsforschung: Ein zeitgemäßes Thema?
Die funktionalistische Ethnologie hatte das Thema „Matriarchat“ schon ad acta gelegtdennoch wird heute erneut debattiert, ob nichtpatriarchale Gesellschaften eine archaische Wirklichkeit, einen „Mythos“ oder eine Utopie verkörpern. 1 In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Forschungssituation zum Thema sehr zum Positiven gewandelt: Untersuchungen von Ethnologinnen beschäftigten sich mit dem lange in der Wissenschaft vorherrschenden „male bias“, der Prägung durch männerzentrierte Sichtweisen und Aussagen. Empirische Fallstudien von Wildbeutern bis zu bäuerlichen Gesellschaften, darunter etwa die Studien Eleanor Leacocks über die historischen Geschlechterverhältnisse bei den Montaignais in Kanada oder Alice Schlegels Studien über die Frauen in den Hopi-Reservaten, wurden begleitet von neuen theoretischen Ansätzen jenseits der Matriarchatsdebatte, die der Erfassung sozialer und politischer Prozesse in „geschlechtsegalitären“ oder „geschlechtssymmetrischen“ Gesellschaften dienen sollten. Das neu erwachte Interesse an „Frauenmacht ohne Herrschaft“ ist unter anderem darin begründet, dass der androzentrisch geprägte, mit Herrschaft verbundene Machtbegriff zunehmend hinterfragt wird. Lange galt es als patriarchale Selbstverständlichkeit, dass jede Gesellschaft Befehlende und Gehorchende kennt; dabei wurde übersehen, dass sich bis heute trotz Kolonisierung und Missionierung matriarchale Gesellschaften mit Beratenden und freiwillig Akzeptierenden erhalten haben. 2
Die jüngsten Publikationen über Frauen- und Geschlechterforschung beschäftigen sich mit der Konstruktion der Geschlechterverhältnisse. 3 An die Stelle der dualen Kategorien Mann-Frau traten multiple Geschlechteridentitäten, welche sowohl inter- als auch intrakulturell als variabel gelten. Die Trennung von „sex“ und „gender“ liegt dieser Flexibilität der Geschlechtszuschreibung zu Grunde. Das Interesse an Vorstellungen und Praktiken über den Körper, an Problemen seiner Konsumierbarkeit, Ästhetisierung und Sensualisierung ist im Steigen. Die Diskussion verlagerte sich von den Sozialwissenschaften auf die Kulturwissenschaften, ebenfalls von der Ebene des
1 Vgl. Lenz 1995, 27f.
2 Vgl. Derungs 1997, 7f.
3 Vgl. Lenz/Luig 1995, 7f.
3
Verallgemeinerbaren auf die des Besonderen, was sich in einer Flut narrativer, biografischer und autobiografischer Darstellungen äußert. In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst einen Überblick über die frühen Matriarchatsdebatten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bieten: MatriarchatsforscherInnen der ersten Stunde wie Bachofen und Morgan werden erläutert werden. Danach werde ich neuere Ansätze über „herrschaftsfreie Gesellschaften“, etwa von Leacock, Schlegel oder Göttner-Abendroth, zur Sprache bringen. Es folgt die Suche nach Erklärungsmodellen für den historischen Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. Schließlich werde ich - dem Thema des Seminars „Gender-Studies in und über Lateinamerika“ entsprechend - zwei ethnografische Beispiele noch heute existierender matriarchaler Gesellschaften im mesoamerikanischen Raum (Cuna, Juchitán) besprechen. Eine Conclusio wird am Ende meiner Arbeit stehen.
2 Einige „Klassiker“ der Matriarchatsdebatte
Vor etwa 150 Jahren begannen sich Gelehrte und WissenschaftlerInnen mit der Erforschung der Urgeschichte zu befassen. Eine Frage tauchte dabei zwangsläufig auf: War die menschliche Gesellschaftsordnung schon immer patriarchal geprägt oder gab es am Beginn der Menschheitsentwicklung Gesellschaften mit Frauenmacht? Die Beantwortung dieser Frage wirft methodische Probleme auf, da die „Urgesellschaft“ in eine längst vergangene Zeit fällt, ohne Spuren hinterlassen zu haben. 4 Also zog man alte schriftliche Quellen nicht mehr existierender Völker, Mythen und Berichte früher Reisender wie Strabo und Herodot heran. Die koloniale Durchdringung der
außereuropäischen Welt belebte die Theoriebildung außerordentlich, weil eine Unzahl von Berichten über das Leben dortiger Völker (welche man lange als Abbild steinzeitlicher Menschen betrachtete) verfasst wurde. Manche ForscherInnen zogen auch Daten aus der Biologie heran und kombinierten Evolutionstheorie, humane Verhaltensforschung und Primatenforschung.
Damals wie heute besteht die große Herausforderung, Fiktion und Realität, historischen Kern und Ideologie voneinander zu trennen. Da jedeR ForscherIn ihr/sein Material verschieden interpretiert, ist es nötig, deren/dessen ideologischen Hintergrund bei der Betrachtung der jeweiligen Schlussfolgerungen miteinzubeziehen.
4 Vgl. Schröter 1990, 117-120.
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2.1 Joseph-François Lafitau
Zu den Pionieren der Matriarchatsdebatte zählt der Jesuit Joseph-François Lafitau, der in einem fünfjährigen Aufenthalt im damaligen Neu-Frankreich (Kanada) die Huronen und Irokesen mit ihrer hohen Position der Frauen kennen lernte. 5 Er stellte schon 1724 eine Verbindung zwischen Frauenherrschaft (Gynaikokratie) in der europäischen Antike und bei nordamerikanischen Indianergruppen her. Zu Lafitaus Verdiensten zählen Aussagen zum matrilinearen Abstammungs- und Erbsystem sowie vor allem die differenzierte Betrachtung der verschiedenen weiblichen Lebensstadien und den damit verbundenen politischen Rechten: Matronen beispielsweise wählten die Häuptlinge und bestimmten die EhepartnerInnen ihrer Kinder. Denn im darauffolgenden Jahrhundert zeichnete man vereinheitlichend das Bild der frühen, naturnahen Mutter. Die „klassischen“ Matriarchatsdiskurse begannen mit dem Evolutionismus des 19. Jahrhunderts und sind mit Namen wie Johann Jakob Bachofen, John Ferguson McLennan, Lewis Henry Morgan und Friedrich Engels verbunden, deren Kriterien teilweise bis heute angewandt werden.
2.2 Johann Jakob Bachofen
Die eigentliche Mutterrechtsdebatte geht auf Johann Jakob Bachofen zurück, der damit spätere AutorInnen wesentlich beeinflusste. 6 Der Einfluss seiner Mutter Valerie Bachofen ist der zentrale, sein Leben und Werk bestimmende. Als begüterter Privatgelehrter, der einer Universitätslaufbahn schon in jungen Jahren den Rücken gekehrt hatte, untersuchte er erstmals nichtpatriarchale Familien- und Kulturformen, die er in seinem 1861 veröffentlichten Werk Das Mutterrecht an den Anfang der sozialen und kulturellen Entwicklung der Menschheit stellte.
Seinem allgemein-historischen Entwicklungsmodell zufolge verläuft die Geschichte vom naturhaft-stofflichen, egalitären Mutterrecht zum geistigen Vaterrecht. In seinem auf die späte Aufklärung zurückgehenden romantischen Bild der moralisch überlegenen Weib-Mutter verschmolzen Mutterschaft, Naturhaftigkeit und frühe Religiosität miteinander. Laut Bachofen ist die Geschichte nach dem kulturleitenden Geschlecht zweigeteilt - vereinfacht herrschten zuerst die Frauen, dann die Männer. Somit findet
5 Vgl. Lenz 1995, 31f.
6 Vgl. Lenz 1995, 32-35.
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der Dualismus der Geschlechter eine Entsprechung im dualen Aufbau der bisherigen Geschichte. Folgende Elemente kennzeichnen Bachofens Mutterrecht: die matrilineare Abstammung und Erbfolge;
die aus Gruppenehen resultierende Unmöglichkeit, die Vaterschaft genau zu bestimmen;
Freiheit und Gleichheit, das Fehlen von sozialen Gliederungen und Unterscheidungen, ergänzt durch Ansätze von Gütergemeinschaft. Ein bedeutender Kritiker der Bachofenschen Theorien ist UWE WESEL. Ihm missfällt vor allem, dass Bachofen in erster Linie griechische Mythen als „Beweis“ für seine Ausführungen heranzog, da er in ihnen Erinnerungen aus der frühesten Geschichte der
Menschheit sah. So schreibt Bachofen: 7 „Vielgestaltig und wechselseitig in seiner äußern Erscheinung, folgt der Mythos dennoch bestimmten Gesetzen und ist an sichern und festen Resultaten nicht weniger reich als irgend eine andere Quelle geschichtlicher Erkenntnis.“ Denn Matriarchatsmythen sind nicht so sehr Erinnerung an die historische Vergangenheit, sondern erklären sich oft aus dem Legitimationsbedürfnis für die Herrschaft der Männer, wie sich z.B. an Mythen südamerikanischer Indianer zeigen lässt. Wesel hält die spätere Vorgangsweise, Mythen nur als religiöse oder psychologische Phänomene zu behandeln, für genauso falsch; stattdessen müsse man
versuchen, die einzelnen Mythen zu analysieren. 8
Wesel zufolge ist Bachofen nicht der Entdecker des Matriarchats, da es dieses nicht
gegeben habe 9 , sondern von Matriarchatsmythen. Mit der Identifizierung von Legende und Geschichte habe er einen neuen Mythos geschaffen, nämlich den der sittlichen und geistigen Überlegenheit der Männer, die sich nach langen Kämpfen endlich gegen die kultische Überlegenheit der Frauen zur Wehr setzen konnten. Somit diente Bachofens neuer Mythos der Legitimation von Männerherrschaft seiner Zeit, was angesichts einer sich ankündigenden Frauenbewegung dringend vonnöten war. Trotz Übertreibungen und Fehlinterpretationen gesteht Wesel Bachofen zu, den Blick auf Gesellschaften ohne
7 Bachofen 1993, 9.
8 Vgl. Wesel 1990, 54f.
9 Bei Wesels Leugnen der historischen Existenz von Matriarchaten gilt es zu bedenken, dass er (im Gegensatz zu neueren, weiter unten besprochenen Ansätzen) Matriarchat als „Herrschaft der Frauen in Gesellschaft und Familie“ im Sinn einer Umkehrung der Patriarchatsbedeutung definiert (vgl. Wesel
1990, 151).
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Patriarchat, wie z.B. in Ägypten, Kreta und Lykien, freigegeben zu haben, wodurch er als erster den Glauben an die Universalität der patriarchalen Familie erschüttert habe. 10
2.3 Lewis Henry Morgan
Mit seinem Hauptwerk Ancient Society von 1877 ebenso in der evolutionistischen Tradition stand Lewis Henry Morgan, der sich methodisch auf einen Vergleich zwischen Gesellschaften der europäischen Frühgeschichte/Antike und des zeitgenössischen Asien, Afrika und Lateinamerika stützte, was seiner Ansicht nach wegen der an sich gleichen Entwicklung der Menschheit legitim war. 11 Weibliche Macht war für ihn marginal - im Gegensatz zu Lafitau erwähnte er z.B. in seinen Studien zu den Irokesen die Rolle der Matronen nicht einmal. Mit zwei später immer wieder aufgegriffenen Argumenten begründete er die angeblich universale Unterordnung der Frau: ihrer vermeintlichen Beschränkung auf den Haushalt und ihren hohen Arbeitsleistungen. Wenn Morgan auch die Abstammung und Vererbung in der Mutterfolge zur Kenntnis nahm, so interessierten ihn diese nur unter dem Aspekt der Struktur und Veränderung von Institutionen. Aus der Mutterfolge schließlich leitete er Mutterrecht und Gynaikokratie her. Beiläufig stellte Morgan einen Kriterienkatalog für Matriarchate auf, der dem Bachofens ähnelt.
Morgan zufolge war die Entstehung des Eigentums maßgeblich für den Wechsel zur Vaterfolge und zur monogamen Familie mit männlicher Autorität noch vor dem Übergang zur Zivilisation: Ein männlicher Wille habe sich durchgesetzt, die Vererbung an die eigenen Kinder zu sichern und deswegen die eigene Vaterschaft durch Monogamie und sexuelle Kontrolle der Frauen zu garantieren.
2.4 John Ferguson McLennan
Auch John Ferguson McLennan stellte Promiskuität in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern an den Beginn der menschlichen Entwicklung. 12 Er hielt Frauen sowohl militärisch für nutzlos als auch im Bereich der Nahrungsmittelbeschaffung für gänzlich unwichtig, weshalb Mädchentötungen an der Tagesordnung gestanden seien; die Bedeutung von Frauen habe sich reduziert auf die als Geschlechtswesen und Produzentin von Söhnen. Die selbst verursachte Frauenknappheit sei durch Frauenraub
10 Vgl. Wesel 1990, 64-66.
11 Vgl. Lenz 1995, 35-38.
12 Vgl. Schröter 1990, 34.
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MMag. M.A. Gisela Spreitzhofer, 2002, Matriarchatsforschung in Vergangenheit und Gegenwart - zwei verbliebene Matriarchate in Lateinamerika, Munich, GRIN Publishing GmbH
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